Von einem Serienmörder und seinen Frauen – Szene38
21. September 2016
Kunst & Kultur

Von einem Serienmörder und seinen Frauen

Heinz Strunk erhält den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2016

Am 5. November liest der Autor Heinz Strunk auf der Langen Nacht der Literatur im Staatstheater Braunschweig. Foto: Dennis Dirksen

30.000 Euro für einen Handschuh. Zugegeben – einen goldenen: Der Autor Heinz Strunk erhält für seinen Roman „Der goldene Handschuh“ den hochdotierten Wilhelm Raabe-Literaturpreis in Braunschweig. Sein Buch erzählt aus dem Leben des Hamburger Serienkillers Fritz Honka, der in der 70er Jahren vier Frauen umbringt und sie in seiner Wohnung verwesen lässt.

Der Mörder von St. Pauli

Für fünf Mark gehen sie mit ihm. Sie sind Prostituierte, sie sind alt, arm und einsam – niemand vermisst sie. Der Nachtwärter Fritz Honka gabelt sie in der Kiez-Kaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ auf, die in einer Seitenstraße der Reeperbahn liegt. Eine Sperrstunde gibt es hier nicht: Die Kneipe nimmt jeden auf, immer, an 365 Tagen im Jahr.

„Ihr Blick ist leer, das Gesicht einer Kriegsgefangenen. Sie könnte fünfzig sein oder siebzig. Unter dem Mantel trägt sie nur einen Kittel, einen schrecklichen, blauen Putzfrauenkittel. Je länger man sie anschaut, desto furchtbarer sieht sie aus, gerade wenn man Alkohol getrunken hat, so rum geht’s nämlich auch. Man kann sich schon nicht mehr vorstellen, wie die früher mal ausgesehen hat als Frau“, beschreibt Strunks Erzähler aus der Täterperspektive.

Honka erkennt seine Chance und lockt die Frauen in seine enge Dachgeschosswohnung. Sie betrinken sich hemmungslos. Er missbraucht und tötet sie, anschließend zerlegt er ihre Körper in Einzelteile. Einige davon bewahrt er in einem Verschlag in seiner Wohnung auf, wo sie vor sich hin modern. Nach der Entdeckung durch die Polizei gibt Honka an, sich an nichts erinnern zu können.

Ein Portrait vom Abgrund

Es sind „Protokolle einer sprachlosen Gesellschaft“, sagt die Süddeutsche Zeitung über Strunks Roman, der 2016 im Rowohlt Verlag erschien. Er beleuchtet nicht nur die gut recherchierte Geschichte des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka, sondern schafft Raum für die Begegnung mit den sozialen Grenzgängern der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Er verläuft hart an der Grenze des Zumutbaren, berichtet von Gewalt, Trieben und Drogenexzessen und schafft es doch, eine Geschichte zu vermitteln, ohne dabei seine Figuren und das abgründige Milieu vorzuführen.

„Literatur vom Feinsten aus einem Milieu vom Gröbsten“

Für seinen eindrücklichen Tatsachenroman bekommt Heinz Strunk jetzt den Wilhelm Raabe-Literaturpreis, der von Stadt Braunschweig und Deutschlandfunk gestiftet wird. Die Jury, die sich aus Literaturexperten zusammensetzt, ist beeindruckt von den erzählerischen Tiefen des Romans. „Man ist geschockt und berührt und weiß schon beim Lesen der Geschichte rund um die Reeperbahn-Absturzkneipe, dass sie sich dauerhaft ins Gedächtnis einprägen wird“, lautet ihr Urteil. „Heinz Strunk findet die sprachlichen Mittel, uns ein ebenso drastisches wie symptomatisches Kapitel aus der Geschichte der BRD vor alle Sinne zu führen. Er setzt hier auf unerwartete Weise die popliterarische Traditionen von Hubert Fichtes „Palette“ bis Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ fort, um irgendwo zwischen Dantes „Inferno“ und Büchners „Woyzeck“ zu landen. Literatur vom Feinsten aus einem Milieu vom Gröbsten.“

Zwischen Tanzmusik und Telefonstreichen

Der Autor selbst wuchs im industriell geprägten Hamburg-Harburg der 60er Jahre auf. Seit seiner Jugend träumte Strunk von einer Pop-Karriere, berichtet die Zeit, war aber weder mit seiner Tanzmusik-Combo noch mit dem humoristischem Trio Studio Braun (mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger) längerfristig erfolgreich.

2004 veröffentlichte er sein stark biografisches Romandebüt „Fleisch ist mein Gemüse“, das sich zu einem Erfolgstitel entwickelte. Nach weiteren Büchern über seine Kindheit und die Humoristen-Karriere, bekommt Strunk für „Der goldene Handschuh“ jetzt den Braunschweiger Literaturpreis.

Am 6. November wird der Preis dem Autor im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters überreicht. Strunk wird auch bei der Langen Nacht der Literatur am 5. November lesen, ebenfalls im Kleinen Haus des Staatstheaters. Karten dafür sind noch erhältlich.

Der Wilhelm Raabe-Literaturpreis wird jährlich vergeben und würdigt einen aktuellen, zeitgenössischen Roman. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Rainald Goetz, Jochen Missfeldt, Ralf Rothmann, Wolf Haas, Katja Lange-Müller, Andreas Maier, Sibylle Lewitscharoff, Christian Kracht, Marion Poschmann, Thomas Hettche und Clemens J. Setz.

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