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„Die Menschheit ist wie ein Kind: Viele Dinge vergessen wir wieder“

Friedrich Liechtenstein über Edekas Supergeil-Kampagne, Tankstellen des Glücks, Ressourcenverschwendung und Regeln der Harmonie.

Er mag Städte mit "B": Bei seinem Besuch in Braunschweig im Rahmen des Festival Theaterformen nahm sich Friedrich Liechtenstein viel Zeit für ein Gespräch zwischen Jazz, Edeka und Tankstellen. Fotos (2): Falk-Martin Drescher.

Interessiert am Interview? Sehr sehr geil. Für Hans-Holger Friedrich alias Friedrich Liechtenstein ist die Supergeil-Kampagne von Edeka – zu dessen Aushängeschild er wurde – immer noch ominpräsent. Das ist supergeil, manchmal aber auch nervig: Viele, die etwa um ein Selfie bitten, wissen eher kaum, dass der Berliner auch hörenswerte Alben produziert, bereits in Theaterhäusern gearbeitet hat, empfehlenswerte Bücher schreibt, jahrelang an TV-Produktionen arbeitet, für unzählige Stücke schon auf der Bühne stand und obendrein ein sehr kritischer und aufmerksamer Gesprächspartner in puncto Ressourcennutzung und ihre Folgen ist. Falk-Martin Drescher sprach mit dem Tausendsassa.

Du bist jetzt nach der international besprochenen Edeka-Kampagne für alle „supergeil“. Kannst du das selbst überhaupt noch hören?
Es ist sehr unterschiedlich. Es gibt Leute, bei denen ich denke: „Hm, was sollen wir uns jetzt noch unterhalten?“ Und dann gibt es Leute, etwa Journalisten, die kommen, weil ihr Chef es denen gesagt hat. Zum Beispiel Zeitungen, die haben Edeka-Deals, die Annoncen verkaufen – und dann ist es wichtig, obwohl es um Tankstellen geht, um ein Konzert, ein erstes Album oder egal was ich mache, dass dann ein Edeka-Bild drin ist, weil die sonst keine Annoncen verkaufen. Dafür habe ich dann auch Verständnis. Ich selber habe auch großes Interesse an Edeka, weil ich einen eigenen Edeka-Laden aufmachen möchte. Ich würde es toll finden, wenn ich da oben als Schriftzug „Friedrich Lichtenstein“ lesen und gute Musik laufen lassen könnte. Das wäre ein Traum, auf den ich auch schon seit drei Jahre hinarbeite. Insofern finde ich Edeka schon ziemlich gut und wenn ich meinen Laden habe, dann bin ich ganz happy – dann kann man mich immer gerne darauf ansprechen.

Auch wenn du es schon oft gefragt worden bist, wie kam es dann überhaupt zu der Kampagne?
Es ist so gewesen, dass Edeka sich eine Werbeagentur genommen hat, „Jung von Matt“, einer der erfolgreichsten Agenturen. Die haben sich richtig Gedanken gemacht und haben sich überlegt: „was ist jetzt erfolgreich?“. Dabei kamen sie auf das Ergebnis, dass Erfolg erfolgreich ist. Dann haben sie im Netz gesucht was schon Millionen Klicks hat – und kamen auf mich. Meine Videos haben ja mitunter schon bis zu drei Millionen Klicks. Danach haben sie sich darauf konzentriert: „supergeil –Supermarkt – gewagt, gewagt, aber wir probieren es mal“. Dann hat es geklappt und bis heute ist es für sie sehr gut gelaufen.

Nervt es dich, dass dich Leute, die weder deine Musik, noch deine Tankstellenreihe oder mit dir und deiner Umwelt noch nicht ausführlich genug beschäftigt haben, dich auf „supergeil“ reduzieren?
Ich kann keinem einen Vorwurf machen. Die Leute müssen arbeiten und haben keine Zeit sich damit zu beschäftigen. Ich kann von denen nicht verlangen, dass sie sich im Internet über alles kundig machen. Dennoch freut es mich sehr, wenn mich Leute auf meine Bücher, Musik oder Tankstellenserien ansprechen. Spätestens bei Kindern, die mich mit stahlenden Augen angucken, habe ich nichts dagegen – wirklich nicht. Ich kann es ja auch verhindern: Wenn ich keine Sonnenbrille trage und mit einem bestimmten Gesicht durch die Stadt laufe, spricht mich kein Mensch an. Setze ich meine Sonnenbrille auf und habe ein wenig Swag, höre ich die Ersten sagen: „Mach mal ein Foto mit mir“. Wenn ich es nicht will, dann gibt es das auch nicht mehr. Es liegt in meiner Hand und ich habe mit der Edeka-Geschichte keine Zeit verschwendet. Ich war einmal im Studio und habe alles „abgesungen“, danach noch die Dreharbeiten – vier Tage, mehr waren es nicht. Die anderen Dinge beschäftigen mich seit Jahren.

Lässig, cool und mit Swag: Das in den Medien von Liechtenstein gezeichnete Bild ist nur ein kleiner Teil des vielseitigen „Flaneurs und Entertainers“. Foto: Artist Network / oh.
Lässig, cool und mit Swag: Das in den Medien von Liechtenstein gezeichnete Bild ist nur ein kleiner Teil des vielseitigen „Flaneurs und Entertainers“. Foto: Artist Network / oh.

Wie bist du, wenn du nicht den Swag aufdrehst?
Ach, ich drehe sehr oft den Swag auf. Wenn ich in der Gesellschaft bin, dann bin ich auch lustig, trinke und feier gern. In letzter Zeit ist es nicht mehr so viel wie früher, weil ich beruflich sehr viel unterwegs bin und da auch schon früh Termine habe. Da kann ich nicht so lange feiern, aber diese Swag-Geschichte ist nur die Kehrseite einer melancholischen Seite. Ich bin auch sehr viel Flaneur und sammle meine Energie. Wenn es dann euphorisch wird, dann bin ich es genauso sehr, wie ich auch melancholisch sein kann.

Wie kam es zu der Tankstellenreihe? Ist das eine Idee von dir, die du einfach gerne umsetzen wolltest?
Das war eins von den vielen, vielen Dingen, die mich über 16 Jahre begleitet haben. Also ich auf dem Zenit meiner Bekanntheit war, kamen Leute auf mich zu, mit denen ich mich in der Vergangenheit schon immer mal getroffen hatte. Die hatten immer unterschiedliche Formate vor, die man mal machen müsste. Als ich in der New York Times zu finden war, meinten sie: „Jetzt müssen wir unbedingt etwas gemeinsam machen. Was willst du denn machen?“. Da hätte ich alles Mögliche sagen können, aber ich bin mir treu geblieben und meinte: Tankstellen interessieren mich seit Jahren. Da gab es ein kurzes Zusammenzucken, aber relativ schnell waren sich alle einig. Über zwei Jahre war es viel Arbeit. Ich bin viel gereist, habe viele Leute getroffen, es gab reichlich Post-Produktion. Ich bin sehr froh, dass das alles stattgefunden hat und abgearbeitet ist. Jetzt kann ich mich den nächsten Themen widmen.

Was ziehst du aus den zwei Jahren Reisen speziell zu diesem Thema?
Es ist ein unerschöpfliches Thema. Man könnte jetzt sofort weitermachen – und ich glaube, die einzelnen Begegnungen würden immer reicher werden. Die Leute kommen so langsam aus ihren Reserven, erinnern sich und man hat so viele neue, tolle Geschichten über Tankstellen, die wir nicht verarbeitet haben. Man könnte jetzt noch bis ans Ende seiner Tage tolle Tankstellengeschichten erzählen, die auch sehr unterschiedlich sein könnten. Mal ganz schmutzig und zerstört bis hin zu elegant oder auch romantisch, aber auch großstädtisch und speziell. Man kann die ganzen internationalen Aspekte davon, wie die Leute ihr Leben gestalten, verhandeln. Ein reiches Thema, dass sich sicherlich auch in puncto Elektroautoaufkommen verändert. Einerseits ist da eine nostalgische Komponente dabei, weil diese Orte verschwinden werden und gleichzeitig ist es auch noch so, dass in der heutigen Zeit weiterhin Aspekte unseres modernen Lebens sehr exemplarisch verhandelt werden. Auch das Hässliche daran ist sehr gut, also interessant – vor allem die Schuldfrage finde ich auch am brisantesten. Wenn wir tanken, verlieren wir unsere Unschuld. Wir sind „part of the gang“. Wir sind mitschuldig an Krisen, Erdölkriegen und was es auch immer gibt, an den ganzen großen Szenerien, die auch mit den Tankstellen zu tun haben und wir müssen uns da selber einsortieren.

Liechtenstein: „Ich umarme die Tankstellen“

Du erhebst bei diesem Thema den Finger. Wie würdest du persönlich damit umgehen?
Ich bin schon tendenziell dafür: „Leute, hört doch mal auf mit dem ständigen Erdöl- und Benzinverbrennen, wir haben doch mitbekommen, dass das nicht gut ist. Habt ihr da noch alle Tassen im Schrank?“ Gleichzeitig finde ich es gut, was wir die vergangenen 120 Jahre dadurch bekommen haben. Ich fahre gerne Auto, die ganze Freiheit des Personen- und Warenverkehrs ist unglaublich. Unser Fortschritt in der Richtung wird immer besser, am Ende wird es mehr E-Autos geben. Es gibt immer diesen Prozess der Weiterentwicklung, den man nicht aus den Augen verlieren sollte. Aber auch Probleme, die etwa mit dem Essen existieren: Veganer glauben, dass sie raus aus der Nummer sind. Aber Pflanzen besitzen auch Intelligenz, können miteinander kommunizieren und sind damit auch Lebewesen. Das allgemeine Lebensrisiko, das man alltäglich hat – man könnte zum Beispiel beim Fahrradfahren unglücklich fallen und sterben – umgibt einen zu jeder Zeit. Es gibt auch Fälle, bei denen Menschen beim Kegeln durch die Kombination aus Alkohol, Übergewicht, wenig Bewegung und viel Sitzen sterben. Aber solange die Tendenz nicht aus den Augen verloren wird und man daran arbeitet, dass es schneller, leiser, effizienter wird und die Leute Tag und Nacht daran arbeiten, dass das immer besser wird – ist alles auf dem guten Weg. Wie gesagt: Ich umarme die Tankstellen.

Du hast es gerade am Beispiel des Erdöls festgemacht. Die Ressourcenverschwendung zieht sich über diverse Themenbereiche. Wenn wir das alles herunterbrechen, alles kritisch hinterfragen, was bleibt dann noch übrig?
Das ist so wie mit Kindern. Da gibt es unterschiedliche Strategien: Es gibt Eltern, die verbieten ihren Kindern vieles und haben dabei auf der anderen Seite die krassesten Tücken. Es gibt aber auch freundliche Hinwendungen – und da lernen die Kinder auch: „Okay, ich darf keine Modderpampe an die Wände schmieren und meine Bettwäsche nicht anzünden.“ Es sind auch nur Menschen wie wir und so haben wir auch noch gelernt nicht mit laufendem Motor vor der Bahnschranke zu stehen oder sich beim Einfädeln beim Stau richtig zu verhalten. Vor 14 Jahren standen alle auch noch 14 Kilometer im Stau und haben jeden beschimpft, der links vorbeifuhr. Nun teilen wir uns davor auf beide Spuren auf und der Stau wird kleiner. Diese Lernprozesse gibt es immer. Die Menschheit ist wie ein Kind – viele Dinge vergessen wir auch wieder. Es ist ja kaum vorstellbar, dass es einen dritten Weltkrieg gibt, obwohl es einem jeden bewusst ist, wie die Mechanik ist. Ja, es gibt Leute, die vergessen das. Es ist immer einen großen Lärm darum. Ich selbst neige zur Umarmung, zum Verständnis und zur Kreativität. Ich finde ein Korallenriff als ein Bild für Diversität schöner als ein Bild, indem alles gleich aussieht. Ich mag das Diverse: Das Scheitern und Schuld, denn Scheitern gibt es eigentlich auch nicht, da Scheitern nur bedeutet, dass etwas anderes dafür gelungen ist. Ich neige zur positiven Sicht auf die Welt, weil ich erlebt habe, dass das auch positiv zurückkommt. Wenn man nörgelnd und mies gelaunt auf die Welt zugeht, dann kommt es auch so zurück.

Foto-Friedrich-Liechtenstein-FMD-02

Kommen wir wieder auf das Thema Musik. Deine veröffentlichen Alben werden oft als „Konzept und Projekt-Alben“ betitelt. Findest du das richtig?
Natürlich gibt es improvisierte Momente, aber es ist vor allem ein eigener Stil, der aus diesem Trio entsprang. Der hat mit meinen 20 Jahre alten Songs zu tun, die ein neues Gewand bekommen. Jazz ist es nicht, es ist vielmehr vom Dancefloor zum Chanson und ein wenig jazzaffin. Die Jazz-Polizei würde uns den Kopf abhacken, wenn wir behaupten würden, dass es Jazz sei. Es ist nur eine ganz bestimmte Art von Musik und das neue Album ist schon sehr nahe an meinen alten Alben dran. Mit Rap und Hip-Hop habe ich weiterhin nichts zu tun, das kam nur durch die Edeka-Werbung. Das ist ja nicht meine Idee – und ich bin schon da sehr treu. Ich bin schon ein sehr interessierter Typ an allen unterschiedlichen Schauplätzen, das stimmt schon. Aber eigentlich ist es, durch die Haltung die ich habe, relativ konstant. Meine Persönlichkeit steckt immer darin und meines Erachtens nach kann man die auch immer sofort erkennen.

Wenn du an deinen Werken arbeitest: Was muss unbedingt darin stecken?
Die erzählerische Struktur von meinem Hörbuch, meinen Geschichten und Orten – allem, was ich mir über die Jahre hinweg zusammengereimt habe. Dann eine gewisse Präzision, wenn man Musik zitiert. Wenn man zum Beispiel gewisse Töne oder Klänge hintereinander hört, weiß man manchmal: „Ach, das ist Michael Jackson“ – das ist die Besonderheit elektronischer Musik. Das finde ich besonders gut, also dies zu editieren oder zu sampeln. Das Andere ist die Musikqualität, die Regeln der Harmonie. Wir machen das so, dass wir sehr selbstbewusst und musikverliebt performen und uns mit der Musik immer angstfrei spielen. Die Liebe zur Musik ist immer das Schönste, da tankt man am meisten auf, da lohnt sich die weite Reise. Da schaffen die meisten Sachen die ich mache die größte Befriedigung und lohnen sich. Beim Performen bekommt man direkt Feedback zurück. Es ist nicht so wie beim Film, wo man erst zwei Jahre warten muss bis Feedback kommt, da das Werk dann erst erscheint. Bei den Tankstellen dauerte es auch zwei Jahre – und als es soweit war, war man selber gar nicht mehr so gespannt, da man schon weiter war. Das ist bei der Musik eben anders.

Der Wert des Unmittelbaren

Das heißt, dass dir die ganzen Auftritte als Musiker quasi das Liebste sind?
Ja, das schon. Wobei, ich habe schon früher Theater gemacht, da ging es immer um das Performante, das Unmittelbare. Ich finde es aber schon eine sehr schöne Sache, dass es von der Musik hochwertige Tonträger gibt, man sie in fünfzig Jahren eine Platte rausholen und anhören kann.

Wenn ihr eure Platten macht, seid ihr da penibel?
Wir sind schon sehr penibel, wissen aber auch, wo das hinführt. Man kann sich da sehr schnell verlieren und mehr als zehn Stunden täglich unzufrieden im Studio sein. Immer ist irgendetwas, wir sind uns dessen bewusst – wollten es aber in einer Live-Session riskieren. Wir haben uns völlig aufeinander konzentriert, und was dabei nicht zu hören war, kam nicht auf die Platte. Es ist uns im Endeffekt aber gelungen, dass das Album (Anmerk. d. Red.: „Schönes Boot aus Klang“) Improvisation und Abschweifungen zulässt. Da wir uns lange kennen, kann man auch ahnen, was der Nächste macht – der Song fällt somit nicht auseinander, auch wenn es eine andere Note bekommt. Bei der digitalen Version denkt man sich dann: „Oh Mist, das müssen wir nochmal machen.“ Und das geht in unserer Atmosphäre sehr gut.

Du hast vorhin nicht nur von Musik, sondern generell auch von Ideen und Projekten gesprochen, auf die du dich konzentriert hast oder konzentrieren wirst. Gibt es da konkrete Ideen, denen du dich demnächst widmen willst?
Einige Sachen darf ich noch nicht sagen, aber soviel: Es gibt nun ein Festival für vertikale Filmkunst, da arbeiten wir unter anderem mit Tele 5 zusammen. Es geht darum, dass wir die hochformatigen Filme featuren wollen, weil sie lange verpönt wurden und im Internet einem Shitstorm erlagen: „Das Vertikalsyndrom, das ist blöd.“ „Vertikal? – macht horizontal!“ Irgendwann merkten die Leute, dass die Menschen aus demselben Grund so filmen, wie der Hund sich die Eier leckt: Weil er es kann und fertig! Jetzt muss man gucken, was man mit dieser Art des Filmens machen kann – dafür gibt es das Festival im September. Ansonsten haben wir noch unsere Konzerttour, die uns an tolle Orte in Deutschland, Zürich und Österreich führt.

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