12. Juli 2016
Kunst & Kultur

„Ich bin kein Botschafter, sondern ein Suchender“

Gentleman im Interview über sein neues Album "Conversations" - Kollaboration mit Bob Marley-Sohn Ky-Mani.

Im Interview spricht Gentleman über sein aktuelles Album "Conversations", das gemeinsam mit Ky-Mani Marley entstanden ist. Foto: Pascal Bünning / oh.

Das aktuelle Album „Conversations“ ist mehr als nur eine Kollaboration von Gentleman und Ky-Mani Marley. Die beiden Musiker haben eine Menge miteinander geteilt – die Songs des Albums werden davon hörbar geprägt, erzählen von persönlichem Austausch, einer Interaktion von Ideen und Gefühlen. Es mag der speziellen Geschichte und Atmosphäre ihrer Gespräche geschuldet sein, dass die Platte inhaltlich etwas introspektiver, nachdenklicher oder auch verletzlicher erscheinen lässt.

Im Juni ist „Conversations“ erschienen – die Sommersaison über sind Gentleman und Bob Marley-Sohn Ky-Mani gemeinsam auf Festivaltour. Über gemeinsame Auftritte, das Album, Sinn von Musik, die Möglichkeit des Engagements von jedem Einzelnen und mehr als eine musikalische Zusammenarbeit sprach Falk-Martin Drescher im Interview mit Tilmann Otto alias Gentleman.

Tilmann, welchen Anspruch hast du an deine Musik – und wie hat sich das im Laufe der Zeit gewandelt?
Ich finde nicht, dass jeder Song oder jedes Album eine tiefe Message haben muss. Ich will in erster Linie Musik machen, die Menschen bewegt und berührt. Ich merke auch immer wieder – selbst nach 20 Jahren – wenn ich darüber nachdenke, was ich will und wie ich das will, dann bin ich schon auf dem Holzweg. Es muss immer intuitiv geschehen. Ich bin immer wieder überrascht, denn es ist das, was einen erfrischt, weil man nicht weiß, was am Ende dabei rauskommt. Bei fast allen Alben bei mir war das bis jetzt immer so gewesen, dass ich mich vorher hinsetze, anfange, mich in einen kreativen Prozess begebe und ein neues Album schaffe. Das ist der Plan. Ein Plan, der nie funktioniert hat – es ist immer anders gekommen. Das erlaube ich mir aber jetzt auch: Einfach offen sein. Trotzdem glaube ich, dass Musik, wenn sie über den Entertainmentlevel hinausgeht, eine besondere Kraft hat. Wenn eine Textzeile oder gar ein ganzer Songtext dem Zuhörer das Gefühl gibt, dass er in seinem Gedankengang nicht alleine ist, gibt das einem Trost und Kraft. Das ist von Song zu Song unterschiedlich. Es gibt Songs, die haben gar keine Message, die haben nur Rhymes und gar keine Meaning – und berühren trotzdem.

Das heißt: Umso weniger geplant und strukturiert, desto authentischer das Werk?
Ja, genau. Ich glaube, wenn zu viel Kalkül dahinter steckt, dann spürt man das. Das mag mathematisch sehr wertvoll sein, es hat aber keinen Spirit.

Dein neues Album „Conversations“ ist ein Album, das die Stimme erhebt. Was hat sich im Gegensatz zu den anderen Alben geändert?
Ich bin ein Zeitzeuge, ich beobachte Sachen und sauge sie auf. Ich habe auch in den ganzen Unterhaltungen mit Ky-Mani festgestellt, dass es globale Probleme gibt, die nur eine andere Form haben, aber im Kern identisch sind. Es ist etwas, was mir momentan Sorgen macht, wie die Mitte wegbricht und die radikalen Ränder immer lauter werden. Früher gab es zu den Hassbotschaften keinen Namen und keine Fotos, aber jetzt das heutzutage total en vogue. Ich glaube trotzdem an Balance, ich glaube auch daran, dass es mehr Menschen mit gesundem Menschenverstand gibt als Deppen – aber die sind leider zu still. Und da ist der Aufruf, sich zu erheben, vor allen Dingen sich auch zu positionieren. Man soll immer hinterfragen und nicht zu bequem werden. Das ist auch immer das, was Musik immer bewirkt hat und womit Musik mich stets abgeholt hat. Im Reggae habe ich das immer mehr gefunden als in irgendeinem anderen Genre. Wenn ich mir die Songtexte von Bob Marley, Jacob Miller oder Burning Spear angucke, dann stelle ich fest: Da ist eine unglaublich universelle Kraft drin. Das sind unendliche, zeitlose Botschaften. Dieses Hinterfragen und die Leichtigkeit, dieses radikale aber süße, dass ist etwas, was ich in keinem anderen Genre finden konnte.

„Aufruf, sich zu erheben“ – wie sieht das in der Praxis aus?
Man hat das bei den Wahlen in England gesehen. Ich kann eine Politik-Verdrossenheit nachvollziehen und trotzdem ist es etwas, wo Menschen teilweise ihr Leben riskieren, um wählen gehen zu dürfen. Die radikalen Ränder, die gehen immer wählen. Man sollte sich allgemein politisch interessieren, nicht nur an der Oberfläche kratzen, sich unterschiedliche Perspektiven angucken und versuchen, sich zu verstehen. Die Bequemlichkeit – die sich in die westliche Welt eingeschlichen hat – führt auch oft dazu, dass man später ein böses Erwachen hat.

Ist das ein Kern deiner Musik, solche Themen musikalisch zu behandeln?
Auch da hatte ich nicht den Plan, Musik zu machen, die diese Dinge behandelt. Ich meine, was gibt es noch inhaltlich gesehen? Partymukke, Après-Ski, Gangster-Rap & Co. Man kann Musik machen, die dich körperlich bewegt, aber trotzdem eine Aussage hat. Das muss zwar nicht bei jedem Song so sein, aber ich finde das schon schön, wenn man sagt: „Das klingt gut, melodiös und trotzdem ist eine Aussage dahinter.“ Ich bin deswegen kein Botschafter, sondern selbst ein Suchender. Musik ist eine Art und Weise, es zu sensibilisieren und zu mobilisieren. Ich entdecke auch gerade die Verletzlichkeit, die ich ein bisschen vermisst habe – gerade im Dancehall und im Hip-Hop. Im Album „Conversations“ sind wir sehr ehrlich, egal ob man denkt: „Wir haben keine Lösung“, „Ich werde depressiv wenn ich mir die News angucke“ oder „wir drehen uns die ganze Zeit im Kreis“. Trotzdem verliert man die Lebensfreude nicht. Diese Verletzbarkeit ist auch das, was die Menschen so berührt.

Eine besondere Verbindung: Gentleman und Ky-Mani. Foto: Pascal Bünning / oh.
Eine besondere Verbindung: Gentleman und Ky-Mani. Foto: Pascal Bünning / oh.

Wie beschreibst du die Zusammenarbeit mit Ky-Mani?
Ky-Mani ist jemand, der sehr am Boden geblieben, höchst interessiert und unglaublich zuvorkommen ist. Wir haben auch den selben Humor, was beim Musik machen hilft, es soll ja alles auch „joyful“ passieren. Er macht es einem sehr einfach: Vieles ist natürlich entstanden, mit einer gewissen Leichtigkeit. Wir haben uns auf der MTV Unplugged-Tour kennengelernt und sind Freunde geworden. Wir haben sehr viele Gemeinsamkeiten und bei Gesprächen hat sich herauskristallisiert, dass es eine Frequenz gibt, auf der wir uns permanent getroffen haben. Ich glaube auch, dass man das hört. Man kann es auch spüren, wenn zwei Menschen sich schätzen.

War das eine logische Konsequenz, ein Album zusammen zu machen?
Ich hatte bereits schon ein Song mit ihm für Matisyahu für sein Album aufgenommen. Dann hatten wir „No Solidarity“ und „Redemption Song“ mit Campino. Irgendwann habe ich Ky-Mani ein frohes neues Jahr per SMS gewünscht und er hat zurückgeschrieben: „Let‘s make a album with your team.“ Ich fand den Gedanken super, bin dann nach Miami geflogen und wir hatten dort die erste Studio-Session. Wir haben erst einmal überlegt, wie es denn klingen soll. Er war zu dem Zeitpunkt wesentlich beschäftigter als ich, da er damals grad noch einen Film in Los Angeles gedreht hat. Er war auch noch auf Tour und hat viel mehr Kinder als ich (lacht). Deswegen haben wir uns darauf geeinigt, dass es besser wäre, wenn ich die Sachen vorproduziere. In Köln habe ich dann zusammen mit Clayton Morrison den größten Teil des Albums vorproduziert, wir haben dann Musiker einspielen lassen, um den ganzen ein „Live-Feeling“ zugeben. Die Texte habe ich auch unter anderem mit Clay hier in Köln geschrieben. In Miami haben wir später dann Sachen verfeinert. Außerdem haben wir beide den gleichen Musikgeschmack: Es gibt Sachen, die wir beide schrecklich finden und es gibt Sachen, die wir beide mega gut finden.

Gentleman: „Wenn ich länger mal keine Musik gemacht habe, dann fehlt mir etwas“

Du bist seit gut 20 Jahren im Musikgeschäft, wird man da nach einer Zeit nicht müde?
Ich weiß Dinge mehr zu schätzen. Das war früher nicht so. Damals, zu der „Hochzeit“ im Jahr 2004 mit dem Album „Confidence“, das wochenlang auf Platz Eins war, dazu diese Riesentour dazu – das ist etwas, davon träume ich heute von. Trotzdem hat eine „Gesundschrumpfung“ stattgefunden. Man weiß Sachen einerseits viel mehr zu schätzen, wobei auf der anderen Seite der Moment des Loslassens schwieriger wird. Wenn ein Song, ein Cover, ein Video oder ein Album fertig ist, dann war das früher viel einfacher. Früher habe ich mir viel weniger Gedanken gemacht, mittlerweile ist es einfach viel komplexer geworden. Aber das ist auch ein Zeichen für die Qualität. Ob man dabei müde wird? Ne, es gibt natürlich mal Momente, zum Beispiel nach einer langen Tour, wenn ich die Zahnbürste ins Glas stelle und keine Hotelzimmer sehen muss. Wenn ich aber dann eine Zeitlang wieder Zuhause bin, dann will ich wieder in den Tourbus. Diese Rastlosigkeit ist etwas, was sich durchzieht. Ich liebe das, was ich mache und wenn ich länger mal keine Musik gemacht habe, dann fehlt mir etwas.

Ich habe auch gelesen, dass das viele Reisen dich auch belastet. Wie kann man sich solch belastende Situationen vorstellen?
Wenn man es drauf hätte, seine Zeit besser einzuteilen…das habe ich irgendwie noch nicht so geschnallt. Ich mache alles immer kurz vorher und stresse mich dann. Das war damals in der Schule schon so. Aber ich arbeite da noch dran.

Kommen wir noch einmal zu deinem Album „Conversations“. Supadups hat unter anderem den Song „Mama“ produziert. Wie sehr fließt der Stil eines Produzenten in deine oder eure Songs ein?
Er war jetzt sehr viel mit Rihanna und Drake im Studio. Ich kannte ihn schon vorher aus Jamaika – er lebt jetzt in Miami und ist, was seinen Erfolg angeht, ganz oben angekommen. Er hat sich auch extrem auf uns eingelassen – dass war natürlich keine Rihanna-Produktion, die er uns da gegeben hat. Man hört zwar seinen Sound, auf welche Art und Weise er mit dem Sound spielt und wie er es knallen lässt – etwas, was auch bei Drake auf dem Album ist, aber es hat einfach gepasst. Er hat uns Beats vorgespielt und wir haben dann zwei rausgepickt. Ich höre ein Instrumental und es ist entweder „etwas da“ oder es ist „nichts da“. Wenn ich nach fünf Minuten keine passenden Melodien finde, dann macht es keinen Sinn.

Zu dem Song „Simmer Down“: Das Video dazu habt ihr auf Kuba gedreht. Kann man sagen, dass der Song euch besonders am Herzen liegt?
Ich glaube, jeder Song liegt uns am Herzen. Wir haben in Miami acht Songs „gevoiced“ und haben uns die Sachen angehört. Dann hat Ky-Mani gesagt, dass alles cool ist und gut klingt, aber irgendwas fehlt, was noch in die Hüfte geht. Er fragte mich dann, was ich von „Simmer Down“ halte und ich dachte mir sofort: „Wow, cool!“ Ich wollte ihn nicht fragen, obwohl ich das schon länger gerne gehabt hätte, dass er einen Song von seinem Vater singt. Als er dann damit kam, habe ich mich umso mehr gefreut. Das ist auch einer meiner Lieblingssongs von Bob. Wir haben in Kuba das Video dazu gedreht – es ist generell ein Song, der thematisch zum Album passt.

Miami, Kuba – das bringt ja ein gewisses Lebensgefühl mit sich. Vermisst du dieses Lebensgefühl in Deutschland oder kann man das auch genauso gut hier erleben?
Ich würde das nicht geografisch festlegen. In allen Ländern gibt es zwei Seiten der Medaille. Ohne Musik wäre die Welt viel trister. Der Groove vom Reggae ist etwas, was die Leute berührt. Ich finde auch, dass dieser Groove und die Baselines etwas Hypnotisches und Spirituelles haben – das können wir alle gebrauchen. Musik ist immer ein Gegenpol zu der ganzen Tristesse.

Du bist momentan auf Festivalsaison unterwegs mit Ky-Mani, danach folgt die MTV Unplugged-Tour. Inwiefern unterscheiden sich solche Formate?
MTV Unplugged ist eine komplett andere Geschichte, es sind circa 19 Leute auf der Bühne. Unplugged heißt ja „unverstärkt“. Hier werden natürliche, unverstärkte Instrumente verwendet. Es hat von der Art und Weise des Musikmachens einen ganz anderen Touch. Wir spielen die Songs langsamer, nehmen sie auseinander und gehen auf die einzelnen Elemente ein. Man muss wirklich umdenken, denn es ist auch von der Produktion her wesentlich aufwendiger. Man muss auch in die Sache reinwachsen: Zuerst kommen die ersten Konzerte, da kann es dann etwas schwieriger sein – aber irgendwann ist der Flow da und man ist voll drin. Wir geben immer unser bestes und sehen zu, das wir das Optimum rausholen. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass die Leute auf die Konzerte kommen.

Apropos Konzert: Am 25. August gastiert Gentleman mit seinem neuen Album in Hamburg, Karten gibt es etwa bei der Konzertkasse.

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