Paul Weigl: Der Slam-Performancekünstler im Interview – Szene38
2. Februar 2016
Kunst & Kultur

Paul Weigl: Der Slam-Performancekünstler im Interview

Am Donnerstag (4. Februar) gastiert der Berliner im Rahmen eines „Best-Of-Slams“ im Roten Saal.

"DeGenerationskonflikt": Nichts und niemand wird verschont. Foto: Veranstalter / oh.

Mehrfacher Slam-Meister, Gestik- und Mimik-Akrobat: Der Berliner Poetry Slammer und Autor Paul Weigl sticht in der Szene hervor. Das tut er nicht nur aufgrund seiner bisher gesammelten Titel, sondern auch durch seine Art als Performancekünstler: Mit vollem Einsatz bringt er seine Texte auf und über die Bühne. Am Donnerstag den 4. Februar ist er im Rahmen einer „Best of Poetry Slam“-Ausgabe mit seinem Programm „DeGenerationskonflikt“ im Roten Saal zu Gast. Mit szene38 sprach er vorab über die Szene, sein künstlerisches Schaffen als auch seinen Bezug zur Region.

Paul, wie wird man Slammer? Entscheidet man sich bewusst dafür – oder ist es eher so, dass man als Autor aktiv ist und plötzlich merkt: Hey, das ist Stoff für Slams?
Puh, das hat viele Gründe. Zum einen gibt es den Zuschauer, der das auch mal probieren möchte. Dann auch den Autoren, der eine Plattform sucht. Ich zum Beispiel bin über Rap zum Poetry Slam gekommen. Mich ärgerte zu dem Zeitpunkt die ganz Hip-Hop-Sache. Auf einer Slambühne zählt eben der Text und nicht der Beat. Das fand ich interessant.

Was fasziniert dich persönlich am Format Poetry Slam?
Was mich am meisten fasziniert ist die Tatsache, dass jeder Abend, egal wer im Line-Up steht, eine kleine Wundertüte ist. Ein so breites Spektrum an Texten und Menschen auf der Bühne bekommt man selten an einem Abend. Der Wettbewerbscharakter ist zwar witzig und macht die Sache spannend, hat aber hinter der Bühne nicht so die Relevanz. Da zählt eher das Kennenlernen und vor allem das Wiedersehen.

Wie hat sich die deutschsprachige Szene deiner Meinung nach in den vergangenen Jahren entwickelt?
Klar, dass sie gewachsen ist, ist nicht mehr zu übersehen. Und das finde ich auch bis zu einem gewissen Grad schön. Natürlich wird das auch zum Teil ausgenutzt, das kann man nicht vermeiden. Aber allein die Tatsache – dass Slams immer größer und an Orten ausgetragen werden, von denen man nie gedacht hätte, dort seine Texte mal lesen zu dürfen – ist sagenhaft.

Kann man sagen, welche Städte die aktivsten Slam-Szenen haben?
Dafür bin ich nicht so Slamtour bewandert, um das sagen zu können. Es gibt noch einige Orte, wo ich noch nicht aufgetreten bin. Aber ich merke, dass man in jeder etwas größeren Stadt Deutschlands einen Slam besuchen kann, der hochkarätig besetzt ist. Die deutsche Slamszene ist so gut miteinander vernetzt, dass man landesweit das wachende Engagement sehen kann. Was ich aber sagen kann ist, dass es in Sachen Slam- und Tour-Koordination noch Unterschiede gibt.

Deine Slamauftritte sind unter anderem auch durch deine besonders aktive Arbeit mit Gestik und Mimik bekannt. Wie hebt man sich generell als Slammer aus der Masse hervor? Was macht einen guten Slammer aus?
Was man auf Slams oft sieht ist, dass die Slammer mehr Chancen haben, die authentisch sind. Ohne Glaubwürdigkeit kauft einem das Publikum die Texte nicht ab. Und hier ist es immer publikumsabhängig, ob der Text lustig oder ernst, gereimt oder erzählt, gelesen oder frei vorgetragen ist. Wer den Nerv trifft, hat einfach die besten Karten. Dabei hat jeder sein eigenes Werkzeug. Ich versuche eben durch Mimik, Stimmeinsatz und satirischen Texten zu punkten, was der andere durch ruhige bedachte Lyrik genauso gut, wenn nicht gar besser schafft.

Energiegeladen: Paul Weigl entlädt sich - im positiven Sinne - mitsamt seiner künstlerischen Schaffenskraft auf der Bühne. Foto: privat / oh.
Energiegeladen: Paul Weigl entlädt sich – im positiven Sinne – mitsamt seiner künstlerischen Schaffenskraft auf der Bühne. Foto: privat / oh.

Du warst einige Jahre auch im Theaterbereich aktiv. Ein Vorteil gegenüber anderen Slammern?
2006 habe mit dem Theater aufgehört – ich habe dann meine Ausbildung zum Logopäden begonnen. Aber eben diese Theatererfahrung plus der Stimm- und Sprechbildung spielt mir bei meinen Auftritten sehr stark in die Karten. Es hilft mir das darzustellen was ich auf der Bühne auch darstellen möchte. Ob es ein Vorteil ist? Vielleicht. Zumindest kein Nachteil.

Lustige Slamtexte erhalten gern mehr Punkte als eher melancholische oder kritische Texte. Was sollte wichtiger sein: Möglichst viele Lacher oder die mitunter gesellschaftskritische oder politische Botschaft, die man übermitteln will?
Das ist sehr schwer. Oft haben lustige Texte einen klaren Vorteil. Sie unterhalten mehr und das würde mir als Zuschauer auch gefallen. Es ist auch immer die Frage, mit welcher Intention man einen Poetry Slam besucht. Oft reißt es aber einen bei einer ernsten Thematik so vom Hocker, dass auch lustige Texte daran nicht mehr rütteln können. Was mir sehr oft nach einer Veranstaltung aufgefallen ist: Die ernsten Texte haben vielleicht nicht gewonnen, aber den Zuschauer hat es nachhaltig mehr beeindruckt und ist Thema in Gesprächen. Quasi ein Sieg ohne Trophäe.

Wovon handelt „DeGenerationskonflikt“?
In erster Linie geht es um die Degeneration der Menschen in vielen Aspekten unseres Alltags. Wir haben so viele Möglichkeiten, uns zu informieren und wir haben die Mittel und Wege, Bildung immer und überall zugänglich zu machen, und dennoch versinken wir in Banalitäten und Sinnlosigkeit. Das versuche ich in meinem Soloprogramm darzustellen.

Welchen Bezug hast du zur Region?
Dominik Bartels und sein Blaulicht-Verlag, der mein Hörbuch produzierte und veröffentlichte, ist in Helmstedt – und mittlerweile war ich auch schon einige Male dort zu Gast. Aber eben auch in Braunschweig, was mir immer sehr viel Freude bereitet hat.

Wie hat dir dein vergangener Auftritt in der Löwenstadt gefallen?
Den werde ich so schnell nicht vergessen (lacht). Ich wurde zweiter und mein Slam-Kollege und der Gewinner des Abends Marvin Suckut schenkte mir den Gewinn für meinen dreijährigen Sohn. Ich brachte ihm an dem Abend eine Star Wars Federtasche und eine Star Wars Fließdecke mit nach Hause, die seit diesem Tag überall mit hinmuss. Sogar im Hallenbad hatten wir die Decke schon dabei. Ein fulminanter Abend mit richtig gutem Publikum, tollen Slammern und strahlenden Kinderaugen. Was will man mehr.

Karten für die Soloshow gibt es im Vorverkauf für 12 Euro (ermäßigt 8 Euro) im KingKing Shop, Petite Crêperie oder im Café Riptide. Details sind bei Facebook zu finden. Beginn am Abend ist 20 Uhr.


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