"Früher wurde freitags getanzt als gäbe es keinen Morgen mehr" - Gordon Hollenga – Szene38
3. April 2014
Kolumnen

„Früher wurde freitags getanzt als gäbe es keinen Morgen mehr“ – Gordon Hollenga

Gordon Hollenga von den Disco Boys aus Hamburg. Foto: Timo Schneider

Gordon Hollenga von den Disco Boys spricht Klartext:

Thank God It’s Friday? Bloody hell! Was ist passiert? Früher wurde freitags das Wochenende eingeläutet und getanzt, als gäbe es kein Morgen mehr (im seligen Opera House sogar schon donnerstags). Heute herrscht im Nachtleben in der ganzen Republik gähnende Leere. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die bestätigen nur die Regel: Der Freitag hat es schwer!

Ich ziehe meinen Hut vor allen Veranstaltern, die mit viel Liebe und Kreativität versuchen, den Freitag wieder zu beleben. Aber tatsächlich hängt der Patient am Tropf und pfeift aus dem letzten Loch. Dass sogar Moonbootica dem Freitag in Hamburg einen Laufpass erteilt hat, bestätigt diesen traurigen Trend: Das Ausgehverhalten hierzulande konzentriert sich auf Sonnabend. Klar, die Samstagnacht war immer schon die große Schwester mit mehr Zulauf und Exzess. Aber was hat der Freitag nur getan, dass er so krass vernachlässigt wird? Natürlich: Dank Facebook ist man überall dabei – ohne Anwesenheitspflicht. Man kann mitreden, ohne da gewesen zu sein und verpasst nichts mehr.

Existiert die Menschheit bald nur noch virtuell? Nach dem Motto: Zuhause ist es eh am schönsten und ungefährlichsten. Gegen Langeweile hilft surfen. Irgendwann werden wir nur noch Muskeln in den Fingern haben, während der Rest des Körpers vom vielen Sitzen verkümmert ist. „WALL·E“ lässt grüßen. Warum soll man auch rausgehen? Es surft sich doch viel besser von der heimischen Couch, wo der WLAN-Anschluss wartet. Volle Bandbreite voraus! Ist schließlich bezahlt!

Wer seine vier Wände verlässt, guckt eh nonstop, was gerade woanders so los ist. Ein jeder starrt auf das Leuchten in seiner Hand, wartet darauf, dass sich die Seite öffnet und verpasst das wirklich wahre Leben. Manchmal sollte man aber auf die Straße schauen, sonst kracht’s oder der Bus nimmt einen mit – mit der Stoßstange. Früher mussten wir runter vom Sofa, um unsere Leute zu treffen, um zu tratschen, Spaß zu haben, etwas zu erleben, rein in die Kneipe. Heute ist von Angesicht zu Angesicht Old-School und damit out! Wie ich aussehe, siehst Du auf meinem Profilbild! Körperkontakt ist außerdem zu gefährlich wegen der Viren! Und überhaupt: Es ist ja alles online!

Ich prophezeie, dass dieser technische Segen nach hinten losgehen wird. Smartphones sind gerade dabei, uns zu einsamen, mundtoten, sozial gestörten und depressiven Psychopathen werden zu lassen. Wir sind längst abhängig von den kleinen Zeitfressern und das Leben rast vorbei.

Marteria sprechsingt wie es ist:

„In der guten alten Zeit war’n alle Donnerstags schon breit  / Ich sitz‘ auf’m Sofa, rauch das ganze Zeug allein /
Alle sind jetzt treu, niemand geht mehr raus / Keiner kämpft mehr bis zum „Endboss“, alle geben auf /
Jeder geht jetzt joggen, redet über seinen Bauch / Bevor die „Lila Wolken“ kommen, sind alle längst zuhaus‘ „

Eine Folge dieser schönen neuen Welt wird sein, dass irgendwann niemand mehr vor die Tür gehen muss – und schon gar nicht freitags. Viele, wenn nicht alle Clubs sperren vermutlich in naher Zukunft nur noch samstags ihre Türen auf. Vorbei wären dann die Zeiten musikalischer Diversifikation. Ist vermutlich egal, da in vielen Läden schon heute höchstens noch Einheitsbrei geboten wird – und zwar vom Warm Up über die Peak Time bis hin zum finalen Rausschmeißer und der Zugabe. War ja klar, dass Avicii als letztes Lied „Wake Me Up“ spielt, oder? Was soll ich da, wenn alles so dermaßen vorhersagbar ist?

Diese traurige Entwicklung hat  aber noch mehr Gründe. Schließlich ist heute jeder wahnsinnig wichtiger Universalist. Man ist Fotograf, Bildbearbeiter, Cutter, Regisseur, Musikproduzent, DJ, Reisebüro, Restaurant und Hotel-Tester in Personalunion. Da bleibt einfach keine Zeit mehr für zwei Abende Zerstreuung die Woche! Auch die verlängerten Ladenöffnungszeiten tun ein Übriges, um der Freitagsfeierei den Garaus zu machen. Wer freitags um 20 Uhr die Boutique ab und sie samstags um 9 Uhr wieder aufschließt, ist entschuldigt. Aber alle anderen? Macht die Geräte aus, und geht aus dem Haus. Ihr werdet überrascht sein, wie befreiend das ist und wie viel ergiebiger.

Zur Motivation haben wir eine Hommage an den ehemals schönsten Wochentag verfasst. „Friday“ ist exklusiv zu hören auf dem Album „The Disco Boys – Volume 14“. Und am Freitag, dem 11.04.2014 ab 23 Uhr im Uebel und Gefährlich. Kommt alle und straft mich Lügen – denn: Dieser Tag darf nicht sterben. Rettet mit uns den Freitag auf St. Pauli!

Peng! Peng! Peng!

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