Das Deichkind-Interview zum neuen Album „Wer Sagt Denn Das“ – Szene38
27. September 2019
Szene-News

Das Deichkind-Interview zum neuen Album „Wer Sagt Denn Das“

Deichkind sind ein Schwamm, ein Spiegel, eine riesige Projektionsfläche, ein trojanisches Pferd - eine der wichtigsten aktuellen Bands

Deichkind, Kollektiv am Puls der Zeit und dem Finger in der Wunde, hat sich neu und nachhaltig eingekleidet. Foto: Studio Schramm Berlin

Richtig gutes Zeug, echt krass. Echt Jung, gefällt mir gut, richtig gut. Fand ich wirklich gut. Richtig gutes Zeug. Hat mir wirklich gut gefallen, richtig gut, ja…“, muss man schwer begeistert ausrufen. „Richtig Gutes Zeug“ war einer der bouncenden Single-Vorboten des neuen Deichkind-Albums „Wer Sagt Denn Das“, welches heute (am 27.9.2019) erscheint. Auch die gleichnamige Single sowie das kürzlich veröffentlichte „Keine Party“ (im Video stampf Schauspieler Lars Eidinger wie Mini-Godzilla durch Berlin) offenbaren wieder einmal die Außnahmestellung des kreativen und gesellschaftskritischen Künstlerkollektivs. Die Hamburger Hip-Hop-Electropunk-Pop-Formation (um MC Philipp „Kryptik Joe“ Grütering, MC Sebastian „Porky“ Dürre und Henning Besser alias DJ Phono) kann man zudem am 14.2.2020 mit neuen und alten Abriss-Hits in der Volkswagen Halle Braunschweig erleben. Szene38 unterhielt sich vorab mit Sänger Sebastian „Porky“ Dürre.

Sebastian, alles an euch ist wieder bunt, völlig drüber, nah dran, voll drauf. Nur das Cover von „Wer Sagt Denn Das“ ist eher unspektakulär. Wie ein Ankreuz-Zettel den man früher heimlich in der Schule unterm Tisch weitergereicht hat. Frage: Warum ist das Artwork so reduziert?

Wir wollten beim Cover den Fokus auf den Inhalt legen. Reduktion auf das Wesentliche reduzieren. Schwarz weiß. Wir die. Das gerade passiert in der Gesellschaft. Außerdem haben wir mit Bombast schon alles abgefrühstückt was ging.

Euer aufwändiges Video zur Single „Wer sagt denn das“ explodiert dagegen wie eine Bombe. Die ganz große Breitwand-Zitat-(De-)Maskierungs-Videokunst, inklusive riesiger Killerdrohne. Wolltet ihr es hier richtig krachen lassen? Den aktuellen, komplexen Wahnsinn der gesamten Welt in einen 3.31-Minuten-Song gießen? Sind Deichkind ein Schwamm, der alles aufsaugt; ein Spiegel, der alles reflektiert, was momentan die Welt bewegt?

Also ganz ehrlich, Du hast die Frage doch schon selbst beantwortet. Wir sind ein Schwamm, wir sind ein Spiegel, wir sind eine riesige Projektionsfläche, wir beobachten Dinge, wie beschreiben sie. Wir singen nicht über uns, sondern machen Realitätschecks viel mehr ist dem nicht nicht hinzuzufügen. Trotzdem heben wir nicht den Zeigefinger. Wir sind ein trojanisches Pferd: die Leute dürfen auch einfach kommen und Spaß haben. Wenn sie dann ein bisschen was mitnehmen, was sie zum Innehalten und zum Reflektieren bringt, haben wir unser Ziel erreicht. Wir sind aber auch nicht angetreten, um die Welt zu verändern. Wir sind dazu angetreten, um den Leuten einen Weg zu offenbaren sich selbst zu begegnen.

Deichkind beobachten, beschreiben, machen Realitätschecks. Foto: Benjakon

Warum seid ihr so viel näher dran an den aktuellen, wichtigen Themen als andere Kollegen im deutschen Pop-Kosmos?

Ich hab mich vielleicht mal gefragt, warum die Großen, die wirklich viel Reichweite zur Verfügung haben, ihre Plattform nur benutzen, um sich zu vermarkten und sich abzufeiern. Die siebte Rolex ist wahrscheinlich auch nicht mehr so ganz so spektakulär wie die erste. Ich erhoffe mir, dass die großen Sechs, nenne ich sie mal, ohne sie zu nennen, vielleicht aufhören sich nur selbst abzufeiern und hier und da – es muss ja gar nicht andauernd sein – etwas Sozialkritisches einzubauen. Ich kann ihnen aber auch kein Vorwurf machen, die sind halt alle wie sie sind, aber das mit Rezo fand ich schon sehr gut und ich würde mir einfach für die Zukunft wünschen, dass große Influencer einfach bisschen Verantwortung übernehmen und ihre Macht nutzen, um die Gesellschaft zu verändern. Früher war Musik Revolution, heute kannst du damit keinen mehr schocken. Heute ist es die Reichweite, die verwirkliche Veränderung bewirken kann. Kokain und und Unboxing kann nicht das Ende sein..
AFD muss der Nährboden entzogen werden, genauso wie der CDU. Es muss sich was verändern sonst ist bald Schluss mit Gönnung, liebe Kinder und natürlich auch liebe Fußballer (hust). Aber ey wer sagt denn das?

Und warum seid ihr dazu noch so viel authentischer, ehrlicher und kompromissloser?

Weil wir nichts anderes können. Deichkind ist ja auch nicht ehrlich. Deichkind ist eine riesige Theaterinszenierung, wo gesellschaftliche Inhalte benutzt werden, um eine gute Zeit zu haben. Wir gaukeln dir was vor, wir tun so als wäre alles mit einem Saufabend zu bewältigen. Das ist eine Utopie – eine wunderschöne Utopie.

Könnt ihr mittlerweile eigentlich alles machen, was ihr wollt? Gibt es künstlerische Kompromisse oder irgendein Korrektiv?

Wir haben uns jetzt bei einer Nummer zum Beispiel wie „Richtig Gutes Zeug“, darauf geeinigt wie unser Bauchgefühl ist und wo wir den größten gemeinsamen Nenner haben anhand des Bauchgefühls. Das ist schon mal eine riesige tolle Sache, dass wir nicht Marketing-Strömen oder Modetrends folgen müssen. Da ist Deichkind mittlerweile so free, dass es sich so anfühlt als wären die letzten 20 Jahre Arbeit gewesen, um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind.

Dackel statt Kampfhunde. Killerdrohne statt Luxusschlitten. Deichkind persiflieren mackerhaften Gangsta-Rap. Foto: Auge Altona

War die Arbeit an „Wer Sagt Denn Das“ auch eine Art Katharsis für euch?

Das ist es immer hahahaha. Das ist der Grund, warum es Deichkind gibt.

Wie schwer ist es für euch, neue Ideen, Reize und Kicks, immer wieder „Richtig Gutes Zeug“ zu kreieren? Wie entstehen diese bzw. wie lief/läuft der Arbeitsprozess ab?

Der weiße Zettel am Anfang ist immer gleich brutal. Wir schreiben viel ohne Musik, machen Listen und schauen, wo Zeilen entstehen und wo ein Song vielleicht auch eine Eigendynamik entwickelt.

Seid ihr mit den Jahren konsum- und gesellschaftskritischer geworden oder ist euer Level auf dem aktuellen Album gleichgeblieben?

Es ist ambivalenter geworden. „Leider geil“ ist immer noch aktuell bei uns. Wir hängen alle in unserer westlichen Struktur und sind eigentlich schädlich für den Planeten.

Wo sind die Unterschiede, Veränderungen, Weiterentwicklungen im Vergleich zu den Vorgänger-Alben?

Die Frage kann ich schwer beantworten. So ein Album ist ja auch immer eine Blaupause zu dem, wo man sich selber gerade befindet. Wir sind einfach Typen, die froh sind, nicht mehr jung zu sein und schreiben darüber. Ich bin froh, dass ich nicht mehr die Probleme hab, die ich früher hatte. Aber hey, kennt jemand einen Schulter-Spezialisten? Gerne in der Redaktion melden. Wer mich von meinen Schmerzen befreit, hat für immer freien Eintritt.

Wie viel Politik und wie viel Party steckt aktuell in Deichkind?

Humor ist unser Transportmittel, das wird auch so bleiben. Da können wir uns am besten ausdrücken. Politisch sehe ich uns nicht eher sozialkritisch.

Schauspieler Lars Eidinger springt im Video zur neuen Single „Keine Party“ wie ein Vibrationsstampfer durch die Großstadt. Reflektiert der Song eure Ambivalenz eigentlich zu alt zu sein für Party?

Ja genauso ist es.

Bitte zu Tisch: Deichkind ist eine riesige Theaterinszenierung, Humor ihr Transportmittel. Foto: Studio Schramm Berlin

Wie anregend, beziehungsweise anstrengend, ist es für euch heute die verrückten Feiervögel zu geben und in Mehrzweckhallen die Massen zu bespaßen?

Nicht anstrengend. Das ist wirklich eine Rolle, die kann ich gut ausfüllen. Ich bin extrem unsicher manchmal im Privatleben und auf der Bühne spiele ich eine Figur, die übernimmt viele Sachen, bei denen ich im Alltagsleben zu schüchtern wäre. Außerdem ist es sehr komfortabel: Auf Tour ich bin mit meinen Freunden auf Klassenfahrt, werde gut verpflegt und die Leute kommen auch, weil sie uns mögen nicht, weil sie uns ausbuhen wollen. Außerdem habe ich sehr viel Freizeit zwischendurch.

Schauspieler Lars Eidinger ist auch im Video zu „Richtig gutes Zeug“ zu sehen. Was liebt ihr an ihm? Warum zieht er im Video blank, steckt sich einen Tintenfisch in den Mund und einen Maiskolben in die Nase?

Wir kennen ihn von früher schon, bevor er so richtig berühmt wurde. Er ist einfach ein wiederkehrender Charakter, ein Eckpfeiler, ein Raum, der ausgefüllt werden kann mit jemanden in dessen Glanz wir uns auch gerne sonnen. Er ist in unserem Alter und es ist einfach eine geniale Idee ein Schauspieler zu akkreditieren.

Was wollt und könnt ihr mit dem neuen Album bei euren Hörern bewirken?

Deichkind ist heftig. Deichkind muss ich sehen. Danke Deichkind, dass du da bist.

Tetraeder und Leuchtdioden: So geht es bei Deichkind live auf der Bühne ab. Foto: Henning Besser

Wie aufwändig wird die neue Tour werden? Was ist neu, anders, überraschend?

Lass dich überraschen es wird großartig.

Hamburg ist von Braunschweig nur ein paar Kilometer entfernt. Was verbindet ihr mit der Stadt?

Sandberg Gitarren! Ihr habt in Braunschweig eine Welt berühmte Firma. Als junger Mann, als junger Bassist, hat Holger von Sandberg mich immer supportet. Leider habe ich dann irgendwann ziemlich viel Schwachsinn von mir gegeben und auch mal ne Rechnung nicht bezahlt, die ich schon bestellt hatte und wir haben uns aus den Augen verloren – verständlich seinerseits. Ich war nicht immer der große Star, sondern auch einfach mal ein besoffener Vollidiot. Viele Grüße an Sandberg Holger und danke für damals.

Schöne neue Deichkind-Welt oder Arbeit 4.0: Roboter verrichten den Bühnenjob. Foto: Giraffentoast/Björn Beneditz

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