Die Lust an der kreativen Grenzüberschreitung

25 Jahre Jazzkantine – Christian Eitner & Co. kommen mit neuem Album „Mit Pauken und Trompeten“ und Deutschland-Tour

Jazzkantine: Das vielköpfige und vielfältige Braunschweiger Bandprojekt besteht seit 25 Jahren. "Das Spiel geht weiter. Die Show geht weiter…“ Foto: Marc Stantien

„Es ist Jazz“ – und das bereits seit 25 Jahren. Ein Vierteljahrhundert. Die Braunschweiger Jazzkantine ist mittlerweile ein deutscher Musik-Dinosaurier. Etwas faltig zwar, aber immer noch flink, flexibel und wandlungsfähig. Und am Leben.
Gewachsen und gereift über eine lange Zeitspanne, die nur die zähsten und erfolgreichsten in der deutschen Musikszene durchhalten und überstehen: Die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer, die Fantastischen Vier oder Fettes Brot beispielsweise. Mit all diesen Stars und Kollegen stand die Braunschweiger Band irgendwann, irgendwo einmal zusammen auf irgendeiner Festivalbühne. Gestählt durch unzählige Gigs in kleinen schmuddeligen Clubs, aber auch in piekfeinen Theatern und in riesigen Mehrzweckhallen. Die Jazzkantine hat bis dato über 2.000 Konzerte gespielt, das schönste und schlimmste, aufregendste und außergewöhnlichste aus allen Musikwelten erlebt.

Check: Die Jazzkantine hat viele Berge erklommen, Erfahrungen gemacht und Erfolge eingefahren. Die Band ist „Old´s Cool“ nach einem Vierteljahrhundert im Musikgeschäft. Foto: Marc Stantien

Jazz meets Rap aus Braunschweig

Einst inspiriert von Quincy Jones legendärem „Back on the Block“-Album aus dem Jahr 1989, dass eine Vielzahl prominenter Musiker verschiedener Musikrichtungen versammelte und fusionierte; aber auch von Jazzmatazz, dem innovativen, genreübergreifenden Bandprojekt des US-amerikanischen Rappers Guru (Gang Starr), hat die Jazzkantine bis heute ihren ganz eigenen musikalischen Weg gefunden – und originären Sound geschaffen. „Ich bin geprägt von meinem Vater, der ein großer Jazz-Fan war. Für mich stellte sich Ende der 80er-Jahre die Frage: Bekommt man so etwas auch mit deutschen Jazzern und Rappern hin? Und das hat gut funktioniert“, erinnert sich Christian Eitner, Bandleader, Bassist und Produzent, an die Anfänge der Jazzkantine.

Die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt

Eitner hatte zuvor bereits ein Jahrzehnt lang in diversen Funk- und Soul-Bands gespielt – und probierte nun wieder etwas Neues aus. Geplant war eigentlich nur eine Compilation mit Gastmusikern und kleiner Band – doch plötzlich lagen Angebote von drei Majorlabels vor. Es war die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Musikern. So nahm die musikalische Geschichte der Jazzkantine ihren Lauf. Dass gleichnamige Debüt schaffte es bis auf Platz 62 der deutschen Charts, bekam Gold für 100.000 verkaufte Exemplare, zudem einen German Jazz Award. Auch ohne Hitsingles, aber mit siebzehn Alben und unermüdlicher Livepräsenz erspielte sich das vielfältige Langzeitprojekt vor allem in deutschsprachigen Ländern (unter anderem auch beim renommierten Montreux Jazz Festival) über die Jahre einen guten Namen.
Die Jazzkantine hat einen elitären Sound selbstbewusst revitalisiert und leidenschaftlich umgesetzt: „Wir waren ein Teil derer, die den traditionellen Jazz entstaubt haben“, sagt Eitner. Mit 15 Musikern (inklusive DJs) ging es damals im doppelstöckigen Nightliner auf die erste Tour. Eine musikalische „Klassenfahrt“ – natürlich mit allen exzessiven Begleiterscheinungen. „Wir waren und sind die Rock’n’Roll-lastigste Jazz-Band meint Eitner, der auch großer Heavy-Metal-Fan ist, lachend.

Die Lust an der kreativen Grenzüberschreitung

Die experimentierfreudige Jazzkantine kannte nie Berührungsängste, vielmehr ging es der bunt zusammengewürfelten Truppe immer um die Lust an der kreativen Grenzüberschreitung und stetige Neuerfindung. Verschiedene Köche bereiten hier Futter für die Seele zu – und das gerne mit neuen, leckeren Zutaten. Ob bei Theater- und Tanz-Produktionen oder bei der Aneignung und Umsetzung von anderen musikalischen Genres – die Menüs schmeckten stets überraschend anders. Keine Gourmet-Köche, aber coole Currywurst-Typen, deren Sound glücklich und satt macht. Musik, die jeder versteht und sofort in den Bauch geht. Bei der Jazzkantine wird nicht lange geredet: Hier heißt es „Essen 2 – und bitte schön“.
Natürlich brodeln bis heute cooler Jazz und jede Menge lässiger Rap, aber auch warmer Soul und grooviger Reggae im Soundtopf. Zudem hat das innovative Kollektiv mit Rock, Heavy Metal (das Album „Hell’s Kitchen“ erreichte im Jahr 2008 Platz 1 bei den iTunes-Jazz-Charts und Platz 1 der deutschen Media Control-Charts Jazz) und sogar mit Volksmusik experimentiert – und auf ihre Art und Weise souverän umgesetzt. Hochkarätige Gastmusiker – Rapper wie Ol Dirty Bastard vom Wu-Tang Clan und Smudo von den Fantastischen Vier oder Jazzer wie Pee Wee Ellis, Tom Gaebel und Roger Cicero – sorgten außerdem immer wieder für besondere Würze auf den Alben.

Die Jazzkantine fährt am Braunschweiger Hafen vor – und huldigt mit ihren Outfits und coolen Posen der legendären US-Hip-Hop-Crew Run DMC. Foto: Marc Stantien

Hinfallen, wieder aufstehen, weitermachen

Doch der lange Weg der Jazzkantine war auch immer wieder von Dellen und kreativen Löchern geprägt. Gründer und Gangleader Christian Eitner hat es jedoch geschafft, seine vielköpfige Charaktertruppe über all die Jahre im Kern zusammengehalten. Klar, es gab Unstimmigkeiten, Streits, Abgänge und leider auch zwei Todesfälle. Doch Aufgeben gilt es für die Band aus der Löwenstadt nicht. Hinfallen, wieder aufstehen, weitermachen. Immer weiter. Alle Erfahrungen, Erfolge und Schicksalsschläge haben die Jazzkantine bis heute geprägt, gestählt und ganz besonders gemacht. Der Jazzkantine macht im sich rasant wandelnden Musikbusiness kaum jemand etwas vor – sie war selbst dabei, hat in 25 Jahren viele Höhen und Tiefen live erlebt.
Ob in feinen Massanzügen oder in schwarzen Adidas-Trainingsanzügen mit Original-Superstars an den Füßen (wie auf den Promo-Fotos des zwölften Studio-Albums „Old´s Cool“, einer Hip-Hop-Hommage an die Anfänge der 80er) – die Jazzkantine macht nicht nur musikalisch, sondern auch optisch noch immer eine gute Figur. Die Band weiß genau um die differenzierten Codes, Zeichen und Zitate, Verweise und Wurzeln der verschiedenen Szenen.

Tachi und Cappuccino (im Vordergrund in schwarzen Adidas-Trainingsanzügen und mit Kangol-Hüten) sind die Rapper der Jazzkantine. Beide haben auch Soloalben veröffentlicht. Foto: Marc Stantien

Es ist ihnen ein Ehre

Was ist Jazz? – Der relaxte, fein funkelnde und frei fließende Song „Eine Ehre“ aus ihrem neuen Album „Mit Pauken und Trompeten“, das im August 2019 erscheint, erzählt die 25-jährige Jazzkantine-Story in komprimierten 4:15 Minuten. Ein Rückblick und zugleich Ausblick in die Zukunft. „Hey, hey an alle Wegbereiter, hey, hey an alle Mitstreiter. Das Spiel geht weiter. Die Show geht weiter…“, rappen Cappuccino und Tachi ganz entspannt. Es ist ihnen weiterhin eine Ehre dabei zu sein. Es ist ihnen weiterhin eine Freude, dass sie da draußen noch immer gehört werden.
„Mit Pauken und Trompeten“ ist ein angenehm abgehangenes und unaufgeregtes Album mit dem die Jazzkantine im Oktober 2019 auch auf Tour geht. Die beiden Braunschweig-Termine im Westand sind bereits ausverkauft. „Mit Pauken und Trompeten“ ist stimmungsvoll, facettenreich und durchgehend gut am grooven. So kann es weitergehen. Gerne die nächsten 25 Jahre.

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