„Wir werden uns neu erfinden“ – Szene38
26. März 2020
Bücher & Rezensionen

„Wir werden uns neu erfinden“

Autorin und Change-Expertin Dr. Petra Bock verrät im Interview, wie wir trotz großer Unsicherheit nicht den Mut verlieren

Dr. Petra BockPetra Bock schreibt lebensverändernde Bestseller, die mehrfach ausgezeichnet wurden und weltweit Menschen bewegen. Foto: Constanze Wild

Seit  gut  fünfundzwanzig Jahren forscht und arbeitet Dr. Petra Bock, promovierte Historikerin und  Politikwissenschaftlerin zu tiefgreifenden Umbrüchen, Krisen und Veränderungen. Als Managementberaterin und Top Executive Coach berät sie seit Beginn des Jahrtausends Menschen und Teams in zum Teil existenziell herausfordernden Situationen. Am 4. Mai 2020 erscheint ihr neues Buch: „Der entstörte Mensch. Wie wir uns und die Welt verändern“ (Droemer). Eine aktuelle, pragmatische Utopie über das Menschsein in unserer Zeit. Die Corona-Pandemie, die unsere Welt derzeit in ihren Grundfesten erschüttert, zeigt auf, dass sich die Menschheit scheinbar überholt hat. Wir sprachen mit Dr. Petra Bock über die aktuelle Lage, Krisenbewältigung, Lösungen und Lernprozesse.

Frau Bock, viele Menschen haben den Eindruck, dass das, was wir gerade erleben, irgendwie unwirklich ist.

Das ist ganz normal. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und reagieren zunächst mit Abwehr und Verneinung, wenn wir aus der Komfortzone gerissen werden.

Sie sagen, dass wir ein neues soziales Miteinander brauchen. Auch wenn wir Distanz halten müssen. Wie kann man sich das vorstellen?

Das sind zunächst ganz einfache Dinge. Zum Beispiel ein Lächeln, sich zu nicken, auch wenn man die Straßenseite wechselt, um Abstand zu halten. Das stärkt uns, gibt uns das Gefühl, diese Lage gemeinsam zu bewältigen. Lasst uns konstruktiv sein! Die Zeiten sind schwer genug. Auch wer (noch) nicht infiziert ist, braucht soziale Wertschätzung und menschlichen Halt. Gerade jetzt.

Warum ist das gerade jetzt wichtig?

Weil wir alle unter Stress stehen. Alle Räder stehen still. Auch unsere Hamsterräder, übrigens (lacht). Wenn das ankommt, kommt die Angst. Selbst vor dem Klopapier-Regal werden jetzt Überlebensängste wach. Da hilft es, zunächst einmal tief durchzuatmen und die Sache mit ein wenig Abstand zu betrachten. Wenn man genau hinsieht, sind wir in den reichen Ländern immer noch in einer enormen Komfortzone. Wir haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, digitale Ausweichmöglichkeiten, unsere Sozialsysteme funktionieren. Das Problem liegt nicht so sehr im Außen, sondern eher in unserem Inneren.

Warum liegt das Problem im Inneren?

Wir reagieren ganz schnell mit einem ziemlich brutalen Überlebensprogramm, wenn sich Umstände plötzlich, also in hohem Tempo, ändern. Auch die kleinste Zumutung wird uns dann sehr schnell zu viel und lässt uns in kindliche oder autoritäre Muster verfallen. Wir können das schon an der Supermarktkasse beobachten. Da prügeln sich Leute, wenn ihnen jemand gefühlt zu nah kommt. Aber auch dann, wenn es äußerlich nicht eskaliert, geht eine destruktive Spirale im Inneren los: Wir produzieren schon im ersten Moment Angst, Katastrophenszenarien, setzen uns und andere unter Druck, verlangen Selbstverleugnung, pochen sehr hektisch auf die Einhaltung von Regeln und sind sehr intensiv damit beschäftigt, mögliches Fehlverhalten anderer zu bewerten. Das ist ein sehr altes Überlebensmuster, das jetzt überall auf der Welt aktiv wird. Wir könnten auch anders und würden damit sehr viel mehr Halt und Sicherheit erreichen.

Warum ist das ein Problem? Es geht doch ums Überleben, oder?

Auf der Intensivstation geht es ums Überleben. Im Supermarkt nicht. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Es ist typisch für unsere Zeit, dass wir die Dinge sehr schnell großziehen, aufeinander losgehen und damit zusätzlich Stress produzieren. Ich erwarte von uns als mündigen Bürgerinnen und Bürgern und unseren politischen Entscheidern, dass wir generell eine solide Güterabwägung betreiben und uns nicht auf angeblich alternativlose Strategien fixieren. Geschichte lehrt uns: Die Macht, die Menschen in Krisen haben können, ist verführerisch. Die Krise darf nicht der Auslöser für einen gigantischen Rückwärtsgang werden.

Setzen wir die falschen Prioritäten?

Bei gigantischen Veränderungen, die aber für unser Gefühl schleichend verlaufen, bleiben wir zu lange untätig oder flippen gleich wieder aus, wenn uns ein Licht aufgeht. Auf den Punkt gebracht, zeigt uns die heutige Lage, dass wir in diesem Jahrhundert eine andere Qualität des Umgangs miteinander und eine neue Krisen- und Veränderungskompetenz lernen müssen. Wir bewegen uns im Moment noch auf einer zu niedrigen Stufe unserer menschlichen Möglichkeiten. Gelingt uns der innere Wandel, der aktuell ansteht, fühlen wir uns auch dann selbstwirksam und sicher, wenn uns noch sehr viel mehr abverlangt wird als heute.

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie von „Entstörung“ sprechen?

Ja. Es geht darum, uns von alten, tief konditionierten Reaktionsmustern zu verabschieden und ein konsequent konstruktives und lebensfreundliches Potenzial zu erschließen. Entstört können wir auf ein sehr viel breiteres inneres Repertoire zurückgreifen und uns auch äußerlich ganz anderes verhalten. Wir treffen schneller bessere Entscheidungen. Ich arbeite seit einem Jahrzehnt mit Menschen und Teams, die genau das auch in schwierigen Situationen abrufen und sehr viel wirksamer und stabiler sind als diejenigen, die weiter unbewusst in alte Muster fallen. Es geht darum, innerlich offen, flexibel, sehr kooperativ und stark zu werden, auch wenn sich äußerlich viel verändert. Ich glaube, wir sind diesen inneren Wandel nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Kindern und anderem Leben auf dem Planeten schuldig.

Was kann man jetzt ganz konkret tun, um möglichst „entstört“ auf die Krise zu reagieren?

Wichtig ist jetzt, Energie zu sparen, denn Veränderung kostet Kraft. Die meisten von uns sind im Moment nicht in der Position, den Weltlauf zu entscheiden. Es ist ein wenig wie das kurze Untertauchen nach einem Sprung vom 10-Meter-Brett: Nase zuhalten, abtauchen, geschehen lassen, ruhig bleiben. Wir tauchen wieder auf. Ganz sicher.

Und wenn es doch länger dauert?

Viele bekommen schon Angst, unter der Brücke zu landen. Horrorszenarien dieser Art bringen uns nicht weiter. Es lohnt sich, darauf zu vertrauen, dass im Moment sehr viele kluge Menschen sehr viele gute Ideen entwickeln. Unsere ganze Spezies arbeitet gerade an der Lösung der Probleme. Wir müssen uns in Zukunft ohne Zweifel sehr viel besser abstimmen und sehr viel enger zusammenarbeiten. So viel Konzentration auf eine Problemlösung, wie wir es heute bei Corona erleben, würde ich mir in der Klimafrage, der weltweiten Migration oder beim Thema Alterung unserer Gesellschaft ebenfalls wünschen.

Meinen Sie, wir lernen aus der Krise?

Da bin ich sehr zuversichtlich. Wir stehen vor einem gewaltigen Innovationsschub. Technisch, wirtschaftlich und politisch. Vor allem aber menschlich. Wir sehen gerade, wie komplex und fragil unsere Welt ist – unsere innere ebenso wie die äußere –, und dass wir mit unseren bisherigen Strategien so nicht mehr weiter kommen. Keine Spezies lernt schneller als der Mensch. Und keine Spezies hat mehr zu lernen. Wir werden uns neu erfinden.

Wir alle sind jetzt in einer Ausnahmesituation. Was tun, wenn man trotzdem Angst hat?

Wer vorgibt, jetzt alles perfekt im Griff zu haben, ist nicht besonders stark, sondern eher noch nicht in der Realität angekommen. Es ist normal, dass wir in Tagen und Wochen wie diesen das Gefühl haben, überfordert zu sein. Unser Inneres muss erst lernen, mit der neuen Situation klar zu kommen. Wer das akzeptiert, wird mit einem intensiven und tiefgreifenden Lernprozess belohnt. Denn was viele nicht wissen: Krisenbewältigung und Lernen laufen bei uns innerlich nahezu identisch ab.

Auch interessant