23. September 2016
CheckOut

Von Bierlaunen und Blondinenwitzen

Regionale Autoren untersuchen die Braunschweiger Kneipenkultur

Trank und Trunkenbolde finden sich viele in „Braunschweig schön trinken“. Foto: Marlene Bart

„Alkohol löst keine Probleme, aber das tut Milch ja auch nicht!“ orakelt es von den Wänden der Kneipentoiletten. Diese Trinkerweisheit haben sich auch die Autoren des regionalen Sammelbands „Braunschweig schön trinken“ (Verlag Andreas Reiffer) zu Herzen genommen. Der entstand im Rahmen eines Journalismus-Seminars der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig. Das Ergebnis des Projekts: Rund 30 verschiedene Geschichten von Studierenden, Journalisten und Autoren, die die regionale Kneipenkultur mit einem Augenzwinkern beleuchten. Aber was genau steckt dahinter?

Die Eckkneipe verschwindet

„Die Idee ist es, sich mit der Eckkneipe im Moment ihres Verschwindens auseinanderzusetzen“, erzählt Autor und Initiator Christoph H. Winter, der an der HBK lehrt. Denn eines ist traurige Gewissheit: Die gute, alte Kneipe an der Ecke stirbt langsam aus. Schummriges Licht? Verrauchte Tresen? Der vertraute Plausch mit dem Wirt? Passé, Vergangenheit. Anlass also, die „letzten Überlebenden“ der Braunschweiger Szene anzusteuern und ein wenig Feldforschung zu betreiben: „Die Aufgabenstellung an die Autoren lautete: Geht in die Kneipen, lasst euch inspirieren und schreibt darüber. Mitunter wurde an der einen oder anderen Stelle etwas hinzugefügt und woanders etwas weggelassen – wie in einem guten Kneipengespräch eben.“

280 gastronomische Betriebe in Braunschweig

Und von diesen Gesprächen finden sich einige in „Braunschweig schön trinken“. Immerhin gibt es rund 280 gastronomische Betriebe in Braunschweig, einige von ihnen sind älter als die Deutsche Einheit. Die besten haben es ins Buch geschafft: Die Anekdoten aus den beliebtesten Kult-, Fußball- und Abschleppschuppen der Region kann man jetzt in dem kleinen Band nachlesen. Mit dabei sind unter anderem Anlaufpunkte wie die Hardrock-Spelunke Klaue, das Platten-Café Riptide und rustikale Kneipen wie der Magnitorwächter, die Baßgeige und das McMurphy‘s. Aber auch an ungewöhnliche Orte hat es die Autoren verschlagen. Von dunkelhaarigen Schönheiten, guten Bierlaunen und schlechten Blondinenwitzen erzählen die Texte aus der Saunabar und vom Weihnachtsmarkt.
„Aus meinem eigenen Studium weiß ich, dass man Studierende nicht lange davon überzeugen muss, in Kneipen zu gehen“, erzählt Christoph H. Winter über die Anfänge des Projekts. Aber nicht nur die Studierenden haben sich die Braunschweiger Nächte um die Ohren geschlagen. Auch einige bekannte Lokalmatadore mussten ihre Trinkfestigkeit unter Beweis stellen – so haben auch Autoren wie Hardy Crueger, Axel Klingenberg sowie Politikwissenschaftler und Kommunikationsexperte Dr. Gerald Fricke getestet, wie viel veritas im vino steckt.

Verbundenheit zu Wolters und Eintracht

Der Band „Braunschweig schön trinken“ ist also eine bunte, unterhaltsame Mischung verschiedener Perspektiven – genau wie Braunschweig selbst. Und es hat gegenüber größeren Städten einen entscheidenden Vorteil, weiß Winter: „Die Kneipen Braunschweigs sind dem städischen Strukturwandel zum Glück noch nicht zum Opfer gefallen.“ Und das hängt mit den Eigenheiten der Braunschweiger zusammen – die Verbundenheit zu Wolters Bier und Eintracht Braunschweig sei einzigartig und erhalte die Braunschweiger Kneipenkultur am Leben. Besonders deutlich wird das in den Beiträgen zum Stadiontreff Wahre Liebe oder der Kultkneipe Lindi, die zu den beliebtesten Locations Braunschweigs zählen und daher natürlich nicht fehlen dürfen.
Was also lehrt uns der kleine Kneipen-Band? Er zeigt auf charmante Weise die Besonderheiten der Stadt und die Eigenarten ihrer Bewohner. Er erzählt, wo man lieber Kaffee anstatt Bier trinken sollte, welche Läden mehr im Zwielicht als im Rampenlicht stehen und welche Ecken man unbedingt erlebt haben muss. Ob man nach der Lektüre ein besseres Bild von Braunschweig hat, sich die Stadt also schöner trinken kann, bleibt fraglich – sicher ist jedoch: Man hat ein ehrliches Bild, denn alles, was in „Braunschweig schön trinken“ passiert, könnte so gewesen sein. Ganz bestimmt.

Hier treffen sich die Nachtgeister der Stadt: Die Hardrock-Spelunke Klaue. Foto: Marlene Bart
Hier treffen sich die Nachtgeister der Stadt: Die Hardrock-Spelunke Klaue. Foto: Marlene Bart

Auch interessant