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„Es geht um Freiheit und Geld“: Rocko Schamoni liest im Kleinen Haus

Rocko Schamoni liest am 21. März im Kleinen Haus aus seinem Roman „Fünf Löcher im Himmel“. Foto: Kerstin Behrendt / oh.

Am Freitag den 21. März liest Rocko Schamoni im Kleinen Haus des Staatstheaters aus seinem aktuellen Roman „Fünf Löcher im Himmel“. André Pause hat sich mit dem Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler und Clubbetreiber unterhalten: über Terminüberschneidungen, sein neues Buch, Rollenbilder und den Spagat zwischen der Alternativ- und der Hochkultur.

Rocko, der Termin deiner Lesung im Kleinen Haus überschneidet sich ja ganz großartig mit der Arthur Miller-Premiere („Alle meine Söhne“) im Großen Haus. Ist dir das recht?
Das ist mir natürlich nicht recht. Ich wäre sehr froh, wenn wir auf diesem Weg vereinbaren könnten, dass die Miller-Premiere an diesem Abend verschoben wird. Das sind ja auch die gleichen Zuschauer, die zu uns beiden kommen, und ich glaube, dass es ganz gut wäre, wenn man das Stück ein bis zwei Wochen nach hinten verschieben könnte.

Mal im Ernst: Ich könnte verstehen, wenn du einen Rochus hättest. Bei Deinem letzten Besuch in Braunschweig – Thomas Meineckes Clipschule im Roten Saal – waren erstaunlich wenig Leute anwesend, weil die Veranstaltung wenig beworben wurde. Wenn weniger los ist, ist das doch eigentlich blöd…
Das ist total doof, und es ist gut, dass ich das auf diesem Umweg erfahre, dass das so gelegt worden ist. Ich habe jetzt natürlich keinen Einfluss darauf, was an diesem Tag in Braunschweig noch stattfindet. Das sagt einem ja sonst auch keiner. Ich kann jetzt nur meinem Booker sagen: Frag doch mal, warum das so gemacht ist. Kann ja nicht von Vorteil sein – leider. Ich habe mir das auf jeden Fall nicht so ausgesucht.

Du wirst aus deinem aktuellen Buch „Fünf Löcher im Himmel“ lesen. Die Stoßrichtung ist dieses Mal eine komplett andere, als in „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ und „Tag der geschlossenen Tür“. Kannst du kurz erzählen, worum es geht, und was dich zum Buch inspiriert hat?
Eine so komplett andere Richtung ist es jetzt nicht. Es ist ein bisschen ernster als die anderen Bücher. Es geht um einen Typen, der im Alter von 65 sein Leben hinterfragt. Es ging alles daneben, er ist komplett von der Bahn abgekommen, und er fragt sich, warum das alles so schief gegangen ist. Er läuft dann die Stationen seiner Jugend noch mal ab und vergleicht anhand seines Tagebuches, warum er nie wieder aufs Gleis draufgekommen ist. Diese Geschichten laufen in dem Buch parallel ab – diese Tagebuch Jugendaufzeichnungen und das Ablaufen seiner Lebenslüge. Am Ende gibt es ein paar komplett unerwartete Wendungen, die aber erklären, warum alles so daneben gelaufen ist.

Du wirst aus dem Buch 1:1 vorlesen?
An dem Abend wird es nicht nur darum gehen. Ich habe das Programm natürlich ein bisschen auf Show getrimmt. Man muss also keine bierernste Vorlesung erwarten, sondern einen Abend mit viel Öffnung und lustigen Wortbeiträgen.

Vor mehr als zehn Jahren, zum Buch „Dorfpunks“, hast du dich mal wie folgt selbst beschrieben: „Betont unkäuflich, romantischer Dissident mit Sex Appeal, interessante Einstellung, Hang zum Grüblerischen, Marke: Jeanstyp mit Monokel“. Gibt es heute eine ähnlich griffige Formel?
Ich würde sagen: Alles fällt weg. Nur Jeanstyp mit Monokel ist übriggeblieben. Also, ehrlich gesagt, verändert man sich wohl immer stark und braucht ein bisschen Zeit, um zu begreifen, wer man denn jetzt schon wieder geworden ist, was weggefallen und neu dazugekommen ist. Da müsste ich jetzt länger drüber nachdenken, um das auf den Punkt zu bringen. Grundsätzlich ist in dem Kern von dem, was du mir von mir selbst vorgelesen hast, und was ja einen ironischen Unterton hat, natürlich noch viel vorhanden. Die anderen Punkte müssen sich die Leute am Abend der Lesung angucken.

Es ist ja schon so, dass du ein Wandler bist zwischen der Hochkultur und der Alternativkultur. Für viele gilt das als unvereinbar. Du bekommst das seit langer Zeit hin, wirst unter anderem im Hamburger Schauspielhaus gespielt. Gibt es ein Geheimrezept für diesen Spagat?
Nee. Es geht um Freiheit und Geld. Der Underground bietet Freiheit, der Overground bietet Geld. Es gibt kaum einen Punkt, eine Szene, eine Möglichkeit, wo man an beides gleichzeitig herankommt. Deswegen pendle ich. Ich kann mir in meinem eigenen Umfeld, unter meinen Leuten, in meinem Club, unter den Gegebenheiten unter denen ich normalerweise lebe, natürlich ganz andere Dinge erlauben. Gleichzeitig sind die Mittel, die zum Beispiel am Theater angeboten werden, so viel mannigfaltiger und größer, dass ich sie nur dort kriege. Im Schauspielhaus haben die auf der Bühne einen unglaublichen Apparat. Den in Bewegung zu setzen – das kann mir kein einziger Club auf der Welt ermöglichen. Man muss die verschiedenen Tools unterschiedlich anwenden, zu dem Zweck oder Anlass, zu dem man sie gerade braucht. Wenn ich ein größeres Theaterstück vorhabe, und ich das Gefühl habe, es muss eine Drehbühne und richtig tolle Kostüme geben, sonst kann ich nicht das sagen was ich sagen will, dann frage ich vielleicht das Schauspielhaus, das Thalia oder das Deutsche Theater. Wenn ich aber merke: Es geht jetzt gerade gar nicht darum. Ich brauche, wenn man so will, einen kleinen Club mit einer straßennahen Szene, die ganz anders agieren kann und wo Politik auch eine andere Rolle spielt, dann mache ich das lieber da.

Dann kommt auch noch deine Arbeit mit Studio Braun dazu, die ja sehr populär ist. Alles in allem sind das ja doch viele verschiedene Bühnen. Verliert man da die eigene Rolle nicht manchmal aus dem Auge?
Nö, meine Rolle definiere ich ja immer wieder neu, kann die auch auf meine jeweiligen Bedürfnisse einstellen. Ewig nur am Overground rumzukrebsen, an einer Rolle festzuhalten, nur Schauspieler oder Theaterarbeiter zu sein, finde ich ehrlich gesagt auf Dauer auch langweilig und fantasieabtötend.

Trotzdem: Wenn ich jetzt mal die Kollegen vom Studio Braun nehme, dann erscheinen mir die Rollen von Jacques Palminger und Heinz Strunk dennoch irgendwie klarer definiert. Palminger ist der verschrobene Intellektuelle, der im Einzelfall sehr präzise Situationsbeschreibungen liefert, Heinz Strunk ist narrativ stark und schafft einprägsame Bilder. Bei dir empfinde ich das wechselhafter.
Ich will mich nicht festlegen. Ich habe mich auch noch nie festlegen wollen darauf, nur Komödiant oder ernsthafter Künstler zu sein. Das finde ich für mich persönlich ganz und gar langweilig und unbefriedigend. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe unterschiedlichste Bereiche, die mich inspirieren. Und je nachdem, was mich gerade inspiriert, in meinem Leben beeinflusst: In die Richtung entwickele ich mich dann. Manchmal ist das Komödie und manchmal ist es Tragödie. Dieses Buch habe ich jetzt beispielsweise gerade geschrieben unter dem Einfluss des Todes von zehn Leuten, die mir wichtig waren und in den letzten zwei Jahren gestorben sind, teilweise in meinem Alter. Es war ein einziges Gesterbe um mich herum. Dementsprechend ist das Buch ein ernstes geworden, über den Tod, das Altwerden und das Sterben, über die Auseinandersetzung damit. Und wenn ich in einem halben Jahr das Gefühl habe: Jetzt habe ich mich aber so tief in die Erde reingebuddelt, dass ich hier unten keine Luft mehr kriege, dann kann es sein, dass ich auftauche und versuche, etwas Lustiges zu machen, was mich davon ablenkt und wieder auf andere Gedanken bringt. Ich habe keine Lust Standardrollen zu erfüllen, wie man das in Deutschland normalerweise macht. Ich versuche, mich als Künstler selbst ernst zu nehmen und meiner Neugier, meinem Forschungsdrang treu zu bleiben – und mich nicht zu verraten, indem ich mich festschreiben lasse.

Da liegt natürlich die Frage nah: Was kommt als Nächstes, wie sehen deine Pläne aus?
Ein großer Teil der Lesetour ist gemacht. Sie geht jetzt zu Ende, beziehungsweise so ganz langsam über in eine neue Show. Ich bin gerade dabei, mit meinem Freund und Mitmusiker Tex an Songs zu arbeiten. In nächster Zukunft werden wir Auftritte gemeinsam machen, bei denen es ein bisschen Lesung und Musik gibt. Zeitgleich arbeite ich an meiner eigenen neuen Orchesterplatte, die kommt im Mai raus. Dafür wurden von uns ganz viele vergessene deutsche Popsongs neu bearbeitet. Da gibt es dann einige richtig große Shows mit dem Orchester zusammen. Im Herbst erscheint dann das ganz große Studio-Braun-Buch, das so 600 Seiten haben wird, ein richtig großer Almanach ist mit allen Arbeiten der letzten 20 Jahre. Dazu gibt es eine Tournee und im nächsten Jahr kommt dann die neue Fraktus-Platte. Jetzt hast du den kompletten Plan (lacht).

Prima. Gibt es eine letzte Frage, die dir noch nie gestellt worden ist, und die du immer schon mal beantworten wolltest?
Das ist die Frage, das ist die entscheidende Frage. Genau die ist es, und ist mit „Ja“ beantwortet, und somit beantwortet.

Beginn der Lesung ist 19:30 Uhr. Details & Tickets gibt es bei dem Staatstheater Braunschweig.

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