20. November 2013
Kunst & Kultur

Emilia Galotti: Große Gefühle erst zum Schluss

Emilia Galotti (Ursula Hobmair) wird von Vaters Odoardo (Hans-Werner Leupelt) zu Tode geherzt. Foto: Volker Beinhorn

Eine Neuinszenierung, die den klassischen Stoff auf seine Relevanz für unsere Zeit untersucht. So steht es in der Ankündigung auf der Homepage des Staatstheaters Braunschweig. Man verspricht – und verspricht sich selbst – offensichtlich eine Menge von Lessings „Emilia Galotti“.

Der wort- und wirkmächtige Stoff gehört zum Rahmenplan der Gymnasiasten und gleichfalls zum vielgespielten Standard auf deutschen Theaterbühnen. Umso besser, wenn sich da einwandfrei herauskristallisiert, was Stück und Protagonisten uns im Hier und Jetzt zu sagen haben.

Bei der Premiere im Wolfenbütteler Lessingtheater ist das nicht der Fall, weil es keine Stoßrichtung gibt. Da wird das Stück in zweieinhalb Stunden optisch der historischen Vorlage entnommen. Der Prinz von Guastalla (David Kosel) und sein Kammerherr Marinelli (Philipp Grimm) treten als geschniegelte Schnösel in Erscheinung, die anno 2013 wohl als „freundschaftlich“ miteinander verbundene Vertreter des mit Vorliebe anmaßend-egomanisch agierenden, materialistisch orientierten Dünndenkertums durchgehen. Den visuellen Gegenentwurf geben Emilia Galotti (Ursula Hobmair), die schöne Naive in Jeansjacke-Kleid-Kombi und Retro-Western-Tretern sowie die Eltern Odoardo (Hans-Werner Leupelt) und Claudia (Martina Struppek) im konventionellen Zeitlosschick. Durch die Klamotten wird das bürgerliche Trauerspiel um nicht zustande kommende Liebe und den ursprünglichen Wertekonflikt zwischen Adel und Bürgertum zur Zeit der Aufklärung zumindest im Ansatz versucht, jetzig zu machen. Wer aufgrund der zeitgemäßen Kostümierung sowie der schlichtweißen Guckkastenbühne allerdings eine leichte und schlanke Produktion erwartet, sieht sich getäuscht.

Die Sprache ist Lessing – wie sie war und bewahrt wurde: schwer und mächtig. Das mag einerseits schön sein, passt aber so gar nicht zum luftigen Rest des Abends. Somit wird keine der möglichen Wenn-dann-Konstellationen stringent verfolgt. Das Produkt bleibt unentschieden. Daniela Löffner, die den Regie-Staffelstab für die Endproben von Volker Schmidt (Trennung in beiderseitigem Einvernehmen) übernommen hat, lässt viel Text sprechen. Gespielt wird dagegen wenig, was die Vorstellung über weite Strecken statisch macht und längt. Erst zum Ende verdichtet sich die Inszenierung, wird die körperliche Handlung wiederentdeckt: Als Emilia dem Werben des Prinzen, der mit Marinellis Unterstützung immerhin deren Bräutigam Graf Appiani um die Ecke gebracht hat, kaum noch standhalten kann, und eher sterben möchte, als öffentlich mit dem Etikett Hure oder Mitwisserin gebrandmarkt zu werden, greift Vater Odoardo – nein, nicht zum Dolch – sondern entschlossen zu. Er, der bürgerliche Ehrenmann, der die Verzweiflung seiner Tochter spürt, herzt sie, weil auch er nicht mehr weiter weiß, zu Tode, um sie vor der entwürdigenden Situation zu bewahren.

Von diesem großen Gefühl hätte es ruhig mehr sein dürfen. So fällt der Applaus für diesen nicht ganz ausgereift wirkenden Theaterabend eher zurückhaltend aus.
Die Braunschweig-Premiere des Stückes ist am 26. November um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

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