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Musiker Jonny S mit neuem Album „Tattoo“ – großes Interview

Mit dem stetem Ziel vor Augen, in zwei Jahren als Vollzeitmusiker durchzustarten, meldet sich Jonny S mit dem neuen Album "Tattoo". Foto: Rasmus Bell / oh.

Jonathan Beddig ist ein Tausendsassa. Designer, Unternehmensgründer, Marketingleiter, Musiker, Netzwerker – ein Sym­path. Als Jonny S ist der Hip-Hopper schon seit vielen Jahren aktiv. Nach seinem vergangenen Album „Halbes Leben“ legt der Braunschweiger nun mit „Tattoo“ nach. Nicht nur wird das Album auf besondere Weise finanziert, auch sind die Geschichten dahinter unbedingt hörens- und lesenswert. Über die Entwicklung, das neue Album und auch das Crowdfunding-Kickoff hat er im großen Interview gesprochen!

„Tattoo“ finanzierst du über Crowdfunding. Auch dein vorheriges Album hast du gecrowdfunded. Wie lief das?
Ich glaube dass ich super viel Glück hatte, dass alles so geklappt hat. Das war mehr Glück als Verstand. Ich habe das damals relativ spontan entschieden und gedacht, das wird schon irgendwie gehen. Ich wusste es gibt ein paar Freunde die das schon immer wollten, so habe ich das einfach gemacht. Als es dann losging und die ersten Taler reinliefen hat es sich auch schnell bewahrheitet. Irgendwann kommst du allerdings an einen Punkt an dem du merkst: Es passiert gerade nicht mehr jeden Tag etwas, ich muss aktiv werden. Hätte es nicht unabhängig voneinander gleich zwei Leute gegeben die richtig große finanzielle Batzen gegeben hätten, wäre es nichts geworden. Das war insgesamt eine Sache, die ich so nicht kalkuliert habe, die einfach so passiert ist.

Gibt es eine Art Patentrezept für Musiker bei einem Crowdfundingprojekt?
Ich glaube schon dass es Rezepte oder Regeln gibt, an die man sich halten sollte oder muss. Ein Blick auf Startnext lohnt sich etwa, ich schätze rund 60 Prozent der Fundings sind dort erfolgreich. Hängt natürlich auch stark von der Summe, deinem Thema und auch dem Storytelling ab. Damit hatte ich noch nicht genug Erfahrungen.

Wie war das im Nachgang: Waren die Supporter zufrieden?
Die eine Hälfte der Spender hat glaube ich gar nichts erwartet, die wollten mich einfach unterstützen. Insgesamt habe ich im Grunde kein negatives Feedback erhalten.

Du hast davor einige Jahre gar kein Album herausgebracht. Gab es einen Schlüsselmoment – dass du wieder ein Release an den Start gebracht hast?
In den Jahren war ich nicht untätig, ich habe sogar ein ganzes Album aufgenommen. Es ist auch fast fertig produziert. Am Ende haben der Produzent und ich nicht mehr so zusammengefunden wie am Anfang, ein Trauerfall in seiner Familie kam zudem hinzu. Ich bekam Kinder, habe mein Studium beendet, ein Startup gegründet. Hatte einen Haufen Dinge zu tun. Unsere Terminkalender fanden nicht mehr zusammen und so lag das Album erst einmal brach. Das war auch einer der Gründe warum ich mit der Zeit mit einem gewissen Druck herumlief, wieder etwas machen zu wollen. Der Entschluss, wieder ein Album zu veröffentlichen, kam dann relativ spontan. Im September sagte ich mir: Bis zum Ende des Jahres will ich etwas herausbringen. Egal wie, in welchem Umfang. Ich habe dann einfach angefangen – und herausgekommen ist doch ein recht gutes Album (lacht).

Für die, die deine Musik bisher noch nicht so verfolgt haben: Entspricht deine aktuelle Musik noch deinem damaligen Stil? Ich würde es jetzt mal als Indie-Hip-Hop bezeichnen
…Man wird ja irgendwann mal erwachsen, ich bin jetzt schließlich auch schon Anfang 30. Das, was ich vor 8-9 Jahren gemacht habe, könnte ich heute nicht mehr machen. Was natürlich nicht heißt, dass ich die Musik von damals nicht auch so stehen lassen würde. Es ist eine ganz normale Entwicklung als Künstler, der Sound verändert sich mit der Zeit. Es sei denn man ist AC/DC, die können konsequent erfolgreich das Gleiche machen (lacht). Ich höre viel unterschiedliche Musik, und die Einflüsse – die mich umgeben – lassen meine Musik natürlich auch anders klingen.

Welche Crowdfundingsumme musste für das vergangene Album zusammenkommen – und wie viel soll es beim neuen Album „Tattoo“ sein?
Zuletzt waren es 4.900 Euro, die ich für eine CD- und Vinylpressung benötigt habe. Jetzt will ich die Prozesse und Arbeit professionalisieren, was auch bedeutet, dass viele Dinge Geld kosten. Beim vergangenen Album haben mich viele Leute kostenfrei begleitet und superviel so gemacht, ohne, dass sie dafür etwas haben wollten. Ich sehe nun einfach, wenn ich das auf gleichem Level oder auf höheren machen will, geht das nicht mehr einfach so. Einer meiner Kumpels etwa, Felix – der die Videos dreht – lebt etwa davon. Wenn er mich nun ein Vierteljahr begleitet, muss er dafür auch Geld bekommen. In Summe kommen wir damit dieses Mal auf rund 23.000 Euro.

Was war die erste Resonanz auf dein neues Projekt – und auch die Summe?
Es gibt unterschiedlichste Reaktionen. Wenn ich den Leuten erkläre was ich vorhabe ist es in jedem Fall ganz plausibel. Hinter dem Zahlenblock stecken ganz viele Sachen, die ich auch alle aufgelistet habe. Die Transparenz ist mir dabei sehr wichtig. Dann gibt es natürlich auch Leute – insbesondere Musiker – deren Horizont manchmal schon da endet, wenn sie sich über eine 100-Euro-Gage für einen Auftritt freuen. Wenn man in solchen Dimensionen denkt, sind 23.000 Euro natürlich exorbitant viel. Wenn ich auf die Zeit meiner Startupphase zurückblicke, da haben wir mehr als 150.000 Euro von Sponsoren und Investoren gesammelt. Am Ende des Tages ist es sogar recht knapp kalkuliert.

Wovon wird „Tattoo“ handeln?
Gefühlt knüpft es an die letzte Platte „Halbes Leben“ an. So im Nachgang betrachtet ist es ein sehr düsteres, melancholisches Album geworden. Die neue Platte ist deutlich heller, hat eine ganz andere Grundstimmung. „Halbes Leben“ habe ich in zwei Monaten geschrieben und aufgenommen, die neue Platte habe ich nach Fertigstellung geschrieben – also im Laufe des letzten Jahres. Man merkt, dass es eine Evolution ist, hat einen thematischen Faden. Ein kleines bisschen Retrospektive spielt mit, ist eine ganze Ecke poppiger als das letzte Album. Dadurch, dass ich mit einer Band unterwegs bin, wird es natürlich musikalisch auch ganz andere Einflüsse geben. Ich habe es nicht nur selbst produziert – sondern auch mit anderen Produzenten zusammengearbeitet. Wenn man die vergangene Platte mag, dann wird es bei der Neuen vermutlich auch so sein.

Wie kam der Name des Albums zustande?
Ich hatte irgendwie keine richtige Idee. Ich schreibe auch erst Songs, und fange dann an, sie etwa in einer Playlist zu arrangieren. Dabei fiel mir auf, dass ganz viele Tattoo-Referenzen in den Songs dabei sind, von „Name auf der Haut“ oder „in dein Hertz tätowiert“. Das fand ich spannend. Man trägt schöne Dinge mit sich herum – eben wie ein Tattoo auf der Haut. Manchmal ist es auch nicht so gut, dass zu zeigen, dass fand ich vom Metabegriff her sehr schön.

„Halbes Leben“ war sehr im Bezug zu sehr persönlichen Themen wie deinem ersten Kind. Wie verhält es sich bei „Tattoo“?
Es hat nicht mehr so viel familiäre Bezüge. Es gibt einen Song – ich bin ja noch einmal Vater geworden – der dieses sehr persönliche Thema aufgreift.

Hast du schon einen Song, der bereits jetzt besonders an dir heftet?
Es gibt einen Track, den ich extrem viel im Kopf habe – was auch daran liegt, dass wir mit der Band zurzeit schon die neuen Songs arrangieren und für die Liveperformance üben. Er heißt „Molly“. Der ist ultra eingängig – ich wünsche mir, dass er eine große Bühne bekommt. Er hat echt Stadionfeeling. Ein Zweiter, der unglaublich viel mit meiner Identitätsfindung zu tun hat, ist ein Song über Braunschweig. Im vergangenen Jahr hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, hier angekommen zu sein. Und das, obwohl ich hier schon sehr lange lebe und arbeite. Mittlerweile fühle ich mich auch wie ein Braunschweiger. Es würde mir heute echt schwer fallen hier wegzuziehen. Vor ein paar Jahren war das noch anders. Das behandelt die Platte auch.

Du beweist also auch ein stückweit Lokalkolorit?
Das ist definitiv auch Thema der Platte. Es gibt recht viele Referenzen über die Zeit, die ich hier bisher verbracht habe.

„Halbes Leben“ wurde viel national viel besprochen. Ist das Ziel die Arbeit als Profimusiker?
Ich habe einen konkreten Plan. Der besagt: In zwei Jahren will ich davon leben können. Dementsprechend gebe ich gerade auch viel Gas. Natürlich arbeite ich zurzeit auch Vollzeit – ich habe eine Familie – anders wäre es auch gar nicht möglich. Diese Einstellung „mal gucken“ habe ich in jedem Fall nicht mehr. Aus solch einer Einstellung wird in den seltensten Fällen etwas. Du brauchst in diesem Business nicht nur Glück, du musst es auch erzwingen. Das ist auch der Punkt, warum ich mir nun diesen Plan mit meinen Zielen gemacht habe. Und das ist definitiv ganz vorne mitzumischen. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig.

Deine Musik gehört auch „richtig“ ausgetobt…
…das glaube ich schon sehr lange. Nur hatte ich ebenso lange nicht das Selbstbewusstsein, das für mich selbst auch so zu sehen – und das von mir einzufordern. Gerade für Musiker ist es superschwer, die eigene Musik auch als Produkt zu sehen und zu verkaufen. Diesen Sprung habe ich so langsam geschafft.

Im Dean’s steht dein Kickoff an. Was hast du da vor?
Bei diesen Crowdfundingprojekten gibt es immer eine Startphase, bei der man immer eine bestimmte Anzahl an Fans für seine Kampagne zusammenbekommen muss – das fordert der Portalbetreiber. Hat natürlich auch den Sinn, abzuchecken, ob das Thema ankommt. Quasi als Lernkurve. Das hat bei mir immer ganz gut funktioniert. Der nächste Teil ist nun die Finanzierungsphase, in der man etwa das Album vorbestellen kann – sprich mich finanziell unterstützen kann. Weil Crowdfunding unglaublich viel von Storytelling lebt lasse ich die Leute an diesen Schritten teilhaben und in die Arbeit reingucken. Ich möchte die Leute involvieren, es geht viel über Emotionen. Wenn ich es schaffe, die Leute zum Kickoff ins Dean’s zu bekommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit für die weitere Unterstützung auch größer. Ebenso ist es mir wichtig ein paar Sachen zu zeigen, als Ansprechpartner zu dienen. Die Finanzierungsphase ist eingeläutet, im Grunde können die Leute im Dean’s über meinen Laptop auch schon Unterstützungen übermitteln.

Gibt es auch ein paar Hörproben?
Gibt es! Wir spielen vier oder fünf Songs. Ein paar Songs habe ich schonmal getestet, wir sind also ganz optimistisch. Es wird nicht großartig mit Band sein, ich habe ein paar Instrumentals, eine kleine Anlage. Für einen Song habe ich mir noch einen Gitarristen ausgeliehen. Im Grunde geht es um einen kurzen Einblick. Um ein „Ey, das ist die Platte. Wenn ihr sie mögt würde ich mich freuen wenn ihr sie unterstützt.“

Warum gerade das Dean’s?
Das ist relativ spontan entstanden. Ich kam mit Spread Music zusammen, die sich die Förderung der Musikkultur auf die Fahne geschrieben haben. Sie wollten als Erstes gerne mich supporten. Das fand ich natürlich super. Als ich erzählte, dass ich gerne ein Kickoff machen würde, haben wir unsere Ressourcen zusammengetan und sie haben das Event im Dean’s eingetütet. Spread Music wird am Abend auch ihre Künstlerförderung vorstellen – im Anschluss an den kleinen Gig wird noch DJ Amigo auflegen.

Eine Nachlese zum Kickoff-Abend gibt es hier:

Details zu Jonny S: www.facebook.com/jonnyinnacity.

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