Dis-Krimi in Braunschweig – Szene38
11. Mai 2017
Szene-News

Dis-Krimi in Braunschweig

Der Autor und Schriftsteller Alexander Wallasch über den Club-Check der Braunschweiger Verwaltung

Auch der Brain Klub am Bruchtorwall war von der aktuellen Kontrolle der Stadtverwaltung betroffen. Foto: Daniel Pahlke

Die Fakten sind eindeutig: Laut Niedersächsischem Gaststättengesetz ist seit 2015 eine Diskriminierung nach ethnischen oder religiösen Gesichtspunkten bei der Einlasskontrolle in Gaststätten verboten. Offensichtlich war das vor 2015 nicht explizit geregelt. Damals musste man zivilrechtlich einklagen, wenn man sich diskriminiert fühlte. Jetzt also die Judikative. Nun folgt auf die Judikative aber nicht automatisch die Exekutive. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Aber Klagen soll es laut Angaben der Linken im Rat der Stadt schon länger geben. Die Stadtverwaltung wurde also aufgefordert, Kontrollen durchzuführen. Und sie kam dem nach.  Nun wurden auch deutsche Unternehmen sogar von der Kanzlerin persönlich aufgefordert, bitte mehr Flüchtlinge und Migranten einzustellen. Einen Gesetzesbeschluss unter Strafandrohung gibt es dafür freilich nicht. Finanzielle Anreize sollen nun – bisher mit sehr mäßigem Erfolg – richten, was dem Gastronom in Braunschweig per Bußgeldbescheid beigebracht werden soll. Hier geht es allerdings um seine Gäste. Sein Personal besteht längst überproportional aus Mitarbeitern mit ausländischem Hintergrund.

Alexander Wallasch, Autor und Schriftsteller war einige Jahre lang Türsteher im Braunschweiger Line Club seines Bruder Gregor Wallasch und betrieb später selbst Szene-Gastronomien wie die Silberquelle, Bar de Luxe, Kaffee Zentral und die Diskothek Heimatliebe. Für ihn hat der Club ganz eigene Regeln.

Die  Mammutaufgabe der Integrationsarbeit

Darauf muss man erst einmal kommen: Da wird die Braunschweiger Stadtverwaltung auf Zuruf der Medien aktiv und macht des Nachts vor sechs Braunschweiger Clubs den ultimativen Einlasstest um zu prüfen, ob dort ethnische und religiöse Diskriminierung stattfindet. Wie man aktiv wurde? Indem man für die Hauptstoßzeit der Clubs Probanden engagierte. Laut Pressemitteilung „zwei Personen mit erkennbarem Migrationshintergrund“ und zwei „Vergleichspersonen“ die man gemeinsam zu den Türstehern schickte. Wie nun jemand erkennbar nach Migrationshintergrund aussieht, welchem Stereotyp die Beamten da folgten, reichte die natürliche Hautfarbe der engagierten Schauspieler, murmelte einer der Probanden Suren aus dem Koran, um auch die religiöse Diskriminierung nachzuweisen? All das erzählt uns die Pressemitteilung nicht.

Die beiden „Migranten“ wurden nun in vier von sechs Clubs nicht eingelassen. Die Vergleichspersonen – stereotyp blond und blauäugig? Wir wissen das alles nicht – durften hingegen eintreten. Damit war dann die Diskriminierung vollzogen, die Bußgeldbescheide können geschrieben werden. Aber was will man erreichen? Soll hier nun der private Clubbetreiber seine Türpolitik aussetzen und als letztes Glied der Kette die Mammutaufgabe der Integrationsarbeit erledigen? Das kann nicht sein. Ein angesagter Club lebt nun mal in erster Linie von der Selektion an der Tür. Es gewinnen die Clubs mit dem so generierten Wohlfühlfaktor. Garant dafür ist die Türpolitik – die Auswahl einer speziellen Zielgruppe. Sie ist der erste und letzte Gedanke des Clubbesitzers.

Das Schwanensee, Klub im obersten Geschoss des Gieseler Turms, wurde bei einer Abi-Party überprüft. Zwei ältere Probanden wurden aus Altersgründen nicht eingelassen. Foto: Timo Schneider.

Das Staatstheater macht es übrigens über die Eintrittspreise. Es gäbe die freie Volksbühne? Aber wie viele Migranten und Flüchtlinge sind da unterwegs? Keine. Denn gekommen sind vorwiegend junge Männer. Und die wollen nicht ins Theater, die wollen junge Frauen kennenlernen. Aber die bleiben solchen Clubs fern, in denen man Verhaltensweisen wie in Köln in der Silvesternacht fürchten muss.

Alles Quatsch?

Nein, wenn man Aufklärungsbroschüren in arabischer Sprache trauen darf, die den jungen Männer erklären, das eine freie Frauenschulter noch nicht als Aufforderung zu mehr verstanden werden darf. Auch Polizeiarbeit orientiert sich übrigens schon aus Prinzip an solchen Äußerlichkeiten, wie man sie Türstehern nun nach Niedersächsischem Gaststättengesetz als Diskriminierung auslegen will. Beispiel? Vor Jahren wurde in einem Braunschweiger Club eine Großrazzia durchgeführt aufgrund der hohen Anzahl farbiger Gäste (BZ berichtete). Der Grund: Im Visier sind in erster Linie Schwarzafrikaner. Sie beherrschen den Kokain-Markt in Braunschweig, so die Polizei, zu nahezu 100 Prozent.
So betrachtet hätte der erste Lakmustest für die Verwaltung auch ein ganz anderer sein können: Dann hätte man nämlich einen Beamten nächtens mit 1000 Euro am Waisenhausdamm losgeschickt Drogen zu kaufen und man wäre erstaunt gewesen, das er sein Geld schon am Friedrich-Wilhelmplatz erfolgreich umgesetzt hätte. Deshalb, weil er konsequent nur die anwesenden Farbigen angesprochen hätte.

Was bitte soll der Clubbesitzer nun tun?

Zum einen muss er seinen Club voll bekommen, dafür wünscht er sich Frauen, die gerne kommen und nicht belästigt werden. Zum anderen muss er private Polizeiarbeit leisten, weil er nun mal das Hausrecht konsequent durchzusetzen hat und Razzien vermeiden will. Es ist hier im Kleinen wie im Großen. Wer sich anpasst, gewinnt. Nur ist diese spezielle Form der Integration in ein Clubgeschehen noch schwerer als eh schon im gesamtgesellschaftlichen Kontext. Dass wissen auch viele einheimische Abgewiesene. Doch, man kann es so sagen: hier wirkt eine besonders filigrane, eine private und keine staatlich verordnete Leitkultur made by Clubbesitzer.

Wer das nicht mag, kann sich einen anderen Club aussuchen oder eben dort hingehen, wo es keine komplizierten Verhaltensregeln also auch keinen Türsteher gibt. Ja, tatsächlich: Auch in der Brunsviga kann es nett sein. Niemand zwingt zu einem Clubbesuch, wo eigene Clubregeln diesen begehrten Wohlfühlfaktor erzeugen. Viele Gäste empfinden es im Übrigen genau so: Als individuelles, als vorübergehendes Privileg und sicher nicht als einklagbares Menschenrecht.

Wie auch immer sich der Fall nun darstellt, politisch motiviert ist er ganz sicher nicht. Denn das es Probleme mit Flüchtlingen und Migranten in Clubs gibt, musste auch ein linksalternativer Club in Leipzig-Connewitz erfahren. Monatelang gab es dort massive Probleme mit dieser Klientel, die sich auf „Veranstaltungen nicht zu benehmen wissen“. Frauen wurden sexuell belästigt und beklaut.

Vielschichtiges Problem

Das Problem sei vielschichtiger, als von vielen Linken angenommen. In Leipzig wurde mehr Security eingestellt und der Eintritt um einen Euro angehoben. In der Strauss & Lemke Gruppe wurde längst mehr Security eingestellt, der Eintritt ist allerdings gleichgeblieben. Geschäftsführer Tim Lemke hat seine ganz eigene Einstellung zur aktuellen Debatte: „Ich lade jeden Debattenteilnehmer dazu ein mit mir eine Nacht lang an einer unserer Clubtüren zu stehen und einmal zu testen, wie viel Beleidigungen, persönliche Angriffe und Gewaltandrohungen man aushält – ohne gleich das Weite zu suchen…“

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