Interview Oliver Koletzki: „Trau dir Dinge zu, vor denen du Angst hast“
und
2. Juni 2017
Film & Musik

„Trau dir Dinge zu, vor denen du Angst hast“

Braunschweigs Star-DJ und Produzent Oliver Koletzki im Interview

Energie, Kreativität und Inspiration schöpft Oliver Koletzki auf seinen Reisen. In diesem Jahr legt er u. a. auch in den USA, Brasilien, Mexiko, Chile und Kanada auf. Foto: Stil vor Talent

Energie, Kreativität und Inspiration schöpft Oliver Koletzki auf seinen Reisen. In diesem Jahr legt er u. a. auch in den USA, Brasilien, Mexiko, Chile und Kanada auf. Foto: Stil vor Talent

Aus dem Braunschweiger Underground an die Weltspitze: Electro- und House-DJ Oliver Koletzki hat eine Karriere hingelegt, von der die meisten nur träumen können. Nachdem ihm im Jahr 2005 der internationale Durchbruch gelang, ist er heute weltweit als gefragter DJ unterwegs und gründete mit Stil vor Talent ein eigenes Label. Anlässlich des gleichnamigen Festivals am Samstag, den 3. Juni, kehrt der 42-Jährige mit seinem sechsten Album „The Arc of Tension“ in seine Heimatstadt zurück. Los geht’s um 12 Uhr in der Okercabana im Bürgerpark. Weiter gefeiert wird ab 23:00 Uhr im Brain Klub und im Eulenglück. Wir sprachen vorab mit dem Wahl-Berliner.

Oliver, das dritte „Stil vor Talent“-Festival steigt am Samstag in Braunschweig. Was bedeutet es dir, wieder in der Heimat aufzulegen?

Nach Hause zu kommen ist doch immer schön. Es bedeutet mir sehr viel, weil in meiner Heimatstadt alles begann. Außerdem ist es toll, meine Familie und alten Freunde wiederzutreffen.

Was ist das Konzept des Festivals?

Ein richtiges Konzept gibt es nicht, außer man darf „Fröhlich sein, Trinken und Tanzen“ ein Konzept nennen. Neu ist allerdings, dass es dieses Jahr eine zusätzliche Nachtveranstaltung im Brain und im Eulenglück gibt.

Fans lobten seinen Künstlernamen – dabei heißt er tatsächlich Oliver Koletzki. Foto: Stil vor Talent
Fans lobten seinen ausgefallenen Künstlernamen – dabei heißt er tatsächlich Oliver Koletzki. Foto: Stil vor Talent

Ist das Event auch ein wenig Entwicklungshilfe für Braunschweig in Sachen zeitgemäßer elektronischer Musik?

Ich glaube nicht, dass Braunschweig das noch braucht. Gerade in den letzten Jahren sind mit dem Eulenglück und dem Laut Klub ernstzunehmende Läden entstanden, die Wert auf ein gutes Booking legen und auch mal DJs von außerhalb der Stadtgrenze holen. Im Brain ist das ja schon lange Standard.

Hast du eine feste Setlist für Samstag oder agierst du da ganz spontan, je nach Gefühl?

Da es mir wichtig ist, immer nur die allerneuesten Tracks zu spielen, weiß ich schon ungefähr was ich auflegen werde. Die Reihenfolge steht allerdings noch nicht fest.

Seitdem du 18 Jahre bist, legst du in Braunschweig auf. Wie lassen sich deine ersten Schritte in der Szene beschreiben? Was hast du aus der Zeit mitgenommen?

Ich wurde da so reingestoßen. Eigentlich war ich zu der Zeit eher Songwriter und Produzent. Meine Kumpels Andrej und Kerim waren DJs. Bei ihnen hab ich mir das Auflegen abgeschaut. Eines Tages bekamen Kerim und ich die Chance zusammen im Brain aufzulegen, obwohl wir es noch nicht so richtig konnten. Aber wir haben uns das dann doch getraut und seit dem habe ich einfach immer weiter gemacht. Und genau das habe ich aus der Zeit mitgenommen: Trau dir Dinge zu, vor denen du Angst hast und wachse über dich hinaus.

Koletzki begann ein Studium der Musikwissenschaften in Berlin – hat es aber ganz schnell wieder sein gelassen. Foto: Stil vor Talent
Koletzki begann ein Studium der Musikwissenschaften in Berlin – hat es aber ganz schnell wieder sein gelassen. Foto: Stil vor Talent

Damals bist du aus Braunschweig direkt nach Berlin gegangen. Wie hast du die erste Zeit dort wahrgenommen? Wie hat dich die Großstadt bis heute verändert?

Die erste Zeit war sehr hart. Berlin ist groß und anders und man muss sich dort erst einmal zu recht finden. Die Stadt verändert einen nachhaltig. Ich bin toleranter und weltoffener geworden. Gleichzeitig härtet sie dich ab. Ich hatte das große Glück, dass fast mein kompletter Freundeskreis auch nach Berlin gezogen ist.

Mit „Der Mückenschwarm“ gelang dir der internationale Durchbruch. Plötzlich warst du der neue Star-DJ – und das, obwohl du früher häufig der Außenseiter warst. Wie hast du den Hype damals erlebt? Wie wirst du heute wahrgenommen?

Der Hype war damals kaum spürbar, da es noch kein Facebook gab. Es war nicht so wie heute, dass ich comments mit Zuspruch aus aller Welt hätte bekommen können. Lediglich durch die ansteigende Anzahl meiner Auftritte merkte ich, dass irgendetwas passiert. Keine Ahnung wie ich heute wahrgenommen werde? Hoffentlich als erfahrender Künstler anspruchsvoller Musik.

Was bedeutet dir der Track heute?

Er bedeutet mir viel, weil dieser Track mein Hobby zum Beruf machte. Auch musikalisch ist er in der Retrospektive durchaus gelungen.

Angefangen hast du mit Hip-Hop über House und Elektro – dein aktuelles Album „The Arc of Tension“ ist dagegen sehr mystisch, mit multikulturellen und instrumentalen Einflüssen. Warum dieser Wandel? Was waren die wichtigsten Inspirationsquellen?

Nach vier lustigen Pop-Alben mit viel Gesang hatte ich einfach mal Lust auf etwas anderes. Es ist doch langweilig immer nur das Gleiche zu machen. Inspiration waren die sehr intensiven Reisen der letzten zwei Jahre. Ich habe ein bisschen Zeit in den Wüsten von Australien und Südafrika verbracht. Das war sehr inspirierend.

Hat in Brain Klub und Jolly Joker aufgelegt – ein Braunschweiger Urgestein. Foto: Stil vor Talent
Hat in Brain Klub und Jolly Joker aufgelegt – ein Braunschweiger Urgestein. Foto: Stil vor Talent

Was symbolisiert das Album-Cover-Artwork und was bedeutet der Titel?

Das könnte jetzt am besten Chrisse Kunst, der Urheber des Bildes, beantworten. Ich weiß nur, dass es verdammt gut zu der Musik auf diesem Album passt. Der Titel heißt übersetzt Spannungsbogen. Und das bedeutet er auch: Er beschreibt die Dramaturgie des Albumverlaufs.

Du willst mit dem Album Geschichten erzählen. Was sind das für welche?

Ich will mit dem Album gar nichts, außer Menschen zu unterhalten. Wenn diese Menschen Geschichten darin sehen, versteckte Botschaften heraushören und es ihre Fantasie anregt, macht mich das sehr glücklich.

Warum hast du diesmal auf bekannte Gastkünstler verzichtet?

Die Gastkünstler waren ja immer Vokalisten. Und da ich auf Musik mit viel Gesang momentan keine Lust mehr habe, findet sie auf diesem Album kaum noch statt.

Das Cover von „The Arc of Tension" beschreibt die Dramturgie der Platte. Foto: Stil vor Talent
Das Cover von „The Arc of Tension“ beschreibt die Dramturgie der Platte. Foto: Stil vor Talent

Die Open Air-Saison ist gestartet, du legst bei zahlreichen Festivals weltweit auf. Auf welche Locations, Events und Länder freust du dich am meisten?

Ich spiele dieses Jahr noch vier USA-Tourneen, das ist immer sehr aufregend. Außerdem Brasilien, Mexico, Chile und Kanada. Zum ersten Mal werde ich zum Burning Man in die Wüste von Nevada reisen, da bin ich jetzt schon ganz aufgeregt.

Man sagt Reisen bildet. Was bringst du mit von deinen Reisen für deine persönliche und musikalische Entwicklung?

Wissen und Inspiration. Seit zwei Jahren bleibe ich länger an den Orten, an denen ich auftrete und reise nicht gleich weiter zur nächsten Show. Ich erkunde die Gegenden und lerne die Einwohner kennen. Das gibt mir unglaublich viel und daraus schöpfe ich neue Energie und Kreativität.

Gibt es etwas, dass du als Musiker unbedingt noch erreichen willst?

Ich möchte in diesem Leben unbedingt 10 Alben schreiben. „The Arc of Tension“ ist mein 6. Album. Auf die nächsten vier freue ich mich wahnsinnig.

Hast du einen speziellen Sommertrack, den du momentan gerne hörst?

Niko Schwind – Fake Reality (Township Rebellion Remix)!

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