Mund, Lippen, Zunge und Zähne – Szene38
2. Oktober 2020
Kunst & Kultur

Mund, Lippen, Zunge und Zähne

Leckerbissen: Die Ausstellung „In aller Munde – Von Pieter Bruegel bis Cindy Sherman“ untersucht ab Ende Oktober 2020 unsere Mundhöhle in Wolfsburg

Kunstvoller Eingang zur Mundhöhle: Piotr Uklański schuf aus Faserreaktivfarbstoff auf oxidierten Jute- und Hanftextil sowie Polyesterwatte dieses beeindruckende Kunstwerk. Foto: Piotr Uklański/Kunstmuseum Wolfsburg

Sprache, Schmerz und Schrei. Essen, Schlingen, Speien und Spucken. Dazu Lust und Leidenschaft: Unsere Mundhöhle ist eine äußerst reizvolle Körperzone. Nicht nur für die Verantwortlichen der  Ausstellung „In aller Munde – Von Pieter Bruegel  bis Cindy Sherman“, die Ende Oktober in Wolfsburg ihren Rachen öffnet. Seit jeher haben sich Naturwissenschaft und Medizin an der Erkundung der Mundhöhle abgearbeitet. Aber auch die Kunst- und Kulturgeschichte – von der Antike bis zur Gegenwart – beschäftigt sich damit.

Das Tor zum Verborgenen

Ein Großteil der Mundhöhle entzieht sich dem menschlichen Blick. Sie ist das Tor zum Verborgenen, zum Körperinneren. Schon im Alten Testament fungieren Maul und Mund als feuerspeiender Höllenschlund. Ein Portal zum Ort der Verdammnis im Inneren der Welt. In der berühmten Versuchung des heiligen Antonius  von Pieter Bruegel d. Ä. steigt die Hölle sogar in den Kopf. Bevölkert von allerlei Quälgeistern hat dieser „Höllenkopf“ Schule gemacht.

Abgründig: „Die Versuchung des heiligen Antonius“ aus dem 16. Jahrhundert von Jan Mandyn.
Foto: Hohenbuchau Collection/The Princely Collections, Vaduz-Vienna/Kunstmuseum Wolfsburg

In den Tiefen des  Raumes

Der Mund und seine Höhle sind ein Transitraum, der den Weg von außen nach innen und von innen nach außen kontrolliert. Die Künstlerin Mona Hatoum dringt zum Beispiel in die Tiefen dieses  Raumes vor, in dem Nahrung einverleibt wird. Unsichtbar, aber lebenswichtig nimmt der Atem beide  Wege und wird erst greifbar, wenn Künstler wie Man Ray oder Anselmo Fox ihn in Seifen- oder Kaugummiblasen einschließen.

Münder und Monstermäuler

Aggressive Münder und Monstermäuler ziehen sich wie ein roter Faden durch die Kunstgeschichte und spiegeln die Urangst des Menschen, verschlungen zu werden. Der Kinderfresser holt die Unartigen, der Werwolf vergreift sich an allen. Saturn verspeist seinen Sohn, nur Jona wird vom großen Fisch verschluckt und wieder ausgespuckt. Der blutsaugende Biss ist die Kerntat des Vampirs, bis heute ein Leitmotiv in Literatur, Film und Kunst – verewigt beispielsweise im „Todesbiss“ Edvard Munchs. Auf den Biss folgt das Geschmacksurteil. Gleich nach der Geburt beginnen wir, uns die große, weite Welt zu er-schmecken. Essen und Trinken sind nicht nur Energie spendende Tätigkeiten, sondern auch Lusterfahrungen. Die Mundhöhle ist ein Ort sinnlicher und erotischer Genüsse.


Anselmo Fox mag es „Zartbitterzart…“ Er schuf eine Schokoladentafel mit menschlichen Zähnen.
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2020/Anselmo Fox/Kunstmuseum Wolfsburg

250 Exponate aus Kunst und Kultur

Dieses und noch viel mehr bereitet die Ausstellung „In aller Munde – Von Pieter Bruegel  bis Cindy Sherman“ vom 31. Oktober 2020 bis 5. April 2021 im Kunstmuseum Wolfsburg (auf einer Ausstellungsfläche von 2.250 m2) opulent auf. Es ist die bislang umfassendste Themenausstellung zur oralen Motivgeschichte in der Kunst in Deutschland mit über 250 Exponaten (von u.a.  Jeppe Hein, Gottfried Helnwein, Jonathan Meese, Wolfgang Tillmans, Andy Warhol) aus Kunst und Kultur.  Ein facettenreicher Leckerbissen für Mund- und Kunstfreunde.

 

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