1. November 2018
Kunst & Kultur

„Jeder Tag ein neues Abenteuer“

Torsten Kandziora, Autor, Künstler, Verleger und Veranstalter, im Interview über „30 Jahre Subkultur“ in Braunschweig

Aus grafischen Arbeiten, Zeichnungen, Malereien und Siebdrucken entstanden recycelte Collagen: Diese sind schrill, bunt und laut. Originäre Punk-Pop-Art. Foto: Torsten (Toddn) Kandziora.

Braunschweig war vor dreißig Jahren eine deutlich rauere und ungezähmtere, dreckigere und gefährlichere Stadt als heute. Es gab eine vielfältigere und unbändigere Club- und Gastronomieszene und zahlreiche interessante Persönlichkeiten die sich darin bewegten, kreativ entdeckten und auslebten. Eine davon ist und war Torsten „Toddn“ Kandziora, ein umtriebiger und leidenschaftlicher Konzertveranstalter der unzählige regionale, nationale und internationale Bands, überwiegend aus dem Rock’n’Roll- und Punk-Spektrum, auf die Braunschweiger Bühnen brachte. Seine stürmische Vergangenheit verarbeitet er nicht nur in verschiedenen Büchern, sondern aktuell auch in der Ausstellung „30 Jahre Subkultur“, die noch bis zum 11. November in der Galerie HUGO-45 zu sehen ist. Szene38 sprach mit dem 55-jährigen Autor, Künstler, Verleger und Veranstalter.

Feuer frei! Torsten „Toddn“ Kandziora. Foto: Torsten „Toddn“ Kandziora.

 

Torsten, du blickst mit deiner Ausstellung auf „30 Jahre Subkultur“ in Braunschweig zurück. Wie war die Stadt vor drei Jahrzehnten?

Unerforscht. Rau und Wild. Kreativ. Ruhig am Tage, laut in der Nacht. Jeder Tag ein neues Abenteuer.

Wie würdest Du die damalige Zeit beschreiben?

Das Leben in den achtziger und neunziger Jahren war ein langsameres. Schon beschaulich, verglichen zum heutigen „Fast-Living“. Die Möglichkeiten für kreative Entfaltung waren damals vielfältiger und finanziell weniger eingeschränkt.

Welche Gefühle kommen in Dir auf, wenn Du zurückblickst?

Ach herrjeh. Frag doch einen, mit Verlaub, „alten Sack“ wie mich nicht nach den Gefühlen die hochkommen, wenn er in eine Zeit zurückblickt, in der ein besseres Morgen für alle noch zu erwarten war. Und wir alle, wir haben es im Grunde doch völlig vermasselt. Global gesehen.

Wer und was war die „Subkultur“ in Braunschweig?

Wenn wir von der soziologischen Definition von Subkultur absehen, dann war Subkultur für mich so etwas wie die schöpferische Kraft einer kreativen, zumeist prekär existierenden Randgruppe für die Gesellschaft. Sie war mit dafür verantwortlich, dass heutige „staatlich und gesellschaftlich etablierte und geförderte Kultur“ entstehen konnte und tausenden, zumeist studierten Menschen einen Arbeitsplatz garantiert. Das ist jedoch nur meine Meinung. Die muss ja nicht stimmen.

Was hat Dir damals kulturell und musikalisch in der Stadt gefehlt?

Wenn ich dieses „damals“ bis zur Schließung des damaligen FBZ im Bürgerpark betrachte, relativ wenig. Bis zu diesem „damals“ gab es eine vielfältigere Club- und Gastroszene in Braunschweig und Umgebung als es heute der Fall ist. Fast alle „damals“ existierenden Stilrichtungen hatten sieben Tage die Woche immer irgendwo in der Stadt ihren „Auftritt“. Von Techno über Hip-Hop bis Punk-Rock. Ich bin ja schon seit Jahren aus der Szene fast draußen. Nachdem was ich aber noch mitbekomme soll die heutige Club- und Gastroszene anscheinend fast oligarchische Strukturen aufweisen.

Wann und wie bist du in die Szene gekommen und Konzertveranstalter geworden?

Mitte der achtziger Jahre bin ich durch die HBK in die Braunschweiger „Kulturszene“ geraten. Am Anfang war der Siebdruck, dann kam die Malerei, dann der Punk-Rock. Zuerst selbst hinter dem Schlagzeug trommelnd, aus der Not heraus, weil meine Lieblingsbands keiner vor Ort auf eine Bühne stellen wollte, dann auch als Veranstalter.

Welche wichtigen Clubs-, Kneipen- und Konzertlocations gab es damals?

Es gab so viele tolle Läden in den Jahren. Von der Bedeutung ganz vorne, natürlich und für immer überragend, das FBZ. Gleich danach das KOKA, dann das LINE (der kürzlich geschlossene Brain Klub). Die LuLu a GoGo. Der Swomp Club. Der Laden war hundert Prozent Subkultur. Das Kottan. Später das El-Bandies. Der Tempel-X. Das Liro. Das Blubber in Salzgitter. Schlucklum in Lucklum und das KRAVCZUK in Wolfenbüttel. Das NEIN. Die Neustadtmühle, in der damals noch laute Konzerte und Festivals veranstaltet werden konnten. Das B58. Der Drachenflug. Das Jolly Joker mit mehreren Bühnen, später dann der Fire-Abend, auf dessen Trümmern im nächsten Jahr das neue Kulturzentrum eröffnen wird. Weitere Clubs und Kneipen waren das Leukoplast, das Panoptikum. Tunikum. Fasanenkrug. Die Heimatliebe, Café Kollontay, das Litfass. Jahre später eine neue Generation Läden wie die Haifischbar, das Kaffee Zentral, Bar D´Lux. Die Gearbox, die ich richtig vermisse und viele andere Läden die mir gerade nicht einfallen, in denen ich Schweiß, Tränen und Bier verschüttet hatte.

Wo, was und wen hast du alles veranstaltet?

Abgesehen von der Stadthalle, dem Theater und der Volkswagen Halle wohl überall, wo es eine Bühne in der Stadt gab. Die veranstalteten Bands jetzt alle zu nennen, würde ein Musiklexikon füllen können.

Was waren die herausragendsten und ungewöhnlichsten Konzerte, die Du ausgerichtet hast?

Wahrscheinlich die, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

Welche Gigs wirst Du garantiert nie vergessen?

Diejenigen, die die Miete einbrachten. Diejenigen, nach denen ich monatelang auf dem Bau oder als LKW Fahrer arbeiten musste, um entstandene Schulden zu begleichen und diejenigen, die den Schweiß der tanzenden Gäste von der Clubdecke tropfen ließen.

Welche Künstler haben in Braunschweig besonders gut funktioniert und was weniger?

Gute Frage. Nächste Frage bitte.

Was waren die absurdesten Anekdoten und verrücktesten Stories, die du mit Künstlern erlebt hast?

Die absurdesten Anekdoten und Stories habe ich in mehreren Büchern veröffentlicht und können von interessierten Menschen gerne erworben und gelesen werden. Blinky-Smiley. Meine Lieblingsanekdote ist, wie mir Mars Bonfire die deutschen Verwertungsrechte für „BORN TO BE WILD“ (er hatte den Song für Steppenwolf geschrieben) in einer feucht-fröhlichen Nacht im Liro Dando auf einen WOLTERS Bierdeckel überschrieb. Diesen steckte ich begeistert in die linke Hosentasche. Leider war die Nacht so „feucht-fröhlich“, dass der Deckel am nächsten Morgen aufgeweicht und unleserlich war. Was sehr schade war bzw. ist, denn dieses Lied wird tagtäglich noch oft im deutschen Radioprogramm gespielt und wäre einer nicht unwesentlichen Altersversorgung gleich gekommen.

Welchen Anteil hast Du persönlich an der „Braunschweiger Szene“ gehabt bzw. wie stark hast Du diese geprägt?

Nun, hätte ich diese „Braunschweiger Szene“ nachhaltig geprägt, bzw. einen Anteil an ihr gehabt, so würde ich vielleicht heute in einem Club in einem cool eingerichteten Hinterzimmerbüro sitzen können und weiterhin innovative und prägende Bands buchen. Leider kann ich das aber nicht. Daher habe ich wohl eher einen sehr bescheidenen „Einfluss“ gehabt. Zumindest keinen finanziell nachhaltigen der es mir ermöglicht hätte einen eigenen Club führen zu dürfen, bzw. zu können.

Wann und warum hast Du als Konzertveranstalter aufgehört?

Vor jetzt fast zehn Jahren. Nach meinem zweiten Hörsturz, der ersten Knie-OP und dem Verlust meiner Weisheitszähne.

Wie hat sich die Stadt in 30 Jahren verändert?

Für mein Empfinden nicht zum Guten.

Wie würdest Du die heutige Subkultur definieren? Gibt es diese überhaupt noch?

HGich.T aus Hamburg. Wenn das nicht Subkultur ist, dann weiß ich auch nicht. Aber im Ernst. Ich denke, dass sich heutzutage eine Subkultur nicht mit den Anforderungen des neoliberalen Wirtschaftssystems in Einklang bringen läßt, bzw. denjenigen, der frei und ungebunden versucht kreativ zu wirken, aus diesem ausschließt. Es ist leider nicht wirklich vorteilhaft für einen freien Menschen, sich mit dem Holzgewehr der Subkultur den Massenvernichtungswaffen des Mainstreams entgegen zu stellen.

In deiner Ausstellung verarbeitest Du „30 Jahre Subkultur“ mit Plattencovern, Flyern und Postern. Warum hast Du diese künstlerische Ausdrucksform gewählt?

Es sind ja meine dreißig Jahre der Subkultur. Aus all den Jahren, in denen ich für Clubs, Bands, Konzerte, Agenturen und Verlage grafische Arbeiten erstellt habe. Da hat sich eine ganze Menge angesammelt und ich freue mich, dass ich die Möglichkeit erhalten habe, einen Teil dieser Arbeiten in der Galerie HUGO-45 einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren zu können.

In seiner ersten Einzelausstellung in Los Angeles präsentierte Andy Warhol, „Vater“ der Pop-Art, eine Serie aus insgesamt 32 „Campbell‘s soup cans“. „Toddn“ schichtet mehr Dosen für eine Pyramide auf. Foto: Torsten (Toddn) Kandziora.

 

Was willst Du mit Deinen Werken ausdrücken?

Das die Welt bunter ist als sie uns derzeit erscheinen mag.

Was willst Du beim Betrachter bewirken?

Wohlgefühle und ein Kaufinteresse.

Welche Deiner Arbeiten liegen Dir besonders am Herzen und warum?

Meine „Schnippselbilder“, die haben schon was. Ich habe für diese kleinen Collagen auf Leinwand viele grafische Arbeiten, Zeichnungen, Malereien, Siebdrucke aus dreißig Jahren kreativen Schaffens zerrissen, zerschnitten und neu wieder aufbereitet. Naiv, schrill, bunt und laut. Punk-Pop-Art. Irgendwie.

„Please Kill Me“: Die provokante Schnippselbilder stechen sofort ins Auge. Foto: Torsten „Toddn“ Kandziora.

 

Was veranstaltest Du heute?

Gelegentlich organisiere ich noch Lesungen mit befreundeten Autor*innen. Z.B. liest diesen Samstag im Dorfgemeinschaftshaus in Hachum (dem Dorf in dem ich derzeit wohne) Axel Klingenberg aus seinem neuen Buch „Die Wahrheit über Wolfenbüttel“. Ich darf daneben sitzen, Bier trinken und mal was sagen. Hätte ich den einen, den eigenen, den coolen Club, dann würde ich wohl noch immer Bands und Künstler*innen über die Bühne jagen. Möglicherweise.

Wo lebst Du heute und was machst Du so?

Seit fast zehn Jahren lebe ich jetzt in Hachum, einem kleinen Dorf zwischen Elm und Asse. Ein Dorf mit weniger Einwohnern, als Namen auf dem Klingelbrett des Mietshauses eines Freundes in Berlin-Friedrichshain stehen. Meine Tage verbringe ich mit Schreiben, „Bücher bauen“, kreativen Arbeiten, im Garten buddeln und Interviews geben.

 

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