Marcel Pollex: „Über Ekel würde ich mich ja freuen“

Der Braunschweiger Autor, Performer und Designer bei uns im Interview.

Marcel möchte manchmal einen „Matrix“-Moment erleben. Aus einem Traum aufwachen, um ein besseres, das richtige Leben zu leben. Foto: Marcel Pollex

Er ist der Erfinder der Lesebühne „Kopf & Kragen“, umtriebiger Chef der Projektemacher „Katze Bullshit“ und zudem ein fleißiger Autor. Nach seinem Debütwerk „In höflicher Ablehnung“, dass 2015 erschien, folgt nun das erste Hörbuch von Marcel Pollex. „Wenn ihr nicht aufhört auf meinen Gefühlen rumzutrampeln, rufe ich die Polizei!“, so der Titel, versammelt Monologe und Dialoge des Thomas-Bernhard-Verehrers.Das Hörbuch kann man auf seiner Homepage www.marcelpollex.de, bei seinen Lesungen und im Riptide kaufen. Die Präsentationslesung zum Hörbuch findet am 16. Februar, 20 Uhr, in der KaufBar statt. Eine weitere Lesung gibt es am 25. April, 20.15 Uhr, im Haus Drei des Staatstheaters Braunschweig. Szene38 unterhielt sich mit Marcel Pollex.

Marcel, wie würdest du dich all jenen Menschen vorstellen und beschreiben, die dich (noch) nicht kennen?

Ich bin Marcel Pollex. Ich bin Designer, einer der beiden Köpfe hinter den Projektemachern Katze Bullshit, die das überaus beliebte 12mal12-Kunstheftchen verlegen, und nicht zuletzt bin ich Autor und Performer, und deshalb bin ich wohl heute hier.

Bist du ein Beobachter der Absurdität und Trivialität des Alltags?

Ich komme aus der Satire, und so gänzlich konnte ich mich wohl nie davon freimachen. Aber so richtig passt mir die Beschreibung nicht. Im Intro meines Hörbuches gibt es einen fiktiven Zuschauer, der solch Autoren mit einem „Absurditäten-des-modernen-Alltags-Beobachter! Du Uninspirierter, du hast keine Indeen, du bist nicht einfallsreich! Lass das mit der Kunst!“ beschimpft. Und er hat nicht ganz Unrecht.

Wie, wo und wann entstehen deine Texte?

Ideen und Punchlines fallen mir allerortens und mitunter zu den normalen Nine-To-Five-Zeiten ein. Ich schreibe an den Texten natürlich zuhause, wo ich ungestört arbeiten kann. Man kann sich draußen inspirieren lassen, aber geschrieben wird zuhause.

Wenn ihr nicht aufhört auf meinen Gefühlen rumzutrampeln, rufe ich die Polizei!“ ist der Titel deines neuen Hörbuchs. Wer trampelt auf deinen Gefühlen herum? Wann rufst du die Polizei?

Der Titel ist eine Anlehnung an den letzten Text auf dem Hörbuch, in dem ein Mann in einer Polizeidienststelle etwas anzeigen möchte, das man nicht anzeigen kann. Er ist dabei durchaus nachvollziehbar und gleichzeitig völlig lächerlich, insgesamt eine Figur also, die meiner Rolle als Autor entspricht. Nur gehe ich mit meinen Beobachtungen nicht zur Polizei, sondern an die Öffentlichkeit.

Was möchtest du beim Hörer mit deinen Monologen auslösen?

Über Ekel würde ich mich ja freuen. Oder das blanke Entsetzen. Oder eine anerkennende, hochgezogene Augenbraue und ein „Wow, was für eine genaue Beobachtung und kluge Schlussfolgerung!“ würde ich mir mal wünschen. Oder das Gefühl, aus einem Traum aufwachen zu müssen, um ein besseres, das richtige Leben zu leben, solch ein „Matrix“-Moment. Es gibt eigentlich sehr vieles, das ich beim Hörer auslösen möchte.

In „Ich habe Wünsche“ zählst du all das auf, was Menschen klischeehaft begehren. Was wünschst du dir persönlich und ernsthaft am meisten?

Gesamtgesellschaftlich wünsche ich mir … (schaut sich in alle Richtungen um, und dann, ganz leise:) … mehr Solidarität.

Wie gesellschaftskritisch sind deine Texte? Was würdest du am liebsten sofort verändern?

Gesellschaftskritisch ist solch ein Wort, mit dem man beschrieben wird, sich aber nicht selbst beschreiben sollte, das wäre mir zu peinlich. Aber da ich mich mit dem modernen Menschen und seinem Verhalten auseinandersetze, wäre das wohl nicht völlig falsch.

Die Typographie und Tonalität deines Hörbuchs erinnern zuweilen an Max Goldt. Gibt es Parallelen?

Ich hoffe, es gibt wahnsinnig viele, Max Goldt ist einer der Allergrößten. Zu Beginn meiner Auftritte war er ein wichtiger Einfluss, im Grunde genommen habe ich seine Texte abgeschrieben, einzwei Worte ausgetauscht und dann performt. Und die Max Goldt-Cover sind ja nun wirklich ausgesprochen hübsch, und so fasse ich die Frage einfach glatt weg mal als Kompliment auf.

Wer sind deine Vorbilder im Bereich Poesie, Poetry, Literatur?

Im Grunde genommen lese ich seit Jahren nur Thomas Bernhard. Mehr aus Versehen lese ich zwischendurch mal einen Roman von Juli Zeh oder Daniel Kehlmann, aber dann gehe ich auch sofort wieder zurück zum Bernhard. Kollegen aus dem Lesebühnen- und Poetry Slam-Bereich schaue ich mir nur an, um mir klarzumachen, was ich unter keinen Umständen schreiben möchte.

Welche Art Humor magst du? Über wen oder was kannst du lachen?

Ich muss über Menschen lachen, denen ein Missgeschick passiert. Über ernstgemeinte deutsche Fernsehproduktionen kann ich lauthals lachen. Oder wenn Dinge größer oder kleiner sind, als sie eigentlich sein müssten. Eine drei Meter große Banane finde ich zum Beispiel wahnsinnig komisch. Oder die Frau aus meinem Viertel, die neulich ihrem Hund die Menstruationsblutungen mit einer Ecke ihres Mantels weggewischt hat. Hilarious!

Deine Stimme wirkt auf die Dauer etwas anstrengend. Wie nehmen dich die Zuschauer und Hörer wahr?

Huch. Das weiß ich nicht genau. Bei Lesungen achte ich darauf, dass auf einen anstrengenden Text ein angenehmerer Text folgt, den ich mit einer wohltemperierten Stimme lese, die ich durchaus haben kann, wie man vielleicht auch diesem Interview entnehmen kann.

^