3. Juli 2020
Bücher & Rezensionen

Vom Himmel in die Hölle!?

Mit „Vatermilch: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss“ erscheint Band 1 einer der besten Graphic Novels des Jahres – Interview mit Autor und Zeichner Uli Oesterle

Schrill, sexy und sündig: Einseitige 70-Jahre-Disco-Szene von Uli Oesterle aus „Vatermilch“ (Carlsen)

München, Mitte der 70er Jahre. Sex, Drogen und Feierexzesse in der bunt-pulsierenden Diskoszene bestimmen die Großstadt bei Nacht. Am Tag muss das meist triste, immer wieder kehrende Arbeits- und Familienleben bewältigt werden. Rufus Himmelstoss, egozentrischer Frauenheld und Markisenverkäufer, irrt zerrissen zwischen den beiden Welten durch die Szenerie. Dann verändert ein tragischer Verkehrsunfall sein Alkohol getränktes Lotterleben. Himmelstoss stürzt ab in die Obdachlosigkeit. Vom schillernden Party-Himmel in die traurige Eremiten-Hölle. Das Besondere an dieser bewegenden (Fall-)Geschichte: Autor und Zeichner Uli Oesterle („Hector Umbra“) erzählt in seiner mehrteiligen, auch großartig gezeichneten Graphic Novel „Vatermilch“, die tiefgehende Geschichte seines eigenen Vaters. Szene38 führte ein ausführliches Interview mit Illustrator, Grafiker, Comiczeichner und -autor Uli Oesterle.

Uli Oesterle arbeitet mit „Vatermilch: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss“ seine Kindheit in den 70er Jahren in mehreren Bänden auf. Foto: Frank Bauer

Herr Oesterle, wie schwierig war es die eigene Kindheits-/Vater-Geschichte auf- und abzuarbeiten? Welche Gefühle und Erinnerungen  sind in Ihnen hochgekommen?

Ja. Nein… irgendwie schon. Im Schreibprozess dachte ich lange, das Schicksal meines Vaters ginge mich nichts an. Ich betrachtete es von außen, wie ein Schriftsteller, der eine fiktive Figur modelliert. Mein Vater spielte schließlich schon lange keine Rolle mehr in meinem Leben. Er hatte sich nie für mich interessiert und so lebte ich irgendwann mein eigenes Leben.
Doch je länger ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, desto näher schien mir die ganze Sache zu gehen. Nicht zuletzt, weil ich seit dem Jahr 2001 selbst Vater bin. Mittlerweile ist mir klar, dass mir „Vatermilch“ vermutlich half, die Probleme, die ich in meiner Kindheit, aufgrund der fehlenden männlichen Bezugsperson hatte, aufzuarbeiten, noch einmal zu reflektieren und zumindest teilweise zu verstehen.

Haben Sie Ihrem Vater mittlerweile verziehen? Was hätten Sie Ihm noch gerne gesagt?

Es ist alles gesagt. Ich bin Erwachsen und muss mit meinem Leben selbst zurechtkommen –  sieht man es so, habe ihm wohl verziehen. Immerhin hat er mir durch sein Verschwinden ermöglicht diese Geschichte zu schreiben, hat mir damit ein unfreiwilliges Geschenk gemacht. Denn ohne das, was damals passiert ist, wäre ich wohl nicht in der Lage gewesen dieses Thema so umzusetzen, wie ich es getan habe. Hätte ich das meiste nicht selbst erlebt, hätte ich die Geschichte komplett frei erfinden müssen. Vermutlich hätte ich sie dann nie geschrieben.

Es geht in Ihrem Buch auch darum ein gutes Vorbild zu sein. Was macht einen guten, modernen Vater aus?

Woher soll ich das wissen? Hm… mal seh´n… Nicht bei Rot über die Ampel gehen, keine Schimpfworte benutzen, gerade am Tisch sitzen… ? Spaß beiseite. Da zu sein ist wichtig –  greifbar zu sein. Seinen Kindern all die Liebe zu geben, zu der man fähig ist. Sich für sie und das was sie tun zu interessieren – ihnen so dabei helfen groß zu werden, zu wachsen – und sie nicht nur als lästige Plagen zu empfinden. Ein Vater sollte versuchen Geduld mit seinen Kindern zu haben, vor allem, wenn sie noch kleiner sind. Das ist nicht immer leicht, wenn die Umstände schwierig sind.

In „Vatermilch“ spielen starke Frauen (Mutter, Polizistin) mit. Welche Rolle spielen die weiblichen Charaktere? Die Männer wirken bei Ihnen dagegen oft unsicher, durchtrieben, gebrochen und gescheitert. Warum?

Nicht jeder Mensch verarbeitet einschneidende Erlebnisse gleichermaßen. Das ist individuell und hat nichts mit Geschlechterrollen zu tun. Nichts desto trotz war es mir ein Anliegen starke weibliche Charaktere zu formen. Das macht es doch viel interessanter – in der Fiktion sowie im echten Leben. Nehmen Sie es als mein ganz persönliches Statement zur Feminismus-Debatte.
Meine Frauen sind stark, weil ihre Lebensumstände sie dazu gemacht haben. Der Weg, den sie gegangen sind, hat Spuren auf ihrer Seele hinterlassen. Genau wie bei den männlichen Protagonisten, die schwach oder gebrochen scheinen. Aber vielleicht trügt der erste Eindruck ja auch? Noch sind es drei Bücher.

Eines der schönsten und beeindruckensten Bilder im Buch ist die einseitige Tanzszenen-Darstellung in der Diskothek Yellow Submarine in München. Wie  war die Stadt, das Nachtleben der 70er Jahre?

Ich selbst war 1975 neun Jahre alt und somit viel zu jung, um die Stadt auf diese Weise mitzubekommen. Außerdem wohnte ich außerhalb, am Stadtrand. Aber ja, in den 1970ern war in München eine Menge los, wie zum Beispiel die Disko-Bewegung –  Giorgio Moroder und Donna Summer, die Schickeria und die internationale Prominenz, wie z. B. Freddie Mercury, die ihren Glamour damals in München verströmte. Außerdem eignet sich die ikonische 70er Jahre Architektur Münchens hervorragend, um sie in meinem Stil umzusetzen.

Musik, Club-Kultur und Nachleben spielten bereit in „Hector Umbra“ eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung hat das alles für Sie persönlich?

Ich gehe selbst gerne aus, feiere hie und da, treffe Leute und trinke ein paar Biere oder Cocktails – auch heute noch – aber alles im Rahmen. Früher war die Weggeh-Frequenz wesentlich höher. Heute kümmere ich mich mehr um die Fertigstellung meiner Bücher oder Illustrations-Aufträge und ja, auch um Familienbelange.

Die 70er Jahre waren wild, bunt und bewusstseinserweiternd. Bei Ihnen wirkt alles eher grau, bedrückt und trostlos. Warum?

„Grau, bedrückend und trostlos“ kann ich so nicht unterschreiben. Ich würde es eher so ausdrücken: Die Wahl einer reduzierten Farbpalette und die dadurch sehr klare Unterscheidung zweier Erzählebenen, sorgt dafür, dass der Leser elegant durch die Geschichte geführt wird und sich nicht ständig fragen muss in welchem Jahrzehnt er sich gerade befindet.
Erzählebene 1975: Schwarz und ein warmes Grau mit Akzentuierung durch ein intensives Orange-Gelb, das immer nur dann auftaucht, wenn es um das dramatische Kernereignis geht, also um die Schuld und aufkeimende Krankheit der Hauptfigur. Im Übrigen durchaus eine Farbigkeit, die man gut mit den 70ern in Verbindung bringen kann. Von bewusstseinserweiternd kann hier allerdings nicht die Rede sein. Bei Rufus – der Hauptfigur – ist wohl eher das Gegenteil der Fall, denn seine Geisteskraft beginnt nachzulassen.
Erzählebene 2005: Schwarz und ein sattes Violett mit einem grellen, komplementären Grün als Kennung für die Figur des fiktiven Comic-Charakters Ulrich, der Hauptfigur von Victor Himmelstoss´ Graphic Novel. Dieser grüne Giftzwerg ist die innere Stimme der Kunst, die Victor immer wieder nervt und ihm ein schlechtes  Gewissen bereitet.
Die Farbwahl, das viele Schwarz und der Stil unterstreichen zudem die Befindlichkeiten der Figuren, ihre Getriebenheit und Zerissenheit.
Aber es gibt noch einen Grund, weshalb ich mich auf wenige Farben beschränkt habe: Ökonomie! Da ich an meinem Buch nur nebenbei arbeiten kann, muss ich versuchen, meinen nicht ganz unaufwändigen Stil, zumindest durch die reduzierte Farbwahl so wirtschaftlich wie möglich zu machen.

Wie haben Sie das Jahrzehnt in Erinnerung?

Ich war Kind in den 70ern und verfüge daher nur über kindlich gefärbte Erinnerungen an dieses Jahrzehnt (siehe Antwort weiter oben). Noch in den 90ern waren die 70er eher als hässlich verpönt. Erst seit der Jahrtausendwende empfindet man – auch ich selbst – eine gewisse liebevolle, nostalgische Zuneigung an diese Zeit – an die schreienden Möbel, die brutalistische Architektur und die Mode – vergleichbar vielleicht mit der Ostalgie. Ich habe mittlerweile schon oft gehört, dass sich Leser gut in die Zeit zurückversetzt fühlen. Mein Wissen darüber bezog ich aus allgemein bekannten Tatsachen und recherchiertem Fotomaterial.

Warum ist „Vatermilch“ auf mehrere Bände angelegt?

Ursprünglich wollte ich die Geschichte in einem einzigen dicken Band erzählen, doch irgendwann habe ich bemerkt, dass mir die Aussicht darauf mehrere hundert Seiten zeichnen zu müssen, schier den Mut nahm und mich lähmte. Also regte ich vor einigen Jahren an zwei Teile daraus zu machen. Das wäre schon leichter zu bewältigen gewesen. Aber selbst 250 Seiten erschienen mir immer noch so unermesslich viel, dass wir uns schließlich einigten Vatermilch in vier Teilen herauszubringen.
Man darf nicht vergessen, dass man als Comiczeichner – und Autor in Deutschland für das Kreieren einer Graphic Novel nicht monatlich bezahlt wird. Man bekommt eine Garantiezahlung, die sehr schnell weg ist. Ich muss Geld mit Illustrationen oder Wimmelbildern verdienen, kann also während dem Erledigen dieser Brotjobs oft nicht an meinem Buch weiterarbeiten. Teilweise muss ich die Arbeit daran für mehrere Monate unterbrechen. Das kann sehr frustrierend sein und einem den Wind aus den Segeln nehmen.
Ein Vorteil von mehreren Bänden sind die Etappenziele, die in einem gewissen Zeitrahmen machbar sind – psychologisch ist das nicht zu unterschätzen. Es verschafft einem außerdem die Befriedigung etwas herauszubringen, sich bei den Lesern und der Presse in Erinnerung zu bringen – und zwar vier Mal. Es steigert den Bekanntheitsgrad. Die hoffentlich positive Resonanz aus der Veröffentlichung gibt einem neue Kraft mit dem nächsten Band weiterzumachen.
Die Herausforderung besteht darin, bis zum Erscheinen des nächsten Teiles, nicht zu viel Zeit vergehen zu lassen. Außerdem muss man es schaffen, dass jeder einzelne Band trotzdem als Buch für sich stehen kann. An manchen Stellen muss man vielleicht ein wenig umschreiben oder Szenen verschieben, damit sich ein befriedigendes Ende für jeden Einzelband ergibt.
Sicherlich wäre es für den Leser befriedigender den ganzen Band in einem Rutsch lesen zu können, aber aus wirtschaftlichen und seelischen Erwägungen für den Künstler ist das schlicht nicht zu schaffen. Durch die Pandemie sind alle Termine und persönlichen Dinge irgendwie verschoben. Außerdem habe ich mit Carlsen noch kein klares Erscheinungsdatum für Band 2 besprochen. Eigentlich hätte ich es gut gefunden genau ein Jahr später, also Ende Mai 2021, mit Band zwei auf den Markt zu kommen, aber ehrlich gesagt ist das wenig realistisch. Ich würde es aber gerne schaffen 2021 zu erscheinen – vielleicht im Herbst oder Winter? In jedem Fall muss ich versuchen das Tempo anzuziehen.

Und wie geht es weiter?

Tja, hier muss ich nun manches im Nebel belassen, um nichts vorwegzunehmen. Am Ende von Band Eins ist Rufus ja bereits obdachlos. Diese Phase seines Lebens hält in Band 2 noch an. Er trifft auf der Straße auf neue Bedrohungen, findet aber auch Freunde. Zum Beispiel den ebenfalls Obdachlosen, aber durchwegs positiven Börni, der für Rufus zu einer Art Mentor wird. Dieser hilft dem bislang recht arroganten und rücksichtlosen Rufus den richtigen Weg einzuschlagen und aus seiner aussichslosen Lage gestärkt hervorzugehen.
Während Rufus´ Sohn Viktor dreißig Jahre später eine Bergtour mit seinem eigenen Sohn unternimmt, um einen geliebten Menschen zu gedenken und in den Südtiroler Dolomiten einiges über sich selbst zu lernen, versucht Rufus dreißig Jahre zuvor gerade zu biegen, was er verbrochen hatte. Zu diesem Zweck schmiedet er einen haarsträubenden Plan, der sich auf die Zukunft der Menschen, die unter seiner Rücksichtslosigkeit zu leiden hatten, positiv auswirken soll. Mit der Hilfe eines weiteren neuen Freundes beginnt er diesen Plan in Band Drei umzusetzen. Außerdem findet der ehemalige Schürzenjäger Rufus Himmelstoss seine erste wahre Liebe. Dass die nicht immer einfach ist, muss Rufus schmerzlich erkennen. Doch gewisse Personen sind Rufus auf den Versen und wollen ihn für seine vergangenen Sünden bestrafen. Auch sein eigener Körper richtet sich immer mehr gegen ihn und droht sein engagiertes Vorhaben und die aufkeimende Romanze zu vereiteln. So. Mehr wird nicht verraten.

 

 

 

 

 

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