20 Jahre Haifischbar: Kuschelig, ehrlich und „kiezig“

Der Braunschweiger Autor Torsten "Toddn" Kandziora im Interview über sein „Haifischbar Buch“

Barkeeper Toddn begegnete in der Haifischbar seiner vermeintlichen Traumfrau und Boxlegende Graciano „Rocky“ Rocchigiani. Foto: Privat / Yvonne Salzmann

Braunschweig war früher eine deutlich rauere und ungezähmtere, dreckigere und gefährlichere Stadt als heute. Es gab eine vielfältige Klub- und Gastronomieszene mit interessanten Künstler-Persönlichkeiten, die sich darin bewegten und kreativ auslebten. Einer davon war Torsten „Toddn“ Kandziora. Ein umtriebiger, leidenschaftlicher Konzertveranstalter der zahlreiche regionale, nationale und internationale Bands, überwiegend aus dem Rock’n’Roll- und Punk-Spektrum, auf die Braunschweiger Bühnen brachte. Seine stürmische Szene-Vergangenheit verarbeitet er nicht nur in grafischen Arbeiten, Zeichnungen, Malereien und Siebdrucken, sondern auch in verschiedenen Büchern. Sein neuestes Werk ist das „Haifischbar Buch“, in dem er seine geballten Erinnerungen aus den ersten drei Jahren der Bar in der Wallstraße 22 beschreibt. Am 21. Februar, 20 Uhr, liest er dort aus seinem Buch. Szene38 sprach mit dem 55-jährigen Autor, Künstler, Verleger und Veranstalter.

Toddn, was ist das besondere an der Haifischbar?

Die Alleinstellungsmerkmale der im Februar 1998, also vor 20 Jahren eröffneten Haifischbar, ist sicher die maritime Inneneinrichtung, die der Designer Korea erschaffen hat. Außerdem die Umsetzung vieler kreativer Ideen. Livekonzerte, Lesungen und andere Events.

Wie würdest du die Atmosphäre in ein paar Sätzen beschreiben?

In den ersten drei Jahren waren wir alle eine Familie: Die Betreiber, Crew, Gäste und auftretenden Künstler. Die Nachbarn kamen auf ein Bier vorbei. Die Damen von „Nebenan“ aus der Bruchstraße auf einen Plausch. Unsere Haifischbar war nett, kuschelig, ehrlich und „kiezig“.

Welche Rolle spielte diese in deinem Leben bzw. was hast du dort getrieben?

Eine drei Jahre währende, viel zu kurze Rolle spielte sie in meinem Leben und was ich dort „getrieben“ habe. Schwamm drüber.

Du standest hinter und vor der Theke. Was macht einen guten Barkeeper aus?

Ich habe mal im Kottan in der „Leo“ auf einem veranstalteten Konzert von mir einen Barkeeper aus New York kennen gelernt, der auch Sänger in einer damals angesagten Band war. Er hatte im Sommer zuvor an einer Elite-Uni einen Abschluss in Psychologie gemacht und freute sich, das er seinen Traumjob hinter der Theke einer Szenebar in Manhattan bekommen hatte. Dort bekam er ein Festgehalt von 250 Dollar für eine Acht-Stunden-Schicht. Er meinte, sein Trinkgeld wäre höher. In guten Nächten würde er deutlich mehr als fünfhundert Bucks machen. Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Da war der Dollar was wert. Sagen wir mal so: Einen guten Cocktail, den kann fast jeder nach kurzer Zeit zurecht schütteln, aber sich auf seine Gäste mental einzulassen, ihnen zuzuhören, die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden, so dass diese mit einem „guten Gefühl“ den Laden verlassen, dazu gehört was.

Was sind und waren deine Lieblingsdrinks?

Der klassische „Screw-Driver“ (Wodka mit Orangensaft). Noch heute. Hätte Lemmy den zwanzig Jahre eher zu schätzen gewusst, dann würde er vielleicht in diesem Jahr noch in Wacken auftreten. Dann der „Saure Hai“. Ist klar. Und natürlich Bier, Bier und noch mehr Bier! Das gute.

Wie lautet dein Trink- und Feier-Ratschlag für Nachtschwärmer und Barfliegen?

Nun, bevor es losgeht erst einmal eine Dose Ölsardinen essen. So als Grundlage für kommende Schnäpse. Und ganz wichtig: Zu wissen, wann der Zeitpunkt zum Gehen gekommen ist. Wer mag schon wirklich den Bukowski machen wollen und sich in der Bar seines Vertrauens daneben benehmen.

Was waren die besten Konzerte?

Die stehen im Buch. Viele der damals auftretenden Bands kennt die neue Ausgehgeneration sicher gar nicht. Velvetone aus Bremen. Die Turn Marshalls aus Berlin. Jansen aus Hamburg. Das erste Weihnachtskonzert von The Twang.

Wie fanden die auftretenden Künstler die Haifischbar?

Bestens.

Was waren die schönsten und was die schlimmsten Erlebnisse, die du dort gemacht hast?

Schöne Moment gab es, Gott sei gedankt, mehr als schlechte. Die Haifischbar war damals recht stressfrei. Nur selten gab es richtigen Ärger im Laden. Wenn, dann konnte es aber krude werden. Einmal war eine Gruppe „Typen“ im Laden, die hatten sonderbare Vorstellungen davon wie Mann Frauen kennenlernt. Ich sag mal so: Das war kein Spaß. Als ich über die Theke sprang, um einzuschreiten, hatte ich plötzlich den Lauf einer Pistole im Gesicht. Selbst wenn das nur eine Schreckschusspistole gewesen sein sollte. Wenn dir der Mündungslauf die Backe eindrückt, dann machst du keinen Mucks mehr. Das ist so. Das war in dem Moment ein echt mieses Gefühl. Nichts tun zu können. Das ist es heute noch. So einen Scheiß vergisst man nicht.

Welche weiteren Begegnungen wirst du nie vergessen?

Die mit meiner augenscheinlichen Traumfrau. Die kam eines Nachts im roten Samtkleid und mit langer, blonder Lockenpracht die Treppe herunter geschwebt wie einst Nancy Sinatra im Musikfilm „Speedway“ zu Elvis. Sie ging mit einem Lächeln auf mich zu und bestellte mit rauchig-sanfter Stimme, über die Theke hinweg, einen Zombie (Rum-Brandy-Cocktail). Sie trank noch zwei weitere und knutschte dann, mal hier mal dort, die Theke runter. Ich revidierte die Vorstellung meiner Traumfrau in dieser Nacht und sehe Blond seitdem in einem anderen Licht. Dann gab es da noch die Begegnung mit Boxlegende Graciano „Rocky“ Rocchigiani der im rosa Armani-Anzug eines Nachts mit mehreren Bodygards in den Laden schlenderte – und von mir keinen Schnaps bekam. Das ist jedoch eine andere Geschichte. Von der werde ich bei meiner Lesung berichten.

Wie verändert das Nachtleben die Menschen?

Die Gesundheit wird im Nachtleben sicherlich nicht besser. Damals wurde in Bars, Clubs und Diskotheken noch geraucht. In einer 60qm Bar, in der jeder qualmt, als würde morgen das Tabakverbot ausgesprochen, in der befindet man sich naturgemäß in keinem Luftkurort. Und dann natürlich die Psyche. Die muss schon einiges aushalten können. Die springt von einem Extrem zum anderen im Quadrat.

Wann und warum hast du in der Haifischbar aufgehört?

Nach drei Jahren habe ich aufgehört. Warum? Tja.

Früher galt das Rotlicht-Viertel um die Haifischbar als Territorium, das man besser meiden sollte. Wie hat sich die Gegend über die Jahre verändert?

Nach meinem Abgang aus der Haifischbar bin ich nur noch selten in der Innenstadt, bzw. in der „Friewie“, „Leo“ oder Wallstraße unterwegs. Ich selbst musste in all den Jahren nur einmal mit angeknackster Nase in ein Krankenhaus. Da hatte ich wohl Glück oder kannte die richtigen Leute. Zudem sind die damaligen Läden, in denen die Szene sich austobte zum großen Teil nicht mehr existent. Das Kottan und Flex in der Leopoldstraße. Die LuLu Bar, Kaffee Zentral, Bar Deluxe, das Liro Dando und der Tempel. Überlebt haben die Haifischbar und die Silberquelle. Was auffällt, dass sind all die ähnlichen Restaurants, die das gleiche anbieten. Die vielen Handyläden und Hotels. Gibt es eigentlich noch einen Imbiss in der City wie früher Heiss & Kalt? So mit Currywurst und Pommes. Wo du für eine schmale Mark eine Flasche Wolters und einen Kurzen als Gedeck zu Eisbein und Sauerkraut bekommen hast? Ich glaube nicht. Vielleicht sollte ich heute so einen Imbiss mal in die Wege leiten. Ich denk drüber nach. Aber wenn, dann nur vegane Currywurst und glutenfreies Bier. Man will ja nicht am Zeitgeist anecken. Ist so. oder?

Wie nimmst du die innerstädtische Veränderung der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten wahr?

Lass uns ein Buch schreiben. Und dieses mit soziologischen, psychologischen, philosophischen, kulturell-ethischen, wirtschaftlichen und ökologischen Definitionen über städtische Veränderung füllen. Städte verändern sich. Ich sag mal so: Schöne, alt-römische Bauwerke können heutzutage in Griechenland und Spanien besichtigt werden. Weniger in Rom. Ich bin kein Freund von Kommerz und Vetternwirtschaft, ich mag das glattgebügelte, das sachlich-funktionelle nicht und ich kann mich nicht gut mit der heutigen Gastro-Oligarchie anfreunden. Daher bin ich nur selten in Braunschweig. Schon schade. Eigentlich.

Was kann man am 21. Februar auf deiner Lesung erwarten?

Beginnen wird meiner Vorband Alex Schlagowski, eine schreibende Freundin von mir. So wird es schon recht frivol losgehen. Ich denke mal, ich werde mich während der Lesung hoffnungsvoll betrinken und solange aus den wilden, verstrahlten und glorreichen Sumpfzeiten berichten, bis die ersten Zuhörer vor lauter Begeisterung nicht mehr an sich halten können, mich mit Geld, Gold und Glücksbekundungen überschütten und ich glücklich, erschöpft und finanziell gestärkt auf den Tresen auf meinen muskulösen Unterarmen einschlummere. Wie in guten alten Zeiten. Für unser aller Gleichgewicht werden reichlich Elektrolyte in Form von Erdnüssen, Chips und Würmern gereicht. Hoffe ich doch. Ist auch wichtig.

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