ZETA – authentischer Rap aus Braunschweig – Szene38
12. März 2020
Film & Musik

ZETA – authentischer Rap aus Braunschweig

Hier kommt aktuelles intellektuelles Gegengift zum oberflächlichen Mainstream- und Poser-Gangsta-Rap – Johannes alias ZETA im Interview

ZETA ist Rap mit Anspruch und Tiefgang. Der Name ist ein Akronym und steht für „Zeitlose Elaboration Totaler Authentizität“. Foto: Manuel Puhl

Gesellschaftskritisch, grenzüberschreitend und gut am grooven. Intellektuell und dennoch verständlich. Schräg und doch eingängig. Der Braunschweiger Rapper ZETA  (Zeitlose Elaboration Totaler Authentizität) vereint die Gegensätze und sprengt mit seinem Sound, den Texten und originärer Ästhetik szene-begrenzende Schubladen. 2 Meter groß, 120 Kilo schwer und nirgendwo dazugehörend geht und dreht Johannes seinen ganz eigenen Hip-Hop-Film. Kapitel 1 der „Z.E.T.A.“- EP-Reihe hat er nun eröffnet. Teil davon ist „Kraken“, die dunkel-abgründige Single inklusive atmosphärischen Video. szene38 führte ein ausführliches Interview mit dem Wortakrobaten.

Johannes, wie, wann und warum bist du zum Hip-Hop gekommen?

Im Prinzip so ziemlich mit meinem ersten Atemzug. Es war Mitte der 90er, die goldene Ära im HipHop war in vollem Gange, mein deutlich älterer Bruder war komplett auf dem Rap-Film und ich in der Folge zwangsläufig auch. Es ging vor allem um Rap aus den Staaten: Mobb Deep, Mos Def, A Tribe Called Quest, Xzibit, Busta Rhymes, …. Mein Bruder übersetzte mir die Texte und schwärmte von der rohen Authentizität und Unmittelbarkeit der Inhalte.

Alle Hände hoch: ZETAs Sound verbindet die Werte der alten Schule (Originalität, Handwerk, Inhalt) mit Elementen aktueller Soundästhetik (Melodik, Eingängigkeit, Bass). Foto: Yanik Stark

Wie würdest du dich in ein paar Worten beschreiben?

Als jemanden, der sich mit Selbstbeschreibungen schwer tut. (lacht) Spontan würde ich sagen: ich bin Denker und Macher zugleich. Ich kann stundenlang über ein Thema philosophieren, aber auch ordentlich anpacken.

Wie würdest du deinen Sound charakterisieren?

Mein Sound verbindet die Werte der alten Schule (Originalität, Handwerk, Inhalt) mit Elementen aktueller Soundästhetik (Melodik, Eingängigkeit, Bass) und vereint so das Zeitlose mit dem Zeitgemäßen. Und genau das ist der Anspruch: Musik machen, die Trend unabhängig ist und auch in 10 Jahren noch eine Daseinsberechtigung hat.

Was ist das Besondere an dir bzw. was sind deine Alleinstellungsmerkmale?

Das Besondere an mir ist, dass im deutschen HipHop einen neuen Raum schaffe: ich bin weder Gangsta- noch Studentenrapper, weder Oldschool-Nazi noch Trap-Paradiesvogel. Meine Musik und meine Inhalte stehen stellvertretend für alle, die sich in keiner der gängigen Schubladen zuhause fühlen. Und davon gibt es viele! Im Jahre 2020, in einer völlig globalisierten Welt mit quasi unlimitiertem Informationszugang, gibt es eben nicht mehr die „eine“ Identität. In meiner und den nachfolgenden Generationen gibt es nur noch Hybride.

Kritischer Blick über Szene-Grenzen: ZETAs Musik und seine Inhalte sollen all jene ansprechen, die sich in keiner der gängigen Schubladen zuhause fühlen.Foto: Manuel Puhl

Von wem oder was lässt du dich für deine Texte inspirieren?

Alles, was ich sehe, höre und erlebe ist direkte Inspiration für meine Texte. Der Name ZETA ist ein Akronym und steht für „Zeitlose Elaboration Totaler Authentizität“. Genau das ist Programm: meine tägliche Erlebnis- und Gedankenwelt spiegelt sich direkt und ungeschnitten in meiner Musik wider.

Was sind wiederkehrende Themen, die du reflektierst?

Im Prinzip ist kein Thema vor mir sicher. (lacht) Dinge, die aber immer wieder auftauchen sind gesellschaftliche Missstände, Digitalhysterie und Selbstdarstellungswahn, Selbstreflexion und Storytelling. Manchmal geht es allerdings auch einfach nur darum, den Vibe anzunehmen und mit dem Beat zu verschmelzen – die Stimme wird zum Instrument.

Du hast vier thematisch abgeschlossene, aber vernetzte EPs veröffentlicht. Was ist die Idee dahinter?

Die Idee dahinter ist ein Gesamtwerk (die Z.E.T.A. EP-Reihe), das sich aus vier unabhängigen, aber dennoch zusammengehörigen Fragmenten zusammensetzt und die Persona ZETA in ihren verschiedenen Facetten zeigt. Vernetzt sind die Fragmente, weil sie alle untrennbar in ZETA verankert sind und zugleich eine Reise, eine Art Persönlichkeitsentwicklung und einen Lern- und Reifeprozess abbilden. Die Fragmente stehen für verschiedene Grundcharakterzüge, die an die altgriechische Temperamentenlehre angelehnt sind. Diese Lehre der Antike unterscheidet zwischen phlegmatischen (=Passivität, Lethargie), melancholischen (=Sentimentalität, Emotionalität), cholerischen (=Ausbruch, Zerstörung) und sanguinischen (=Leichtigkeit, Humor) Menschen. Die Message der EP-Reihe ist: niemand ist nur eins davon – alle sind alles. Identitäten sind komplex und teilweise widersprüchlich. Die Zeit für Eindimensionalität ist längst vorbei – das muss überall ankommen. Gerade Rap hat da noch Nachholbedarf.

Du hast zudem sehr aufwändige Videos produziert. Vor allem „Kraken“ ist aufsehenerregend. Wie ist der Clip entstanden? Inwieweit warst du im Produktionsprozess integriert?

Da wird sich das gesamte Videoteam und besonders Julian Richberg (Skript und Regie) und Elias Köhler (Kamera) freuen! Zu deiner Frage: das gesamte Projekt inklusive der Videos ist komplett selbstorganisiert und – finanziert. Im Bezug auf die Videos war ich also bei allen Schritten von der Konzeption über die Organisation, Produktion und Durchführung unmittelbar dabei. Alleine hätte ich das aber natürlich nicht schaffen können. Ich habe das Glück, auf allen Ebenen mit extrem talentierten und aufgeweckten Menschen zusammenarbeiten zu können. In der Realisierung des gesamten Projekts hat sich ein richtiges Team herausgebildet. Allen voran ist mein Produzent, derkalavier, zu nennen, mit dem ich diese EP-Reihe in enger Zusammenarbeit ins Leben gerufen habe – von der Musik bis hin zum administrativen Teil und anderem Drumherum.

Bist du ein Horrorfilm-Fan? Was sind deine Lieblingsfilme und aktuellen Lieblingsserien?

Erwischt! Absolut. Horrorfilme zeigen Menschen in Extremsituationen und haben immer einen Hang zum Nicht-Normalen, zum leicht (oder auch stark) Verrückten – das sagt mir extrem zu. Aktuell bin ich von den Jordan Peele-Filmen („Get Out“ und „Us“) begeistert. Ansonsten natürlich Filme wie „The Conjuring“, „28 Days Later“, „The Shining“ und (der erste) “Saw”. Auch Horrorfilme aus Frankreich und Südkorea sind in meiner Favoritenliste.

Warum ist dir das Visuelle so wichtig?

Ich bin ein großer Musik-, aber auch Filme-Liebhaber. Beide Vorlieben in etwas Selbst-Erschaffenem zu vereinen ist für mich das Größte!

Wer sind deine musikalischen Vorbilder bzw. zurzeit deine Lieblingskünstler?

Mit dem Begriff „Vorbild“ habe ich mich immer schwer getan. Es gibt für mich keine einzelne Person, die alles richtig macht und der ich in allem nacheifern will. Vielmehr finde ich an vielen verschiedenen Personen zahlreiche Dinge interessant, die mich inspirieren. Bezogen auf Musik sind da vor allem Tech N9ne und Eminem (Amerika) und Kool Savas und später Tua (Deutschland) zu nennen – diese vier haben mich raptechnisch besonders geprägt.

Mit wem würdest du gerne mal zusammen einen Song machen?

Die Liste ist auch hier lang. Aber fangen wir doch mal mit Tech N9ne, Eminem, Kool Savas und Tua an!

Wie und wo nimmst du deine Songs auf?

Ich arbeite mit verschiedenen Produzenten zusammen und mit allen ist der Producing- und Recording-Prozess und -Ort anders. Das ist super! Dadurch wird man nicht zum Gewohnheitstier, sondern bleibt flexibel und lernt stetig dazu.

Du schreibst „dass dir kotzübel ist vom Einheitsbrei“. Wen oder was meinst du genau damit?

Es werden Unsummen in Videos gesteckt, die am Ende alle gleich aussehen, Alben aufgenommen, die man schon x-Mal gehört hat. Lieber nichts Eigenes versuchen und Zurückweisung vermeiden, indem man das macht, was schon vorher funktioniert hat. Kunst ist zum Produkt geworden und das merkt man immer stärker – da verfolge ich einen anderen Anspruch.

„Nichts als Hochstapler…“, beschreibst deine Rap-Kollegen im Text der Single „Wer bist Du?“. Was hast du gegen Gangsta-Rapper?

Gar nichts! Ich liebe Straßen- und Gangstarap, wenn er gut gemacht und – vor allem – authentisch ist. Aber genau da liegt der Punkt: Straßenrap regiert momentan deutschen Hip-Hop und schon springt wirklich jeder auf den Zug, selbst wenn die eigene Realität nichts damit zu tun hat. Das finde ich langweilig, unglaubwürdig und teilweise wirklich absurd.

Ist ZETA das intellektuelle Gegengift zum oberflächlichen Mainstream-Pop-Rap?

Kann man so sagen. Wobei mir wichtig ist, dass es nicht zu verkopft wird. Musik muss auch einfach Spaß machen. Deswegen sind mir eingängige Melodien, satte Bässe und klatschende Snares genauso wichtig wie textliche Tiefe.

Was macht für dich überhaupt einen guten Rapper aus?

Vor allem Originalität und Authentizität. Aber bei Kunst gehört für mich immer auch das Handwerk dazu. Regeln kann man erst brechen, wenn man sie beherrscht. Sonst latscht man einfach drüber – das finde ich eher ignorant als originell.

Was waren deine bislang schönsten, was deine schlimmsten Erlebnisse als Rapper?

Ich liebe Musik und ich liebe es Musik zu machen – jeder neue Song, jedes Konzert, jeder Videodreh ist ein tolles Erlebnis. Um etwas Konkreteres zu nennen: kürzlich habe ich auf dem Fridays For Future Sommerkongress gespielt. Es war toll, Teil dieses höchst relevanten und wichtigen Movements zu werden und die unbändige positive Energie der Jugendlichen zu spüren. Viele von denen hatten gar nicht viel mit Rap am Hut, haben aber Lärm ohne Ende gemacht. Als mehr oder weniger schlimmes Erlebnis habe ich meinen ersten richtigen Auftritt in Erinnerung, bei dem ich das Mikrofon zu weit vom Mund weg hielt, immer lauter brüllte und mich wunderte, warum trotz maximaler Anstrengung kein Wort ankam. Der Klassiker halt.

Wie ist deine Beziehung und Verbindung zu Braunschweig?

Braunschweig ist meine Heimat! Hier habe ich die ersten 12 Jahre meines Lebens verbracht. Der Großteil meiner Familie und alte Freunde leben in Braunschweig, sodass ich regelmäßig zu Besuch da bin.

Was sind deine kurz- und langfristigen Ziele?

Ich arbeite stetig künstlerisch an mir, möchte in allen Bereichen immer besser werden und niemals stagnieren. Gerade bin ich dabei, mir eine stärkere Infrastruktur aufzubauen. Langfristig möchte ich auf den größten Bühnen des Landes spielen, so viele Menschen wie möglich mit meiner Message erreichen und mich voll auf meine Kreativität konzentrieren können.

Wann und wo kann man dich demnächst live erleben?

Die Z.E.T.A.-EP-Reihe kann und sollte man natürlich auch live erleben! Die Termine werden in den sozialen Netzwerken bekannt gegeben.

Was machst du, wenn du nicht ZETA bist?

Ich treibe viel Sport, reise gerne, gehe ins Kino, lese und bilde mich weiter und liebe die Natur und gute Gespräche. Vor allem zwischendurch mal einen Handy freien Tag einzulegen, schafft einen guten Abstand zur ständigen Verfügbarkeit von ZETA in den sozialen Medien.

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