Serien-Herbst – Szene38
22. Oktober 2020
Film & Musik

Serien-Herbst

Die dunkle Jahreszeit kann man mit aktuellen Serien-Highlights wie „Babylon Berlin“, „A Confession“, „Il Cacciatore – The Hunter II“ oder „Vagrant Queen“ gut überbrücken

Berlin tanz im Jahr 1929 auf einem Vulkun: Kultur und Ökonomie, Politik und Unterwelt – alles befindet sich in Aufruhr, im radikalem Wandel. Auch die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ bildet das eindrucksvoll ab. Foto: S&L Medianetworx

„Babylon Berlin Staffel 1-3 “

Wenn momentan überall vor allem Entschleunigung, Stillstand und Rückzug (wegen der anhaltenden Corona-Krise) angesagt ist, dann will man Action und Ausschweifung, Unterhaltung und Exzess wenigstens auf dem Bildschirm erleben. Kaum eine Serie liefert das aktuell besser als „Babylon Berlin“ deren dritte Staffel gerade bei ARD läuft und auch auf DVD und Blu-ray als „Staffel 1-3 Collection“ erhältlich ist. Aufbruch und Aufruhr prägen das ambitionierte, bildgewaltige und opulente Vierzig-Millionen-Euro-Mammut-Film-Projekt des Autoren- und Regie-Triumvirats Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries in das rund tausend Menschen involviert waren. Der Fixpunkt ist die brodelnde deutsche Metropole in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Ein wilder, sündhafter Tanz auf dem Vulkan (in den Nachtklubs) und ein Überlebenskampf auf den rauen Straßen. Exzess und Luxus treffen auf Armut und Perspektivlosigkeit. Überall Kontraste. Überall Abgründe. Alles befindet sich im Auf- und Umbruch: Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt. Mittendrin in diesem Wirbel: Der hartnäckige, aber auch von den Dämonen seiner Vergangenheit geplagte Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch). Der jagt diesmal ein Phantom im schwarzen Umhang während die Nazis an ihrem Aufstieg zur Macht arbeiten. Dazu werden der Börsenkrach und der Niedergang der Republik thematisiert. Viel Stoff, Handlungsstränge und starke deutsche Schauspieler (unter anderem  Liv Lisa Fries als die kecke Charlotte Ritter, Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann, Ronald Zehrfeld und Meret Becker) machen „Babylon Berlin“ zu einer der wichtigsten, abwechslungsreichsten und kurzweiligsten Serien der vergangenen Jahre.

„Vagrant Queen“

Girl-Power im Weltall! Jane Fonda reiste als Astronautin „Barbarella“ bereits im Jahr 1968 durch die unendlichen Weiten der Galaxis und erlebte dort zahlreiche Abenteuer. Die Grundlage für das aufwendige, bonbon-bunte und toll ausgestatte Science-Fiction-Pop-Art-Märchen lieferte ein gleichnamiger Comics des französischen Zeichners Jean-Claude Forest, der bereits 1962 in einem französischen Magazine veröffentlicht wurde. Eine Comic-Adaption ist auch „Vagrant Queen“ vom US-Kabelsender SyFy. Hier düst die selbstbewusste und schiesswütige Elida Al-Feyr (Adriyan Rae) durch die Gegend – auf der Flucht vor fiesen Revolutionären und ihrer Vergangenheit. Schmuggler, Space-Freaks und Sturmtruppler kreuzen ihre verworrenen Wege. „Vagrant Queen“ hat en Verantwortlichen Regisseurinnen Jem Garrard und Danishka Esterhazy anscheinend viel Spaß gemacht, steckt voller Science-Fiction-Genre-Zitate und nimmt sich nicht allzu ernst. Eine trashige Unterhaltungsserie für den nächsten Mädels-Abend. Dazu passt ein greller Slush. Ein ungesundes, halbgefrorenes Trinkeis, welches in der Konsistenz Schneematsch ähnelt. Wohl bekomms!

„IL Cacciatore – The Hunter (Staffel 2)“

Ein Mann jagt weiter die Mafia. Staatsanwalt Saverio Barone (Francesco Montanari) ist dieser sture und starrköpfige, schlanke und schnauzbärtige Typ. „Nicht in Panik geraten. Der Zeit Zeit geben. Durchhalten und wieder von vorne anfangen…“, lautet seine Devise. Nicht von beruflichen Rückschlägen, Todesfällen oder privaten Problemen vom eingeschlagenen Weg abbringen lassen. Immer das Ziel vor Augen: Die Zerschlagung der sizilianischen Mafia. Doch sein Kampf in den 1990er-Jahren ist hart und zäh, brutal und blutig. Nicht nur der ehrgeizige, fokussierte Jäger Barone, sondern auch die Gejagten Mafiosi werden in „IL Cacciatore – The Hunter Staffel 2“ (basierend auf den Memoiren des Staatsanwalts und Mafiajägers Alfonso Sabella) facettenreich reflektiert. Allen voran Enzo Brusca, der den zwölfjährigen Sohn eines Kronzeugen entführt hat. Auch die zweite Staffel (8 Episoden, 480 Minuten), der detailliert inszenierten, stark gespielten und auch ernüchternden italienischen Crime-Serie  bietet ein einziges Auf und Ab der Gefühle und Gewalt. Auf Freude folgt Leid. Jeder Sieg bedeutet zugleich auch eine Niederlage bzw. das Weiterkämpfen in der nächsten Runde.

„Death in Paradise – Staffel 9“

In die Ferne schweifen kann man momentan kaum noch. Viele sehnsüchtige Urlaubsträume zerplatzen 2020 und wahrscheinlich auch 2021. Vor allem Reisen in die Karibik kann man sich wohl für längere Zeit abschminken. Gut das gerade die neunte Staffel der kurzweiligen Erfolgsserie „Death in Paradise“ ( 8 Folgen mit je 48 Minuten) erschienen ist. Schauplatz und Mit-Hauptdarsteller der Folgen ist die fiktive Karibikinsel Saint Marie. Diese fasziniert mit kristallklarem Wasser, weißem Strand und sommerlichen Temperaturen. Dazu beschwingte Reggae-, Ska- und Calypso-Rhythmen und herrlich entspannte Menschen, die das Fernweh wecken. Als Kulisse für Saint Marie diente die französische Karibikinsel Guadeloupe, die in der Serie mehrfach als Nachbarinsel erwähnt wird. Zentraler Drehort der Serie ist der Ort Deshaies im nordwestlichen Teil von Guadeloupe.
Dort geht es nicht nur von den tropischen Temperaturen  heiß her. Detective Inspector Jack Mooney und sein entspanntes Team müssen diesmal  unter anderem einen skurrilen Fall um einen Mord in einem Survival Camp lösen. „Death in Paradise – Staffel 9“ (Edel Motion) bietet einmal mehr die erfolgreiche und entspannende Kombination aus karibischer Sonne und trockenem britischen Humor.

„A Confession“

Wenn man Martin Freeman sieht, wird man unweigerlich an seine prägnante Rolle als Dr. John Watson in der erfolgreichen und spektakulären BBC-Fernsehserie „Sherlock Holmes“ erinnert. Für seine Darstellung als cooler Sidekick des genial-überdrehten Meiserdetektivs bekam er 2012 sogar eine Emmy-Nominierung. Die Krimi-Dramaserie „A Confession“ (basierend auf dem realen Fall eines englischen Polizisten) könnte da fast anschließen. Die Handlung dreht sich um die 22-jährige Sian O’Callaghan (Florence Howard), die in der kleinen Stadt Wiltshire auf mysteriöse Weise verschwindet. Martin Freeman nimmt als Detective Superintendent Steve Fulcher die Ermittlungen auf. Doch im Gegensatz zu den rasanten, stylishen „Sherlock Holmes“-Folgen entwickelt sich die authentische, düster-bedrückende Miniserie „A Confession“ (Edel Motion) langsam und behutsam. Im Mittelpunkt steht weniger die Suche, Jagd und Ergreifung des Täters, sondern vielmehr jene die von dem schrecklichen Fall betroffen sind: Die Familien, deren Schmerz und Leid Regisseur Paul Andrew Williams empfindsam und eindringlich darstellt. Bereits mit der Umsetzung der fabelhaften Crime-Serie „Broadchurch“ (Staffel 3) bewies Williams im Jahr 2017, dass er Gefühle und Traumata inszenieren kann. Und auch Freeman, der den Fall mit allen Mitteln lösen will, spielt wieder ganz groß auf. Eine kleine, eher unspektakuläre Serie (mit weiteren hervorragenden Darstellern wie zum Beispiel Imelda Staunton aus „Harry Potter“), die große Fragen nach Gerechtigkeit aufwirft – und noch länger nachwirkt.

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