It’s Crime-Time! – Szene38
28. November 2020
Film & Musik

It’s Crime-Time!

Neue Crime-Serien wie „The Pleasure Principle“, „Killing Mike“, „Ein guter Mensch“, „Wallander“, „Die purpurnen Flüsse 2“ u.a. im szene38-Check

Die gefeierte türkische Miniserie „Ein guter Mensch“ handelt vom Rachefeldzug eines 65-jährigen Mannes bei dem Alzheimer diagnostiziert wird. Die Kommissarin Nevra ermittelt... Foto: Eye See Movies/Themroc

Herbst- und Winter-Zeit ist Krimi-Zeit. In den kalten Tagen, Wochen und Monaten findet man wieder etwas mehr Ruhe sich auf Spurensuche zu begeben und der Spannung hinzugeben. Einige interessante Crime-Serien erscheinen nun auf DVD und Blu-ray. Wir stellen nachfolgend eine Auswahl vor. Viel Spaß beim Anschauen.

The Pleasure Principle – Geometrie des Todes (Staffel 1)

Die Globalisierung ist längst auch im Krimi-Serien-Genre angekommen. Weltweit wird miteinander gedealt und gemordet. Großartig und opulent aufbereitet beispielsweise in „ZeroZeroZero“, aber auch interessant inszeniert in „The Pleasure Principle – Geometrie des Todes“ (Staffel 1). Hier sind die noch nicht so inflationär gezeigten Schauplätze Polen, Tschechien und die Ukraine. Zudem wird hier deutlich, dass Europa zwar ein großer, gemeinsamer Raum ist,  aber immer noch viel Misstrauen und Ablehnung vorherrscht. Die Serie legt ihren Fokus auf die schönen osteuropäischen Städte Odessa, Warschau und Prag in denen innerhalb weniger Tage drei junge Frauen verstümmelt (Arm ab) und ermordet aufgefunden werden. Die taffe polnische Kriminalpolizistin Maria Sokolowska (Malgorzata Buczkowska aus „I Am You“)), der ukrainische Lonely-Wolf-Cop Serhij Franko (Sergey Strelnikov) und der routinierte tschechische Kriminaldetektiv Viktor Seifert (Karel Roden aus „Die Bourne Verschwörung“) jagen zusammen einen Serienkiller. Wobei es nicht nur Probleme in der gemeinsamen Zusammenarbeit gibt, sondern auch jeder von ihnen noch genug eigene hat. Außerdem mischen noch korrupte Anwälte und Politiker sowie andere fiese Verbrecher in dieser explosiv-emotionalen Gemengelage mit. Die düstere, zuweilen gemächlich erzählte tschechisch-polnische Serie „The Pleasure Principle – Geometrie des Todes“ (Eye See Movies) ist ein 600-minütiger Appetithappen für Crime-Serien-Fans. Kann man über die Corona-Weihnachtstage entspannt beziehunsgweise elektrisiert weggucken.

 

Killing Mike (Staffel 1)

Keiner mag Mike. Warum nur? Dazu eine Rückblende: Ein roter Pickup mit Mike (Morten Hee Andersen) am Steuer und Kasper (Sylvester Byder) als Beifahrer fährt in der Gemeinde Balling, auf Dänemarks drittgrößter Insel Fünen, scheinbar ziellos umher. Doch irgendwann beschleunigt der Wagen und überfährt rücksichtslos einen jungen Fahrradfahrer. Aksel (Viktor Medom), der Sohn des Dorfarztes Peter (Claus Riis Østergaard), kommt unter die Räder und stirbt. „Killing Mike“ erzählt von den verschiedenen Menschen und Schicksalen, die in einem tristen Kleinstadt-Mikrokosmos miteinander verwoben sind. Zum Beispiel von Kneipenbetreibern, einem Autor und jenem eben erwähnten Arzt (und Vater des toten Jungen) mit Alkoholproblem. Eigentlich haben (fast) alle ein Problem mit Mike, der mit seiner Anwesenheit die Atmosphäre vergiftet. Die Gemeinde peinigt und tyrannisiert. Alle hier wollen eigentlich nur das eine: Den Tod des kahlrasierten, manipulativen Psychos. Die dichte und düstere Atmosphäre, ein stark aufspielendes Schauspielerensemble und die gut konstruierte, intensive Inszenierung machen „Killing Mike“ (Länge: 8 x circa 60 Minuten) zu einer der besten dänischen Crime-Serien des Jahres.

 

Ein guter Mensch

Alzheimer. Eine neurodegenerative Erkrankung, die in ihrer häufigsten Form bei Personen über dem 65. Lebensjahr auftritt und durch zunehmende Demenz gekennzeichnet. Auch den 65-jährigen Agâh Beyoglu (Haluk Bilginer) hat es erwischt. Nach dem Tod seiner Frau lebt er allein in seiner Wohnung im pulsierenden Istanbul. Auch sein geliebter Kater Münir liegt irgendwann tot unter dem Bett. Er hat nur noch seine schwülstigen türkischen Schlager und seine Pflanzen, denn auch seine Tochter lebt im Ausland und kann ihm nicht helfen. Wann löst sich seine Persönlichkeit auf? Kann das ewige Vergessen eventuell vielleicht sogar gut sein? Solche Fragen stellt sich der ehemalige Justizbeamte. Dazu treibt ihn die Rache um. Statt nur Nachzudenken handelt Beyoglu. Unbarmherzig. Er tötet zahlreiche Leute aus seinem Heimatdorf – und hinterlässt zudem an den Tatorten anonyme Hinweise. Warum der grauhaarige Alte mit Schnauzer und Weste und den guten Manieren zum Racheengel mutiert wird erst langsam klar. „Ein guter Mensch“ handelt von Gerechtigkeit, Schweigen, Lügen und dem Respekt vor Frauen. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die ermittelnde Kommissarin Nevra (Cansu Dere) als einzige Frau in der Istanbuler Mordkommission. Die ungewöhnliche, eindringliche und systemkritische türkische Miniserie (ab dem 3. Dezember 2020 auf DVD & Blu-ray erhältlich) ist nicht nur durch Haluk Bilginer, einem der wichtigsten Protagonisten der türkischen Kino- und Theaterszene, absolut sehenswert.

 

Balthazar (Staffel 1)

Er ist ein heißer Typ, der aber in den schwierigsten und blutigsten Situationen eiskalt bleibt: Balthazar. Der Rechtsmediziner Raphaël Balthazar, gespielt von „Largo Winch“-Star Tomer Sisley, kennt sich nicht nur psychologisch mit menschlichen Abgründen aus. Sondern auch mit allem, was wir sonst so am und im Körper haben – oder eben nicht mehr. Da gibt es in Staffel 1 (sechs Episoden) so einiges zu ergründen und zu ermitteln. Dem charmant-unkonventionellen Lebemann mit dem frechen Mundwerk steht Capitaine Hélène Bach (Hélène de Fougerolles), die Neue auf dem Polizeirevier, gegenüber. Die unterkühlte Blondine und zweifache Mutter und der sarkastische Pathologe bilden ein interessant-ungleiches Reibungs-Duo. Doch die beiden kämpfen nicht nur zusammen an knifflig-düsteren Fällen, sondern auch mit privaten Abgründen. Das und einiges mehr kennt man natürlich von vielen anderen Crime-Serien. Dennoch sieht man den beiden charismatischen Hauptdarstellern gerne bei ihrer zumeist blutigen Arbeit zu. Vor allem die Franzosen. Dort war „Balthazar“ (Edel Motion) ein erfolgreicher Fernseh-Quoten-Hit.

 

Wallander (Staffel 1)

Wer ist der beste Wallander-Darsteller? Alle drei sind großartig auf ihre ganz eigene Art und Weise. Rolf Lassgård, der den zerknitterten Kommissar (geschaffen vom schwedischen Bestsellerautor Henning Mankell) zwischen 2004 und 2007 in Szene setzte. Der übergewichtige, spröde-lakonische Krister Henriksson, der Wallander im Jahr 2005 in einer vielteiligen Fernsehserie von 2005 verkörperte. Außerdem der britische Weltmime Sir Kenneth Branagh, der den Provinzpolizisten aus Ystad in zahlreichen Romanverfilmungen darstellte. Die BBC produzierte von 2008 bis 2015 eine eigene, preisgekrönte Wallander-Reihe mit dem mehrfach ausgezeichneten Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, die nun in vier Staffeln (alle zwölf Filme) erscheint. Interessant: Branagh sah vor Drehbeginn keinen der schwedischen Wallander-Filme, um seine eigene Interpretation der charismatisch-komplexen Figur auf die Leinwand zu bringen. Das macht er überzeugend und einzigartig. Man spürt und sieht die ewigen Selbstzweifel und was das dauernde Allein-Ermitteln mit endlosen Solo-Fahrten (ohne kollegiale Unterstützung) mit und aus ihm macht. Dazu kommen die familiären Probleme mit Tochter und Vater. Branagh überzeugt als mimischer Virtuose und emotionaler Charakterdarsteller, der in der ersten Staffel  die Fälle „ Die falsche Fährte“, „Die Brandmauer“ und „Mittsommermord“ lösen muss.

 

Die purpurnen Flüsse (Staffel 2)

Die fiebrigen, finsteren, atemlos-inszenierten Mystery-Thriller „Die purpurnen Flüsse“ (2000 – mit den großartigen Jean Reno und Vincent Cassel) und „Die purpurnen Flüsse 2 – Die Engel der Apokalypse“ (2004 – nicht mehr ganz so gut gelungen) gelten als Krimi-Klassiker. Das schafft die  Serienadaption, von der nun die zweite Staffel erscheint, nicht. Statt des charismatisch-coolen Jean Reno mimt der 60-jährige Franzose Olivier Marchal den mürrischen Kommissar auch in Staffel 2. Mit ihm ermittelt die junge, spröde Kollegin Camille Delaunay. Dass Ermittler-Duo arbeitet für das „Zentralbüro für Gewaltverbrechen“ und wird in die entlegensten Regionen Frankreichs entsendet. Ihre Aufgabe: Schwierige, knifflig-komplexe Fälle zu lösen, welche die örtlichen Polizeibehörden überfordern. Diese sind auch in Staffel 2 zumeist ziemlich bizarr und mysteriös, drehen sich um Reliquien-Diebstähle, Märtyrer-Tode sowie vor allem um grausame Morde. Das Tempo bei der edel gefilmten deutsch-französisch-belgischen Co-Produktion, ist im Gegensatz zu den Filmen, gemächlich. Die Action und Spannung ist überschaubar. Nichtsdestotrotz begleitet man die beiden ungleichen Kriminalbeamten gerne bei ihrer abwechslungsreichen Arbeit in der tiefsten Provinz.

 

Profiling Paris (Staffel 7)

Und noch mal Frankreich. Der Zoom geht in eine der bedeutendsten Großstädte Europas: Paris. Die Weltstadt zählt zu den führenden Zentren für Kunst, Mode, Gastronomie und Kultur. Kriminalität gibt es aber auch in der Stadt der Seine und der breiten Boulevards. Und die bekämpfen der Pariser Polizist Grégoire Lamarck (Jean-Michel Martial) und sein Team täglich. Matthieu Pérac (Guillaume Cramoisan), Frédérique Kancel (Vanessa Valence) und Hippolyte de Courtène (Raphaël Ferret) und die junge, kluge Chloé Saint-Laurent (Odile Vuillemin). Diese wirkt als Profilerin mit und sorgt für frischen, innovativen Aufklärungs-Wind. Sie ist eigensinnig, etwas  sensibel und verschroben, aber ein starker, toll dargestellter Charakter. Chloé sorgt durch ihr ausgeprägtes Einfühlungsvermögen  entscheidend zur Aufklärung der Fälle. Die sind in der französischen Psycho-Crime-Serie „Profiling Paris“ auch in Staffel 7 zwar manchmal etwas konstruiert, aber immer wieder originell inszeniert.

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