Marteria: "„Eskalieren, durchdrehen, alles vergessen“
24. Mai 2017
Film & Musik

„Eskalieren, durchdrehen, alles vergessen“

Rapper Marteria im Interview über sein neues Album "Roswell"

Bis nach Südafrika und Mexico ist Marteria für sein neues Album "Roswell" gereist. Foto: Paul Ripke

Am 26. Mai 2017 ist es soweit: Das vierte Studioalbum „Roswell“ des Rostocker Musikers Marteria erscheint. Im Dezember geht er mit seiner intergalaktischen Platte auf große Hallentour (auch in Hannover), zusätzlich gibt’s ab dem 7. Juni 2017 auch noch einen Film. Jetzt steht aber erst mal der Release an; vorab spricht Marteria im Interview über seine dunkle Vergangenheit, Momente purer Inspiration und verrückte Aliens.

Marteria, wie fühlst du dich kurz vor der Veröffentlichung von „Roswell“?

Aufgeregt. Es ist immer so, wenn eine Platte rauskommt. Weil du machst dir ja irgendwie einen Plan und Gedanken und eine Visualität und Videos und Bilder und Songs und Touren. Ich habe viel Zeit mit Campino verbracht die letzten Wochen wegen dem Toten-Hosen-Album und der hat auch gesagt, das ist bei dem auch ganz krass. Immer noch. Ich glaube, das hört einfach nicht auf. Dann legt sich das so ein bisschen. Das ist der Moment, meistens, wenn man zum ersten Mal auf die Bühne geht. Da wird so, weißte, alles egal: Dann bist du da, wo du hingehörst: Bühne, direkter Kontakt. Aber jetzt muss erst mal so diese Lawine losrollen: Das haben wir gemacht, das ist unser Ding, wir haben uns den Arsch aufgerissen.

und wie wäre es ohne die Nervosität?

Wenn es die Aufregung nicht gibt, wäre es Horror. Das ist ja auch ein körperlich gutes Gefühl. Man darf das ja nicht negativ besetzen. Aufgeregt sein ist was Schönes. Dann weißt du, du lebst, du machst was Geiles, was dich bewegt. Wenn du das Gefühl nicht mehr hast, ist irgendwas faul.

Was ist das Konzept hinter deinem neuen Album?

Das wird eigentlich mit dem ersten Satz auf der Platte gesagt: „Aus Area 51 wird Marteria 51“ und „Aus Roswell wird Rostock“. Die ganze Platte ist mit diesem Bild als Aufhänger entstanden. Roswells Mythos ist ja: Es ist ein Ufo abgestürzt in Amerika mit einem Alien. Und eigentlich kann das überall sein. Und es geht halt nicht um die verrückten Aliens und die verrückten Raumschiffe, sondern es geht eigentlich um ganz normale Leute. So ein bisschen »Men in Black«-mäßig. So ein bisschen die Außenseiter, die sich manchmal nicht verstanden fühlen in der Welt.

Bekennt Farbe: Marteria hat wieder was Freshes aus der Cap gezaubert. Foto: Paul Ripke

Ist „Roswell“ also ein Konzeptalbum?

Also, naja, kein Story-Konzeptalbum. Was ich total spannend finde, ist, dass es auch eine Art Album-im-Album gibt. Es gibt so dieses Konzeptionelle, und dann gibt es aber auch die persönliche Welt, wie bei „Große Brüder“ und „Skyline mit zwei Türmen“, wo man so wächst, wo ich so mit 12, 13 in Rostock ein Jugendliebe habe und dann mit 17, 18 nach New York gehe mit dem nächsten Song und das so bebildere. Das habe ich so auch noch nicht gemacht auf alten Platten. So ein bisschen persönliches Mitwachsen von so ‘ner Geschichte.

Was fasziniert dich denn so an der Science-Fiction-Thematik?

Es gibt Übernatürlichkeit. Ist etwas total besonderes, Karma und so: Irgendwas, das der Mensch nicht so richtig greifen oder erklären kann, ist immer interessant. Du suchst als Künstler ja Bilder. Wir haben 450 Wörter, die im Deutschen irgendwie cool klingen. Die hängen alle an diesem einen Baum und irgendwann ist der abgerüttelt. Umso schöner, wenn du dich an so einer Thematik bedienst, wo dir Wörter und Gedanken zufallen. Außerdem ist es wichtig, mit jedem Album eine andere Farbe zu haben. Es gibt so 100 oder 150 Songs, die ich eigentlich machen möchte als Marteria. Wenn etwas durchgespielt ist, ist es durchgespielt. Ich finde es sehr, sehr langweilig, Bewährtes so aufzukochen. Als Künstler versuchst du etwas zu machen, was eine Outness hat. Marsimoto ist ja nicht einfach so entstanden. Eigentlich ist es ja auch bei einem Song wie „Scotty, beam mich hoch“ ganz klar: Ey, hier unten ist natürlich alles crazy – aber da oben: Schneidersitz, schwarz, alles ist gleich, immer dasselbe Licht – nein, dann lieber wieder in den Wahnsinn zurück. Das ist eigentlich ja die Message.

Für den Song „Aliens“ hast du mit Teutilla aka Arnim von den Beatsteaks zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Ich kenne ihn schon länger. Bei dem Casper-Song „Alles verboten“ hat er ja schon geshoutet. Auch wieder eine Sache, dass man Features nicht wiederholt. Erste Platte Fox, Casper, Jan. Letzte eigentlich Campino. Die Konstanten waren immer Yasha und Miss Platnum, weil wir so dieses Team sind. Und jetzt Arnim. Das, wofür er steht, ist eigentlich genau das, wofür auch ich stehe. Diese Energie, die er hat. Ist unfassbar. Ist eine der besten Live-Bands mit Abstand, die es hier gibt. Und wir haben halt für eine Hook gesucht. Ich habe versucht, die zu singen, das war schrecklich und es war ziemlich schnell klar, dass wir jemanden dafür brauchen. Dann muss man sich erst mal identifizieren mit dem Lied, das hat er irgendwie nach einer Sekunde gemacht. Dass er das dann auf Deutsch macht, ist natürlich total geil. Und er kann balancieren und verrückte Feuersachen werfen und er ist ein wahnsinniger Typ. Er ist einfach ein Alien.

Er glaubt an Karma und Co. – und rappt darüber. Foto: Paul Ripke

Inwiefern unterscheidet sich „Roswell“ von den beiden „Zum Glück in die Zukunft“-Teilen?

Das erste Majorrelease „Zum Glück in die Zukunft“ ist so „Hallo, ihr bin ich!“. „Endboss“: von Level zu Level. Was war mein Leben? Was war bis da? Wo geht es jetzt hin? Ging sehr nach vorne. „Zum Glück in die Zukunft 2“ sollte eine ganz andere Farbe haben. Das Album war sehr deep, sehr melodisch, sehr dark. Der Abgeh-Song ist „Bengalische Tiger“, aber der ist trotzdem dark. Es hat sehr persönliche Songs, weil das auch mitten in einer krassen Zeit geschrieben wurde, wo viel Party, viel Nachtleben war, ich viel konsumiert habe und durch die Gegend gestreunert bin. Jetzt ist es eine tanzbare Platte, die voll nach vorne geht – mit so ein, zwei Ausnahmen. Das ist das Besondere: Dass du einen Song machen kannst, wo die Leute abgehen oder tanzen, und du trotzdem irgendwie eine Message mitgeben kannst, die aber nicht so doll drückt. Du musst nicht immer die Politikkeule hart schwingen und jedem in die Fresse schlagen.

Wie bist du die Arbeiten an dem neuen Album angegangen?

Ich reise ja viel. Und ich versuche eigentlich immer, aus jedem Ort ein Songthema mitzunehmen. Man schreibt einfach Hooks ohne Beats. Und dann trifft man sich und dann macht man Musik und feiert das einfach ab. Und das macht halt mit den Krauts unfassbar Bock. Weil wir immer noch sagen: „Hey, wir können auch immer noch zeigen, wo was langgeht, was Sound angeht.“ Aber das wir so abfeiern können, ist das wichtigste. Ich finde die Platte sehr mutig. Sie hat unfassbar viele Ecken und Kanten. Ist aber total geil. Ist ein bisschen progressiv. Und ich merke: Dadurch, dass ich auch keinen Alkohol mehr trinke und so reflektiere ich die ganze Vergangenheit viel besser. Es wird alles ein bisschen darker noch. Und die Kredibilität – die musst du dir erkämpfen.

Haben dich bestimmte Orte zu neuen Songs inspiriert?

Überall auf der Welt haben wir Hooks geschrieben. Als Musiker man hat keine Pause. Es rattert ja immer. Wir suchen immer Inhalt und den gibt‘s an jeder Ecke. Wenn wir jetzt ein Gespräch haben, kann das eine Wort fallen, was der nächste Albumname sein kann. Das ist immer da: Scharfsinnigkeit für Wörter. Ich merke das beim Reisen. Das kann auch auf der Autobahn nach Hamburg so sein. Autofahren hilft unfassbar. Und auch beim Angeln oder mit dem Boot draußen, wenn man morgens so rausfährt, kommen auch viele Sachen. Aber auch viele dreckige, düstere Clubbilder, was ganz komisch ist. Sprache bewegt sich – so, wie wir reden als Menschen. Und da holt man sich Lieder.

Arbeitete bereits mit Größen wie Teutilla von den Beatsteaks, Campino, Casper u.v.m. zusammen. Foto: Paul Ripke

Ist „Roswell“ ein politisches Album?

Das Album hat eine ganz klare politische Richtung. Es gibt immer wieder Statements, ohne dass es immer so schwer wirkt und du so „Oah, komm, halt’s Maul!“ Weißte? Braucht man alles nicht. Eigentlich geht es bei so einem Song wie „Links“ darum, dass man dem alles unterordnet. Aber das irgendwie zu akzeptieren, wie andere Menschen sind, das finde ich oft auch wichtig. Bedeutet einfach: Offen zu sein, Neugierde gewinnen zu lassen, vor Gefühlen wie „kein Bock“ oder „bloß keinem Fremden begegnen“. Die einen sind groß, die anderen sind klein, die anderen sind dunkel, die anderen sind hell. Und die Welt – in 300 oder 400 Jahren – das ist die Zukunft, die muss zusammenwachsen. Sonst funktioniert das nicht. Sonst brennt das alles nieder. Das finde ich wichtig. Ich habe das auch gemerkt wieder in Angola im Dezember. Ich bin mit irgendwelchen Fischern an so einem Fluß und die sprechen kein Wort Englisch. Nur Portugiesisch. Und dann unterhältst du dich praktisch mit vier Leuten auf drei Sprachen – und es funktioniert. Das ist das Verrückteste der Welt. Weil wir alle verbunden sind. Und dieses Gefühl vermisse ich, wenn ich das ein gewisse Zeit nicht habe. Deswegen reise ich auch so viel.

Gab es Referenzplatten für „Roswell“?

Ich konsumiere viel Musik, aber in der Albumphase nicht. Du verwässerst oft, habe ich das Gefühl. Ich bin natürlich Fan von so Run-The-Jewels-Zeug, bin ELP-Fan oder Frank-Ocean-Fan und mag geiles R&B-Zeug, wie das Jeremih-Album. Irgendwas verrücktes Outes, aber auch krasse Gesangssache, die es so gibt. Oder so ein Kaytranada-Album: Inhaltsstark, Instrumental, Musik, Gefühle. Auf einmal Rap, auf einmal lustig, auf einmal housig, auf einmal wieder deep, auf einmal Craig David. Das HipHop-Ding von früher, das gibt es alles eigentlich gar nicht mehr. Diese ganze Musikwelt ist so total verflossen.

Was bedeutet es dir, live zu spielen?

Ich bin Livemusiker auf jeden Fall. Dieses Gefühl, wenn du auf die Bühne kommst. Das ist so, volle Kanne. Die Aufregung ist unfassbar gut und positiv, der direkte Kontakt, das direkte Feedback, das wie Leute auf Sachen reagieren oder auch nicht. Wir in der Band legen da unfassbar viel Wert darauf, dass das irgendwie geil ist. Dass wir guten Sound haben, dass die Songs live umgesetzt noch mal geiler sind. Dass man das noch mal hochliftet. Konzert heißt eskalieren, durchdrehen, alles vergessen für zwei Stunden und komplett auszurasten. Darum geht es! Und nicht darauf zu achten, dass da kein Fleck auf dem Shirt ist, sondern durchzuticken. Das ist so das Entscheidende.

Was magst du lieber: Festivals oder Indoor-Konzerte?

Alles hat etwas Eigenes. Sachen, die man noch nie gespielt hat oder Sachen, die was besonderes sind, weil das entweder eine unfassbare Größe hat oder eine unfassbar schöne Location ist – es ist immer eine Bühne und es sind immer andere Leute und das merkst du auch. Es gibt manchmal verschiedenes Publikum. Du darfst das auch nicht werten. Es gibt Publikum, das erst mal warm werden muss und dann eskaliert. Es gibt Publikum, das total am durchdrehen ist und wo alles von Anfang an kocht. Wo du mitschwimmst, weil das alles schon so wahnsinnig ist und alles brennt. Es ist immer anders.

Wann Marteria in der Region zu erleben ist, erfahrt ihr hier.

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