Fotografie zwischen Humor und Tiefsinn – Szene38
9. August 2016
Szene-News

Fotografie zwischen Humor und Tiefsinn

Txema Salvans‘ Fotoserien-Ausstellung „Spain-Based on a True Story“ eröffnet am 1. September im Museum für Photographie.

Txema Salvans aus der Serie Perfect Day. Foto: Museum für Photographie / oh.

Spanien. Sonne, Strand und Meer. Klingt nach Urlaub und Ferien, nach Entspannung und dem ein oder anderen Sonnenbrand. Ein Foto des spanischen Fotografen Txema Salvans zeigt eigentlich genau das: Eine vierköpfige Familie sitzt in Gartenstühlen im Sand – die Mutter bläst gerade eine hellblaue Luftmatratze auf, der Vater und zwei Söhne schauen zu. Im Hintergrund wuchtige Hotelkomplexe, um die Familie herum nur verlassener Strand. Die Farben sind gedeckt und man merkt schnell, dass die Familie nicht zu den Urlaubern auf der Iberischen Halbinsel gehört. Das Bild stammt aus der Serie Perfect Day (2016), einer der vier Serien von Txema Salvans, die ab dem 1. September im Museum für Photographie in einer Einzelausstellung unter dem Titel „Spain – Based on True Story“ präsentiert werden – zum ersten Mal in Deutschland.

Txema Salvans, aus der Serie Nice to meet you, 2005. Foto: Museum für Photographie / oh.
Txema Salvans, aus der Serie Nice to meet you, 2005. Foto: Museum für Photographie / oh.

Der Fotograf wurde 1971 in Barcelona geboren und studierte Biologie und Fotografie. In seinen Arbeiten thematisiert der gebürtige Spanier das Freizeit- und Privatleben seiner Landsleute und balanciert dabei zwischen kritischem Denken und Ironie, zwischen poetischem Sinn für Humor und einer tiefgreifenden Seriosität – und schafft damit einen Blick hinter die Fassade der dargestellten Motive. Nicht selten wirken seine Fotografien daher wie Bilder, die in die Privatsphäre der Menschen eindringen und diese offenbaren. Um solche Motive erst einmal zu erschaffen, greift Salvans auf praktische Mittel zurück: Für die Fotoserie Nice to meet you (2005), bat er fremde Menschen über eine Annonce in der Zeitung darum, einen Tag lang Teil ihrer Familie zu werden. Die dort eingefangene Momente sind in Schwarz-Weiß-Fotografien festgehalten und zeigen nicht selten auch hautnahe, vielleicht sogar unangenehme Situationen. Aber sie spiegeln die Emotionen der Fotografierten wider – und das macht die Bilder so echt und ergreifend.

Ausschnitt aus Txema Salvans' Serie My Kingdom, 2016. Foto: Museum für Photographie / oh.
Ausschnitt aus Txema Salvans‘ Serie My Kingdom, 2016. Foto: Museum für Photographie / oh.

Ein Volk voller Tatendrang?

Txema Salvans‘ Arbeiten bleiben auch von der gesellschaftspolitischen Dimension nicht unberührt – die gobale Finanz- und Wirtschaftskrise, die durch den Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers 2008 verursacht wurde, hat schließlich auch Spaniens Bevölkerung stark beeinflusst. Die Arbeitslosigkeit stieg 2010 im Land auf 20 Prozent, aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeitsrate von über 40 Prozent verließen viele junge Spanier ihr Land und kamen zum Beispiel nach Deutschland. Zwar gilt die Wirtschaftskrise als überwunden, aber ihre Folgen für das spanische Selbstbewusstsein und das soziale Gefüge sind noch immer schwer einzuschätzen und werden von Salvans aufgegriffen: Für seine Serie My Kingdom (2016) verwendet der Fotograf Zitate aus den Weihnachtsansprachen des spanischen Königs Juan Carlos I., in denen die Opferbereitschaft, Unbesiegbarkeit und schöpferische Energie seines Volkes hervorgehoben wird. Salvans setzt diese Zitate mit Fotografien gewöhnlicher, spanischer Bürger, die an der Mittelmeerküste den Strand und das Meer genießen gleich– und verleiht der rührenden Rede des Königs einen zynischen Unterton.

Txema Salvans, aus der Serie The Waiting Game, 2014. Foto: Museum für Photographie / oh.
Txema Salvans, aus der Serie The Waiting Game, 2014. Foto: Museum für Photographie / oh.

Der ewige Kreis des Wartens

In der Serie The Waiting Game (2014) greift Salvans ebendieses Motiv des Nichtstuns der Bevölkerung wieder auf und zeigt Prostituierte, die entlang der Autobahnen Spaniens auf Kundschaft hoffen. Bilder, die die Bedeutung des Dargestellten kaum hervorheben, denn die Frauen sind in einer panoramaartigen Landschaft aufgenommen und warten. Warten auf den nächsten Freier, aber eigentlich Warten darüber hinaus. Ein Zwischenzustand wird zum Dauerzustand. The Waiting Game erschien ursprünglich als Fotobuch mit einem Text des Fotografen Martin Parr und wurde 2012 Gewinner der Iberoamerican Photobook Competition.

Die Ausstellung in der Torhäusern des Museums für Photographie läuft vom 02.09. bis 25.09.2016. Die Eröffnung findet am Donnerstag, den 01.09.2016 um 19 Uhr statt. Der Eintritt beträgt 2,50 Euro, ermäßigt 1 Euro.

Auch interessant