Goodbye Brain Klub!

Das große Abschiedsinterview mit Brain-Betreiber Ulrich Schwanke

Der Brain Klub am Bruchtorwall war 23 Jahre lang einer der wichtigsten Treffpunkte, Anlaufstellen und Impulsgeber des Braunschweiger Nachtlebens. Foto: Christian Göttner.

23 Jahre Nightlife zwischen gemütlichem Chillout und exzessivem Abriss. Zwischen Ersatz-Zuhause und einem Ort spiritueller Begegnungen. Zwischen unvergesslichen Konzerten und einzigartigen DJ-Sets regionaler, nationaler und internationaler Künstler. Der Brain Klub am Bruchtor wall ist ein essentielles Stück Braunschweiger Feier-Geschichte. Hier konnte man so sein, wie man wollte. Die dunklen Nächte stundenlang schweißtreibend durchfeiern und bei Sonnenaufgang durch die schwere Metalltür in einen neuen Tag torkeln. Hier konnte man jedes Wochenende wieder etwas „in echt“ erleben. Am 30. Oktober 2018 schließt der legendäre Laden für immer. Szene38 sprach exklusiv mit Brain-Betreiber Ulrich Schwanke über aufregende Jahre und warf auch einen Blick in die Zukunft.

Ulrich Schwanke und sein Partner Joachim Berger haben das Brain mit neuen Konzepten und Musikstilen immer wieder neu erfunden und neue Generationen von Klubgängern gewonnen. Foto: Christian Göttner.

 

Ulrich, wann und warum hast du mit deinem Partner Joachim damals das Brain, im ehemaligen Line, eröffnet?

Wir haben den Laden am 2. März 1995 von Reiner Rieger übernommen. Joachim und ich hatten die Jahre davor schon zusammen in einem anderen Laden gearbeitet, der hieß Kravczuk und war „Der“ Grunge- und Crossover-Laden hier in der Gegend. Erst als Tanzklub in Braunschweig, dann in Wolfenbüttel auch mit vielen Konzerten. Deswegen wurde uns auch überhaupt das Line angeboten. Das nötige Geld haben wir uns dann bei Familie und Freunden geliehen und schon ging´s los…

Was war damals euer gastronomisches und musikalisches Konzept und wie sich dieses über die Jahre verändert?

Wie gesagt, es waren ganz andere Zeiten musikalisch und gastronomisch und so sind wir auch mit einem Crossover, einem gemischten Konzept gestartet. Da lief alles möglich in einer Klub-Nacht: langsamer Trip Hop wie von Massive Attack oder Portishead, Breabeats wie Prodigy oder Chemical Brothers, aber auch Punk-Klassiker und Sachen wie Nirvana, Rage against the machine und Red Hot Chili Peppers. Damals hat ein DJ immer eine komplette Nacht aufgelegt! Wir haben aber auch schon immer spezielle Themenabende gemacht: Jungle Partys ab 1995, Techno Specials und auch Soul Niter.

Wie wichtig war das Brain für die Stadt und für die Region?

Wie wichtig kann ein kleiner Klub sein? Das ist individuell doch sehr verschieden. Für einige sehr, sehr wichtig, eine Art Ersatz-Zuhause, ein Refugium, ein Ort spiritueller Begegnungen. Für andere ist es hingegen völlig egal, ob so ein Laden existiert oder nicht, da stört man eher. Da bin ich Realist.

Brain Klub
Die letzten zwei Wochen des Brain Klubs sind angebrochen. Foto: Veranstalter.

 

Auf was seid ihr beide besonders stolz? Und was hättet ihr rückblickend vielleicht anders machen sollen?

Besonders stolz sind wir wohl auf die Tatsache, dass wir es so lange geschafft haben den Laden wirtschaftlich funktionierend zu betreiben. Natürlich hatten wir unsere Aufs und Abs, aber wir haben uns immer wieder neu erfinden können und immer wieder neue Generationen von Nightlife-Freaks gewinnen können. Auch darauf, dass wir den einen oder anderen inzwischen hochkarätigen Musiker und Produzenten inspirieren konnten, sich ganz der Musik zu verschreiben, sind wir stolz.

Was waren die einzigartigsten, prägendsten und ungewöhnlichsten Ereignisse mit dem Brain Klub?

Oh, das ist schwierig, da war so vieles. Großartige Shows waren Mandrill, Clueso noch in Hip-Hop Formation, Netsky war grandios, die Lesung von Mr. Nice spektakulär, beeindruckt hat uns Le Hammond Inferno, Rocko Schamoni und viele andere.

 

Was waren Erlebnisse, auf die ihr nicht so gerne zurückblickt?

In der Rangliste führt ganz klar die Razzia vor einigen Jahren. Da sprach die Polizei ja von „Zeichen setzen“, allerdings haben sie uns nicht mitgeteilt, was das Zeichen denn so bedeuten soll. Kein Gespräch davor, keines danach – das war schon sehr enttäuschend. Schließlich haben wir uns nichts zuschulden kommen lassen und standen hinterher mit den schmalen Umsätzen da.

Wie hat sich die regionale Klub-Kultur in den letzten zwei Jahren allgemein gewandelt?

Da hat sich sehr viel getan, unter anderem hat sich auch hier die allgemeine Digitalisierung stark bemerkbar gemacht. Bei den Gästen, in der Werbung für Events und auch bei den DJs. Mit Vinyl und CDs haben wir angefangen, heute ist die Datei das häufigste Medium zum Musik abspielen. Die Schallplatte hatte zwar ein Comeback, aber die Datei (möglichst kein MP3….) ist letztlich uneinholbar. Einfach zu praktisch.

Wie würdest du die heutigen Klub-Gäste beschreiben?

Die sind nach wie vor jung und wollen etwas „in echt“ erleben, mit realen Menschen sprechen, nicht online chatten, da hat sich im Grunde nicht so viel getan. Man ist heute natürlich viel Event-orientierter als früher, da hatte man eher so Stammläden, in die man einfach immer gegangen ist. Ich denke, heute sind die Leute da flexibler.

Was passiert in den letzten zwei Partywochen vom 19. Oktober bis 30. Oktober im Brain Klub?

In den letzten zwei Wochen haben wir uns viele lokale DJs eingeladen, auch solche, die vor längerer Zeit bei uns gespielt haben. Wir lassen die eine oder andere Partyreihe noch einmal aufleben, um auch unserer musikalischen Vergangenheit Respekt zu zollen. Letztlich ist jetzt jeder Abend ein Abschiedsabend, ein letztes Mal, und dementsprechend intensiv sind auch die letzten Öffnungstage gewesen. Viele alte Gäste und Freunde kommen nochmal vorbei, um mit uns anzustoßen und um nostalgisch in die Vergangenheit oder neugierig in die Zukunft zu schauen. Tolle Gespräche! Alle sind sehr nett und respektvoll, wir bekommen viel  positives Feedback zu unserer Arbeit der letzten Jahrzehnte. Dass wir die Leute auch nach 23 Jahren noch emotional erreichen, macht uns auch ein bisschen stolz. Scheinbar ist das Brain den Leuten nicht völlig egal.

 

Wie schwer fällt dir der Abschied?

Mir fällt der Abschied nicht wirklich schwer, denn ich verlasse ja nicht die Stadt oder das Land. Wir sind weiterhin da und auch das Thema Rave, Nightlife, Party ist für uns noch nicht erledigt.

Was sind eure aktuellen und zukünftigen Projekte?

Joachim Berger und ich machen nach wie vor die Haifisch Bar und die Okercabana und natürlich unsere Off-Location-Veranstaltungen. Wir machen immer noch die Blauhaus Partys mit den Monofon-Jungs und haben auch schon ein paar frische Ideen und Locations für neue Konzepte und Umnutzungen in der Pipeline. Watch out!

Werdet ihr irgendwann noch einmal einen Klub eröffnen?

Einen festen Klub werden wir erst mal nicht eröffnen. Auf Pop-Up-Klub-Geschichten haben wir – wie gesagt – nach wie vor große Lust. Hängt allerdings auch immer auch von geeigneten Locations und Gelegenheiten ab. Wir freuen uns auf die frische Luft!

^