Die Veranstaltungsbranche kämpft ums Überleben – Szene38
21. März 2020
Kunst & Kultur

Die Veranstaltungsbranche kämpft ums Überleben

Torsten Schock, Projektmanager von www.konzertkasse.de, im Interview zur aktuellen Situation von Konzerten,Tickets & Co.

Licht aus für Live-Events: Wegen der Corona-Gefahr sind Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen und mehr abgesagt. Foto: Pixabay

Die weltweite Verbreitung des Coronavirus stellt auch die gesamte Veranstaltungsbranche vor erhebliche Herausforderungen. Torsten Schock bei der BZV Medienhaus GmbH verantwortlich für das operative Geschäft der Konzertkassen, kennt diese ganz genau. Er ist seit über 30 Jahren in der Branche tätig und gründete in den 90er Jahren den ersten Webshop um Tickets unter www.konzertkasse.de online zu verkaufen.  szene38 sprach mit dem 54-Jährigen.

Herr Schock, auf Grund des Corona-Virus werden Veranstaltungen bundesweit von den örtlichen Behörden untersagt. Wie sieht die aktuelle Lage in der Region und deutschlandweit aus?

Das kulturelle Angebot ist vollständig zu erliegen gekommen, was natürlich Sinn und Zweck dieser Vorgaben ist; die Menschen sollen ja Abstand zu einander halten. Alle Veranstalter sind aktuelle dabei Ihre Veranstaltungen um zu planen und Ersatztermine herzustellen. Unsere Teams bei Konzertkasse.de ändern täglich hunderte von Veranstaltungsdaten im bundesweiten Vorverkauf.

Torsten Schock, langjähriger Branchenkenner und Projektmanager bei www.konzertkasse.de. Foto: BZV Medienhaus GmbH

Wie ist zurzeit die Stimmung in der Branche?

Die Stimmung ist natürlich so, wie sie düsterer nicht sein kann. Viele kleine Veranstalter und Kulturschaffende fürchten um ihre Existenz. Am Ende dieser Krise wird sich die Frage stellen, ob unser Kulturangebot noch in der gleichen Vielfalt angeboten wird, wie wir es alle kannten?

Was bedeutet die Situation für die Konzertveranstalter?

Wie viele bereits aus den Medien wissen, hat es die Veranstaltungswirtschaft besonders getroffen; was soll ich sagen, es ist ein Desaster ohne Gleichen! Die Kette der Unternehmen, die direkt oder indirekt von der Veranstaltungswirtschaft abhängig sind haben große Probleme ihr Einkommen zu sichern. Viele der Mitarbeiter sind in Kurzarbeit gegangen oder bauen Überstunden ab. Vom Bühnentechniker bis zum Künstler, vom Caterer bis zum Buchhalter, tausende von Menschen arbeiten in dieser Branche und müssen nun eine massive Durststrecke durchstehen.

Wie sind die Vorverkaufsstellen betroffen?

Auch die über 3.500 Vorverkaufsstellen in Deutschland trifft es mit voller Härte. Vorverkaufsstellen – Konzertkassen wie unsere 13 Shops und Agenturen der BZV Medienhaus GmbH  im Wirtschaftsraum Braunschweig – Wolfsburg beschäftigen über 30 Mitarbeiter an den regionalen Standorten. Online mit Konzertkasse.de und an der Ticket-Hotline (0531-16606).

Zurzeit regnet es keine Konfetti-Scheine in den Konzerthallen. Veranstalter und Kulturschaffende kämpfen um Ihre Existenz. Foto: Stock Snap/Pixabay

Behalten gekaufte Tickets ihre Gültigkeit, wenn Veranstaltungen abgesagt bzw. auf einen alternativen Termin verschoben werden?

Ja, auf jeden Fall – Kunden sollten diese Möglichkeit auch nutzen und die Bekanntgabe des alternativen Veranstaltungstermins abwarten! Meist wird die Veranstaltung in einem deutlichen Abstand zum Erst-Termin verlegt, so erhalten die Ticket-Inhaber ausreichend Möglichkeit, den neuen Termin persönlich zu organisieren. Schließlich haben sie ja mal die Tickets gekauft, weil sie die Produktion, den Künstler, die Show unbedingt live erleben wollen, da sollte es doch möglich sein sich auf den Ersatztermin einzustellen.

Können Ticket-Inhaber ihr Ticket bei Verlegung oder Absage der Veranstaltung stornieren lassen?

Wir arbeiten derzeit quasi ohne jegliche Einnahmen, da derzeit kaum noch ein Kunde Tickets kauft. Zudem müssen wir auch noch die Verdienste aus dem Vorjahr zurückzahlen, wenn der Kunde seine Tickets stornieren möchte. Wir sind verpflichtet, mit dem Ticketpreis auch die Vorverkaufsgebühr zu erstatten (ohne Bearbeitungsgebühr oder Versandkosten), die quasi unseren Aufwand finanziert hat. Zudem sind wir auch noch das letzte Glied in der Vertriebskette des Ticketverkaufs. Der Kunden wendet sich immer zuerst an uns mit seiner Anfrage auf Rückgabe der Tickets. Im Sinne eines guten Kunden-Service  kümmern wir uns natürlich um die Wünsche der Kunden, die Tickets stornieren zu wollen. Dabei müssen wir jedoch die Storno-Freigabe des jeweiligen Veranstalters einholen – und die sind derzeit massiv mit der Neuorganisation Ihrer Veranstaltungen ausgelastet, so werden viele Storno-Anfragen erst gar nicht bearbeitet, bzw. zur Freigaben bewilligt. Da lädt der eine oder andere Kunden schon einmal seinen Unmut hierüber bei uns ab.

Wie bearbeiten Sie die Ticket-Stornos?

Damit wir die vielen Anfragen auf Ticket-Stornos effektiv und im Sinne des Kunden schnell bearbeiten können, programmieren wir derzeit bei konzertkasse.de eine Webseite. Über diese kann man gezielt das Storno seiner Tickets anfragen, ohne die Tickets in unsere Shops oder per Post zu übermitteln zu müssen. Die neue Service-Seite wird voraussichtlich Ende der KW. 13 online gehen. Wir erhoffen uns mit diesem Service, das unsere  Kunden ohne großen Aufwand eine noch schnellere Antwort auf Ihre Anfrage erhalten werden – und somit zufriedener sind.

Wann erhalten Ticketinhaber nach dem Ticket-Storno ihr Geld zurück?

Wir erklären unseren Kunden die Situation dass die Konzertkasse nur der Vermittler der Tickets ist und das Geld der Tickets längst an den Veranstalter abgeführt hat. Wir können ohne Storno-Freigabe des betreffenden Veranstalters keine Tickets annehmen! Selbst wenn die Storno-Freigabe des Veranstalters erfolgt ist – und wir das Ticket im System stornieren können, so können wir erst dann auszahlen, wenn das Geld des Tickets vom Veranstalter bei uns eingegangen ist. Je nach Größe der Veranstaltung und Umfang der verkauften Tickets, kann dieser Rückerstattungsprozess schon einmal bis zu sechs Wochen dauern.

Und wenn der Veranstalter kein Storno der Tickets zulässt?

Dann muss sich der Kunde direkt an den Veranstalter wenden. Den Vorverkaufsstellen – Konzertkassen sind in diesen Fällen die Hände gebunden, da sie nur als Vermittler der Tickets tätig waren und der Kunden mit dem Kauf des Tickets einen Kaufvertrag mit dem Veranstalter eingegangen ist.

Immer mehr Künstler geben „virtuelle Konzerte“. Doch die authentische Atmosphäre eines Live-Konzerts kann dadurch nicht ersetzt werden. Foto: Pexels/Pixabay

Was würden Sie Ticket-Inhabern raten?

Ich kann alle Ticket-Inhaber nur bitten, in dieser speziellen Situation so human wie möglich mit uns und den jeweiligen Veranstaltern umzugehen. Meine Empfehlung an alle Kunden ist, warten Sie mit der Rückgabe Ihrer Tickets erstmal ab. Die Veranstalter sind in der Regel massiv damit beschäftigt, Ersatztermine für die Veranstaltungen zu organisieren. Wenn dann ein neuer Termin steht, dann sollten die Ticket-Inhaber unbedingt versuchen, diesen Termin in Anspruch zu nehmen und von einer Rückgabe der Tickets zu Gunsten des Veranstalters und die damit verbundenen Arbeitsplätze abzusehen!

Wie werden Kunden von ihnen informiert, wenn die gebuchte Veranstaltung abgesagt oder der Termin verschoben wurde?

Kunden, die Ihre Tickets online oder an unserer Hotline gekauft haben, werden per E-Mail informiert. Kunden die in unseren Konzertkassen-Shops gekauft haben, müssen sich über die Webseiten von konzertkasse.de, der jeweiligen Halle oder die des Veranstalters erkundigen.  Unsere Konzertkassen können nur Tickets bearbeiten, die auch bei uns gekauft wurden!

Einige Kunden haben ihre Tickets versichert. Was kostet so eine Versicherung? Greift im Fall einer Konzertabsage die Ticketversicherung?

Die Ticketversicherung ist sehr preiswert. Zum Beispiel kostet es ein Ticket im Wert von 50 Euro versichern zu lassen, nur 1,49 Euro. Allerdings sind die Tickets nur dann abgesichert, wenn der Ticket-Inhaber erkrankt, Schwangerschaft, Unfall usw. Aber auch, wenn Er mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist und zum Beispiel der Zug so verspätet am Veranstaltungsort ankommt, das der Kunde 50 Prozent der Vorstellung verpasst hat und sich somit der Besuch kaum noch lohnt. Nicht erstattungsfähig ist das Ticket, wenn die Veranstaltung abgesagt oder im Termin verschoben wird oder der Kunde diese einfach nicht mehr besuchen möchte.

Ist die Ticket-Hotline der Konzertkasse unter Telefon 0531-16606 und kundenservice@konzertkasse.de ständig erreichbar?

Ja, wir halten trotz Schließungen unserer Konzertkassen und Shops den Service bestmöglich aufrecht. Unsere Ticket-Hotline ist eingeschränkt von Montag bis Samstag von 10:00 bis 16:00 Uhr verfügbar.

James Blunt spielte vor leeren Rängen in der Hamburger Elbphilharmonie – kostenfrei per Stream im Internet. Ist das eine Variante für Musiker in Zeiten der Corona-Epidemie, doch noch etwas Geld zu verdienen. Über Spenden für solche Auftritte?

Es gab schon tatsächlich vor „Corona“ Projekte, bei denen die Künstler „virtuelle Konzerte“ gegeben haben. Die Medientechnik um das Konzert virtuell vom Wohnzimmer aus zu erleben macht große Fortschritte; insbesondere im Bereich der 3D VR-Brillen. Allerdings „live ist live“ da muss schon sehr viel mehr im technischen Fortschritt passieren, bis wir die Atmosphäre eines Konzertsaals virtuell zaubern können. Wobei seit geraumer Zeit die großen Kinos, wie zum Beispiel das Astor in Braunschweig  live von der Metropolitan Opera und anderen großen klassischen Konzerten in den Kinosaal streamen. Im Kino kommt man dem Gefühl dabei zu sein schon recht nahe.

 

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