Comic-Check – Szene38
23. September 2020
Kunst & Kultur

Comic-Check

Mit Comics gegen die anhaltende Corona-Krise: Gespenster, zwei Brüder, ein Schwertschwinger u.v.m. spielen darin wichtige Rollen

Kreativ-kultiges Künstlerinnen-Kollektiv: Zusammen haben sie das SPRING #16 Magazin erschaffen. Foto: mairisch Verlag

„SPRING – Magazin – #17 Gespenster“ (Mairisch Verlag)

Ein trauriger Einweg-Handschuh, ein halber Zoo im Bus, ein Gespenster-Kongress, Arbeiten bei Anazoom – der Horror lauert überall. In unserem Alltag, unseren Erinnerungen, der Politik, im Kapitalismus, an bevölkerten und verlassenen Orten. In „SPRING – Magazin – #17“ (256 Seiten, Broschur mit Glow-in-the-Dark-Cover) beschäftigen sich 16 (nicht 17) kreative Köpfe, Hände und was man sonst noch dazu braucht mit Gespenstern. Larissa Bertonasco, Romy Blüml, Almuth Ertl, Anke Feuchtenberger, Doris Freigofas, Katharina Gschwendtner, Mari Kanstad­-Johnsen, Inga Kählke, Sarah Mazzetti, moki, Nina Pagalies, Katrin Stangl, Kati Szilagyi und Birgit Wehye machen in ihren facettenreichen Illustrationen und Stories unseren alltäglichen und oftmals verdrängten Grusel sicht- und verstehbar. Die Kreativ-Supergirlgroup ist dabei modern und kritisch, gefühlvoll und verspielt. Comic-Kunst am Puls der Zeit – zum nach- und weiterdenken.

„Das Spiel der Brüder Werner“ (Splitter)

Eine zersplitterte Kopf-Skulptur von Adolf Hitler, eine riesige Hammer-und-Sichel-Flagge über dem zerstörten Berlin im Jahr 1945. Dazu rollende Panzer, Schüsse, Staub – und mittendrin die spielenden, fliehenden Brüder Werner. „Es gibt nichts Wertvollere im Leben als einen Bruder….“, sagt den beiden Kindern ein Halbtoter auf ihrem nach Leipzig. Philippe Collin (Szenario) und Sébastien Goethals (Zeichnung) haben ausdrucksstarke Bilder und eine prägnante, tiefgehende und fiktive Graphic Novel erschaffen. „Das Spiel der Brüder Werner“ ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, eine ergreifende Brudergeschichte und auch kultige bundesdeutsche Fußballgeschichte. Denn am 22. Juni 1974 fand im Hamburger Volksparkstadion (im Rahmen der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft) das legendäre Fußballländerspiel zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der  Bundesrepublik Deutschland statt. Dabei kommt es auch zum Wiedersehen zweier Brüder, die sich seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen haben. Der eine arbeitet als Geheimagent im Westen, der andere im Osten für die Stasi, doch beide nähern sich an und handeln…

Fiktives, aber auf wahren Begebenheiten basierendes Familiendrama: „Das Spiel der Brüder Werner“ (Splitter Verlag). Szenario und Zeichnung von Philippe Collin und Sébastien Goethals.

„Andrax – Gesamtausgabe“ (Cross Cult)

Schön, stark und mutig – das alles und noch viel mehr ist Andrax. Im Jahr 1973 wurde der wackere (Zehn-)Kämpfer als „Kronan“-Ersatz für das Comic-Magazin Primo geschaffen. Mit Erfolg. Die Endzeit-Fantasy-Saga  aus der Feder von Peter Wiechmann (Autor) und Jordi Bernet (Zeichner) lief bis zum Jahr 1976 in insgesamt 26 Episoden umgesetzt. Kürzere, teilweise unter demselben Titel erschienene Stories, wurden zusammengefasst wurden. Nun feiern der clevere und muskulöse Action- und Science-Fiction-Schwertschwinger und sein kampfeslustiger Begleiter Holernes ein spektakuläres Comeback. In einer 740-seitigen, limitierten und bereits vergriffenen Gesamtausgabe. Ein voluminöser, stabiler und (gefühlt) zentnerschwerer Hardcover-Prachtband, der echten Fans und Nostalgikern viele feuchte Comic-Träume beschert. Und die träumen beispielsweise von außerirdischen Schönheiten und fiesen Untoten, von schicksalhaften Begegnungen und mysteriösen Rätseln. Von (alb-)traumhaften vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Epochen, die in „Andrax“ nebeneinander existieren.

„Valerian und Veronique: Hinter der Zeit“ (Carlsen Verlag)

Valerian und Veronique sind Ikonen der Comic-Kultur. Ende 1967 wurde die erste Geschichte Der erfolgreichen französischen Science-Fiction-Comic-Serie (von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières) veröffentlicht. Seit Mitte 2017 (und dem Kinofilm „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“) dürften sie auch Nicht-Comic-Kennern bekannt sein. Zahlreiche bunte, funkelnde, vielfältige und actionreiche Stories über die beiden sexy und cleveren Raum-Zeit-Agenten sind im Laufe der Zeit erschienen. „Valerian und Veronique: Hinter der Zeit“ ist die neueste Bündelung. Der schöne Hardcoverband fusioniert die beiden Bände „Souvenirs der Zukunft 1 & 2“ in einem 112-seitigen Doppelband. Es sind episodenhafte, unterhaltsame und individuelle Spotlights auf frühere Geschehnisse, die aus etwas anderer Perspektive erzählt werden. Viele bekannte und skurrile Figuren und Charaktere tauchen darin auf bzw. treiben dort ihr Unwesen. Kurzweilige Bettlektüre, die Lust auf ein Wiederlesen der längeren, ausufernden V&V-Geschichten macht.

„QualityLand – Band 1“ (Voland & Quist)

Mit seiner millionenfach verkauften „Die Känguru-Trilogie“ (Roman, Hörbuch, Film etc.) wurde Autor, Poetry-Slammer, Musiker und Kabarettist Marc-Uwe Kling zum Star. Anstatt eines anarchistisch-kommunistischen, faulen und schnorrenden Beuteltiers, ist die Hauptfigur in „QualityLand“ ein desillusionierter Maschinenverschrotter. Peter Arbeitsloser versucht in einer absurden Welt, die von Digitalisierung, Algorithmen und Konsum beherrscht wird, zu überleben. Einer krisengeplagten Welt, in der ein Android versucht der erste nicht menschliche Präsident zu werden und Tech-Konzerne den Alltag bestimmen. Auch die Graphic Novel „QualityLand“ ist (wie Roman und Hörbuch, eine Fernsehserie ist in Arbeit) voll beißender, düsterer Systemkritik. Die Zeichnungen des US- Comiczeichner Zachary Tallent wirken kalt, glatt und leblos. Wenn so (oder nur ähnlich) unsere Zukunft aussieht, möchte ich nicht darin leben.

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