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Axel Bosse: Braunschweiger führt Albumcharts an

Kürzlich erschienenes Album "Engtanz" erstmals an der Spitze.

Glückwunsch: Axel Bosse ist der erste Braunschweiger, der es auf Platz Eins der Albumcharts geschafft hat. Foto: Benedikt Schnermann / oh.

Buntgemischte Töne in den Offiziellen Deutschen Album-Charts, ermittelt von GfK Entertainment. Zwischen Indiemusik, Schlager, Metal und Deutschpop ist in dieser Woche alles dabei. Den besten Start erwischt der Gewinner des „Bundesvision Song Contest 2013“: Bosse. Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber kann seinen „Engtanz“ zum Freudentanz umwandeln, denn er steht erstmals auf der Eins.

Jedoch ist der Engtanz, den der gebürtige Braunschweiger in seinen Songs zelebriert, weit entfernt vom Klammer-Blues aus Teenagerzeiten, zögerlichem ersten Abtasten und schüchternen Annäherungsversuchen. Das, was hier ins Haus steht, ist der ausgelassene Engtanz mit dem Leben.

So ist das sechste Studio-Album von Bosse einmal mehr eine Standortbestimmung. Und es zeigt: erwachsen sein und das sehr gut finden – das geht. Wenn man weiß, wer man ist. Seinen Platz gefunden hat. Zögern, Zaudern, Hadern hinter sich gelassen hat. Die eigenen guten und bösen Dämonen kennt. Und gelernt hat, wie man die guten umarmt und die bösen auf Abstand hält. Keine Berührungsängste mehr, das Leben an sich heranzulassen. Am Boden bleiben, der (Aus-)Gelassenheit die Tür öffnen. Das setzt bei Bosse in den neuen Songs unglaubliche Energie frei. Musikalisch mutig, voller Wucht, mit neu entdeckter Liebe zu Gitarren, Chören und Streichern. Leben explodiert.

Wieder zeigt er, dass er zu den besten Beobachtern unter den deutschen Songschreibern zählt. So sind 12 wunderbare Beziehungsgeschichten entstanden. Sie handeln von den Verbindungen zu anderen und zu sich selbst. Feinsinnige Psychogramme einer Generation im Umbruch. Verdichtete Momentaufnahmen, meisterhaft eingefangen und erzählt. So zum Beispiel in „Mordor“. Einem dieser Schlüsselsongs des Albums, die vom Erwachsenwerden erzählen. In dem es darum geht, den Boden der Vergangenheit, in dem man so tief drinsteckt, in dem man verwurzelt ist, zu verlassen. Die Füße rausziehen. Loslassen. Und wenn dann beim manchmal wehmütigen Blick zurück der Berliner Kneipenchor, der sich noch an anderen Stellen des Albums bemerkbar machen wird, mit einem „Es ist vorbei“ zum Aufbruch ruft, dann ist das eine unmissverständliche Aufforderung dazu, endlich loszuziehen.

Steine aus dem Weg räumen – neue Wege gehen

Wie wäre es mit einem imposanten Ausflug in Hip-Hop-Gefilde? Mit großem Orchester instrumentiert, mit Freund Casper im Gepäck. Darüber, dass es keinen geraden Weg gibt, das ganze Leben eine „Krumme Symphonie“. Das macht großen Spaß, ist fresh und absolut tanzbar. Ebenso wie Bosses Beschreibung der getriebenen – zumeist urbanen – Zeitgenossen, und er nimmt sich davon selbst nicht aus, die auf der Jagd nach der Optimierung ihres Ich keinen Um- und Irrweg und keine Sackgasse auslassen, um letztendlich doch immer wieder vor dem Schild zu landen, welches einem sagt, dass man sich selbst nicht abschütteln kann („Wir nehmen uns mit“). Hier nimmt Bosse sowohl die Esoterik als auch jegliche Art von Maskerade ziemlich elegant und humorvoll auf die Schippe.

Sich neu sortieren, neue Fixpunkte schaffen, den Blick schärfen für das Hier und Jetzt. Aufräumen, sich durch den Tunnel der Vergangenheit wühlen. Die eigenen und fremden „Steine“, so der Titel eines weiteren Songs, aus dem Weg räumen, sich den Dämonen und Altlasten stellen. Auch, wenn man sich daran manchmal fast die Zähne ausbeißt. Am Ende blinzelt man ins Licht, es grüßt die Klarheit. Und wenn man Glück hat, findet sich da auch noch eine ausgestreckte Hand, die man ergreifen kann und die einen durch den Schutt nach oben zieht. Jene Hand, die man manchmal so dringend bräuchte. Wenn etwa die „Nachttischlampe“ brennt, man sich wie ein Getriebener fühlt. Wenn sich Rastlosigkeit und innere Unruhe breitmachen. Das Grübeln und Zweifeln, das einen gerade nachts nicht zur Ruhe kommen lässt. Und auch die Einsamkeit.

Bei jedem der Songs wird schnell klar: Seine Geschichten sind unsere eigenen Geschichten, und sie sind die Geschichten unzähliger anderer. Meisterhaft fängt Bosse Stimmungen ein, gießt sie in genau die richtigen Töne und Worte. Wenn er in musikalischen Endorphinexplosionen die Liebe feiert. Egal, ob er die verpassten Möglichkeiten („Blicke“) oder die ergriffenen Chancen („Dein Hurra“) im Leben besingt: Alles ist eine Hymne wert. Wenn er in leisen Momenten Abschied nimmt. Von geliebten Menschen und Lebensphasen („Ahoi Ade“). Wenn er zum Rückzug bläst. Zum Rückzug zu sich selbst. Zur inneren Stimme, die einem sagt, was einem gut tut, Kraft gibt, Glück schenkt. Die eigene Mitte ausloten, sich „Außerhalb der Zeit“ verorten.

„Ruhepole sind mir immer wichtiger geworden in den letzten Jahren“, sagt Bosse. „Auch zum Schreiben ziehe ich mich meistens zurück. Packe mein kleines mobiles Studio unter den Arm, fahre weg, muss raus, lasse mich treiben.“ Amsterdam, Spanien, Berlin, Hamburg und Umbrien, wo er wieder mit seinem Produzenten Philipp Steinke (u. a. BOY) zusammengearbeitet hat, der diesmal alle Songs des neuen Albums produziert hat. Besonders Umbrien schätzt Bosse als Kreativort sehr. „Das ist immer die intensivste Zeit in Italien. Leben und arbeiten in einem alten Steinhaus, meistens draußen sein, abends gut Essen, nur Musik und sonst Ruhe. Ich hasse es, in geschlossenen Räumen zu sitzen“, meint er. Er genießt die Weite.

Open-Air in Braunschweig

Das neue Album erschien am 12. Februar bei Vertigo Berlin – nun ist es auf Platz Eins der Charts gelandet. Der „Engtanz“ wird live mit zunächst 15 kleinen und exklusiven Club-Konzerten in Deutschland, Österreich und in der Schweiz aufs Parkett gelegt. Nach den Festivals im Sommer – im August übrigens auch in Braunschweig – folgt im Herbst dann eine weitere Runde in den großen Clubs und Hallen des Landes.


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