Die zwei Seiten einer Medaille - "aPart“ überzeugt durch Stringenz und starke Bilder – Szene38
12. März 2014
Kunst & Kultur

Die zwei Seiten einer Medaille – „aPart“ überzeugt durch Stringenz und starke Bilder

Chris Jäger und Nao Tokuhashi winden sich im Pas de deux. Foto: Andreas Etter

Braunschweig. „The End Is A New Beginning“ steht auf dem sichtdurchlässigen, schwarzen Vorhang im Großen Haus des Staatstheaters. Ein Paar klammert, ringt und windet sich im Halbverborgenen, um eine Entscheidung herbeizuführen. Es ist der Auftakt von „aPart“, dem Tanzstück, das die isländische Choreografin Katrin Hall jetzt am Staatstheater uraufgeführt hat.

Die Entscheidung zwischen den Zuständen „a part“ oder „apart“ wird in den 80 Stückminuten immer wieder heraufbeschworen. Es ist eine Frage nach dem Entweder-oder. Beides gleichzeitig geht schlecht, bei zwei Seiten ein und derselben Medaille. Auch wenn Zugehörigkeit und Randständigkeit gleichermaßen Bausteine von Lebenswirklichkeit sind. Das entsprechende Baugerüst mit verschiedenen Ebenen steht jedenfalls schon auf der Bühne. Die Tänzer des Ensembles bewegen sich langsam, beinahe schleichend wird die Nähe der anderen gesucht. Begegnung und Trennung im Raum erscheinen wie zufällig. Ebenso könnten die Etagen gesellschaftliche Kreise oder Schichten abbilden, in die nicht jeder Zugang erhält.

Das gegenseitige Vergewissern setzt sich fort: Die Tänzer bewegen sich im Pulk, als Gemeinschaft, die sich in sich selbst testet, und anschließend bei erhöhtem Tempo in Vierergruppen auflöst. Situativ außenstehende Ensemblemitglieder wenden sich ab. Bereits hier ist eine Qualität von Katrin Halls Choreografie spürbar: die des beinahe geräuschlosen Übergangs von Gruppenszenen in den Pas de deux oder die Soli. Alles greift in dieser Produktion ineinander. Die Klänge des vorwiegend im elektromusikalischen Genre tätigen Stephan Stephensen, Gründungsmitglied der Band GusGus, tragen die jeweilige Stimmung, schmiegen sich ins Bild: Streicher, Orgel oder Horn wechseln mit synthetischen Sounds.

Während die synchron tanzende Gemeinschaft – in hautfarbenen Kostümen – Funktionalität vermittelt, bringen Solo- und Paarszenen – das Outfit wechselt zu Rot – die zwiespältige Stimmung zum Ausdruck. Chris Jäger ist im Schwebezustand zwischen In und Out ebenso nah am Saturday-Night-Fever wie an der Selbsterdolchung. Nao Tokuhashi spitzt die Verzweiflung atemberaubend zu. Aus anfänglicher Abkanzelung erwächst ein aus Tics, hysterischem Lachen und abrupt abbrechenden Bewegungen gebautes Irrenhaus. Die als Raumtrenner auf der Bühne stehenden Tische werden zur sich verengenden Schlinge. Als das Gebilde sich zur Mauer schließt, kommt dem Zuschauer Berlin Wall in den Sinn. Zwei Paare tanzen gegen die Begrenzung an und bringen sie schließlich wie beim Domino zum Einstürzen.

Im letzten durch Abschied, Trauer und Verlust geprägten Teil der Produktion betont Hall schließlich den Aspekt der Distanz. Die Tänzer tragen schwarz. Eine Reihe von Tischen, an deren Enden sich ein Paar still gegenübersitzt, liefert eine Hommage an eine Performance der Künstlerin Marina Abramovic. Auf der Chinesischen Mauer lief sie einst ihrem Partner Ulay entgegen, um sich bei der Begegnung auf halbem Weg endgültig von ihm zu trennen. Bei Katrin Hall finden die Menschen am Ende zwar auch nicht immer zusammen, dennoch strecken sie sich einander entgegen, ziehen sich irgendwie noch ein bisschen an. Eine Melange aus gleißendem Licht, das durch den sich öffnenden Eisernen Vorhang zwängt, und Nebel lässt das Paar scherenschnittartig zurück. Das Ende, der Neubeginn – oder eben beides.

Der Applaus für diesen stringenten, bildstarken und im Zusammenspiel der künstlerischen Komponenten stimmigen Tanzabend fällt völlig zurecht tosend aus. Weitere Informationen zum Stück gibt es unter www.staatstheater-braunschweig.de .

Auch interessant