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Der Braunschweiger Autor u.emdee im Interview zu seinem Buch „Zonenrandwaver“

Lesung der anderen Art am 26. Juni in der Okercabana im Bürgerpark

u.emdee blickt in seinem Buch „Zonenrandwaver“ zurück auf die 80er Jahre. Einer Zeit, in der alles in Bewegung war. Foto: Buchbauer

Der umtriebige Braunschweiger Autor und Musiker Ulli (Ulrich) Meyer-Degering  veröffentlicht unter dem Pseudonym u.emdee demnächst sein neues Buch „Zonenrandwaver“ (Buchbauer Mediengruppe). Es geht darin um die spezielle Zeit zwischen Jugend und Erwachsensein in unserer Region. Einer Zeit der Neuorientierung und des ersten Fußfassens außerhalb des Elternhauses. Einer Zeit des Beginns der eigenen Verwirklichung und Verantwortung für sich selbst. Am Mittwoch, den 26. Juni, 20:00 Uhr, gibt es mit ihm eine Lesung der anderen Art im großen Zelt der Okercabana. Szene38 sprach vorab mit ihm.

u.emdee, warum und wann bist du nach Braunschweig gekommen?

Meine Eltern zogen zurück nach Braunschweig, als ich drei Jahre alt war. Zuerst in die Weststadt. Ich wollte nur weg von da. Ein Jahr später wohnten wir im Univiertel. Jan-Heie Erchinger ist nach uns dort eingezogen. Von Studentenprotesten hab ich nichts mitgekriegt. Braunschweig war ruhig 1969.

Wie, mit was und wo hast du deine Jugend verbracht?

Ich lebte als fast normaler Teenager am neu erbauten Stadtrand Süd. Mit erster Stereoanlage, Skateboard, Airfix, Schlaggitarre, Konfirmandenunterricht und Punk Rock.

Welche Rolle spielten die 80er Jahre in deinem Leben?

Ich wurde in die 80er Jahre hineingeboren. Wäre ich zwanzig Jahre älter/jünger, hatte ich glorreich über die 60er/2000erJahre berichtet. Man sucht sich seine Geburt nicht aus. Man wird irgendwo zu einem Zeitpunkt geboren.

Zonenrand-Ikone: Der letzte Käfer aus Wolfsburg lief am 1. Juli 1974 nach 11.916.519 dort produzierten Exemplaren vom Band. Foto: Buchbauer

Wie hast du die Stadt, das Szene- und Nachtleben in Erinnerung?

Ab 1985 tat sich live-musikalisch einiges. Und das haben wir Peter Vaihinger vom FBZ zu verdanken. Großartig, was der an den Zonenrand geholt hat. Im Leukoplast traf man sich am Wochenende, aber der Laden war 1985 dicht. Das Jolly Joker saugte das jugendliche Nachtvolk auf. Eine Mark Eintritt, Scheissmusik, schlechtes Bier, aber jede Menge Leute. So ’ne Art Jugendzentrum für die geburtenstarken Jahrgänge. War ich oft dreimal in der Woche. Vor allem im Winter, da war’s geheizt in der ollen Halle.

Welche Musik und Bands hast du am liebsten gehört und wie hat dich das geprägt?

Sozialisiert mit den Beatles. Dann Sex Pistols (ganz wichtig). Alter Rock ’n‘ Roll und Blues nebenbei. New Wave, elektrische Gitarren. Nie die ganz schräge Nummer.

Wann und warum hast du mit dem Schreiben angefangen?

Ich habe immer schon Zettel mit Gedanken und Ideen bekritzelt. Nach der Schule fing ich wieder an Bücher zu lesen. Die Zeit zwischen 1984 und 1988 war dermaßen angefüllt und inspirierend, dass ich dachte, dass ich was davon festhalten sollte. Zu viele Sachen, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. So fing das an. Noch einigermaßen stillos am Anfang. Ich bin kein Naturtalent und ziemlich selbstkritisch. Erleichtert die Sache nicht.

Gibt es schriftstellerische Vorbilder und Inspirationen?

Beat-Literatur der 50er Jahre lese ich gerne. Kerouac im Speziellen und immer wieder in Abständen. Stefan Heym. Auch Sachbücher. Gute Journaille. Rudolf Hickel, Noam Chomsky, was die politische Seite angeht. Es gibt so viel.

Auf was spielt der Buchtitel „Zonenrandwaver“ an?

Relativ einfach. Obwohl es zettelweise Versuche gebraucht hat, um zum Titel zu kommen: New Wave-Musikfans vom deutschen Zonenrand. Womit eindeutig die 80er Jahre bestimmt sind, eine Szenezugehörigkeit und der Ort der Handlung. Fast schon Dichtung.

Welche Rolle spielte Skai Heimann, der eine Hauptfigur in deinem Roman ist? Was war der für ein Mensch und wie hat er dich geprägt?

Seltenes Exemplar, dieser Skai. Ein wahrer Künstler. Extrem begabt. Außergewöhnlicher Mensch. Ein Suchender (wie ich, was uns wohl zusammenführte). Bewundernswert. Verbindend. Geliebt und runtergemacht. Jemand den du schmerzlich vermisst, wenn er nicht mehr da ist. Weil dann das Licht verblasst.

Wie viel in deinem Roman ist Realität und was Fiktion?

Ich wollte mir nicht vorsätzlich was ausdenken. An vieles konnte ich mich nicht mehr erinnern. Vieles kam beim Akt des Schreibens zurück. Andere Teile der Geschichte basieren auf Erzählungen, die mir freundlicherweise zugetragen wurden. Oft genug musste ich Sherlock Holmes spielen. Herausfinden, wie es hätte gewesen sein können. Bin in den Achtzigern schließlich nicht mit ’nem Aufnahmegerät durch die Gegend gerannt und hab Dialoge notiert. Da hatte ich Wichtigeres zu tun. Erleben zum Beispiel. Da hat man keine Zeit zum Festhalten, wenn alles in Bewegung ist.

Wie würdest du diese besondere Zeit zwischen Jugend und Erwachsensein in den 80er Jahren beschreiben? Mit welchen Gefühlen blickst du heute darauf zurück?

Ich schaue immer ein bisschen traurig auf die heutigen Jugendlichen, obwohl die auch ihren Spaß haben. So wenig Freiheit trotz großer vermeintlicher Freiheit. Da hat eine Verlagerung stattgefunden. Ich bin kein Typ, der gerne am Bildschirm oder übers Mobiltelefon kommuniziert. Ich will mein Gegenüber berühren, riechen können. Gemeinsame Luft atmen. Gibt mir das Internet nicht. Ich fahre auch nicht mit Zweihundertfünfzig über die Autobahn, nur weil der Motor das hergibt. Nenn mich altmodisch, macht mir nichts aus. Ich habe meinen Spaß. Komm lieber entspannt an, als schwitzend auf der Überholspur. Aber das war nicht die Antwort auf die Frage, die du gestellt hast …

Was sind die wichtigsten Themen deines Buchs und warum ist es als Trilogie angelegt?

„Zonenrandwaver“ erzählt von der Zeit zwischen Jugend und Erwachsensein. Eine Zeit der Neuorientierung, des ersten Fußfassens außerhalb des Elternhauses. Des Beginns der eigenen Verwirklichung und Verantwortung für sich selbst. Es geht um neue Freundschaften. Zuviel Stoff für ein Buch. Brauche ich nicht zu geizen. Habe es darum als Trilogie angesetzt. Vielleicht werden es auch vier Bücher über den Zeitraum von 1984 bis 1988. Falls ein arbeitsamer Verlagslektor nicht alles auf ein schmales Büchlein reduziert. Der Schluss wird wohl bizarr werden.

So bunt wie die 80er Jahre ist auch das Buchcover von „Zonerandwaver“ – und das Leben der Protagonisten. Foto: Buchbauer

Auch für den Schriftsteller Gerhard Henschel bietet die eigene Lebensgeschichte genug Stoff für ein großes, autobiographisches und chronologisch angelegtes Romanprojekt, das inzwischen auf acht Bände angewachsen ist. Gibt es eventuelle Parallelen und Bezüge?

Die Idee von Henschel erscheint mir ähnlich der meinen, aber ich kannte den Mann bislang nicht. Danke für den Tipp. Werde mal in der Bücherei schauen. Was liegt näher, als über sich selbst zu schreiben?

Was sind deine kurz- und langfristigen Ziele als Schriftsteller?

Leben vom Schreiben. In fremde Städte eingeladen werden und neue interessante Menschen kennen lernen.

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