20. Oktober 2015
Szene-News

Wiedersehen macht Freude: MC Rene feiert Tourabschluss in Walhalla

"Hip Hops verlorener Sohn ist wieder da", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu der Veröffentlichung von "Renessance". Auch in Braunschweig wird MC Rene auf der Bühne sehnlichst erwartet. Foto: Falk-Martin Drescher.

Am Samstag (24. Oktober) ist es endlich soweit: Im Rahmen seiner aktuellen „Renessance Tour 2015“ gastiert der gebürtige Braunschweiger René El Khazraje alias MC Rene in seiner Heimatstadt. Bevor am Wochenende in der Walhalla (Samstag, 22 Uhr) im Rahmen der „It’s all good“-Party mit dem Freestyler der Tourabschluss angemessen gefeiert wird, hat sich szene38 vorab mit MC Rene zum Interview getroffen.

Im März hast du deine „Renessance“ veröffentlicht. Was ist dein Fazit?
Wenn ich es persönlich beurteile, habe ich das Album gemacht, eben „die Renessance“ – das Werk, das inhaltlich und musikalisch an mein Debüt „Renevolution“ (1995) anschließt. Nicht nur unbedingt vom Titel her, sondern auch von den Beats und meiner Attitüde. Ich habe da zu einem Weg zurück gefunden, den ich vor langer Zeit mal angefangen habe zu gehen.
Damals war ich der erste deutsche Rapper, der ein Soloalbum gemacht hat – heute ist Hip-Hop omnipräsent in den Charts. Wir haben eine super Tour gespielt, das Feedback von den Fans war wirklich sehr emotional. Viele Leute haben eine gewisse Art von Hip-Hop vermisst, die ich mache. Ich glaube auch, dass die Renessance ein schöner Anfang von etwas Neuem sein kann – für mich in meinem Leben.

Wie kann dieses neue Kapitel aussehen?
Das könnte in viele Richtungen gehen. Momentan ist es so, dass ich einen hohen Output habe. Im Oktober erschien mit „Perpetuum Mobile“ eine neue EP mit Retrogott und Toni-L. Dann gibt es drei neue Stücke, Remixe, Instrumentals. Gut möglich, dass ich innerhalb der nächsten zwei Jahre zwei neue Alben und vielleicht auch ein neues Buch veröffentliche. Oder eine neue Show, eine Mischung aus Lesung und Rap-Show. Zurzeit will ich mich allerdings nicht zu viel auf einmal vornehmen.
Ich habe ein super Umfeld, in dem wir uns geschäftlich und musikalisch aufeinander konzentrieren können – das möchte ich gerne festigen, indem ich weiter so produktiv bleibe, wie es meine Zeit erlaubt. Wichtig ist mir ebenso, Qualität zu wahren. Das ist im Prinzip meine Perspektive für das nächste Jahr: Qualität wahren und dafür auch zu stehen.

Kannst du noch etwas zu „Perpetuum Mobile“ sagen?
„Perpetuum Mobile“ ist der Haupttrack der EP, den ich mit Toni-L und Retrogott produziert habe. Es is ja eine Metapher für etwas, was eigentlich gar nicht möglich ist, ein physikalisches Ereignis, das in der Natur gar nicht vorkommt. Aber da wir alles Wortakrobaten und Künstler sind, kam mir natürlich die Macht der Phantasie. Und die Phantasie ist unendlich – und die Phantasie ist immer da. Sie steht auch für die lange Zeit, die man schon am Start ist. Mit der gleichen Energie und dem gleichen Elan, vielleicht auch mehr.
Toni-L ist das beste Beispiel: Er ist noch älter ist als ich, hat drei Kinder und auf dem Track echt fresh performt. So fresh und aktiv am Start – für mich ist er ein Vorbild. Vor 20 Jahren wäre diese Perspektive, Rapper mit 40, undenkbar gewesen. Jetzt ist es nicht mehr undenkbar, weil Rap in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ich finde, in dieser EP geht der Spirit von der Renessance einfach weiter.


 

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Wie würdest deine Musik in der Welt der Rap-Künstler – die heute aktiv sind – einordnen?
Ich würde meine Musik als eher klassischer, aber „zeitungeistiger“ bezeichnen. Meine Musik ist „zeitungeistig“, somit wirkt sie für andere Leute antiquiert – was am Ende des Tages aber nur das Schubladendenken von Leuten ist, die alles kategorisieren müssen. Dieses Album hätte vor fünf Jahren oder in fünf Jahren herauskommen können. Es hätte immer noch den gleichen Appeal.
Das spricht für die Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Ich höre allerdings auch viel modernen Hip-Hop-  von Trap bis Boom bap. Ich sehe meine Musik einfach als eine Art Zeitkapsel, von der Gegenwart bis in die Zukunft. Ich würde das als zeitlos bezeichnen.

Wenngleich du deine Musik als zeitlos bezeichnest – lässt du in die trotzdem neue Strömungen einfließen?
Mein Anspruch als MC ist es sich in puncto Flow, Punchliches und Co weiterzuentwickeln. Rap ist heutzutage, und das ist auch ein deutsches Phänomen, viel Zeilenzählerei. Die Leute verwechseln Technik mit Feeling und Flow. Ich glaube, dass der Anspruch für mich die Inspiration der Gegenwart ist. Sagen wir es so: „Jede Situation in meinem Leben ist ein Song, ich bin Pionier und hau‘ ab bis die Touristen kommen“ (lacht).

Wenngleich du vor allem in Köln unterwegs bist, behältst du trotzdem einen Blick auf die Szene hier vor Ort?
Der Niels alias KidKapone, einer der Veranstalter von „It’s all good“, der macht mit seinem Kollegen Slip auch fette Beats. Slip ist ein sehr guter Rapper, und ich hoffe, dass die noch mehr Aufmerksamkeit bekommen, die der Qualität ihrer Musik gerecht wird. Die machen bei unserem Konzert in der Walhalla auch den Support, da es in meinen Augen einfach passt.Es hat einfach gepasst. Die machen super Sachen, zumindest live bin ich gespannt und von daher hab ich natürlich ein Auge darauf.
Es gibt auch Leute wie Scu von den Verrückten Hunden. Der lebt zwar heute in Berlin, kommt allerdings ursprünglich aus der Ecke hier.

Wie ist es mit deinen neuen Projekten. Priorisierst du, oder lässt du es mehr auf dich zukommen?
Ich weiß, dass ich eher ein ungeduldiger Mensch bin. Ich habe viele Ideen, bin dann sehr euphorisch…deswegen versuche ich mich selbst ein bisschen zurück zu nehmen und mich stets erst einmal auf eine Sache zu konzentrieren. Wenn die dann ein organisches Ende gefunden hat oder einfach am Ende des Wege ist, dann öffnet sich auch die Tür für etwas Neues. Momentan schlägt mein Herz für die Musik. Wer aber meine Bühnenshows kennt, weiß, dass ich natürlich auch ein Entertainer bin.

Etwa mit dem „Reenstag“?
Genau, der „Reenstag“, der achte Tag der Woche, zu dem ich bei Facebook lade. Da versuche ich mich so ein bisschen auszutoben, zu labern und zu chillen. Das klappt auf eine unkomplizierte, entspannte Art und Weise. Ich mache mein Handy an und bin da. Ich habe mal Gäste, mache mal einen Freestyle, präsentiere neues Material, kann mir dazu Feedback holen. Die Leute haben dabei das Gefühl mit mir gemeinsam zu chillen. Das finde ich genial.
Dabei denke ich auch daran, dass ich gerne eine Geschichte über Braunschweig schreiben würde, die an meine Jugend angelehnt ist. Allerdings nicht über Rene aus der Weststadt. Eher über meine Erinnerungen oder meine Erfahrungen hier aufzuwachsen – in einer Stadt, die weder eine Großstadt noch eine Kleinstadt ist.

Für ein Unternehmen wäre es wohl die Kundenbindungsmaßnahme. Für dich ist es dann die Pflege der Fanbeziehung?
Um in der Sprache von Stefan Eckert (Anmerkung d. Redaktion: Unter diesem Synonym arbeitete Rene früher in einem Callcenter) zu sprechen: „Es ist eine Kundenbindungsmaßnahme“. Bei meiner Reenstag-Session bin ich der Stefan Eckert, der ich im Callcenter nie sein konnte. Nämlich ein guter Callcenter-Mitarbeiter. Dieses Mal habe ich allerdings keine Skrupel, denn ich habe ehrliche Intentionen. Es geht um meine Musik, hinter der ich zu 100 Prozent stehe.

Nach dem Tourabschluss. Was kommt dann?
Ich weiß, was ich machen will: Ich werde weiter produzieren. Denn ich habe nichts besseres zu tun (lacht). Ich habe tatsächlich nichts Besseres zu tun, als mich mit den Leuten zu treffen. Wir machen Beats, ich schreibe die Lyrics. Ich möchte auch nicht anfangen mir zu viele Gedanken darüber zu machen, was ich jetzt auf der nächsten Platte machen oder sagen will. Ich finde, wenn Künstler zu viel nachdenken, kommen sie auf komische Ideen.

Warum ist das deiner Meinung nach so?
Wenn ich mir manche Kollegen angucke, die ein bisschen zu viel nachgedacht haben, dann denke ich: Sie sind auf komische Ideen gekommen. Man sollte meines Erachtens nicht anfangen mit zu viel Kalkül an die Sache heran zu gehen. Bei anderen mag das gut funktionieren, für mich funktioniert es nicht.

Apropos Gedanken machen. Bist du vor dem Auftritt in der Löwenstadt aufgeregt?
Im Grunde genommen bin ich vor jeder Show aufgeregt. Natürlich ist die Vorfreude noch größer. Was ich auf der Bühne gebe sind dafür immer 150 Prozent. Da mache ich keine Unterschiede. Dennoch ist es emotionaler für mich. Es sind viele Leute dabei die mich teilweise schon seit 25 Jahren kennen. Und ich bin jetzt 39. Das sind Leute mit denen ich zusammen zum Fußball gegangen bin. Leute, denen meine Musik etwas bedeutet, gerade weil ich aus Braunschweig komme.

Slip und KidKapone werden den Support am Abend liefern, für die richtigen Sounds sorgt DJ Fourteen und DJ Amigo. Tickets gibt es im Vorverkauf für 12 Euro bei Boardjunkies oder im Netz, für 15 Euro an der Abendkasse. Achtung: Mit Rücksichtnahme auf das Battle of the Year startet der Auftritt von MC Rene und Carl Crinx um 1 Uhr.


Der Recap zu „It’s all good“ mit Retrogott & Hulk Hodn

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