4. Februar 2015
CheckOut

„Like mich am Arsch“: Deichkind im Interview

„Die Show kann jetzt beginnen – und alle nur so: yeah!" Deichkind sind am Start. Foto: Studio Schramm

Das studi38-Team um Daniel Götjen und Laura Franz traf sich für uns mit Deichkind in ihrem Büro mitten in St. Pauli – wenige Tage vor dem Release ihres sechsten Studioalbums „Niveau, Weshalb, Warum„. Kryptik Joe und Porky haben schon ein paar Interviews hinter sich, holen sich Kaffee und Zigarette. Ein Gespräch über Pilz-Apps, Grenz-Kitsch und innere Zerrissenheit.

Euer neues Album „Niveau, Weshalb, Warum“ erscheint Ende Januar.
Kryptik Joe: Das ist doch ’n geiler Titel.

Finden wir auch!
Kryptik Joe: Den hat Porky sich ausgedacht. Wir waren in einer Lyric Session im Wendland und er hat da für seine Kids irgendwelche Kinder-Kassetten gehört. Da wurde das Lied von der Sesamstraße gesungen.

Da habt ihr gesagt, das ist es?
Kryptik Joe: Ich hab gesagt, „Porky, das ist ist es, das ist unser Titel.“ Wie wollten wir das Album sonst noch nennen?
Porky: „Penner ohne Grenzen“!

Was ist denn für euch Niveau?
Kryptik Joe: Das haben wir uns auch gefragt…
Porky: Wenn etwas ein ganz kleines bisschen Niveau hat, dann ist es gleich viel besser als etwas, das gar kein Niveau hat. Also wenn ich zum Beispiel, „Bernd das Brot“ und das Dschungelcamp gucke und vergleiche, dann hat „Bernd das Brot“ so ein ganz klein bisschen Niveau.

Seid ihr der Meinung, dass die meisten Menschen kein Niveau haben?
Porky: Menschen sind Ratten! Sie scheitern an ihrem eigenen Anspruch, dass sie Individuen sein wollen, aber eigentlich sind Menschen eine rattige Spezies.
Kryptik Joe: Die passen sich an. Das tun wir aber auch! Menschen sind ganz schön gut darin, zu bleiben.

Hilft es, wenn man kein Niveau hat?
Porky: Ich will nicht sagen, dass ich Niveau habe, aber manchmal hilft es schon. Wir sind eine Band, die durch Zweifel lebt. All unser kreativer Output entsteht durch Zweifel. Und es lebt sich, glaube ich, manchmal einfacher ohne diese Ausschläge.

Kein Niveau zu haben kann also ganz schön entspannend sein…
Kryptik Joe: Ja! Aber sobald man einmal anfängt zu denken, ist Schluss damit.

In „Like mich am Arsch“ beschreibt ihr sehr offen den Online-Exhibitionismus und Selbstdarstellungswahn unserer Gesellschaft.
Porky: Pilz-App! Du gehst raus in den Wald, willst Pilze sammeln und dann holst du erst mal deine Pilz-App raus und guckst, welche giftig sind.
Kryptik Joe: Und ärgerst dich, dass du im Wald nicht 3G hast und nicht updaten kannst.
Porky: Das ist keine Anklage, sondern einfach eine Beschreibung, wie wir uns fühlen.
Kryptik Joe: Das ist auch nichts Wertendes, dass Leute sich darstellen. Das machen wir auch, wir nutzen das Netz ja genauso. Wir stellen uns genauso dar, feilen an unserem Image und gucken: „Na, der Post, meinst du, der wird was?“
Porky: Wir sind vor allem auch ’ne Internet-Band! Wir sind im Internet berühmt geworden.

Nutzt ihr Facebook auch privat?
Kryptik Joe: Wir haben verschiedene Ansätze, gehen verschieden damit um.
Porky: Ich bin da komplett raus, ich kann nicht mehr.

Betreibt ihr die Deichkind-Facebook-Seite selbst?
Porky: Bis vor ein paar Monaten hab ich das alles gemacht, hab aber jetzt alles abgegeben. Mir war’s zu viel.
Kryptik Joe: Wir haben das ein bisschen optimiert, also geguckt, was man besser machen kann, und uns mit Leuten, die sich damit auskennen, zusammen gesetzt.

„Die Show kann jetzt beginnen - und alle nur so: yeah!“ Deichkind meldet sich zurück. Foto: Jonas Lindström / oh.
„Die Show kann jetzt beginnen – und alle nur so: yeah!“ Deichkind meldet sich zurück. Foto: Jonas Lindström / oh.

In „Powered by Emotion“ geht es um die Sloganhaftigkeit unserer Konsumwelt, dabei ist ja Deichkind auch ein Produkt, das sich verkaufen muss. Wie geht ihr damit um?
Kryptik Joe: Wir sehen uns auch als ein Produkt. Es wäre auch vermessen zu sagen, wir sind jetzt Künstler und free und machen nur das, was wir wollen. Wir versuchen, das zu machen, was wir gut finden und was Leute gut finden, die was von uns erwarten. Man muss gucken, wie weit will man die Schere aufmachen zwischen dem, was du gut findest und was andere gut finden. Wir sind Dienstleister!

Das ist aber ein relativ unromantisches Bild von Musik.
Kryptik Joe: Ja! Aber hinter den Kulissen ist das halt so.

Uns kam „Denken Sie groß“ aus dem Uni-Alltag sehr bekannt vor: Höher, schneller, weiter und sich das Mittagessen noch zwischen Nebenjob und Hausarbeit reinziehen.
Kryptik Joe: Wir haben das bei Deichkind auch. Wenn du was erfolgreich machen willst, kannst du schnell in diese Mühle geraten. Ich muss dies machen, das machen, strukturierter denken. Da kommt dann wieder unsere Zerrissenheit, denn du musst schon gewisse Freiräume haben, um Kraft schöpfen zu können. Wir haben immer so 3-Jahres-Zyklen mit unseren Alben und brauchen immer so ein Dreiviertel- bis zu einem Jahr, wo wir uns einfach mal gehen lassen und uns mit anderen Dingen beschäftigen können.
Porky: Ich seh da total das Drüber-Hinweg-Trampeln der kleineren Dinge links und rechts. Wenn du groß denkst als Student, dann wird halt drauf geschissen, ob du noch ein Privatleben hast.
Kryptik Joe: Andere Kulturen haben das weniger als wir. Das, was wir ausdrücken auf der Bühne, wenn wir exzessiv frei sind, das sehen ja Leute bei uns auch und sagen, jetzt kann ich endlich mal mein Studium vergessen und einfach sein.

In eine ähnliche Richtung wie „Denken Sie groß“ geht auch „Mehr als lebensgefährlich“. Es geht um unsere Überflussgesellschaft und darum, dass wir immer irgendwas finden, das uns aufregt, obwohl es uns eigentlich ja ganz gut geht. Haben wir verlernt zufrieden zu sein?
Porky: Wir sind da einfach einem Rudiment ausgesetzt, einem Alarmknopf. Früher stand ein Heer vor der Burg und wollte Stress oder ein Löwe war im Gebüsch. Der Körper ist ausgerichtet auf so eine Gefahr. Das Problem, das wir jetzt haben: Da ist nichts mehr! Weil die Gesellschaft sich so schnell entwickelt hat, dass du relativ friedlich mit deinem Cafe Latte in Mitte sitzen kannst ohne eine Gefahr. Aber dein Körper hat diesen Alarmknopf immer noch. Das ist ein First-World-Problem-Track. (Porky bekommt einen Anruf von seinem Zahnarzt, geht kurz ran und entschuldigt sich, dass er sich gleich nochmal meldet. Sein Inlay ist fertig, er hat heute morgen drei Stunden beim Zahnarzt gesessen. Die haben ihm alles weggebohrt, er hat Karies. „Das ist nämlich kein Rudiment, das ist real shit.“)

Passen wie üblich in keine Schublade: Schon seit 1997 ist die Hip-Hop-Electro-Formation am Start. Foto: Henning Besser / oh.
Passen wie üblich in keine Schublade: Schon seit 1997 ist die Hip-Hop-Electro-Formation am Start. Foto: Henning Besser / oh.

Ein Song, der sich auf dem Album extrem abhebt, ist „Hauptsache nichts mit Menschen“, auch musikalisch. Ist es für euch auch als Band wichtig, sich zurückziehen zu können, vielleicht gerade nach einer Tour?
Kryptik Joe: Wir haben gemerkt, wenn Leute das hören, dann sagen sie, „mit der Nummer kann ich mich eigentlich am meisten identifizieren.“ Ich bin den Hanse-Marathon mitgelaufen mit vielen Leuten, aber ehrlich gesagt bin ich ein Typ, der sagt, ich muss mich jetzt zurückziehen und mal die Tür zumachen.
Porky: Ich bin ein totaler Aussteigertyp und wohne im Wald. Ich hab meinen Kosmos mit Deichkind und Fans und finde das geil, aber sonst hab ich mich gesellschaftlich total zurückgezogen. Wenn ich in Berlin am Kottbusser Tor lang gehe, sind da so viele Eindrücke. Mein Gehirn dreht da irgendwie durch, weil ich versuche alles zu verstehen. Und das geht dann eben mittlerweile so weit, dass ich mich in den Wald zurückgezogen habe, damit ich nichts mehr mit Menschen zu tun habe.

Ihr habt das ja für das Songwriting für euer letztes Album, „Befehl von ganz unten“, ähnlich gemacht.
Porky: Dieses Mal auch.

Das heißt, ihr habt euch völlig abgeschlossen von der Außenwelt?
Kryptik Joe: Ein Songwriter-Camp haben wir uns aufgebaut.

Mit Lagerfeuer?
Kryptik Joe: Ja, tatsächlich. Ein anderer ruhigerer Track auf dem Album ist „Porzellan und Elefanten“.
Porky: Findet ihr den gut, den Song?

Unser Lieblingssong!
Porky (laut, haut auf den Tisch): Ja, endlich mal einer!
Kryptik Joe: „Porzellan und Elefanten“ ist natürlich irgendwie grenz-kitschig, zeigt aber auch unsere innere Zerrissenheit. Es gibt einfach so Gegensätze bei uns. Wenn es langweilig für uns wird, dann schnappen wir uns einfach diese Dialektik und reiben uns daran.
Porky: „Porzellan und Elefanten“ sind auch wir beide, weil wir total konträre Typen sind und eigentlich auch nicht. Wir sind uns auch sehr ähnlich. Diese Kontraste sind einfach da, wenn man Beziehungen hat.

Es ist ja auch ein schöner Gegensatz, wie dieser Song zwischen Elektropunk und Gesellschaftskritik auf dem Album steht. Passt so ein Song auf ein Deichkind-Konzert?
Kryptik Joe: Ja, auf jeden Fall! Schnulzen sind immer gut. Es wird so geballert auf dem Konzert, da bist du froh wenn du am Ende des zweiten Drittels mal ein paar entspannte Nummern spielst.

Macht es euch Spaß, auch solche Lieder zu spielen?
Kryptik Joe: Ja! Es ist einfach schauderhaft schön.
Porky: Das ist ein Bruch. Deichkind braucht Brüche, sonst ist es langweilig.

Letzte Frage: Ihr habt eine ausgedehnte Deutschlandtour vor euch, die im April beginnt. Für den Sommer stehen erste Festival-Auftritte. Spielt ihr lieber eigene Konzerte oder vor Zehntausenden auf dem Hurricane?
Beide (gleichzeitig): Beides!
Porky: Aber ich finde Festivals geiler, weil man da weniger Verantwortung hat. Ein eigenes Konzert, das geht drei Stunden mit Intro, da musst du wirklich am Start sein. Du hast eine enorme Verantwortung den Laden zu rocken. Die Leute haben Geld ausgegeben für dein Konzert, das muss ein geiler Abend für sie werden.
Kryptik Joe: Ich muss sagen, ich finde Touren einen Tick geiler. Es ist irgendwie intensiver, wie eine Extrem-Kur. Bei Festivals kommst du hin, trittst auf und fährst dann wieder weg.
Porky: Ich mess mich da aber auch mit anderen Bands und sehe sie gern untergehen (lacht). Einmal haben wir nach Peter Fox gespielt und da haben wir nochmal einen drauf gesetzt. Das ist der auch nicht gewohnt. Und das finde ich irgendwie gut.

Tipp: Am Dienstag den 14. April gastieren Deichkind in der Swiss Life Hall in Hannover. Tickets gibt es bei der Konzertkasse. Details zur Band auf www.deichkind.de.


 

Hier gibt es das Video zu „Denken Sie Groß

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