Neue Comics im Check – Szene38
31. März 2020
Bücher & Rezensionen

Neue Comics im Check

In fremde, faszinierende Welten eintauchen: Von verwirrten Römern, fiesen Fröschen und dem Cthulhu-Mythos von H. P. Lovecraft

Frau mit roten Haaren: Charles Burns, amerikanischer Comic-Zeichner, wandelt mit seinen Werken zwischen Populärkultur und Psychoanalyse. Fantasie und Realität verschwimmen... Cover: Charles Burns/Reprodukt

Was hilft gegen Langweile in der Corona-Krise? Zum Beispiel Comics lesen! Die aktuelle Situation einfach mal für ein paar Stunden vergessen kann man mit den nachfolgenden, unterhaltsamen und fantasievollen Bildergeschichten. Wir stellen einige Neuheiten vor. Viel Spaß!

Verirrte, verwirrte Römer im Nebel: „Für das Imperium“. Cover: Bastien Vivès (Reprodukt)

„Für das Imperium“ von Bastien Vivès, Merwan Chabane (Reprodukt)

Die spinnen, die Römer! „Für das Imperium“ ist keine Hommage an Asterix-Erfunder Albert Uderzo, sondern erinnert thematisch an den Kongo-Reise-Klassiker „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad. Dieser diente auch als Vorlage für Francis Ford Coppolas Anti-Kriegs-Film „Apocalypse now“. Ein Buch über eine Reise in den Abgrund der Menschheit und der Menschlichkeit. Während es bei Conrad Kapitän Marlow ist, der sich ins Innere eines unbekannten Kontinents begibt und dunkle Abwege europäischer Eroberungen beschreitet, ist es bei dem französischen Comic-Künstler Bastien Vivès ein Elitetrupp des Römischen Reichs der eine Entdeckungsreise (durch Wüste, Wald  und Einöde) ins Ungewisse der eigenen Existenz vollzieht. Hinab in die Untiefen des Halb- und Unterbewusstseins, in ein finsteres Labyrinth von Schuld, Schwäche und Zerfall. Die Legionäre treffen auf wehrhafte Amazonen, einen Drachen, Nebel, Halluzinationen und vollkommene Leere. Ein Selbstfindungstrip, der noch lange nachhallt.

Wie man sich in surrealen Tagträumen verliert zeigt „Daidalos 1“. Cover von Charles Burns/Reprodukt

„Daidalos 1“ von Charles Burns (Reprodukt)

Aktuell wirkt wegen der Corona-Krise alles etwas surreal. Da kommt dieser Comic gerade recht. Im Mittelpunkt von „Daidalos 1“ steht ein sonderbarer Zeichner und Filmemacher der sich in surrealen und verfremdeten Tagträumen verliert: „Ich könnte ewig den Toaster anstarren, mich darin verlieren…“. Charles Burns, amerikanischer Künstler reflektiert sein jugendliches Alter Ego und seine Arbeit. Sein Antrieb und Fluchtweg: Bunte Stifte statt berauscht auf Partys herumhängen, schräge Super-8-Filme statt Kommunikation mit anderen. Und dann ist da noch die anziehende, rothaarige Laurie…
Horror-Film-Spezialist Charles Burns mischt einmal mehr Populärkultur mit Psychoanalyse, eine dunkel-abgründige Atmosphäre mit kalt-glatten Zeichnungen. Fantasie und Realität verschwimmen – der Leser versinkt in einem suggestiven Strudel…

„B.U.A.P – Die Froschplage – Band 2 und Band 3“ von Mike Mignola (Cross Cult)

Die Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, kurz B.U.A.P., hat wieder viel zu tun. Monster, Mutationen und Mysterien müssen erkundet und bekämpft werden. Die zentralen Figuren (Abe Sapien, Liz Sherman etc.) haben spezielle Kräfte, sind aber keine Superhelden. Es sind vielmehr gebrochene, teilweise Schuld behaftete und scheiternde Charaktere. Unterstützung wäre da hilfreich. Doch die „Geschichten aus dem Hellboy Universum“ funktionieren und faszinieren auch ohne die Hilfe des coolen roten Teufels mit den abgesägten Hörnern. Die zweite, vierbändige und über vierhundert-seitige Sammelband-Ausgabe der epischen „Froschplage“-Saga enthält zwei US-Bände mit kürzeren Stories, die bisher nicht vollständig auf Deutsch vorliegen: „Die Toten“, „Krieg der Frösche“ und „Die schwarze Flamme“. „B.U.A.P – Die Froschplage – Band 3“ umfasst sogar 448 Seiten und spielt unter anderem im bolivianischen Dschungel. Allesamt düster-phantastische Geschichten, die einmal mehr  in ganz eigene abgründige Sphären entführen.

Comic-Autor und Zeichner Mike Mignola liebt Sagen, B-Movies, Geistergeschichten, Monster und Pulp-Storys der 1940er- und 1950er-Jahre. Cover: Mike Mignola/Cross Cult

„Der Skorpion – Gesamtausgabe“ von Stéphen Desberg, Enrico Marini (Carlsen Comics)

Armando Catalano ist ein athletischer, charmanter und furchtloser Abenteurer. Sein Spitzname: „Der Skorpion“.  Der tierische Spitzname kommt von einem Mal auf seiner Schulter. Wie eine Art „Indiana Jones“ ist er im Rom des 17. Jahrhunderts unterwegs. Als Archäologe sucht und verkauft er frommen Adligen Reliquien von Heiligen deren verschollene Gräber er durch seine Kenntnisse alter Schriften ausfindig macht. Sein Helfer ist ein schwer-gewichtiger, schlagkräftiger und humorvoller Husar. In die Quere kommen den beiden immer wieder mal  die Schweizergardisten des Papstes. Besonders gefährlich: Trebaldi, der sogenannte Adler-Kardinal, der gefährliche und intrigante Gegenspieler des „Skorpion“. Trebaldi, Mitglied der geheimen „neuen Familien Roms“ treibt in Rom den Umbruch voran, um ein Glaubensregime zu errichten. Sein Ziel: Eine eigene Garde, die Mönchskrieger, und der Tod des Papstes. Die Gesamtausgabe von „Der Skorpion“ bietet üppige, dynamische und actionreiche Abenteuer-Unterhaltung in kraftvollen Farben. Charismatische Protagonisten und wechselnde Schauplätze sorgen für stundenlanges Lese-Vergnügen.

Mantel- und Degen-Comic-Klassiker: „Der Skorpion“ sticht zu. Cover: Stéphen Desberg/Carlsen Comics

„Ein Jahr ohne Cthulhu“ von Thierry Smolderen, Alexandre Clérisse (Carlsen Verlag)

„Hierin liegt das Wesen des Spiels. Meine Rolle ist es meine Freunde zu nicht menschlichen Geheimnissen zu geleiten die entsetzliche Überraschungen für sie bereithalten…“, verkündet Rollenspiel-Leiter Samuel (im The Cure T-Shirt) programmatisch zum Beginn. Ja, schaurige, blutige Überraschungen gibt es einige in „Ein Jahr ohne Cthulhu“. Die mit den Bänden das „Imperium des Atoms“ und „Ein diabolischer Sommer“ begonnene Serie von grafischen Romanen erlebt hier eine liebevoll umgesetzte und Regenbogen-bunte Fortsetzung. Die Franzosen Thierry Smolderen und Alexandre Clérisse haben diesmal eine Zitaten gespickte Coming-Of-Age-Grusel-Geschichte geschaffen, die von Großmeister H. P. Lovecraft inspiriert ist und in den 80er-Jahren angesiedelt ist. Weitere Referenzen: Filme (David Lynch, David Cronenberg, Charlie Chaplin), Arcade-Videospiele (das Action-Puzzle-Killerstrahlspiel Qix), Literatur (Stephen King), Design und mehr. Cooles Comic-Kino.

Bonbon-bunte, Zitaten gespickte Coming-Of-Age-Grusel-Geschichte: „Ein Jahr ohne Cthulhu“. Cover: Thierry Smolderen/Carlsen Verlag

„Blake und Mortimer Spezial: Der letzte Pharao“ von François Schuiten, Van Dormael, Gunzig, Durieux (Carlsen Verlag)

Cheopspyramide, Kairo, Ägypten: „Mühsam erwachen zwei Männer aus einer tiefen Bewusstlosigkeit. Es kommt ihnen vor, als seien Jahrhunderte vergangen. Dann kommen sie langsam zu sich…“ Die beiden sind Hauptmann Francis Blake vom britischen Secret Service und der Atomwissenschaftler Professor Philip Mortimer. Dann ein Zeitsprung: Brüssel, Justizpalast, einige Jahre später. Professor Mortimer entdeckt an einer verfallenen Mauer einige Hieroglyphen – und stemmt die Mauer auf. Elektromagnetische Strahlen tauchen alles plötzlich in gleißendes Licht. Menschen werden evakuiert, die Stadt verwaist. Dann kehrt der alptraumgeplagte Mortimer zurück. François Schuiten, renommierter belgischer Comiczeichner und  Architektur-Spezialist (Bekanntestes Werk: „Die geheimnisvollen Städte“), zitiert den Comic-Klassiker „Das Geheimnis der großen Pyramide“ von Edgar P. Jacobs und schafft doch ein ganz eigenes atmosphärisches Werk. Ein alte Schule-Comic voller Fantasie und Details in dessen Panels man sich, wie Mortimer auf seinem Erkundungstrip, verlieren kann.

Ägypten in Brüssel: Professor Philip Mortimer löst wieder ein Geheimnis. Cover: François Schuiten/Carlsen Verlag

 

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