Besinnungslos Brumm-Brumm – Szene38
2. September 2013
Kolumnen

Besinnungslos Brumm-Brumm

Neulich in der Fitnessstudio-hölle: „Entschuldigung, vielleicht können Sie mir helfen. Bewegen sich die Pedale hier automatisch, oder muss man da selber treten?“, fragt mich ein junger Zopfträger, auf einen Stepper deutend. Etwas ungläubig schaue ich ihn an. Einige Sekunden vergehen, bevor ich verlegenheitslächelnd lüge: „Äh, ja logisch, alles automatisch, einfach draufstellen.“ Da steht der Arme, federt ein bisschen und wartet und wartet. Manchmal muss Strafe einfach sein. Manchmal aber auch nicht – um von dieser Intro-Anekdote mal zum eigentlichen Thema überzuleiten: der Situation des Radfahrers in Braunschweig. Gerne stellt die Polizei im Rahmen umfangreicher Kontrollaktionen sicher, dass ein jeder Radler funktionstüchtiges Vor- und Rücklicht parat hat – auch an Hochsommertagen, mittags um zwölf. Begründet wird das strikte Vorgehen, bei dem auch das Fahren in die falsche Richtung Geldbußen nach sich zieht, mit Unfallstatistiken, die den Radfahrer als gewichtige Gefahrenquelle im Straßenverkehr ausweisen. Abgesehen davon, dass ich Statistiken mit notorischem Misstrauen begegne, ist meine tagtäglich beobachtete Wahrheit eine andere. Und das nicht nur aufgrund zuletzt zweimaligen Beinahe-Überfahren-Werdens. Wir leben in Brummschweig. Das Auto, als Statussymbol laut einem Politmagazin auf dem absteigenden Ast, ist in unserer Region nicht nur das Maß der Dinge. Auch das Fehlverhalten der Karosseninsassen scheint eher höher als das der Zweiradfahrer. Wer dafür einen Beleg benötigt, verweile einfach mal an der Kreuzung Petritorwall/Celler Straße. Dass das Schild „Bei Rot bitte hier halten“ einige Meter vor der Ampel gern und oft übersehen wird, ist eine Sache. Dass Autofahrer bei Rotlicht gleich komplett durchbrettern – in letzter Konsequenz sicher nicht ungefährlicher als Fahrradfahren ohne Licht –, eine andere. Richtig toll wird es, wenn Pkw-Fahrer, die im Unrecht sind, ihre Besinnungslosigkeit durch lauthals entgegengebrüllten Stuss demonstrieren müssen. „FUSSWEG!“, böllerte mir – auf kombinierter Fuß- und Radwegpiste unterwegs – neulich ein rechtsabbiegender Touran-Lenker bei Tempo 60 durchs geöffnete Fenster entgegen. Dann doch lieber Leute, die nicht wissen, ob sie die Pedale treten müssen. André Pause

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