„Auf meinen Reisen habe ich die Individualität unserer Art erlebt” – Szene38
16. Januar 2017
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„Auf meinen Reisen habe ich die Individualität unserer Art erlebt”

Mitch Miller, Autor, Journalist und Reisender, im Interview. Am 24. Februar 2017 moderiert er den „Reiselust”-Slam im Roten Saal in Braunschweig

Mitch reist viel und engagiert sich für soziale Projekte. Einmal wurde er auf einer Tour durch den vietnamesischen Dschungel aufgrund eines Grenzübertritts verhaftet. Foto: Mitch Miller

Vier Menschen mit spannenden Reisegeschichten erwarten die Zuhörer des „Reiselust”-Slam am 24. Februar 2017 um 20 Uhr im Roten Saal in Braunschweig. 20 Minuten hat jeder Slammer und jede Slammerin Zeit, um das Publikum in verschiedensten Regionen der Erde zu entführen und ihre Abenteuer durch Erzählungen, Filme und Fotos näher zu bringen.

Durch den Abend führt Mitch Miller, deutscher Autor und Journalist. Verschiedene Projekte führten ihn in über einhundert Länder. Unter anderem lief er 2013 zu Fuß von Osnabrück ins türkische Çanakkale und schrieb ein Buch darüber. Für eine Dokumentation durchquerte er dieses Jahr Osteuropa in einer Römerrüstung. Seit 2014 arbeitet er als Lehrer und Workshop-Leiter an internationalen Schulen. Wir von szene38.de sprachen mit Mitch über seine Reisen.

Wie bist du zum Reisen gekommen und was treibt dich an?
Ich habe mit 16 aus diversen Gründen das Wirtschaftsgymnasium abgebrochen und dann mein letztes Geld für ein Flugticket über den Teich verbraucht. Ich wollte weg, brauchte diesen Schritt, um Abstand vom Alltag, von der Realität zu bekommen. Große Unsicherheit löst bei uns Menschen den Fluchtreflex aus – so auch bei mir. Zum Glück, denn diese Entscheidung weckte die Sehnsucht nach Ferne in mir. Die Reisen wurden länger, weiter und extremer. Früher trieb mich die Rastlosigkeit, die Neugierde, die Faszination und der Leichtsinn. Heute bin ich vorsichtiger, wandere auch mal lieber mit meinen beiden Hunden durch den Harz als mit Hängematte und 30 Kilo Ausrüstung durch den Dschungel von Vietnam.

Wohin ging deine erste Reise?
Besagte Reise nach Übersee. Die letzten Groschen flossen in einen Flug und eine Ausrüstung vom Bundeswehr Shop. Ich kannte weder das Land, noch seine Fauna. War mir über keine Gefahr bewusst, hatte keinen Plan, wusste nicht mal, dass in Kanada Französisch und Englisch gesprochen wird. Mein Wissen über dieses Land war überschaulich. Trotzdem trampte ich den TCH (Trench Canadian Highway) von Süd nach Nord. Und nein, ich wurde dadurch kein anderer Mensch – aber ich lernte, dass das Laufen und die Wälder mir gut tun.

Du bist inzwischen viel in der Welt rumgekommen. Welcher Ort gefiel dir besonders gut?
Es gibt viele Orte, an die ich mich gerne zurück erinnere. Ich habe nun mehr als einhundert Länder bereist und viele sind verwundert, wenn ich sage, dass einer meiner Lieblingsorte direkt um die Ecke ist. In Südfrankreich gibt es den Canyon von Verdon – ein Traum zwischen Lila Lavendel, türkis leuchtendem Wasser und dem ständigen Geruch von den Gewürzen der Provence.

Wohin möchtest du unbedingt reisen?

Ich habe zweimal schon probiert, nach Tibet zu kommen. Einmal hatte ich kein Visum (was sehr schwer zu bekommen ist, da man es in China beantragen muss). Beim zweiten Mal wurde mir das Visum verweigert, weil ich ein Jahr zuvor in China verhaftet wurde, als ich ohne Visum die vietnamesisch-chinesische Grenze überquert habe und dabei von Soldaten im Dschungel erwischt wurde.

Wie war deine Reise im vietnamesischen Dschungel?
Heiß. Es war sehr, sehr heiß. Die Schwüle der Luft schwebte über dem immer nassen Boden, die Stiefel fanden immer weniger Halt auf dem matschigen Boden, Moskitos laben sich an einem, die Nächte waren laut und erfüllt von den Schreien der Waldtiere- es war eine extreme Erfahrung. Immer wieder unternehme ich Touren in die Wälder der Länder: Brasilien, Papua-Neuguinea, Guatemala oder Vietnam. Und jedes Mal frage ich mich: Warum? Ich finde keine Antwort. Tue es dann aber wieder.

Was darf auf keiner Reise in deinem Rucksack fehlen?
Bücher. Kollegen von mir sägen die Zahnbürste klein, um auf ihren Reisen Gewicht zu sparen. Ich packe 4 Kilo Bücher rein. Lesen ist meine treibende Leidenschaft, zu schreiben mein Beruf. Deswegen sind Lektüren genau so unentbehrlich wie Blasenpflaster und Wasserfilter.

Inwiefern beeinflusst der Kontakt mit anderen Kulturen deine eigene Persönlichkeit?
Ich lasse mich nicht von Vorurteilen einschüchtern Auf meinen Reisen habe ich die Individualität unserer Art erlebt. Ich habe gesehen, dass jede Rasse, jede Kultur, jede Religion seine eigenen guten und schlechten Seiten hat. Vorurteile und Fremdenhass entstehen durch mangelndes Wissen über die Menschen und deren Kulturen. In jedem Land gibt es jene und solche. Aber viel mehr jene – die guten Menschen – die einem Fremden Speis und Trunk anbieten, einen Schlafplatz und die Möglichkeit einmaliger Gespräche.

Bevorzugst du doch eher den klassischen Erholungs-Urlaub am Strand oder Abenteuer?
Klassische Erholung im Sinne von 3 Sterne, All inklusive am Ballermann? Nein. Beide Reisen haben ihren Reiz. Eine Erholungsreise wäre für mich eine Wanderung durch Schweden. Ein Abenteuer die Nummern im Dschungel. Es kommt immer darauf an, worauf ich gerade Lust habe.

In Afrika hast du dich für soziale Projekte engagiert. Worum ging es?
Es waren verschiedene Projekte. Bildung war bei allen Reisen der gemeinsame Nenner. Ich habe Englisch und Sport unterrichtet. Natürlich habe ich dort etwas Gutes getan. Ehrlicherweise war das anfänglich aber nicht die treibende Kraft. Ich wollte viel mehr etwas über mich selber lernen und wusste, dass das an anderen Flecken der Erde manchmal einfacher ist, als daheim. Nun kenne ich beide Seiten der Münze: Das schöne, wilde, unbezwingbare Afrika und jene Schattenseite zwischen Armut, mangelnder Bildung und jungen Mädchen, die mit 12 Jahren zwangsverheiratet werden. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war: Afrika ist kein Klischee. Die Menschen sind es nicht. Und ich bin es auch nicht. Diese Zeit war wichtig für meine Entwicklung.

Wie kamst du auf die Idee, in Form von Slams über deine Reisen zu berichten?
Es ist kein klassischer Slam. Als das Event „ReiselustSpezial” gegründet wurde, ließen wir das Publikum die verschiedenen Beiträge noch mit Punkten bewerten. Das hat sich aber als überflüssig herausgestellt. Der Grundgedanke aber bleibt: Ein Abend mit verschiedenen Erzählern und kurzen Beiträgen. Das Konzept einer Diashow in ein modernes Gewand gekleidet. So verschiedenen wie die Beiträge bei „ReiselustSpezial” sind auch die Charaktere, die sie erzählen. Vom Backpacker, der die Reise mit dem Handy dokumentierte bis zum Profifotografen auf der Jagd nach den Polarlichtern – wir wechseln das Lineup bei jeder Show und bieten unseren Gästen die Möglichkeit, die Welt immer wieder neu zu entdecken.

Karten für den „Reiselust”-Slam gibt es im Vorverkauf für 12 Euro (plus 1 Euro VVK) im KingKing Shop in der Kastanienallee 4, im Cafe Riptide am Handelsweg 11 und in der Petite Creperie. Online sind die Karten bereits ausverkauft!

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