„It‘s still a beautiful world!“

Reggae-Sänger Patrice im Interview über sein neues Album "Life's Blood".

Immer locker: Sänger Patrice sieht seiner Tour im November entspannt entgegen. Foto: Barron Claiborne.

Für Weltenbummler und Allround-Künstler Patrice Bart-Williams, einen der erfolgreichsten deutschen Reggae-Sänger und Songwriter, geht‘s im November auf große Albumtour. Am 30. September 2016 veröffentlicht der gebürtige Kölner sein siebtes Studioalbum „Life‘s Blood“, das progressive Reggae-Beats mit ruhigeren Vocalparts verbindet und dabei auch tiefgründige Themen berührt. Szene38 hat sich vorab mit ihm unterhalten…

Patrice, man hat das Gefühl, dass du der Musikwelt immer ein Schritt voraus bist. Als Hip-Hop in war, hast du Akustik gemacht, als Reggea bekannt wurde, bist du zu Soul und Funk gewechselt. Wie würdest du den Sound deines neue Albums „Life‘s Blood“ beschreiben?

Die Frage ist super schwierig zu beantworten, weil die Musik für jeden Mensch anders klingt. Ich mache Musik oft sehr intuitiv und natürlich baut das Album in sich auf. Durch die Co-Produktion mit Diplo und den Picard Brothers hat es eine modernen Reggae Klang, der auch in Richtung Electro geht, aber mit Singer- und Songwriter-Elementen und Drop-Einflüssen.

Dein neues Album ist vielseitig, handelt von Mut und Aufbruchsstimmung, stimmt aber auch nachdenklich. Welche Message hat dein Album?

Das Album heißt „Life’s Blood“ und das bezieht sich im Grunde auf unsere wichtigste Ressource, neben Luft ist das Wasser. Dieses Album ist mein Life‘s Blood, darin mündet meine Leidenschaft und alles, was ich liebe und gut finde. Es ist eine Art Metapher und steht für all das, wofür wir Menschen leben. Ich fände es schön, wenn sich mehr Leute öffnen und verwundbar machen würden. Auch wenn es in der Welt gerade richtig krass aussieht, ist die Tatsache, dass wir existieren, der Wahnsinn. Es ist erstaunlich, dass gerade wir es aus der Eizelle geschafft haben und dass alle Zufälle uns zu dem machen, was wir heute sind. Auf dieser Basis kann man darüber reden, wie gut oder schlecht die Dinge sind – grundsätzlich ist es toll, dass wir leben und die Möglichkeit dazu haben. Deswegen sage ich auf dem Album auch: „Regardless of how messed up – it’s still a beautiful world! Ich hoffe, dass ich damit auch andere Menschen inspirieren kann.

Berührt deine Musik auch politische Themen?
Ich denke, ja. Politik sollte sich auf das Leben beziehen, es sollte das Zusammenleben regeln und verbessern – auch wenn es das nicht immer tut. Wenn ich mit meiner Musik anspreche, was mir auffällt oder vielleicht auch missfällt, dann kann man das politisch nennen, aber es ist letztlich einfach nur menschlich.

Deine Single „Burning Bridges“ hat definitiv Ohrwurmpotenzial. Weißt du schon beim Schreiben, ob ein Song gut ankommt?
Das ist schwer zu sagen. Natürlich werden Singles so ausgewählt, dass sie gut im Radio funktionieren. „Burning Bridges“ war vor dem Album fertig und alle waren sich einig: Das ist eine super Single! Dann haben wir gesagt, dass es cool wäre, wenn es auch ein Album dazu gäbe, das auf der Single aufbaut. Das war bisher noch nie so, normalerweise schreibe ich ein Album und wir entscheiden hinterher, welche Single sich finden lässt. Bei „Burning Bridges“ war es andersrum und uns war klar: Das ist auf jeden Fall ein großes Lied.

Ist es auch dein persönlicher Lieblingstrack des Albums?
Nein, aber darüber habe ich mir auch noch keine Gedanken gemacht. Das weiß ich erst nach einer Tour, weil ich dann sehe, was ich besonders gerne spiele. Momentan mag ich zum Beispiel „Be with me“ sehr. Wenn ich das Lied auf der Bühne performe, kann ich mich sofort in das Gefühl des Songs reingeben – das gefällt mir.

Du produzierst selbst, schreibst aber auch auch für andere Künstler. Ist dabei schon mal ein so toller Track rausgekommen, dass du ihn für dich behalten hast?
Wenn ich einen Song für jemand anderen schreibe, dann soll er ihn auch behalten. Oft spiele ich aber meiner Schwester Lieder vor und höre mir ihr Feedback dazu an. Und sie sagt mir dann, welche Lieder ich auf gar keinen Fall weggeben darf. (lacht) Ich persönlich mache ja eigentlich keine albumgebundene Musik. Aber als dann „Burning Bridges“ entstand, habe ich einige Songs umfunktioniert, die ursprünglich für andere Künstler gedacht waren und habe sie stilistisch mehr zu mir geholt – die haben es letztlich auf „Life‘s Blood“ geschafft.

Mit welchen Künstlern hast du in letzter Zeit zusammengearbeitet?
Zum Beispiel mit Wyvern Lingo, einer irischen Gruppe, die mit Hozier („Take Me To Church“) getourt ist. Für die habe ich die EP produziert. Ansonsten habe ich noch Sachen für Nneka gemacht, aber viele Lieder kommen erst noch raus. Ich muss mich jetzt allerdings erst mal auf mich und meine Musik konzentrieren.

Das Leben mit Arbeit, Familie und vielem Reisen ist bestimmt anstrengend. Was ist deine persönliche Energiequelle im Alltag?
Einfach Zeit für sich selbst nehmen, irgendwo sitzen und gar nichts machen. Nicht mal Musik will ich dann hören, sondern einfach nur die Ruhe genießen. Letztes war ich auch mal klettern, das war in Brooklyn – war ganz cool, obwohl ich eigentlich Höhenangst habe. Manchmal war‘s ein bisschen unheimlich, aber mit Sicherung ging‘s. Ansonsten gehe ich gern joggen und skaten, spiele aber auch Basketball und Fußball.

Du bist viel unterwegs, lebst in Paris, New York und Köln. Wo fühlst du dich zu Hause?
Ein festes Zuhause zu haben, ist mir nicht so wichtig. Manchmal ist es hier ganz cool und manchmal dort. An gewissen Orten fühlt man sich natürlich wohler als an anderen, aber ich gestalte mir das meistens so, dass es passt.

Wie viel Zeit bleibt für die Familie?
Bevor es mit der Promotion des Albums losging, war ich meistens bei meiner Familie in Brooklyn. Das nächste Mal geht‘s aber erst im Oktober zurück.

Wohin geht’s nach der Albumtour im Herbst? In den Urlaub oder direkt wieder an die Arbeit?
Ehrlich gesagt, mag ich Urlaub überhaupt nicht. Ich arbeite eigentlich ständig an Dingen. Für Rox aus England habe ich zum Beispiel die neue Platte produziert und dann habe ich auch noch Projekte mit Newcomern laufen. Dazu arbeite ich gerade auch an meinem Kurzfilm „The Rising of The Son“, der demnächst bei einem Filmfestival in Köln gezeigt wird. Es geht dabei um Ängste und darum, sie zu überwinden. Es spielt in Sierra Leone und ist eigentlich ein Gangster-Film. Außerdem will ich noch zu jedem Song auf meinem Album ein Musikvideo drehen. Ich bin ein 360-Grad-Künstler – ich habe immer irgendwas zu tun.

Worüber hast du zuletzt so richtig gelacht?
Ich lache viel, aber gestern war es richtig lustig: Wir editieren gerade an einem neuen Video. Und da hab ich zu meiner Mitarbeiterin gesagt, dass sie aus Platzgründen bei mir im vollen Haus mit meiner Schwester in einem Zimmer übernachten müsse. Und sie dachte wirklich, das wäre mein Ernst und war ganz schockiert. (lacht)

Was planst du für die Zukunft?
Klavier spielen! Ich bin gerade dabei „Be With Me“ auf dem Piano zu lernen, damit ich es auch live spielen kann. Das Niveau ist noch ausbaufähig, aber in einem Monat sollte es dann präsentabel sein. (lacht) Außerdem finde ich wandern super. Ich laufe einfach total gerne durch die Gegend und schau‘ mir Sachen an – ohne groß Nachzudenken und Elektronik dabei zu haben. Ich hoffe, dafür ist bald wieder mehr Zeit.

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