31. Januar 2017
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„Wenn wir alt sind, sind eh alle tätowiert”

Tattoo-Atelier „Culture Shocks” im Interview über Vorurteile, außergewöhnliche Motive und die Tattoo-Trends 2017

Tapfer hält sie durch: Janine des Braunschweiger Ateliers lässt sich von Tattoo-Artist Jan ein neues Kunstwerk stechen. Foto: Lukas Hoffmann

Das Tattoo-Atelier „Culture Shocks” liegt im gemütlichen Magniviertel (Langedammstrasse 17-18) in Braunschweig. 1995 wurde das Hauptstudio in Wolfsburg eröffnet, doch schon bald reichte der Platz nicht mehr aus, weshalb der Schritt nach Braunschweig gewagt wurde. Hier gibt es professionelle und hochwertige Tattoos von talentierten und kreativen Tätowierern, Piercings und die Laserbehandlung für alle, die mit ihrem Tattoo nicht mehr ganz zufrieden sind. Wir sprachen mit Tätowierer Jan, Tätowiererin Jessy und Shop-Managerin Janine.

Eurer Tattoo-Atelier heißt „Culture Shocks”. Schockiert ihr mit euren Tattoos?

Jan: Den Laden gibt es seit 1995. Den Namen hat sich unser Chef Oliver Fiedler damals ausgedacht. Der Name heißt übersetzt „Kultur schockt” und nicht „Kulturschock“. Es bedeutet, dass Kultur schockt, was auch immer für eine Kultur es ist. Daraus ergibt sich dann die Kultur des Tätowierens und alles was damit zu tun hat.

Wie kamt ihr zu dem Beruf des Tätowierers / der Tätowiererin?

Jan: Ich habe schon immer gezeichnet. Irgendwann kam die Zeit, wo man für Freunde Rucksäcke und andere Gegenstände bemalt hat. Die haben dann angefangen, sich tätowieren zu lassen, und ich war derjenige, der die Skizzen gemacht hat. Meine Freunde sind mit diesen Skizzen zum Tätowierer gegangen und dieser hat mich irgendwann zu sich eingeladen und gefragt, ob ich das nicht beruflich machen möchte. Dies habe ich dann auch direkt nach der Bundeswehr getan. 2008 hatte ich auch nochmal eine Umschulung zum Mediengestalter gemacht, aber generell bin ich Tätowierer, seit ich aus der Schule raus bin.

Jessy: Bei mir war es eher zufällig. Ich hatte nie den konkreten Wunsch geäußert, Tätowiererin zu werden. Ich habe zwar auch immer schon gezeichnet, aber das hat sich dann zufällig ergeben. Ich habe erst eine Lehre im Einzelhandel gemacht und mich dann 2008 mal mit meinem Tätowierer angetastet. Durch unzählige Umstände bin ich schließlich hier bei „Culture Shocks” gelandet. Ursprünglich komme ich nämlich aus der Nähe von Dortmund.

Wie sieht es allgemein mit den Tattoo-Trends aus? Habt ihr im Laufe der Zeit Veränderungen bzgl. Größen und Motiven erlebt?

Jan: Auf jeden Fall. Die Leute sind eher bereit, als erstes Tattoo ein Großes zu machen oder ein komplettes Konzept umzusetzen. Aber auch genauso kleine Tattoos. Generell die Bereitschaft oder der Impuls, sich tätowieren zu lassen, größer als noch vor fünf Jahren. Jetzt geht es langsam los, dass sich die Leute wirklich Gedanken darüber machen, was es für Stile gibt, was sie haben möchten und in welchem Stil es sich am Besten verpacken lässt. Früher war es so, dass die Leute total sorglos angekommen sind und wirklich den Tätowierer haben machen lassen. Heute ist es so, dass sie dezidierter wissen, welchen Stil sie haben möchten und welcher Tätowierer diesen Stil gut umsetzen kann. Die kommen mit mehr Know-How in den Shop als noch vor fünf bis zehn Jahren.

Jessy: Es lässt sich ja mittlerweile auch jeder tätowieren, selbst wenn es nur eine Lebensweisheit auf den Rippen ist.

Geht der Trend auch dahin weiter? Könnt ihr bereits eine Prognose für 2017 geben?

Jan: Man kann nicht mehr sagen, dass alle Leute ein bestimmtes Motiv wollen. Schriftzüge, Letterings genannt, sind nach wie vor sehr beliebt. Ich glaube, dass es aber auch da eher so ist, dass es verschiedene Szenen oder Gruppierungen gibt, die in einem Stil ihre Trends innerhalb des Freundeskreises setzen. Wenn sich ein Kumpel ein Mandala machen lässt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, das ein Freund von ihm etwas Ähnliches macht. Generell geht der Trend, aber dahin, dass man sich bewusst für einen Stil entscheidet, zum Beispiel nur in Black-Grey, Realistik, Old- oder New-School.

Janine: Aber die ganzen traditionellen Sachen sterben nie aus. Es gibt nach wie vor Leute, die sich Seefahrermotive tätowieren lassen.

Jan: Ich glaube auch, dass die Leute sich heutzutage eher Tattoos aussuchen, wo der Stil für das Tätowieren entwickelt wurde. Die sagen nicht: Ich will das und das Bild, weil es auf dem Blatt Papier schön aussieht, sondern: Ich will genau DAS Thema in DEM Tattoo-Stil: Japanisch, Old-School, New-School, Ornamentik. Aquarell wäre ein genaues Gegenteil. Das suchen sich Leute aus, weil es auf dem Papier schön funktioniert und auch auf der Haut gut funktionieren kann, wenn der Tätowierer das beherrscht. Über die Jahre gesehen ist das aber schwierig. Die Haltbarkeit der Tätowierungen ist den Leuten heutzutage auch wichtig.

Gerade wurden bereits die Seefahrer-Motive angesprochen. Gibt es zeitlose Klassiker? Was für Motive sind das?

Jan: Auf jeden Fall. Rosen, Schwalben, Anker, Blüten und die eben genannten Stile: Letterings, Portraits, Black and Grey, Realistik. Das sind alles Dauerbrenner, die mehrere Trends überlebt haben und nie out sind. Die Schwalbe links und rechts hat jeder Tätowierer schon gemacht.

Janine: Das sind ja alles auch Motive mit einer Bedeutung, die kommen ja irgendwo her. Ich glaube, dass ist das, was immer bleibt und worauf sich die Leute immer wieder beziehen würden.

Bedeutung ist ein gutes Stichwort: Immer wieder gibt es Leute, die sagen, dass ein Tattoo eine Bedeutung haben muss. Wie seht ihr das?

Jessy: Letztendlich finde ich nicht, das ein Tattoo eine Bedeutung haben muss. Ich habe auch Tätowierungen, die nicht die Welt bedeuten. Für viele Kunden ist das aber wirklich wichtig. Sie überlegen sich Jahre, was sich tätowieren lassen und legen da wirklich eine richtige Bedeutung rein. Manchmal sind sie auch ganz entsetzt, wenn sie hören, das manche Tattoos keine Bedeutung haben. Das ist so 50:50.

Jan: Ich glaube, für viele ist diese Bedeutung eine Rechtfertigung, sich tätowieren zu lassen. Ein Tätowierer braucht das nicht. Es gibt auch Schmuck-Tattoos, die einfach nur schön sind.

Gibt es noch Kunden, die zu den standardisierten Flashs greifen oder zu Individualisierten?

Jessy: Ich habe eher das Gefühl, dass die Kunden oft was gezeichnet haben wollen. Die Kunden kommen zwar mit ungefähren Vorstellungen zu uns, möchten diese dann aber individuell nochmal für sich gestaltet haben.

Jan: Ich glaube, dass was früher Flash war, ist heute das Wanna-Do. Tätowierer posten auf sozialen Netzwerken ein Wunschmotiv und irgendein Kunde meldet sich dann und möchte genau das. Früher bezeichnete man das als Flashs. Heutzutage brauchst du auch kein Flash-Buch mehr oder musst in einen physischen Laden, um dir da Plakate anzugucken. Das kannst du dir vorher schon alles im Internet heraussuchen.

Wie sieht es mit Tattoos aus, die früher einmal angesagt waren? Als Beispiele könnte man hier das Arschgeweih oder Tribals anführen. In wie weit ist das noch vorhanden?

Jessy: Das Arschgeweih ist ausgestorben. Obwohl ich es letztens sogar noch bei einer Dame tätowiert habe. Das ist aber die Ausnahme. Dabei ist es eigentlich eine schöne Stelle für eine Tätowierung. Früher hat man es ja wegen der Hüfthose gezeigt, da guckte es ja immer raus. Das ist heute ja auch nicht mehr modern.

Jan: Tribals gibt es immer mal wieder. Beim Arschgeweih ist es natürlich schade, dass es durch die Medien so in Verruf geraten ist, dass die Leute nun der Meinung sind, sie müssten sich dafür schämen. Es ist schade, dass es so durch den Kakao gezogen wird. Ein schönes Arschgeweih sollte man einfach belassen und dazu zu stehen. Bevor ich es so überarbeite, dass es vielleicht hinterher ein ganzes Rückenbild werden muss, würde ich es eher schlicht und schön lassen.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Jan: Schwierig. Frauen sind nicht so empfindlich, sagt man immer.

Jessy: Das kann man aber nicht verallgemeinern. Männer sagen eher weniger, das es weh tut, obwohl sie Schmerzen haben. Frauen geben das schon eher zu. Das ist der einzige Unterschied, der mir jetzt einfällt.

Ein Teil des großen Teams: Janine, Jan und Jessy. Bianca (vorne mitte) ist von Anfang an dabei und gründete mit Chef Oliver Fiedler „Culture Shocks”. Foto: Tattoo-Atelier „Culture Shocks”

Immer noch ist es in vielen Berufen nicht gerne gesehen, dass Tattoos an dauerhaft sichtbaren Stellen wie im Gesicht oder der Hand vorhanden sind. Wie steht ihr dazu?

Jessy: Ich selber komme aus dem Lebensmittel-Einzelhandel. Da sah ich auch schon aus, wie ich jetzt aussehe. Da gab es nie ein Problem, auch in der Gesellschaft nicht. Bei den Kunden fragt man schon vorher, vor allem wenn sie noch relativ jung sind, was sie beruflich machen oder mal werden wollen. Wir geben denen schon mit auf den Weg, dass sichtbare Tattoos in manchen Berufen immer noch im Weg stehen können.

Jan: Sichtbare Stellen sind auch ein Trend, gerade Hals und Hände. Bei sehr jungen Leuten muss man drüber sprechen. Es gibt aber genug Leute, die Berufe haben und sich trotzdem tätowieren lassen und in Kauf nehmen, dass sie dann im Sommer langärmlig rumlaufen. Da ist der Impuls, tätowiert zu sein, viel stärker als das die Tatsache, dass sie im Sommer schwitzen.

Würdet ihr euch eine allgemeine berufliche Akzeptanz wünschen?

Jessy: Ich könnte mir vorstellen, dass es gerade in Berufen, in denen man zum Beispiel mit älteren Leuten zusammenarbeitet, noch nicht gerne gesehen ist. Man kommt dann vielleicht nicht so seriös rüber, wenn man den Hals eintätowiert hat und den Bausparvertrag so an den Mann bringen will.

Jan: Aber ich finde, das die Akzeptanz heute schon sehr gut ist. Viel mehr muss auch nicht sein. Ein bisschen Rebell, quasi wenn das Tätowieren noch ein wenig was besonders bleibt was nicht jeder einfach so macht, fände ich schon schön. Es sollte auch was bleiben, womit man sich auch irgendwie abgrenzt. Heutzutage ist es ja eher ein Abgrenzen, wenn man sich nicht tätowieren lässt. Dafür haben die Tätowierer ja auch alles getan, jetzt darf man sich nicht beschweren. Durch Prominente, das Fernsehen, Fußballer und Sportler hat sich das auch zu einem großen Thema entwickelt.

Werdet ihr öfters mit Vorurteilen konfrontiert?

Jessy: Ab und zu kommt mal ein Kommentar: „Oh Gott, wie kann man sich so verunstalten?” Das ist aber ganz selten.

Jan: Man verliert natürlich auch ein bisschen die Sicht auf die Wahrnehmung der Nicht-Tätowierten, wenn man jeden Tag mit Tätowierten umgeben ist. Du nimmst es auch nicht mehr als viel wahr, sondern siehst dich jeden Tag im Spiegel und suchst eher nach Lücken.

Tätowiert ihr im Gesicht oder den Handflächen? Viele sprechen da immer von kritischen Stellen.

Jan: Gesicht mache ich, aber nicht ständig. Es ist auch eher selten, dass Leute etwas im Gesicht haben wollen. Wenn, dann sind es Kleinigkeiten wie bei Jessy. Ich finde auch nicht, dass das Gesicht eine kritische Stelle ist. Es es nicht aufwendig zu tätowieren und man muss nicht großartig etwas beachten, außer das es natürlich hinterher gut aussehen muss. Die Handinnenfläche würde ich auch machen, allerdings dann nur Punkt für Punkt mit einer Nadel. Die Irritationen wären mit der Maschine dann einfach zu groß. Wenn es einfache Motive sind, zum Beispiel ein Dreieck oder einfache Formen, dann kann man das machen.

Jessy: Im Gesicht habe ich auch sehr, sehr lange überlegt. Das ist ein Bereich, den du immer siehst. Wenn du in den Spiegel schaust, hast du immer was im Gesicht, ob es dir gefällt oder nicht.

Wie steht ihr zu der Aussage, das Tattoos im Alter hässlich werden?

Jan: Finde ich nicht.

Jessy: Kommt darauf an, wie sie gestochen sind. Wenn sie zu tief gestochen sind und auseinander klaffen, sieht es natürlich nicht gut aus. Andererseits: Wenn wir alt sind, sind eh alle tätowiert.

Woher kommt die Aussage, dass alle Tätowierten Verbrecher, Gefängnisanwärter oder Seefahrer sind?

Jan: Die kommt natürlich aus einer Zeit, in der viel im Knast tätowiert wurde. Damals gab es in Deutschland wenn überhaupt einen Laden. Alle anderen, die sich tätowiert auf der Straße gezeigt haben, hatten ihre Tattoos wahrscheinlich auch aus dem Gefängnis. Ich habe in einem alten Braunschweiger Buch gelesen, das der „Tätowierer” früher um 1920 ein Begriff für Arbeitslose war. Das ist natürlich auch das Überklischee. Da ist die Akzeptanz inzwischen ja schon fast zu groß.

Jessy: Die Tattoos haben ja mittlerweile auch eine ganz andere Qualität. Das sind schöne Sachen.

Jan: Ältere Leute oder Leute, die nicht auf Tattoos stehen, die vielleicht noch die Tattoos von vor 20 Jahren kennen, sehen natürlich heute auch, das ganz andere Sachen möglich sind und heute schon damit liebäugeln würden, sich was machen zu lassen. Heute sieht es ja gut aus.

Gibt es ein Tattoo, dass ihr unbedingt mal stechen wollt?

Jan: Ein Waschbecken voll mit Elektroschrott (lacht). Spontan fällt mir da nichts ein. Ich glaube, es sind eher Projekte, zum Beispiel ein Bodysuit, auf die man mal Lust hätte. Dadurch, dass wir so viele Tätowierer sind, können wir ganz gut sortieren, wer was macht. Eigentlich machen wir in der Regel meistens das, was uns Spaß macht.

Jessy: Ich wüsste es gar nicht. Ich mache gerne Old-School und neo-traditionelle Tattoos, und die auch regelmäßig. Es gibt kein bestimmtes Motiv, bei dem ich sage, dass ich es unbedingt mal tätowieren will.

Welches Tattoo war bisher das Ungewöhnlichste, das ihr gestochen habt?

Jan: Das war ein Motiv von einem Plattencover einer alten Achtziger-Jahre-Punk-Band: Eine Punker-Frau, die gerade ihr Kind bekommen hat. Der Kopf des Babys, auch ein Punker mit Irokesen-Schnitt, schaute quasi bereits heraus. Auf dem Boden lag Fruchtwasser, das den Schriftzug „Wut im Bauch” ergab. Das Ganze war aber als Comic verpackt. Das war eine Hebamme, die das auf dem Oberschenkel haben wollte. Das war schräg, da hatte ich überlegt, ob ich es überhaupt mache. Letztendlich habe ich es gemacht, aber nur für den Fall, dass mich mal jemand fragt, was mein außergewöhnlichstes Tattoo war. Wenn es super abgefahren ist, muss der Kunde auch passen. Man muss schon das Gefühl haben, dass der Kunde es ernst meint oder dazu steht. Dann geht das auch. Wenn es komisch wird, würde man das wohl auch eher ablehnen.

Jessy: Da kann ich leider nicht mitreden. So etwas habe ich noch nicht gestochen.

Welche Tattoos gefallen euch persönlich am Besten? Es gibt ja klassische schwarz-graue, bunte und jetzt auch weiße Tattoos.

Jessy: Von weißen Tattoos halte ich nichts. Die haben nur eine begrenzte Lebensdauer. Zwei bis drei Sommer, dann ist die weiße Farbe so hell, dass man das Motiv nicht mehr erkennen kann. Das ist ein komischer Trend. Ansonsten stehe ich eher auf farbige Sachen. Sowohl dass ich sie tätowiere als auch an mir selbst.

Jan: Bei mir ist es schwierig. Ich finde schwarz-grau und bunt gut. Ich tätowiere immer noch eher schwarz-grau in der Masse. Ab und zu mache ich auch Farb-Tattoos.

Was gebt ihr Leuten an die Hand, die überlegen, sich ein Tattoo zu stechen?

Jessy: Schmerzen gibt es immer. Ein schmerzloses Tattoo gibt es nicht. Außerdem würde ich mir genau überlegen, was ich mir tätowieren lassen möchte und zu welchem Tätowierer ich gehe. Darauf würde ich achten: Das ich etwas Gutes habe, wo ich ein Leben lang mit glücklich bin und nicht auf die Schnelle und in einem Studio, wo es nochmal 100 Euro billiger als bei den anderen ist und ich da nächste Woche sofort einen Termin kriege. Das sind Dinge, wo man eigentlich vorsichtig sein sollte.

Jan: Ich denke auch, man sollte gut recherchieren, was die Leute für Arbeiten machen, vielleicht auch schauen, was die gerne oder hauptsächlich machen und sich danach seinen Tätowierer aussuchen.

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