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23. Juni 2022
Lifestyle

Sechs Buchtipps für die Sommerferien

Sommerurlaub braucht gute Bücher: Doch die Auswahl ist riesig und die Geschmäcker sehr verschieden. Sechs Tipps von unseren Redaktionsvolontären.

Sommerurlaub braucht gute Bücher: Doch die Auswahl ist riesig und die Geschmäcker sehr verschieden. Sechs Tipps von unseren Redaktionsvolontären. Foto: Getty

Sommerurlaub braucht gute Bücher: Doch die Auswahl ist riesig und die Geschmäcker sehr verschieden. Sechs Tipps von unseren Redaktionsvolontären. Foto: Getty

Ein gutes Buch in den Sommerferien lesen – wofür im hektischen Alltag oft die Zeit fehlt, ist der Sommerurlaub wie geschaffen.Sechs Volontärinnen und Volontäre der Braunschweiger Zeitung und des Harz Kuriers haben daher sechs Buchtipps für die Sommerlektüre rezensiert

Darunter sind Romane von Krimi bis Belletristik, aber auch Sachbücher und Bücher, die eher wie ein Gesamtkunstwerk wirken.

Alle Buchtipps haben aber gemeinsam, dass sie uns besonders begeistert haben.

Buchtipp #1: Eine Domina packt aus: Herbertstraße von Manuel Freitag

Buchtipps #1 für den Sommer: Herbertstraße von Manuela Freitag.
Buchtipps #1 für den Sommer: Herbertstraße von Manuela Freitag. Foto: Edel Books

Rezension: Angelina Friedel

Dieses Buchcover fällt auf. Eine vollbusige Domina in schwarzer, enger Arbeitskleidung blickt auffordernd und leicht arrogant. Dieses Buch ist sicherlich nichts für jedermann. Mich aber hat es – im wahrsten Sinne des Wortes – wirklich gefesselt. Manuela Freitag, die dienstälteste Domina der Hamburger Herbertstraße, gibt Außenstehenden einen Einblick in die verruchte Welt der Prostitution.

Freitag, die erst Prostituierte und dann später Domina wurde, nimmt die Leserinnen und Leser mit in das Rotlichtmilieu. Das Spezielle an der Erzählweise ist dabei der Wechsel zwischen Kapiteln, die die Lebensgeschichte – angefangen in der Kindheit – von Manuela Freitag und ihren Werdegang zur Prostituierten beleuchten.

Dabei beschreibt Freitag zum einen schöne Erinnerungen mit Gästen, die zu Freunden wurden, sowie weniger schöne, zum Teil auch traumatisierende Erlebnisse.

Ihre Geschichte hat sie nicht einfach so aufgeschrieben. „Das hier ist meine ganz persönliche Geschichte. Aber ich erzähle sie nicht nur für mich, sondern auch stellvertretend für die vielen Frauen im Rotlichtmilieu, die nicht gehört und gesehen werden, wie sie es dringend verdient hätten“, heißt es im Vorwort.

Ein Buch, das explizit nicht als Roman deklariert ist, das jeder gelesen haben sollte, der sich für das Rotlichtmilieu interessiert.

Buchtipp #2: Ein literarisches Puzzle: Edward Powys Mathers – Cain’s Jawbone

Rezension: Marvin Weber

Buchtippp #2: Das Cover von Cain's Jawbone aus dem unbound Verlag. Foto: unbound Verlag
Buchtippp #2: Das Cover von Cain’s Jawbone. Foto: unbound Verlag

Cain’s Jawbone wäre eigentlich ein klassischer Krimi – eigentlich. Die Ausgangslage ist folgende: sechs ermordete Menschen, sechs Mörder. Jeder mit seiner eigenen Geschichte, alle passen irgendwie zueinander. Der Clou hinter der ganzen Sache ist aber, dass Cain’s Jawbone nicht in einer logischen Reihenfolge gedruckt wurde. Das Buch ist also ein literarisches Puzzle. Die 100 Seiten der Geschichte sind komplett zufällig kombiniert und Leserinnen und Leser müssen versuchen, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Am Ende sollte sich eine Geschichte von sechs Morden und dazugehörigen Mördern ergeben. Das Puzzle um Cain’s Jawbone ist allerdings wirklich nicht leicht zu knacken. Seit der Veröffentlichung der Geschichte im Jahr 1934 haben nur vier Menschen das Rätsel gelöst, die Antworten wurden natürlich nicht veröffentlicht. Wer also mal einen ganzen Sommerurlaub oder länger seine grauen Zellen anstrengen möchte und sich am schwersten literarischen Rätsel versuchen will, der kann Cain’s Jawbone beim Unbound-Verlag bestellen. Wenn man das Buch dann richtig zusammengestellt hat, soll sogar eine ganz witzige Geschichte dabei rauskommen, die mit einigen guten Pointen unterhält. Das sagt jedenfalls Rätsellöser und Schriftsteller John Finnemore in einem Interview. Ob das wirklich stimmt, kann man wohl nur selbst herausfinden.

Buchtipp #3: Plagiat aus Liebe: Martin Suter – Lila, Lila

Buchtipp #3: Martin Suter. Foto: Diogenes „Lila, Lila“.
Buchtipp #3: Martin Suter. Foto: Diogenes „Lila, Lila“.

Rezension: Michèle Förster

David Kern ist ein schüchterner wie talentfreier Jungschriftsteller, der als Aushilfskellner in Berlin arbeitet. Und er ist verliebt in Marie, die sich zwar nicht für ihn, aber für Literatur interessiert.

Als er in einem alten Nachttisch ein vielversprechendes Manuskript über eine unglückliche Liebe in den 50er Jahren findet, beschließt er kurzerhand, es Marie gegenüber als sein eigenes Werk auszugeben. Marie ist vom Manuskript, das die Liebesgeschichte von Lila und Peter erzählt, so begeistert, dass sie es auf eigene Faust an einen Verlag schickt – und sich auf Davids Annäherungsversuche einlässt.

Das Manuskript wird ein voller Erfolg. David liest aus „seinem“ Werk in Buchhandlungen der gesamten Bundesrepublik – immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, der wahre Autor des Buches könnte doch noch auftauchen und ihn entlarven.

Nach einer dieser Lesungen spricht ihn ein älterer Herr an – und Davids schlimmste Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten…

Martin Suter schreibt amüsant über künstlerische Existenzängste, eine verzweifelte Liebe und unverdienten Ruhm. So, dass man sich beim Lesen unweigerlich fragt: Wie hätte ich in Davids Situation gehandelt? „Lila, Lila“ ist ein facettenreicher Roman über die Liebe, das Lügen und die Literatur. Absolute Leseempfehlung – auch für alle, die noch keine Suter-Fans sind.

Buchtipp #4: Kokovoren-Kult: Christian Kracht – Imperium

Buchtipp #4: Christian Kracht: „Imperium“. Foto: Foto: Kiepenheuer & Witsch

Buchrezension: Kevin Kulke

August Engelhardt gab es wirklich. Um das Jahr 1900 zog es den Freigeist und Nudisten nach Deutsch Neuguinea im Pazifik. Schutzgebiet des Kaiserreiches. Dort wollte er seinen Traum verwirklichen: Eine Kolonie von „Kokovoren“ – Menschen, die sich ausschließlich vom Fleisch der Kokosnuss ernähren. Warum Kokosnüsse? In Engelhardts Empfinden wächst die Kokosnuss am nahesten zur Sonne – nahe bei Gott.

Christian Kracht beschreibt das Wirken des Auswanderers Engelhardt teilfiktiv mit der schwülstigen Sprache des deutschen Fin de Siècle. Kitschig ist das oft, aber das muss es sein. Krachts Protagonist ist ein Antiheld, der Leser oder die Leserin erlebt ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Zuneigung, ob seiner kindlichen Naivität. Engelhardt ist der erste Aussteiger. Seine Mitmenschen straft er mit Verachtung, weil sie die Vision seiner Utopie nicht teilen. Ein Mann, der Guru sein will, und ein Gottgleicher, der im deutschen Imperialismus und Rassismus seine willentlichen Helfer findet. Ein teutonischer Robinson Crusoe, zwischen Esoterik, Rassenwahn und Frontierspirit. Dass Engelhardts Ambitionen scheitern müssen, ahnt man früh – schon das Buchcover deutet es an. Ihm auf seiner Reise zu folgen ist fesselnd und trotz des Themas angenehm kurzweilig. Der klassische Abenteuerroman auf den Kopf gestellt.

Buchtipp #5: Sylt-Krimi mit Italien Flair: Gisa Pauly – Die Tote am Watt

Buchtipp #5: Gisa Pauly – Die Tote am Watt.
Foto: Piper Verlag

Rezension: Christiana Auer

Für alle Krimifans, Sylt-Liebhaber – und all diejenigen, die sich den Urlaub nach Hause holen wollen, ist der erste Band der mittlerweile 16-teiligen Mamma-Carlotta-Reihe von Gisa Pauly eine Empfehlung. Auf 368 Seiten können die Leserinnen und Leser nicht nur in den Urlaub abtauchen und die Nordseeinsel hautnah erleben, sondern auch mit einer italienischen Nonna auf Mörderjagd gehen.

Zum ersten Mal besucht Carlotta Capella ihren Schwiegersohn, Hauptkommissar Erik Wolf, und ihre Enkelkinder Carolin und Felix auf deren Heimatinsel Sylt. Carlottas italienisches Temperament trifft dabei auf das norddeutsche Gemüt der Sylter und sorgt für jede Menge Witz. Als dann noch in Kampen die Leiche einer vermögenden Witwe gefunden wird, mischt auch Mamma Carlotta in den polizeilichen Ermittlungen ihres Schwiegersohns kräftig mit. Sie ist den Beamten des Polizeireviers Westerland immer einen Schritt voraus und bringt sich durch ihre Neugierde oftmals in brenzliche Situationen – sogar in Lebensgefahr.

„Die Tote am Watt“ ist der Beginn von Mamma Carlottas Sylt-Abenteuer. Gisa Pauly lässt ihre Protagonistin nun schon seit über 15 Jahren auf Sylt ermitteln, Freundschaften schließen und ihre Familie mit viel italienischem Herzblut umsorgen. Alle Bücher laden zum Mitfiebern aber auch zum Wegträumen ein.

Buchtipp #6: Unser Alltag in der Zukunft: Jenny Kleeman – Roboterland

Roboterland von Jenny Kleeman
Foto: penguinrandomhouse

Rezension: David Krebs

In Roboterland begleiten Leser und Leserinnen die Autorin Jenny Kleeman bei einem Rundgang durch die Zukunft.

Sie möchte zeigen, „wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden“ und nimmt dafür eine Reihe von aufkeimenden Technologien und kulturellen Phänomenen unter die Lupe. Sexroboter, künstliche Gebärmutter, Laborfleisch und Sterbehilfe sind da nur einige Beispiele, die sie betrachtet. Jedes Kapitel ist wie ein Besuch einer kleinen neuen Welt: Skurril, visionär und ein bisschen abgedreht. Kleeman führt zu jeder Technologie Interviews und schreibt diese szenenhaft nieder. Sie zieht in die Labore, Werkstätten und Hinterhöfe, in denen an unserer Zukunft gebastelt wird. Kleeman schildert, wie sie in einer behelfsmäßigen Garagenwerkstatt eine unfertige Sexpuppe besucht oder in einem beeindruckenden Firmengebäude künstlich erzeugte Chicken-Nuggets probiert.

Es geht nicht nur um die Ideen, sondern auch um die Menschen dahinter. Kleeman macht kein Geheimnis daraus, dass sie vielen der Technologien skeptisch gegenüber steht. Viele der Gespräche sind kritisch, konfrontativ. Sie legt einen besonderen Fokus auf die Auswirkungen, die diese Technologien auf Frauen haben werden. Besonders die Abschnitte zu Liebe und Geburt betrachtet sie durch eine – bei diesen Themen sehr angebrachte – feministische Linse.

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