„Eine einzigartige Symbiose“

20 Jahre Backstreet Boys – Interview mit der Braunschweiger Autorin und Kulturwissenschaftlerin Jennie Hermann.

Mit Abstand die erfolgreichste Boygroup weltweit: Die Backstreet Boys. (V.l.): Kevin Richardson, Brian Littrell, Alexander James McLean, Howie Dorough und Nick Carter.

In den 90er Jahren eroberten fünf smarte Jungs aus dem Sunshine-State Florida die Ohren und Herzen unzähliger, überwiegend weiblicher Fans im Sturm. Howie, AJ, Nick, Brian und Kevin wurden zum Inbegriff des „American Dream“ starteten eine Bilderbuchkarriere und wurden zur erfolgreichsten Boyband der Welt. Zwar begann die Karriere der Backstreet Boys in den USA, richtig bekannt wurden sie jedoch in Deutschland. Gleich mir ihrer Debutsingle „We`ve Got It Goin‘ On“ erhielten sie 1996 in Deutschland eine „goldene Schallplatte“ (über 250.000 verkaufte Tonträger). Ihr zweiter Song „I’ll Never Break Your Heart“ stürmte in Österreich die Nummer 1 und wurde ebenfalls mit Gold ausgezeichnet. „Quit Playing Games (With My Heart)“ war dann ihr erster Nummer Eins-Hit in den deutschen Charts. Das Debut-Album mit dem Titel „Backstreet Boys“ erschien 1996, wurde sechs Mal mit Platin veredelt und verkaufte sich über 10 Millionen Mal in Europa. Weltweit verkauften die Backstreet Boys mehr als 130 Millionen Tonträger und veröffentlichten acht Nummer 1 Alben. Sie wurden viermal mit dem Billboard Music Award, fünfmal mit dem MTV Europe Music Award, zweimal für den MTV Video Music Award und dreimal mit dem World Music Award ausgezeichnet. Insgesamt fünf Mal waren die Backstreet Boys zudem für den Grammy nominiert.

Im Jahr 2013 feierten die Backstreet Boys ihr 20-jähriges Bestehen und speziell zu diesem Jubiläum wurde ihre Geschichte in einer Dokumentation aufgearbeitet, die nun – zusätzlich mit einem Konzert – auf DVD und Blu-ray erscheint. „Backstreet Boys: Show `Em What You`re Made Of” wurde während der zwei Jahre langen Vorbereitung ihrer Wiedervereinigungstour „In A World Like This“ gedreht. Sie berichtet von der Entstehung der Band im Jahr 1993 bis zur Aufnahme ihres Albums im Jahr 2013 und der anschließenden Welttournee. Howie, AJ, Nick, Brian und Kevin geben darin detaillierte und sehr persönliche Einblicke in die Höhen und Tiefen eines Lebens einer der beliebtesten Boybands der Welt.

20 Jahre Backstreet Boys: Zum Jubiläum gibt es eine DVD Box mit einer Doku über die Bandgeschichte.
20 Jahre Backstreet Boys: Zum Jubiläum gibt es eine DVD Box mit einer Doku über die Bandgeschichte.

Die Braunschweigerin Jennie Hermann hat das erste Konzert der Backstreet Boys vor 20 Jahren in der Eissporthalle Braunschweig (wo heute das Freizeit- und Sportbad Wasserwelt steht), erlebt – und die Band mehrfach auch persönlich getroffen. Später hat sie ihre Erlebnisse in dem Buch „Backstreet Girl – Projektionsfläche Popstar – Wenn der Fan zum Schriftsteller wird“ (Archiv der Jugendkulturen Verlag) verarbeitet. Szene38 sprach mit der Kulturwissenschaftlerin.

Frau Hermann, kürzlich wurde die DVD- und Blu-ray-Box „20 Jahre Backstreet Boys“ veröffentlicht. Sie waren früher leidenschaftlicher Fan der erfolgreichsten Boyband der Welt. Warum und wann sind Sie Fan geworden?
Der Auslöser war das bisher einzige Konzert der Jungs in Braunschweig am 13. 6.1996. Ich hatte bis dato noch nie von der Band gehört. Es gab weder Handys, noch Digitalkameras, noch Internet. Neuigkeiten gingen noch von Mund zu Mund. Meine Freundin erzählte mir an diesem Nachmittag aufgeregt, dass eine Band in der Stadt sei, die super bekannt und angesagt ist. Wir sind dann aus Neugierde zur damaligen Eissporthalle an der Hamburger Straße gefahren. Obwohl wir nur davor standen und sahen in welchem Zustand die Mädchen waren, habe ich gespürt, dass etwas Besonderes in der Luft lag.

Wann und wo haben Sie die Band zum ersten Mal live erlebt?
Sechs Tage später in der Eilenriedenhalle in Hannover.

Was ist bzw. war das Besondere an den Backstreet Boys?
Da kommt vieles zusammen. Ihre Stimmen, Charaktere und ihr Aussehen ergaben in der Zusammenstellung etwas Größeres – eine einzigartige Symbiose. Dazu kam das klassische Erfolgsprogramm: Sie hatten eine Vision, die passenden Leute an ihrer Seite und haben hart für ihr Ziel gearbeitet. Außerdem waren sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort und haben den Nerv der Zeit getroffen.

Sie sind der Band hinterher gereist und sogar nach Orlando in Florida zum Management geflogen, haben zahlreiche Konzerte gesehen und die Jungs kennengelernt. Wie waren sie privat?
1996 waren die Jungs und ihre Crew noch entspannt und zugänglich. Kevin war unglaublich smart, einfühlsam und freundlich. Dann sind sie durchgestartet und verhielten sich schon wenige Monate später zwangsläufig distanzierter.
Dass ich die Band kennengelernt habe ist übertrieben. Sagen wir mal, ich durfte mehrmals sehr nah dran sein und ein bisschen hinter die Kulissen schauen. Ich war mit Kevin nach einem Konzert unterwegs, einmal mit der Crew und ihm essen und habe ihn noch weitere Male in anderen Städten kurz getroffen.

Sie haben Kulturwissenschaften studiert und Ihr Fantum später in dem Buch „Backstreet Girl“ analysiert und veröffentlicht. Was ist das besondere an Ihrem Buch? Welche Erkenntnisse haben Sie rückblickend gewonnen?
Es gibt einen sehr ehrlichen Eindruck in die Gefühlswelt eines Fans und beschreibt eine Fan-Karriere mit allen Höhen und Tiefen. Darüber hinaus hilft es das ganze System zu verstehen. Für mich persönlich war wichtig, dass ich das Thema mit dem Buch verarbeiten und abschließen konnte. Ich konnte mir plötzlich erklären, warum man Fan wird und wieso Starphänomene funktionieren.

Die Braunschweiger Medienwissenschaftlerin Jennie Hermann teilt ihre Erlebnisse als „Fangirl“ in ihrem Buch „Backstreet Girl“.
Die Braunschweiger Kulturwissenschaftlerin Jennie Hermann teilt ihre Erlebnisse als „Fangirl“ in ihrem Buch „Backstreet Girl“.

Boygroups sind und waren ein Mädchen-Popkultur-Phänomen, das bis heute von der (Musik-) Journaille nicht ernsthaft aufgearbeitet wurde. Warum ist das so?
Das stimmt nicht. Man hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten wissenschaftlich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt, dazu gibt es viele Veröffentlichungen, auch von Männern.
Fakt ist aber, dass Boygroups oft künstlich zusammengestellt werden und ihre Musik nicht selber schreiben. Die Songs geben inhaltlich auf den ersten Blick nicht viel her. Sie zielen nur auf den schmachtenden weiblichen Teenager und treffen ihn. Da fehlt die Coolness, bleibt nichts zum philosophieren. Wenn man dazu das Bild der schweißgebadeten, schreienden Mädchen auf Konzerten ausschneidet, bleibt nur eine leicht schockierende, oberflächliche Momentaufnahme zurück, von der sich viele sofort distanzieren möchten.
Dabei lässt sich die „Lächerlichkeit“, die dem weiblichen Fantum anhängt ganz einfach relativieren, indem man Fußball- und Boygroup-Fans vergleicht. Da gibt es viele Parallelen.

Private Einblicke: Jennie Hermann hatte die Möglichkeit, hinter die Kulissen der Backstreet Boys zu blicken.
Private Einblicke: Jennie Hermann hatte die Möglichkeit, hinter die Kulissen der Backstreet Boys zu blicken.

Wie betrachten Sie das Phänomen Backstreet Boys heute?
Frauen, die heute die Konzerte besuchen, wollen in erster Linie die Zeit von damals wieder aufleben lassen. Ich habe die Jungs 2014 das letzte Mal in Hannover live gesehen und bin total ernüchtert was ihre Vermarktung angeht. Mich stößt dieses Kalkül ab, diese perfekte Verkaufsmaschinerie. Aber man muss auch bedenken, dass sich der Musikmarkt sehr verändert hat. Geld wird jetzt mit anderen Dingen verdient als vor 20 Jahren.
Heute kannst du dir auf Konzerten Meet and Greets, den Eintritt in VIP-Areas und After-Show-Partys erkaufen. Auf den Backstreet Boys Cruises, bei denen die Band mehrere Tage mit tausend Fans auf See fährt suggerieren sie den heute erwachsenen und geldverdienenden Menschen eine künstliche Nähe, die sie mit bis zu 3.000 Dollar teuer bezahlen müssen.
Nichtsdestotrotz haben Kevin, Nick, AJ, Brian und Howie den Erfolg verdient. Sie machen dass, was sie können und die meiste Zeit ihres Lebens gemacht haben – und das machen sie gut. Ich glaube es ist neben all diesem Wahnsinn auch nicht einfach zu erkennen, dass man eben „nur“ in dieser Konstellation funktioniert. Sie werden immer die Backstreet Boys sein, so wie Mark Richard Hamill Luke Skywalker aus „Star Wars“, oder Jennifer Grey das “Baby“ aus „Dirty Dancing“. Und das nutzen sie offensichtlich so lange es geht.

 

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