12. Dezember 2016
Szene-News

„Die Intoleranz der Menschen ist einfach nur erschreckend“

Miss Tattoo Germany Nina Holly im szene-Interview

Miss Tattoo Germany: Nina Holly. Foto: Bastian Tiehe

Nina, magst du dich kurz vorstellen?
Mein Name ist Nina Holly, ich bin 29 Jahre alt und komme aus Beienrode bei Königslutter am Elm. Ich arbeite bei der Firma Euro Tool GmbH, ein Familienunternehmen. Dort bin ich derzeit für den Einkauf/Verkauf und die Kundenbetreuung im Inland zuständig, bin aber auch Juniorchefin des Unternehmens. Meine Familie und auch meine Freunde sind das wichtigste für mich, genauso wie meine Tiere – ich besitze zwei Pferde und zwei Katzen. Ebenfalls wichtig ist mir mein Sport: Ich gehe vier mal die Woche mit meiner Schwester in die FitnessFarm in Cremlingen, dort trainieren wir nach einem Trainingsplan im Freihandelbereich.  Abgesehen davon, liebe ich das Mountainbiken im Sommer!

Was war dein erstes Tattoo?
Mein erstes Tattoo habe ich mir mit circa 22 Jahren auf die Leiste stechen lassen. Es ist eine kleine Blumenranke. Während und nach dem Stechen habe ich mir geschworen mich NIE WIEDER tätowieren zu lassen!

Welches Tattoo liegt dir besonders am Herzen?
Eigentlich liegt mir der Großteil meiner Tattoos am Herzen, weil 80 Prozent von ihnen meine Schwester gestochen hat (Bino von Backstage-Tattoo in Wolfenbüttel).  Seitdem sie angefangen hat zu tätowieren, gehört meine Haut ihr. Sie weiß genau was mir gefällt und ich lasse ihr komplett freie Hand. Allerdings gibt es eine handvoll Tattoos, die für mich eine sehr tiefe Bedeutung haben  – unter anderem das kleine Herz auf meinem Handgelenk, welches mir mein Mann stechen durfte, der übrigens kein Tätowierer ist (Natürlich unter Aufsicht meiner Schwester). Dann wären da zwei Familientattoos mit meiner Schwester und meiner Mama zusammen: „Auf ewig verbunden, solange ich atme“ sowie ein Schlüssel auf meinem Fußrücken; meine Schwester hat auch einen und meine Mama das Schloss dazu. Außerdem habe ich an der linken Wade ein Tattoo, was meine Schwester an genau der gleichen Stelle hat. Es ist ein Herz – drüber steht „Sisters“ und darunter „Endless love“.

Wie reagierst du auf Tattoo-Gegner?
Wie reagiere ich auf Tattoo Gegner … eine sehr schöne Frage die ich gar nicht richtig beantworten kann. Seit meinem Sieg und seit die Medien auf mich aufmerksam geworden sind, merke ich erst wie viele Menschen es gibt, die Tattoos nicht nur nicht mögen, sondern auch Menschen mit Tattoos verabscheuen und hassen. Ich kann sehr gut damit leben, wenn mich jemand anschaut und sagt, dass er die ganzen Tattoos nicht leiden mag und das er sich keine stechen würde. Das ist völlig okay, Geschmäcker sind schließlich verschieden und das ist auch gut so. Aber was für bösartige Kommentare ich von Menschen lesen musste, die mich nicht einmal kennen, trifft mich jedes Mal auf neue. Und hätte ich nicht den Rückhalt meiner Familie, Freunde und den lieben Menschen die sich einfach nur für mich freuen, dann würde ich da definitiv irgendwann dran kaputt gehen. Wörter wie „ekelhaft“ und „widerlich“ sind noch nett. Die Leute machen sich ernsthaft darüber Gedanken, wie ein Mensch mit Tattoos im Alter aussehen mag. Mal im Ernst …das ist doch scheiß egal, denn es sind unsere Körper! Ich versuche solche Leute zu ignorieren, was aber oftmals sehr schwer fällt. Lustigerweise ist es die Anonymität im Netz, die die Menschen zu solchen Kommentaren bewegt. Denn es stand noch nie jemand vor mir und hat in dieser Art und Weise mit mir gesprochen. Blicke und Getuschel hinterm Rücken liegen auf der Tagesordnung, aber darüber kann man gut hinweg schauen.Ein Satz passt einfach perfekt: „Der größte Unterschied zwischen einem tätowierten und einem nicht tätowierten Menschen ist der, das es dem Tätowierten egal ist, ob sein Gegenüber ein Tattoo hat oder nicht.“ Die Intoleranz der Menschen ist einfach nur erschreckend.

Hast du schon mal ein Tattoo bereut?
Ich habe bisher keines meiner Tattoos bereut.

Ist sich zu tätowieren wie eine „Sucht“? 
Ja – es wird zu einer extremen Sucht. Ich hatte mir ja damals geschworen das ich mich nie wieder stechen lasse … tja und nun ?? Circa 33 Tattoos später, sitze ich bei jedem Termin immer noch da und frage mich, wieso ich mir so etwas antue – aber sobald die Maschine aus ist, ist auch der schlimmste Schmerz wieder vergessen und man überlegt schon, was man noch stechen könnte.

Welche Körperstellen sind am schmerzhaftesten zu tätowieren?
Was das Schmerzempfinden angeht, ist es bei jedem unterschiedlich. Ich hasse beispielsweise den Rücken, das ist für mich schlimmste Stelle (neben der Innenseite der Oberschenkel und Arme). Ich musste zweimal abbrechen, weil mir aufgrund der enormen Schmerzen die Tränen liefen. Aber der Rücken musste fertig werden vor der Wahl.

Was hat dich dazu bewegt, bei Miss Tattoo Germany mitzumachen?
Wir waren auf der Tattoo Messe in Braunschweig. Die erste Messe für meine Schwester. Am Nachmittag lief ich über die Messe und schaute mir die Stände an, da sprach mich Sven Begemann von Miss Tattoo Germany an. Er meinte ich solle mit machen, das würde total lustig werden. Ich hab gesagt, dass ich das niemals machen würde und hab den Stand dann auch irgendwann verlassen. Als ich wieder bei meiner Schwester war, erzählte ich ihr davon. Und da ich sie vorher mehr oder weniger „gezwungen“ hatte mit ihren Arbeiten an den Tattoocontests mitzumachen, „zwang“ sie mich, mich dort anzumelden. Genauso meine Mama, mein Mann und meine Freunde. Ich hab‘ gedacht: „Okay, verlieren kannst du nichts und deine Schwester geht auch auf die Bühne weil du es wolltest. Mach einfach mit!“ Nach der Anmeldung hatte ich es eigentlich schon bereut. Ich hatte auch keine Klamotten mit – kein Bikini und auch nichts zum nachschminken. Ich stand dann in der zweiten Runde mit einem Bikinihöschen einer Mitbewerberin und meinem BH auf der Bühne. Plötzlich hatte ich die Schärpe zur Miss Tattoo Niedersachsen um und eine Eintrittskarte für die Wahl zur Miss Tattoo Germany 2016 (das war eine Pflichtteilnahme)

Nina lässt sich ihre Tattoos hauptsächlich von ihrer Schwester stechen. Foto: Mel Asche-Houtermans
Nina lässt sich ihre Tattoos hauptsächlich von ihrer Schwester stechen. Foto: Mel Asche-Houtermans

Wie hast du deine Gewinnchancen eingeschätzt?
Meine Gewinnchancen habe ich als sehr gering eingeschätzt. Auf der Hauptwahl waren alle Missen aus den Bundesländern und alle so hübsch und sie waren auch ganz anders als ich. Ich war die einzige mit kurzen Haaren und einer recht sportlichen Figur. Als Platz zwei und drei genannt wurden, habe ich erst recht nicht mehr an einen Sieg geglaubt. Während der Moderator erzählte mit wie viel Punkten Platz Eins gewonnen hat, hab ich mich schon umgeschaut wer es sein könnte. Dann wurde gesagt: „Den Titel hat gewonnen …. Miss Tattoo Niedersachsen!“ und ich schaute in die Runde und fragte mich, wer denn die Miss Tattoo Niedersachsen noch war … bis ich Sekunden später realisiert hab, das ich das ja bin!

Was hast du bei der Misswahl gewonnen?
Gewonnen habe ich nichts Großes. Eine 1,5 Liter Flasche Ficken Schnaps, Tattoo- und Piercing-Pflege-Produkte und die Teilnahme an der Miss Tattoo Europe im September 2017 in London. Ich bin dann noch das Gesicht für die kommenden Wahlen.

Welche Tattoos möchtest du dir in Zukunft stechen lassen?
In Planung ist jetzt mein Arm – was darf ich aber nicht verraten, weil es eine Überraschung wird. Mein rechtes Bein wird weiter gemacht. Derzeit ist dort eine Indianerfrau und ein Pferd zu sehen. Dazu kommt noch ein Tiger und mal sehen, was sich meine Schwester noch so ausdenken wird. Natürlich müssen wir noch mal an meinen Rücken ran: Nachstechen und die Ornamente auf meinen kompletten Rücken und nach vorne auf die Leiste erweitern. Und ein Tattoo hinter meinem linken Ohr ist auch in Planung.

 Was war  der schönste und schlimmste Tattoo-Trend?
Es gibt Trends, aber da ich mich an diesen so gar nicht orientiere, ist es schwer für mich, welche zu nennen. Neben dem „Arschgeweih“ waren bzw. sind „Polka Trash Tattoos“ ganz groß – mir persönlich gefällt das auch total super. Genauso wie „Dotwork Tattoos“ – die finde ich auch sehr genial; damit ist mein rechter Arm voll.

Wirst du schon in Königslutter und Umgebung erkannt?
Eher weniger. Natürlich freuen sich alle, die mich persönlich kennen und sprechen mich dann an. Aber wirklich erkennen und darauf ansprechen tut mich kein Fremder. Mal sehen ob sich das Ändern wird, wenn Sat1 da war 🙂

 

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