Immer schöner mit jedem Schluck

Im Gespräch mit Autor Christoph H. Winter über das neue Kultur- und Kneipenbuch „Braunschweig schön trinken“.

Die Lesung mit Christoph H. Winter und weiteren Autoren findet am 3. September im Rahmen des Lichtparcours statt. Foto: Privat

„Während sie das Weißbier einschenkt, lächelt sie mich an. Ihre dunklen Locken hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, die Lippen rot nachgezogen, kleine Schweißperlen auf der Stirn.“ Solche Szenen und ähnliche erlebt man, wenn man sich ins Braunschweiger Kneipenleben stürzt. Was dabei rauskommt, wenn man diese Geschichten aufschreibt, gibt‘s im neuen Sammelband „Braunschweig schön trinken“ nachzulesen, der in Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig und regionalen Autoren im Andreas Reiffer Verlag erscheint. Neben dem E-Book, das Anfang September herauskommt, wird das Buch auch bei der Buchhandlung Graff und im Onlinebuchhandel erhältlich sein. Über Bargeflüster und Thekengeheimnisse, Eckkneipen und das Braunschweiger Phänomen sprach Merle Janßen schon vorab mit Autor Christoph H. Winter, der an der HBK Seminare zum Thema Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus gibt.

Christoph, ist Braunschweig denn nicht schon schön genug?

Sicherlich ist Braunschweig eine schöne Stadt, aber so richtig kann ich das gar nicht beurteilen, weil ich lediglich eine Art Zaungast bin. Ich wohne nicht in Braunschweig, sondern komme nur ein bis zwei Mal in der Woche an die HBK, um dort Seminare zu geben. So richtig kenne ich also nur den Weg vom Bahnhof oder der Autobahnabfahrt zur HBK und Plätze wie die Burg Dankwarderode, die eben jeder kennt.

Welche Idee steckt hinter „Braunschweig schön trinken“?

Die Idee hinter dem Projekt ist es, sich mit der „Eckkneipe im Moment ihres Verschwindens“ auseinander zu setzen, wie es der Literatur- und Kulturwissenschaftler Stephan Porombka im Eingangsgespräch zum Buch formuliert. Man kann es auch „Archäologie der Gegenwart“ nennen. Aus der erwähnten Beobachtung, dass die Eckkneipe verschwindet, zieht Porombka den Schluss, dass man sich – so lange es die Eckkneipe noch gibt – doch mal genauer mit ihr beschäftigen sollte. Für das Buch haben wir uns Methoden der Ethnografie angeschaut und diese auf das Schreiben hin übersetzt. Wer mit wachem Blick durch die Welt läuft, findet sicher andere Gegenstände, mit denen er sich in gleicherweise beschäftigen kann.

Wie ist das Projekt entstanden?

Das Projekt ist im Rahmen des Seminars „Einführung in den Kulturjournalismus“ an der HBK entstanden. Weil Seminare zum Schreiben wenig sinnvoll sind, wenn sie ihren Fokus nur auf die Theorie legen, sollten die Studierenden zu jeder Sitzung kleine Schreibaufgaben anfertigen. Damit diese Aufgaben anschließend nicht im Papierkorb versinken, schlug ich den Studierenden das Projekt „Braunschweig schön trinken“ vor, was glücklicherweise auf breite Zustimmung stieß. Damit hatte ich allerdings gerechnet, weil ich aus meinem eigenen Studium weiß, dass man Studierende nicht lange davon überzeugen muss in Kneipen zu gehen.

Wie kamen die weiteren Autoren zusammen?

Nebst den Studierenden haben wir, der Verleger Andreas Reiffer und ich, in Braunschweig ansässige Autoren gefragt, die mitunter auch schon im Verlag Andreas Reiffer veröffentlicht haben. Diese mussten auch nicht lang überzeugt werden.

Was schätzt du persönlich an der Stadt; was eher weniger?

Es gibt sehr schöne Ecken in Braunschweig, das Magniviertel zum Beispiel. Während der Recherche zum Buch habe ich auch die Kneipen schätzen und lieben gelernt. In größeren Städten wie Berlin, Hamburg oder München stirbt die Eckkneipe ja in zunehmender Geschwindigkeit aus und wird durch Cafés und Bars ersetzt. In denen wiederum trifft man sich in festen Cliquen und lernt keine neuen Leute kennen. Braunschweig ist der Gentrifikation zum Glück noch nicht zum Opfer gefallen, das mag ich. Um etwas zu finden, das mich stört, kenne ich die Stadt nicht gut genug.

Die Eigenheiten, die ihr an Braunschweig feststellt – denkst du, dass man sie in Städten vergleichbarer Größe ebenso findet? Oder sind sie einzigartig?

Sie sind in der Art und Weise einzigartig, wie man in vergleichbaren Städten eben andere, ähnliche Eigenheiten feststellen kann. Die Tatsache zum Beispiel, dass der Braunschweiger zu seinem Wolters hält, ist in gewisser Weise einzigartig, allerdings gibt es derlei Phänomene auch in anderen Städten – nur eben mit anderen Biersorten. Ähnliches lässt sich über Fußballvereine oder andere regionale Besonderheiten sagen. Kneipen funktionieren darüberhinaus aber überall gleich. Dazu müsste man jetzt Soziologen befragen, die könnten einem das sicher genauer aufdröseln.

Hand auf‘s Herz: Wie viel Wahres steckt in den Geschichten?

Da könnte man auch fragen: Wie viel Wahrheit steckt in Kneipengesprächen? Die Aufgabenstellung an die Autoren lautete: Geht in die Kneipen, lasst euch inspirieren und schreibt darüber. Mitunter wurde an der einen oder anderen Stelle etwas hinzugefügt und woanders etwas weggelassen – wie in einem guten Kneipengespräch eben.

Am 3. September 2016, im Rahmen des Lichtparcours Braunschweig, findet die erste Lesung statt. Worauf können wir uns freuen?

Tatsächlich arbeite ich derzeit am Programm. Soviel steht fest: Verschiedene Autoren werden zusammen mit den Stadtfindern  Kunstimbiss Bei Pess u. Puse am JFK-Platz ihre Texte lesen. Im Anschluss wird es noch eine kleine Diskussionsrunde über die Braunschweiger Kneipenkultur geben.

Welche ist deine Braunschweiger Lieblingskneipe (und warum)?

Das ist jetzt wirklich schwer zu sagen, weil ich nicht so viele kenne. Ich bin großer Fan des Wild Geese in der Gördelingerstraße, mag aber auch den Magnitorwöchter sehr gern. Es kommt eben auf die Stimmung an.

Wenn du ein Getränk wärst, dann …

… wäre ich 30-jähriger Islay-Whisky. Geschmackssache, aber unter Kennern beliebt.

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