Lange Hälse, Sahnewolken und Nusskatmußberge – Szene38
25. Juli 2016
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Lange Hälse, Sahnewolken und Nusskatmußberge

Das 6,75 Meter lange Ausmalwimmelbilderbuch der Braunschweiger HBK-Studentin begeistert mit detailreichen Fantasiewelten.

Ein Einblick in Jen Katz' Illustrationen in „Von Socken & Zebraffen". Foto: Jen Katz

29 Jahre alt, Studentin an der HBK und Designerin des ungewöhnlichen Malbuches „Von Socken & Zebraffen“. Kinder, Erwachsene und jeder der Lust hat zu den Stiften zu greifen kann den, von Jen Katz mit Fineliner gezeichneten Motiven, Farbe verleihen. Szene38 unterhielt sich mit der Künstlerin.

Jen, was ist das faszinierende am Adult Coloring?
Ehrlich gesagt, wurde mir diese Frage schon so oft gestellt und ich habe immer noch keine eindeutige Antwort darauf. Ich glaube, dass es unter anderem viel mit dem Begriff an sich zu tun hat. Die Bezeichnung „Für Erwachsene“ ist sozusagen wie eine offizielle „Erlaubnis“, ein „Ja, du darfst, auch wenn du schon erwachsen bist“-Schildchen. Ich bin davon begeistert, dass so viele Menschen am Kolorieren Spaß haben, halte aber wenig von dieser Altersabgrenzung – wenn es so weiter geht, muss man ja noch Ausmalbücher für Kinder, für Jugendliche, für Männer, für Frauen, für Senioren usw. gesondert kennzeichnen. Warum sollte es überhaupt eine Altersgrenze geben? Diese Frage habe ich mir gestellt, bevor ich mit meinem Buch anfing.

Ist das Ganze nur ein Trend oder etwas Bleibendes?
Ich denke, es war wahrscheinlich schon immer da, nur haben wir nichts davon mitgekriegt. Wer sagte, dass man nicht ausgemalt hat, nur weil es nicht in den Zeitungen stand? Es bleibt bestimmt noch eine Weile, hat aber auch Potenzial zur Weiterentwicklung.

Woher kam die Idee ein Ausmalbuch für Erwachsene zu gestalten?
Ich habe kein Ausmalbuch für Erwachsene gestaltet – im Gegenteil: anstatt es einzugrenzen, habe ich versucht, auf so viele Bedürfnisse wie möglich einzugehen. Das heißt, ich habe das Alter und die unterschiedliche Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten verschiedener Zielgruppen ebenso berücksichtigt, wie die unterschiedliche Intention, auszumalen. Kinder und Erwachsene malen aus vollkommen verschiedenen Beweggründen aus. „Von Socken & Zebraffen“ ist nicht nur ein Ausmalbuch, ebenso ist es ein Malbuch, ein Wimmelbuch und ein Bilderbuch, in welchem viele kleine Geschichten versteckt sind, die man sich erforschen, ersuchen und erfinden kann. Es ist eine Ausmalwimmelbilderbuchgeschichte für alle.

Was hat es mit dem Titel „Von Socken & Zebraffen“ auf sich?
Viele glauben, Zebraffen wären eine Mischung aus Zebras und Affen, aber das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Zebraffen stammen von Zebras und Giraffen ab. Sie haben vier schwarze Streifen am Hinterkopf und können in verschiedenen Farbvariationen vorkommen. Ihr Hals ist so lang, dass sie problemlos an die Sahnewolken herankommen (und darüber hinaus).Um auf die Frage nochmal zurückzukommen: Zebraffen und Socken sind etwas ganz Alltägliches.

Was ist noch besonders an Deinem Buch?
Nun, das Buch ist 6,75 Meter lang. Man kann sich das eigentlich schon denken – die Ausmalwimmelbilderbuchgeschichte ist nicht als einsame Freizeitbeschäftigung ausgelegt, sondern zielt auf Kommunikation und das gemeinsame Erlebnis. Das Buch soll verschiedene Altersgruppen zusammenführen und den Gemeinschaftssinn fördern.

Das 6,75 Meter lange Ausmalwimmelbuch von Jen Katz erzählt Geschichten. Foto: Jen Katz
Das 6,75 Meter lange Ausmalwimmelbuch von Jen Katz erzählt Geschichten. Foto: Jen Katz

Von wem oder was lässt Du Dich für Deine Motive inspirieren?
Oh, jetzt kommt der Moment, an dem man seine verrückten Freunde grüßt, richtig (lacht)? Ich habe eine geheime Karte unter meinem Bett versteckt. Jedes Mal, wenn mir etwas einfällt, vervollständige ich diese. So entsteht nach und nach eine fantastische Welt. Die Wesen, die ich erschaffe, sind oft Mischwesen, die aus Wortspielen bzw. Wortdrehungen entstehen. Ich versuche mir vorzustellen, weshalb es so heißt und in welchem Lebensraum es leben könnte; welchen Dingen es im Alltag nachgeht und wovon es sich ernährt. Ich arbeite nach einem ganz einfachen Prinzip: „Alles ist möglich, solange ich es mir logisch erklären kann.“ Zum Beispiel ist es ganz offensichtlich, dass ein Karamel drei bis vier Höker besitzt, um seine Vorräte dort zu speichern. Da er allergisch auf Nachowüstenfeinstaubmehl reagiert und den Verzehr des Oasenkäses strikt ablehnt, muss er größere Strecken überwinden, um zu den Nusskatmußbergen zu gelangen.

Hast Du künstlerische Vorbilder?
Es sind so viele, alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Ich habe meinen künstlerischen Vorbildern eine ganze Doppelseite im Buch gewidmet. Es ist eine Stadt, in der zahlreiche Bilder vom Himmel herabhängen oder in der Landschaft verstreut sind. Ich stelle mir gerne vor, dass jeder, der die Stadt besuchen möchte, ein Bild hinterlassen muss. Kandinsky, Dali und Picasso waren wohl auch schon da, um Urlaub zu machen.

Die Zeichnungen in Deinem Buch sind sehr fein und detailreich. Warum?
Es wäre doch langweilig, alles auf den ersten Blick zu sehen. Ich finde es viel spannender, wenn man beim Ausmalen oder genauerem Betrachten immer mehr Dinge entdecken kann. Es war mir aber auch sehr wichtig, dass eben nicht alles detailreich ist. Es gibt Flächen mit Wimmelbildcharakter ebenso wie größere, freigelassene Flächen zum Ausmalen, Reinmalen und Vervollständigen. So können zum einen Kleinkinder wunderbar mitgestalten, zum anderen fördert es die Kreativität. Ich bin kein Freund von Mandalas.

Mit welchen Materialien und Techniken hast Du gearbeitet?
Ich zeichne mit einem einzigen Fineliner. Mehr als eine Menge Papier brauche ich in der ersten Phase der Entstehung nicht. Diesmal sind es ca. 60 Arbeitsblätter geworden. Danach setze ich die entstandenen Ebenen digital zusammen und nach der Retusche geht es in den Druck. Danach kommt das Schneiden, Kleben, Falzen, Falten des Innenteils und im Anschluss die Fertigung des Hardcovers, was ebenso viel Zeit in Anspruch nimmt.

Wie viel Zeit und Arbeit steckt in dem Buch? Wie lange hat die Gestaltung einer Seite im Durchschnitt gedauert?
Von der Idee bis zum fertigen Produkt ist ungefähr ein halbes Jahr vergangen. Ich zeichne meist obsessiv und mache in dieser Zeit nichts Anderes. Im Großen und Ganzen hat es diesmal ca. 2-3 Monate gedauert. Dabei ist es schwer zu sagen, wie viel ich für eine Seite im Durchschnitt brauche, da ich das Buch nicht chronologisch zeichne. Wenn ich heute Lust auf das Urigami Dorf habe, obwohl ich gestern an dem Knopfwald gearbeitet habe, dann mache ich es eben.

Was willst Du mit Deinen Werken bewirken?
So ganz blauäugig und ehrlich: die Menschen glücklicher machen, Menschen zusammenbringen, Kommunikation und Gemeinschaftssinn fördern, mehrere Generationen an einen Tisch bekommen, ohne dass Langeweile entsteht.

Warum hat das Ausmalen eine positive Wirkung?
Während des diesjährigen Rundgangs der HBK habe ich eine Ausmal-Aktion gestartet, um genau dieser Frage nachzugehen. Erwachsene haben oft berichtet, dass es entspannend, meditativ und beruhigend wirkt. Ich schätze, es ist mit jeder anderen Beschäftigung, bei der man in sich gehen lassen oder abschalten kann, genauso. Ich glaube, Kinder fanden eher das bunte Stifte-Paradies und das riesige Leporello mit der Vielfalt der schrägen Wesen toll.

Das Ausmalen von Bildern wird oft als „kindisch“ abgestempelt. Wie bringt man Erwachsene dazu, trotzdem zum Stift zu greifen?
Ist „kindisch“ etwas Negatives? Und werde ich lieber als „kindisch“ oder als „voreingenommen“ abgestempelt? Jemand, der es noch nie probiert hat, kann es wohl kaum wissen. Ich persönlich bin gerne kindisch, viel schlimmer wäre es doch konservativ, begeisterungsunfähig und für keinen Spaß zu haben zu sein.
Ich möchte an dieser Stelle keine Werbung für das Hobby „Ausmalen“ machen. Ich finde, jeder sollte so frei sein, zu entscheiden, womit er sich in seiner Freizeit beschäftigt. Und wenn Yoga mehr Spaß macht, warum nicht? Eine berufliche Abgrenzung finde ich ebenso unangebracht wie eine Altersbeschränkung. Jeder durfte sich bei der Ausmal-Aktion daran ohne Berührungsängste ausprobieren, um sich selbst die Fragen zu beantworten, ohne sich dafür ein Buch kaufen zu müssen. Ich habe noch nie so viele Menschen beim Ausmalen erleben dürfen. Es war großartig. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, ob es Ingenieur-Studenten, Teenager, Businessmenschen im Anzug oder Großeltern mit ihren Enkeln waren – sie alle standen um ein Buch herum und gestalteten es gemeinsam. Es war ein tolles Erlebnis und ich hoffe, es ergibt sich die Möglichkeit bzw. Räumlichkeit, so eine Ausmal-Aktion bald wieder zu veranstalten.

Menschen aller Altersklassen malen beim Rundgang der HBK aus. Foto: Julia Martin
Menschen aller Altersklassen malen beim Rundgang der HBK aus. Foto: Julia Martin
Jen Katz bei der Ausmal-Aktion anlässlich des Rundgangs der HBK. Foto: Maximilian Targatz
Jen Katz bei ihrer Ausmal-Aktion anlässlich des diesjährigen Rundgangs der HBK. Foto: Maximilian Targatz

Was fasziniert Menschen und vor allem Erwachsene an den Ausmalbüchern?
Wir sind alle Kinder, nur die Spielzeuge werden größer und teurer.

Wie ist das Feedback der Käufer und was ist als nächstes geplant?
Die Resonanz war durchgehend positiv – ich habe alle Bücher verkauft. Es gab viele Besucher, die mir sagten, wie toll sie es finden. Das motiviert natürlich sehr und bestärkt mich in meiner Arbeit. „Von Socken & Zebraffen“ ist das erste Buch einer Trilogie, geplant sind also noch zwei weitere Bücher. Da die Nachfrage so groß ist, habe ich mich entschieden, 20 weitere Exemplare bis September herzustellen. Diese werden dann bei Graff erhältlich sein. Im Moment bin ich auf der Suche nach einer passenden Druckerei, damit „Von Socken & Zebraffen“ in Zukunft in Serie produziert werden kann.

 

Mehr Informationen zu Jen Katz und ihrer Arbeit gibt es auf ihrer Homepage, ihrer Facebook-Seite oder auf Instagram.

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