„Die Theaterformen sind das Fenster zur Welt der Staatstheater“ – Szene38
13. Juni 2016
CheckOut

„Die Theaterformen sind das Fenster zur Welt der Staatstheater“

Martine Dennewald, künstlerische Leiterin des Festivals, im szene38-Interview.

Schon seit mehr als 15 Jahre ist Martine Dennewald mit dem Festival Theaterformen verbunden. Seit dem Jahr 2014 ist sie die künstlerische Leiterin. Foto: Katrin Ribbe / oh.

Noch bis zum 19. Juni läuft das Festival Theaterformen: Monatelang wird es vorbereitet, Stücke werden geplant, Künstler gebucht, Kooperationen fixiert. Das jährliche Großformat, das die Vielfalt zeitgenössischer Theaterproduktionen darbietet, genießt international einen guten Ruf. Über die Planungen, das diesjährige Programm und vieles mehr sprach Falk-Martin Drescher mit Martine Dennewald, der künstlerischen Leiterin des Festivals.

Frau Dennewald, seit September 2014 sind Sie künstlerische Leiterin des Festivals Theaterformen. Welches Bild hatten Sie damals von dem Festival – und welches heute?
Seit der Expo-Ausgabe im Jahr 2000 war ich regelmäßig als Zuschauerin bei den Theaterformen. Ich erinnere mich noch sehr gut an Arbeiten von Jan Fabre, René Pollesch, Romeo Castellucci…und eine der allerersten Produktionen von Rimini Protokoll, „Sonde Hannover“. Dass der Name des Festivals Programm ist, man also eine Vielfalt an Formen und Formaten präsentiert, hat sich im Grunde genommen nicht geändert, auch wenn die Künstlergenerationen wechseln und wir seit einigen Jahren verstärkt Theater außerhalb Europas im Blick haben.

Für all die, die mit den Theaterformen noch nicht oder wenig in Berührung gekommen sind. Wie würden Sie das Festival in wenigen Worten beschreiben?
Die Theaterformen sind das Fenster zur Welt der Staatstheater in Braunschweig und Hannover. Theaterproduktionen aus der ganzen Welt werden im Original mit deutschen Übertiteln gezeigt, in einer einmaligen Mischung und großen ästhetischen Vielfalt.

Hannover und Braunschweig wechseln sich als Veranstaltungsort ab. Wie kam es zu diesem Turnus?
Das Festival wurde vor 26 Jahren in Braunschweig gegründet. Nach einem technischen Unfall kurz vor Festivalbeginn 1995 musste eine Ausweichspielstätte gesucht werden, die man in Hannover fand – und seitdem ist das Festival auch in Hannover zuhause.

Dennewald über das Festival: „Die Theaterformen sind das Fenster zur Welt der Staatstheater in Braunschweig und Hannover.“ Foto: Kartin Ribbe / oh.
Dennewald über das Festival: „Die Theaterformen sind das Fenster zur Welt der Staatstheater in Braunschweig und Hannover.“ Foto: Kartin Ribbe / oh.

Die Stücke planen und buchen Sie lange im Voraus. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Stücke aus?
Relevanz im Heimatort des Stücks – es muss den Künstler unter den Nägeln brennen, den Zuschauern vor Ort etwas bedeuten. Erst dann kann ich diese vermeintlich „fremden“ Geschichten für uns hier übersetzen – so wie ein Fährmann ans andere Ufer übersetzt.

Kann man vorher erahnen, ob ein Stück gut funktionieren wird?
Ich glaube nicht, dass man das kann. Aber die Theaterformen haben ein neugieriges und aufgeschlossenes Publikum!

Sie sind, nicht nur Veranstaltungsort-technisch, mit diversen Institutionen und kulturell aktiven Akteuren in der Stadt verbunden. Wie ist „Braunschweigs Szene“?
Eng verbunden auf jeden Fall, auch über die Grenzen der künstlerischen Genres hinweg. Das Kulturangebot in Braunschweig kann sich sehen lassen, sowohl übers Jahr als auch speziell diesen Sommer.

Die NWZ titelte zu „Miss Revolutionary Idol Berserker“: ‚Wie auf einem Drogentrip‘. Generell wirken für den „Nicht-Theaterkenner“ einige Stücke vielleicht etwas abstrakt. Wie kann man Nähe schaffen, Hemmschwellen nehmen?
Abstrakt ist keines unserer Stücke, es werden immer sehr konkrete Geschichten erzählt, denen man im Grund gut folgen kann. Bei „Miss Revolutionary Idol Berserker“ ging es um die völlige Reizüberflutung, die Allgegenwart der Medien und die Technologisierung unseres Alltags, alles Themen, die wir auch in Deutschland kennen – auch wenn diese Theaterproduktion sie auf die Spitze treibt.

Das Festivalzentrum: Allabendlich kommen hier Beteiligte und Gäste zusammen - nicht nur für die jeweiligen Konzerte. Foto: Andreas Etter / oh.
Das Festivalzentrum: Allabendlich kommen hier Beteiligte und Gäste zusammen – nicht nur für die jeweiligen Konzerte. Foto: Andreas Etter / oh.

Das Festival ist ein Ort der Begegnung – ich denke da auch an das Festivalzentrum. Welche Rolle spielen dabei Formate wie die abendlichen Bandauftritte?
Künstler und Publikum treffen sich abends im Festivalzentrum, man spricht über das gemeinsam Erlebte, vergleicht die Erfahrungen. Dieser Austausch ist für ein Festival ganz wesentlich. Und die Konzerte sprechen ein Publikum an, das sich nicht ohne Weiteres eine Theaterkarte kauft – eine junge, musikinteressierte Generation, die wir hoffen, auch für das Theater zu gewinnen.

Festivalzentrum: Ein Ort der Begegnung

Die Konzerte sind kostenfrei. Das ist beachtlich bei dem Line-Up: Liechtenstein, Chefboss, Stereo Total & Co. Wieso nehmen Sie keinen Eintritt?
Wo es auch immer möglich ist, möchten wir Hemmschwellen reduzieren, jeder soll sich als Teil dieses Festivals fühlen können. Auch unsere Theaterkarten sind nicht teuer, und wer ermäßigungsberechtigt ist, bekommt 50 Prozent Rabatt. Und Geflüchtete erhalten dieses Jahr gespendete Karten, sogenannte „suspended tickets“.

Das Festival findet an rund zehn Orten in der Innenstadt statt. Gibt es noch Möglichkeiten, den Braunschweigern darüber hinaus noch näher zu kommen? Etwa durch Aktionen?
Wir hatten dieses Jahr eine Guerilla-Performance auf dem Kohlmarkt und spielen ein Stück in einer leeren Wohnung, in der Rosenstraße 6. Da sind wir also mittendrin im städtischen Alltag. Aber genauso schön ist es, wenn wir die Theaterorte zum Leben erwecken, die Menschen noch lange nach der Aufführung auf dem Platz vorm Staatstheater stehen und diskutieren, was sie gerade gesehen haben.

Noch gibt es Karten: Das Stück „Minefeld“ gilt als Must See. Foto: Tristram Kenton / oh.
Noch gibt es Karten: Das Stück „Minefeld“ gilt als Must See. Foto: Tristram Kenton / oh.

Haben Sie persönliche Highlights oder eigene Tipps im Programm – wenn ja, welche?
Wärmstens empfehlen kann ich die brandneue Produktion „Minefield“ von Lola Arias. Die Kritiker in London sind begeistert, das Publikum von den Socken, Twitter läuft heiß! Auf der Bühne stehen je drei argentinische und britische Veteranen des Falklandkriegs, und sie sind rührend und witzig, ernsthaft und unterhaltsam zugleich. Ein kurzweiliges Stück, das einen noch lange in Gedanken beschäftigt, weil es trotz Songs und Tänzen und Video-Einsatz natürlich um ein ernstes Thema geht – was macht ein Krieg mit den Soldaten? Wie geht das Leben danach weiter?

Woran denken Sie nach dem Festival?
An die nächste Ausgabe denken wir schon seit sechs Monaten. Gleich nach den letzten Aufführungen werden wir kurz durchschnaufen, hier vor Ort alles abwickeln, die Kisten packen und nach Hannover ziehen, wo die Planung für das nächste Festival startet. Dort finden Sie uns vom 8. bis 18. Juni 2017 – kommen Sie vorbei!


Weitere Informationen zum Festival gibt es auf www.theaterformen.de und facebook.com/festivaltheaterformen. Eine Übersicht zu den abendlichen Konzerten sind im gesonderten Bericht zu finden. Tipp: Für einige Stücke gibt es noch Karten.

 

Auch interessant