Selbstmord im Showgeschäft – Szene38
12. Februar 2020
Bücher & Rezensionen

Selbstmord im Showgeschäft

Der Braunschweiger Karsten Weyershausen veröffentlicht das Buch „Der finale Notausgang“ über Suizide – Interview mit dem Autor

Für viele Menschen ist Selbstmord der letzte Ausweg. Laut Weltgesundheitsorganisation nehmen sich jährlich rund eine Million Menschen das Leben. Foto: Pixabay

Viele Menschen sehen die Selbsttötung als das letzte Mittel Konfliktsituationen zu bewältigen. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich jährlich rund eine Million Menschen das Leben. Von den meisten Suiziden erfährt man nichts, von denen im glitzernden Showgeschäft schon. Besonders hier hat der Freitod fast so etwas wie eine traurige Tradition. Der Braunschweiger Autor und Cartoonist Karsten Weyershausen beleuchtet in seinem „Der finale Notausgang“ (Verlag Andreas Reiffer) 28 Biografien. Unter anderem werden Marilyn Monroe und Jean Seberg, Raimund Harmstorf, Dean Reed und Robin Williams (mit den damit verbundenen Selbsttötungen) beschrieben.

Karsten, wie kamst du auf die Idee ein Buch über Selbstmord von Stars zu schreiben?

Das Thema hat mich schon immer beschäftigt. Als ich noch recht jung war, hat sich meine Großmutter das Leben genommen. Ich habe mich oft gefragt warum. Wann immer ich danach in der Zeitung von einem Selbstmord las, wollte ich mehr über die Hintergründe erfahren. Dazu kommt, dass ich mich stets für Filmgeschichte interessiert habe. Da lag das Thema fast auf der Hand.

Nach welchen Kriterien hast du die verblichenen Künstler ausgesucht, die du im Buch reflektierst?

Bei der Auswahl war mir vor allem wichtig eine gewisse Vielfalt zu haben. Außerdem wollte ich möglichst viele Jahrzehnte Filmgeschichte abdecken. Daher findet man im Buch auch Leute, die inzwischen fast vergessen sind. Zu ihrer Zeit waren sie jedoch große Stars, wie Stummfilmkomiker Max Linder, der einmal einer der berühmtesten Männer der Welt war. Ihre Geschichten sind oft die interessantesten, denn früher mussten Schauspieler eine ausgeprägte Persönlichkeit besitzen, um beim Publikum Erfolg zu haben. Heutige Stars haben weitaus weniger Ecken und Kanten.

Warum tauchen Rock-Ikonen wie Kurt Cobain oder Amy Winehouse nicht in deinem Buch auf?

Da ich mich in diesem Buch nur auf Filmschaffende beschränken wollte, kommen Musiker, Maler oder Wissenschaftler nicht vor. Außerdem wollte ich möglichst die üblichen Namen vermeiden, die immer wieder bemüht werden, wenn es um das Thema Selbstmord geht.

Welche Suizide sind am ungewöhnlichsten und haben dich am besonders bewegt?

Ungewöhnlich fand ich die Geschichte von Dean Reed, ein amerikanischer Sänger und Schauspieler, der in die DDR ging, um dort als »roter Elvis« berühmt zu werden. Mit dem Niedergang des Systems schwand auch seine Popularität. Als überzeugter Kommunist war eine Rückkehr in die Vereinigten Staaten für ihn schwierig. In den DDR-Nachrichten wurde Reeds Tod damals nur als »tragischer Unglücksfall« bezeichnet. Die ganze Wahrheit kam erst nach dem Mauerfall ans Licht. Am Bewegendsten fand ich das Ende von Joachim Gottschalk, der kurzzeitig als »Deutschlands Clark Gable« gefeiert wurde und heute nahezu vergessen ist. Da er sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lassen wollte, wurden er und seine Familie vom NS-Regime regelrecht in den Tod getrieben. Nachdem seine Frau und sein Sohn Schlaftabletten zu sich genommen hatten dichtete Gottschalk Türen und Fenster ab und drehte den Gashahn auf. Für Propagandaminister Goebbels war es nur ein »menschlich bedauerlicher, sachlich fast unabwendbarer Fall«.

Wie groß ist der Druck im Showbusiness, dass sich so viele Stars das Leben nehmen?

Der Druck ist immens. Fast immer haben Schauspieler Jahre der Ablehnung hinter sich, bevor sich der Erfolg einstellt. So etwas vergisst man nicht. Die Angst der Stars ist gerechtfertigt, denn die meisten Karrieren sind nur kurzlebig. Selbst große Namen bekommen irgendwann keine guten Rollen mehr. Der berufliche Abstieg findet dann in aller Öffentlichkeit statt. Dazu kommt die Altersdiskriminierung, die gerade bei den Schauspielerinnen noch immer brutal ist. Quentin Tarantino hat es in »Once Upon a Time in Hollywood« ganz gut auf den Punkt gebracht: Sein abgehalfterter Star Rick Dalton wird in diesem Film von Selbstzweifeln geradezu zerfressen.

Warum wird der legendäre „Klub 27“ nicht in deinem Buch thematisiert?

Die Mitglieder dieses »Klubs« sind Rockstars, die ihr Leben meist durch eine Überdosis beendeten – und das oft unbeabsichtigt. Grundsätzlich haben sie mit den Personen in meinem Buch nicht viel gemeinsam.

Was soll der Leser nach der Lektüre deines Buchs für sich „mitnehmen“?

Vielleicht wie lebenswichtig ein gut funktionierender Freundeskreis ist. Einige der Geschichten hätten anders ausgehen können, wenn die Betroffenen Freunde gehabt hätten, um sich mit ihnen auszutauschen. Die meisten Künstler sind jedoch Workaholics, die sich über ihre Arbeit definieren. Schön wäre es auch, wenn ich mit dem Buch ein wenig Interesse an der Filmgeschichte wecken könnte.

Das Buchcover von „Der finale Notausgang“ (Verlag Andreas Reiffer).

Du bist nicht nur als Autor, sondern auch als Cartoonist bekannt. Warum gibt es keine besondere Covergestaltung von dir?

Ganz einfach: Da der Verlag eine einheitliche Covergestaltung für die Reihe haben wollte, wurde keine Illustration von mir benötigt. Im Grunde finde ich das auch ganz gut so. Es wäre schwierig gewesen dieses Thema zu illustrieren.

Lesung aus „Der finale Notausgang“ im EiKo

Am 6. März 2020 wird Karsten Weyershausen im Rahmen einer Buchpremiere aus seinem Werk lesen und mit Moderator Axel Klingenberg ins Gespräch gehen. Musikalisch unterstützt wird er von Claus Tepper. Um 20.00 Uhr geht es im EiKo e.V., Hamburger Strasse 273, Eingang B2, Schimmelhof Braunschweig los.

 

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