27. Januar 2022
Topstories

Von Punk zum Konzertorganisator im Sauna-Klub

Thorsten Skowronski schmeißt seit 15 Jahren den Sauna-Klub im Wolfsburger Kulturzentrum Hallenbad

Thorsten Skowronski leitet seit 15 Jahren den Sauna-Klub

Von Henning Thobaben

Wer heute durch das Kulturzentrum Hallenbad im Wolfsburger Schachtweg schlendert, entdeckt so einiges, was an fröhliches Planschen und Bahnen ziehen erinnert. Über dem als Veranstaltungslocation genutzten Hauptbecken ragt noch immer der Sprungturm in die Höhe. Vor der Großen Bühne stehen die Besucher bei Konzerten leicht abschüssig auf dem Grund des ehemaligen Nichtschwimmerbeckens. In einer Ecke der heutigen Gastronomie ist der frühere Foyer- und Kassenbereich noch gut vorstellbar.
Im Sauna-Klub des Hallenbads gehen zumindest in normalen Zeiten rund 80 Live-Veranstaltungen über die Bühne. Die Vermutung, dass auf den knapp 100 Quadratmetern einst Öfen in Holzkabinen bollerten und den unbekleideten Besuchern die Schweißperlen auf die Haut trieben, liegt nahe. Aber sie ist falsch. Das weiß natürlich auch Sauna-Klub-Betreiber Thorsten Skowronski, der die Geschichte der Liegenschaft so gut wie kaum jemand kennt.
Skowronski hat sie in den vergangenen Jahren schon öfter vor der Tür stehen sehen – Gäste, die in der Annahme in den Schachtweg gekommen sind, hier einen richtigen Saunaclub zu finden. Einen, in dem die Besucher nicht nur der Hitze wegen ins Schwitzen kommen, sondern einen, in dem erotische Versuchungen die Herzfrequenz zusätzlich pushen. Nun ist es zwar so, dass rockige Konzerte die Transpiration ebenfalls auf Höchstniveau bringen können. Aber mehr passiert in dem urigen Klub in Sachen Ausdünstungen nicht. Der Name Sauna-Klub geht vielmehr auf eine zeitweilige Planung bei der Umnutzung des Hallenbades zurück. „Der damalige Geschäftsführer hatte vor, den früheren Saunabereich zu einem Klub zu machen. Aber aus technischen und finanziellen Gründen ist das geplatzt“, erzählt Skowronski. An den geplanten Namen Sauna-Klub hätten sich aber alle schon so gewöhnt, dass sie ihn unbedingt nutzen wollten. Als die Räumlichkeiten eines angegliederten ehemaligen Jugendzentrums schließlich zur Konzert- und Feierstätte wurden, war es so weit.
Im April ist es 15 Jahre her, dass der Sauna-Klub seine Türen erstmals öffnete. Dass Skowronski dafür verantwortlich ist, liegt an seiner Vergangenheit. Der 53-Jährige kommt aus dem Stadtteil Ehmen, wo 1988 ein Jugendzentrum entstand. Er gehörte in seinen Jugendjahren zur Punk-Szene. Trug zerrissene Klamotten, machte sich Dreadlocks, hing mit seinen Kumpels ab, trank Dosenbier und unterzog die Lautsprecher mit dröhnender Musik regelmäßigen Stresstests – eben alles, was man so macht, um sich von Eltern und gesellschaftlichem Mainstream abzugrenzen. Als das Jugendzentrum im ehemaligen Hotel Noack am südlichen Ende der Porschestraße dem neuen Südkopf-Center weichen musste, verlagerte sich die Punk-Szene Richtung Hallenbad. Thorsten Skowronski engagierte sich früh in dem neuen Ersatz-Jugendzentrum, gehörte später zu Konzert- und Antifa-Gruppe sowie Aktionsrat.
In beruflicher Hinsicht war der Wolfsburger zunächst orientierungslos. Bei Volkswagen machte er eine Ausbildung zum Industrieelektroniker, konnte sich mit der Werkskultur aber nicht arrangieren. Drei Jahre Erwerbslosigkeit folgten – bis der im Jugendzentrum am Schachtweg gegründete Verein Stellen für einen Cafébetrieb bewilligt bekam. Skowronski bekam eine davon. Er arbeitete am Tresen, organisierte Veranstaltungen, erledigte die Buchführung – bis zur Auflösung des Jugendzentrums zum Jahresende 2006. Da waren die Planungen für das neue Kulturzentrum schon in vollem Gange. Mit seinen Erfahrungen empfahl sich Skowronski schließlich für den Job als Geschäftsbereichsleiter des neuen Sauna-Klubs.
Im reiferen Alter hat der ehemalige Punk längst ein ganz neues Kapitel in seinem Leben aufgeschlagen. Er engagiert sich in der Gewerkschaft, entscheidet als Aufsichtsratsmitglied über die Geschicke der Hallenbad-GmbH mit. Das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern gehört schon lange der Vergangenheit an. „Als ich beide während des ersten Lockdowns im Pflegeheim besucht habe, hatte ich große Angst, dass ich sie mit Covid-19 anstecken könnte“, sagt Skowronski. Er sei jetzt dreifach geimpft, besuche montags den Schweigekreis für die Corona-Toten. „Ich glaube fest an humanistische Werte, an Menschlichkeit und Solidarität“, erklärt er. Den Sauna-Klub machte er Mitte November letzten Jahres vorzeitig dicht, wegen der steigenden Infektionszahlen.
Jetzt hofft Skowronski, im Frühjahr schnell wieder öffnen zu können. Punk und Rock sind die vorherrschenden Musikrichtungen im Sauna-Klub, aber auch Künstler aus den Bereichen Indie, Drum and Bass, Techno oder Reggae finden hier ab und an eine Plattform. „Ibiza-Mucke läuft bei mir aber nicht. Die Förderung von talentierten regionalen Bands steht im Vordergrund“, sagt der Betreiber, der die 15 Kilometer von seinem Wohnort zum Hallenbad bei Wind und Wetter stets mit dem Rad zurücklegt. In Neindorf lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern zusammen. Letztere sind schon groß, das Aufbegehren gegen die Eltern ist ausgeblieben. „Heute rebelliert man ja eher, indem man wieder spießig wird“, sagt Skowronski. Könnte ihm selbst nicht passieren. Als er und seine Frau sich 2018 nach zuvor 25 Jahren Beziehung ohne Trauschein zur Hochzeit entschieden, wurde daraus kein groß inszeniertes Event. „Es gab Essen vom Thai-Imbiss und wir haben mit einem Pils angestoßen“, erzählt der Wolfsburger. „Das war’s.“

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