„Es gibt nur dich und deinen Gegner“ – Szene38
13. Januar 2017
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„Es gibt nur dich und deinen Gegner“

Der Braunschweiger MMA-Kämpfer Onur Yasar im szene38-Interview über den Tag, der alles veränderte, das Gefühl im Käfig und seine ambitionierten Ziele

Für den Braunschweiger Onur Yasar geht es bald wieder in den Ring. Foto: Veranstalter

MMA (Mixed Material Arts) – zu Deutsch, Kampfkünste, die auf vollen Körperkontakt setzen. Es wird geschlagen, getreten, gerungen und gestoßen; kurz, ein ziemlich harter Sport. Einer, der den Ring ganz genau kennt, ist der Braunschweiger Kämpfer Onur Yasar. Erst vor wenigen Jahren hat er durch Zufall seine Leidenschaft fürs Kämpfen entdeckt, heute ist er einer der erfolgreichsten Aufsteiger im Profisport mit Chancen auf den Weltmeistertitel. Am 28. Januar kämpft er bei der We Love MMA-Veranstaltungsreihe in der Swiss Life Hall Hannover. Im Interview erzählt er, was es bedeutet, ein Kämpfer zu sein und wie der Sport sein Leben auf den Kopf gestellt hat.

 

Onur, wie und wann bist du zum Kampfsport gekommen?

Ich wollte schon immer Kampfsport machen. Aber wie Mütter so sind, durfte ich natürlich nicht zum Boxen oder Ähnliches, also habe ich immer selbstständig ein bisschen was versucht. Leider war es auf dem Land nicht so einfach, Gleichgesinnte zu finden. Also habe ich erst mal an einem Sandsack trainiert und bin geskatet. Mit 17, 18 Jahren habe ich dann den Weg zu einem Boxverein gefunden und angefangen, aktiv Kampfsport zu betreiben. Durch Ausbildung und andere Interessen habe ich dann aber pausiert. Als ich dann vor vier Jahren einen neuen Boxverein gesucht habe, kam ich zufällig zur falschen Zeit zum Training und habe so meinen ersten Kontakt mit Thaiboxen und Brazilian-Jiu-Jitsu (BJJ) gehabt. Da habe ich mich neu verliebt.

Was macht für dich den Reiz von MMA aus?

MMA ist für mich die reine Form des Kämpfens. Abgesehen von gesundheitsgefährdenden Techniken ist vieles erlaubt und der Kämpfer kann seine Talente voll und ganz ausleben. Die Mischung aus Schlägen, Tritten, Ringen und Bodenkampf ist einfach das, was der Mensch im Instinkt hat, wenn er sich verteidigen muss. Somit ist es für mich eine „natürliche“ Geschichte und der Grund, warum MMA mir so ein gutes Gefühl gibt.

Was bist Du für eine Art Kämpfer, bzw. was sind Deine besonderen Fähigkeiten?

Ich bin sehr auf BJJ fixiert. Der Bodenkampf ist jetzt mein neuer Kampfstil.

Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein MMA-Kämpfer besitzen muss?

Respekt und Disziplin!

Yasar kämpfte im letzten Jahr bei We Love MMA in Hamburg. Foto: Veranstalter
Yasar kämpfte im letzten Jahr bei den We Love MMA in Hamburg. Foto: Veranstalter

Wie bist Du in Deinen ersten Kampf gegangen und wie ist dieser verlaufen?

Vor meinem ersten Kampf war ich unglaublich aufgeregt und glücklich, da ein Traum in Erfüllung ging. Ich habe meinen Gegner, ohne ihm einen Schlag zu setzen, in 37 Sekunden besiegt: Nachdem ich einen Schlag von ihm abbekommen habe, bin ich mit ihm zu Boden gegangen und habe ihn mit einer Kombination aus einem Reverse Triangel und einem Amerikaner (Schulterhebel) zur Aufgabe gezwungen.

Was verspürst Du vor den Kämpfen?

Vor den Kämpfen bin ich aufgeregt und fokussiert. Aber gleichermaßen auch glücklich und dankbar, dass ich die körperliche Gesundheit besitze, solch eine extreme Belastung auf mich nehmen zu können.

Was fühlst du, wenn du in den Käfig steigst und dann der Kampf beginnt?

Nichts! Das ist der schönste Moment am Kämpfen. Der Einstieg in den Käfig kostet zwar Überwindung und Kraft, aber wenn der Schiedsrichter den Kampf startet, ist einfach alles still. Es gibt nichts mehr in deinem Kopf, was dich belastet, dich ablenkt, dir Sorgen macht oder sonst was. Es gibt nur dich und deinen Gegner. Für diesen kurzen Moment bist du einfach frei. Und sobald der erste Kontakt kommt, hast du nicht mal die Gelegenheit, um über deine Sorgen nachzudenken. Du kämpfst einfach!

Seine Freunde nennen Yasar (r.) nur Onur „Beton“. Foto: Veranstalter
Seine Freunde nennen Yasar (r.) nur Onur „Beton“. Foto: Veranstalter

Wie verläuft Deine Vorbereitung auf einen Kampf?

Ich trainiere mit verschiedenen Trainern, um im Stand wie auch auf dem Boden stark zu sein. Da ich mit meinem Partner und Trainer Pele (Gleidson Lanko Pereira) die Kampfsportschule „Academia Braunschweig“ betreibe, ist es natürlich nicht immer leicht, weil ich selber trainieren und Kurse leiten muss. Aber ich habe einen Trainingspartner, der sich unglaublich viel Zeit nimmt, um mich gut vorzubereiten: Meinen Freund Florian Heimbach. Ohne ihn hätte ich mich nicht in meinen ersten Kampf getraut.

Wo und wie viel trainierst Du?

Ich trainiere meistens in meinem eigenen Studio und bin in der Vorbereitung jeden Tag dort. Je nach Trainingsplan sogar oft zwei Mal am Tag.

Wie wichtig ist die Analyse des Gegners?

Für mich persönlich ist das unwichtig, da ich mein festes Spiel habe und mich der Situation anpasse. Mein Team ist da anders, die machen sich schlau und versuchen mich dementsprechend vorzubereiten.

Wie wichtig ist deine Ernährung, beziehungsweise was isst und trinkst Du?

Die Ernährung ist das A und O. Ich verzichte so gut es geht auf Zucker und achte auf eine ausgewogene und sportlergerechte Ernährung. Alkohol gibt’s auch nicht! Aber egal wie sehr ich darauf achte, gesund zu essen, gönne ich mir trotzdem mal etwas, das meinem Geist gut tut. Man muss ja nicht nur körperlich, sondern auch mental stark sein! Und ich trinke ausschließlich Wasser und davon ganz viel. Das einzige, was ich sonst trinke, ist der FOS BCAA-Drink. Und das sage ich nicht nur, weil sie meine Sponsoren sind, sondern weil es der einzige Energy-Drink ist, der mich pusht und mir ein gesundes Gefühl gibt.

Wer sind Deine Vorbilder? Auch Sportler aus anderen Bereichen?

Da gibt es einige: Im BJJ ist es Andre Galvao, der Typ ist einfach eine Maschine. Und im MMA hab ich Demian Maia als Vorbild, der ist einfach eine Granate im Octagon. Aus dem Bereich Fitness ist es Coach Seyit Ali Sohberi, der mit seinem Training und seiner Art einen einfach motiviert und schöne funktionale Geschichten macht.

Wie hat sich Dein Leben verändert, seit Du an großen Wettkämpfen teilnimmst?

Mein Leben hat sich komplett geändert. Ich habe Länder gesehen, die ich sonst nie bereist hätte. Ich habe mich beruflich komplett umorientiert und unglaubliche Menschen kennengelernt. Und ich habe viel aus den Wettkämpfen mit in den Alltag genommen und mein Charakter hat sich auch stark geändert, ich bin ruhiger und bodenständiger geworden. Meine Frau hat schon des Öfteren gesagt, dass sie zwar genervt ist, weil ich so oft weg bin, aber dass sie auch froh ist, dass der Sport mein Temperament so gezügelt und mich verantwortungsbewusst gemacht hat.

Hat sich in kurzer Zeit in den Profisport gekämpft: Onur Yasar bei den We Love MMA Hamburg. Foto: Veranstalter
Hat sich in kurzer Zeit in den Profisport gekämpft: Onur Yasar bei den We Love MMA Hamburg. Foto: Veranstalter

Was war Deine bisher schlimmste Verletzung?

Eine Rippenprellung. Das ist so ekelhaft, man kann nicht schlafen, nicht lachen, nicht niesen, nicht furzen. Nichts. Einfach alles tut weh!

Kannst Du verstehen, dass viele Menschen die vermeintliche Brutalität dieser Sportart abschreckt?

Ich hatte selber anfangs Angst, bis ich es einmal ausprobiert habe. Und wenn man nur das hört, was die Medien verbreiten, ist das auch normal. Selbst Journalisten, die es gut meinen, haben oft eine Wortwahl in ihren Berichten, die Laien denken lassen, dass wir bei unserem „menschlichen Hahnenkampf“ nur das Ziel hätten, unseren Gegner zu töten – nach dem Motto: Nur einer schafft es lebend aus dem Käfig. Aber wenn sich jemand damit beschäftigt, stellt er schnell fest, dass es um viel mehr geht, als nur schlagen und treten. Zum Beispiel der so „gefährliche“ Käfig: Da wird behauptet, er sei deshalb verriegelt, damit keiner rauskomme. In Wahrheit ist er zu meinem Schutz da, damit ich nicht rausfallen und mich verletzen kann. Natürlich ist es kein Schmuse-Sport, aber er ist weitaus nicht so brutal, wie viele behaupten.

Wie beurteilst Du die Entwicklung von MMA in Deutschland im Vergleich zu den USA?

Im Gegensatz zu den USA geht es in Deutschland nur langsam voran. Aber in den letzten zwei Jahren hat sich viel getan und die Leute reden mehr darüber. Ich merke auch in meiner Schule, dass immer mehr junge und ältere Menschen Interesse haben. Vor allem das am Brazilian-Jiu-Jitsu wächst bei uns in der Schule sehr schnell und stark. Und dank Organisationen, wie We Love MMA, wird das auch gut präsentiert in Deutschland. Ich denke, es dauert nicht mehr lange bis in Deutschland der Knoten platzt und die Leute verstehen, wie schön dieser Sport eigentlich ist.

Was sind MMA-Kämpfer für Typen?

Bis auf sehr wenige Ausnahmen sind MMA-Kämpfer ganz geile Typen. Das sind alles Menschen, die ihre Grenzen kennen und auch wissen, wie sie sich zu verhalten haben, da in den meisten Kampfsportarten die Trainer Respekt und Disziplin vermitteln. In unserer Schule fliegen respektlose Leute wieder raus. In Konfliktsituationen sind es meist die Kämpfer, die deeskalierend reagieren, da sie wissen „egal wie gut ich kämpfe, wenn ich ihm weh tun kann, dann tut er mir das auch“.

Was würdest Du Interessierten raten, die mit MMA anfangen wollen? Bzw. was muss man mitbringen?

Mein Tipp ist, mit BJJ und Ringen zu beginnen, weil man von da aus eine super Basis aufbauen kann. Und von da aus kann man weiter zum Thaiboxen und anderen Stand-Sportarten.

Wie viele Kämpfe hast Du bislang bestritten?

Im MMA habe ich ein Amateur-Turnier mitgemacht, in dem ich ungefähr 5, 6 Kämpfe hatte. Dann gab es noch einen Pro Kampf bei We Love MMA in Hamburg. Im BJJ sind es schon unzählige Turnieren gewesen mit weit über 150 Kämpfen. Ich habe schon in Lissabon, in Los Angeles und in Amsterdam gekämpft.

Mixed
Mixed Material Arts werden auch in Deutschland immer populärer. Foto: Veranstalter

Wo hast Du gekämpft bzw. wo wirst Du demnächst antreten?

Ich werde mich 2017 durchkämpfen: Am 19. Januar bin ich erneut in Lissabon bei der EM im BJJ und am 28. Januar kämpfe ich bei We Love MMA in Hannover. Auf dem Plan steht dieses Jahr noch die IBJJF NoGi EM in Rom und dann will ich noch zur WM nach LA, der Masters WM in Las Vegas und der UAEJJF in Abu Dhabi. Dazwischen werden noch einige deutsche Turniere kommen. Auf jeden Fall will ich mindestens noch ein zweites Mal dieses Jahr bei We Love MMA kämpfen.

Musstest Du Dich schon mal auf der Straße zur Wehr setzen?

Ja leider. Ich gehe Streit gerne aus dem Weg und finde es immer schade, wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt. Wenn ich mich nicht wehren muss, habe ich alles richtig gemacht.

Was machst Du außerhalb Deines Sportlerlebens?

Ich kümmere mich um mein Studio und habe noch einen kleinen Nebenjob. Und den Rest der Zeit verbringe ich mit meiner wunderbaren Frau und meiner kleinen 2-jährigen Tochter. Nichtmal der Kampfsport kann mir das bieten, was mir die beiden geben.

Welche sportlichen Ziele hast Du Dir für 2017 gesetzt?

Weltmeister werden!

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