21. Februar 2022
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Riptide-Talent im Interview: „So ein bisschen auf den Schlips treten schadet nie“

Bekannt geworden ist Siggi The Kid mit der EP "38666" - über Braunschweig hinaus. Das hat er über das Dorfleben und Major Labels zu sagen.

Siggi The Kid findet: Musik muss wehtun. Foto: Tanja Reeve

Gute Nachrichten: Simon Günther will als Siggi The Kid neue Musik rausbringen. Das erzählt er im Szene38-Interview. Mit „38666“ hat er bei den Braunschweiger Riptide Recordings sein Debüt gefeiert.

Produziert wurde das melancholisch-rebellische Werk im Studio von Philipp Preiß in Söllingen. Zurückgenommene Gitarrenklänge begleiten Lyrics über Herzschmerz, Heimatverbundenheit, Fernweh und AfD-Kritik. Eine hochwertige Produktion von Philipp Preiß und dem Helmstedter Constantin Kopp machen Simon Günther aus Beierstedt über den Landkreis Helmstedt hinaus bekannt.

Im Interview mit Tanja Reeve lässt er blicken, dass er noch viel vor hat. Dabei muss es nicht nach Berlin oder Hamburg gehen.

Siggi The Kid findet: Musik muss wehtun. Foto: Tanja Reeve

Tanja: Du schreibst auf deinem Spotify-Profil, dass du Punk und Hip-Hop machst. Wie passt das zusammen?

Siggi The Kid: Ich habe schon immer alles mögliche an Musik konsumiert, also nicht immer nur Hip Hop. Eigenen Hip Hop mache ich, seit ich 14 bin. Aber ich habe auch immer viel Punk gehört. 2017 hatte ich Bock auf etwas Neues und habe mit Freunden die Band Wolkenkratzer gegründet. Das ist ein deutsches Post-Punk-Projekt. Darauf habe ich mich konzentriert, bis ich 2020 gesagt habe: Ich hätte jetzt doch noch mal Bock, etwas Solo zu machen. Die EP „38666“ sollte diese Einflüsse miteinander verbinden, um einen uniquen, einzigartigen Sound zu machen.

Tanja: Bei Punk denkt man doch aber an etwas lautes, vulgäres. In „38666“ bist du leise und zurückgenommen.

Siggi The Kid: Klar, ist das auf den ersten Blick erstmal laut und auf die Fresse. Wenn man aber die Punk- und Hip-Hop-Bewegungen historisch miteinander vergleicht, sind da viele Parallelen, von der Politik und von der Message her. In beiden Genres gibt es diesen DIY-Gedanken. Man spricht vor allem Sachen an, die einem nicht passen. Das spiegelt meine Musik wider.

Tanja: Was passt dir denn nicht?

Siggi The Kid: Man sieht ganz klar, dass es einen Rechtsruck in ganz Deutschland und Europa gibt. Kunst ist eine gute Art, das anzusprechen. Klar, das muss man nicht machen. Wenn ich deutsche Radiomusik höre, denke ich: Ok, das tut keinem weh. Da steckt keine große Aussage hinter. Aber ich finde, so ein bisschen auf den Schlips treten schadet nie.

Tanja: Wie reagieren Menschen, wenn du in deinen Texten auf die AfD schimpfst?

Siggi The Kid: Direkt reagiert niemand. Ich bin auch in einer Bubble, wo man ein ähnliches Mindset hat. Einige haben aber schon kommentiert: Ich habe eine andere Meinung. Ich tue meine gerne laut und auch mal mit einer Spitze kund.

Tanja: Auf den ersten Blick scheint das Motto von „38666“ Heimatverbundenheit zu sein. Doch dann singst du: „Da wo jeder Tag so wie der letzte war und sich bis heute nichts verändert hat in all den Jahren.“

Siggi The Kid: Hier auf dem Land aufzuwachsen, ist ja Fluch und Segen zugleich. In der Kindheit war das ja ganz geil, da konnte ich mich austoben und in der Natur sein, ohne Gefahren wie in der Großstadt. Als ich dann älter wurde, wurde es für mich auch zum toten Hinterland. Das habe ich dann auch verflucht. Heute sehe ich das wieder anders – aber die EP fängt mein Leben als Jugendlicher ein, als ich so zwischen 14 und 17 war. Das ist mehr eine Erzählung und schon abgeschlossen.

Tanja: Wenn ich mir „Nachtschicht“ anhöre, erinnert mich das ein wenig an Marteria. Wenn ich mir „38666“ anhöre, denke ich manchmal an Maeckes. Wer sind deine Einflüsse?

Siggi The Kid: Puh, das ist eine sehr schwierige Frage. Klar, die beiden höre und feiere ich auch. Aber ich versuche immer, mich nicht musikalisch zu sehr festzulegen. Ein großes Vorbild ist für mich Turbostaat, auch wenn ich musikalisch gar nicht so klinge. Das ist dann wieder diese Punk-Ecke. Ich liebe auch Bands wie Isolation Berlin und Element of Crime. Auch aus dem Hip Hop gäbe es etliche Beispiele. Aber mir ist wichtig: Ich versuche nicht zu klingen, wie.

Tanja: Wie geht es musikalisch bei dir weiter?

Siggi The Kid: Es wird auf jeden Fall etwas passieren. Ich will mit mit dem Projekt „Siggi The Kid“ weiter kommen als nur regionale Konzerte. Wir waren schon im Studio im Haus Irmgard bei Ramshausen bei Hamburg. Genaueres kann ich aber noch nicht verraten.

 

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Tanja: Kehrst du dem Söllinger Tonstudio von Philipp Preiß also den Rücken?

Siggi The Kid: Das würde ich so nicht sagen. Die Aufnahme in Söllingen war schon ein guter Vibe. Philipp Preiß und Constantin Kopp haben die EP mit mir produziert. Wir haben sie an einem heißen Augustwochenende in Söllingen konzeptioniert und aufgenommen. Doch es ist psychisch etwas anderes, wenn man die Tasche packt und reist, auch wenn es nur zwei Stunden sind. Ich habe die Jungs mit ins Haus Irmgard genommen, und es ist ganz interessant, was das mit der Kreativität macht. Bei einem kreativen Tief ist die Versuchung nicht so groß, einfach abzubrechen.

Tanja: Du bist immer noch in Beierstedt zuhause. Willst du für den Durchbruch nicht lieber nach Hamburg oder Berlin gehen?

Siggi The Kid: Nein, das nicht. Ich liebe Hamburg und Berlin, aber ich finde es gut, dann auch wieder das zu haben, was ich auf der EP „38666“ verteufele: Dass hier nichts los ist. Es hat seinen Reiz, das weiß ich zu schätzen. In Zeiten von Internet ist das auch nicht mehr nötig, nach Berlin zu gehen, um coole Kunst zu machen. Kraftklub hat es ironisch auf den Punkt gebracht mit dem Lied „Ich will nicht nach Berlin“. Man kann auch coole Musik machen, wenn man aus der Provinz kommt. Und sollte ich das alles mal im Hauptberuf machen, kann ich immer noch temporär nach Hamburg oder Berlin.

Tanja: Also willst du mit der Musik dein Geld verdienen?

Siggi The Kid: Ich glaube, jeder der Musik macht, will davon leben können. Und ich glaube auch, dass unsere Konstellation – Philipp, Constantin und ich – auch mittlerweile einen realistischen qualitativen Rahmen haben. Sollte sich die Chance ergeben, dass ich damit ernsthaft Geld verdienen kann, würde ich es machen. Sonst trete ich mir später in den Arsch und ärgere mich.

Tanja: Haben sich Major Labels bei dir schon gemeldet?

Siggi The Kid: Ich bin ja bei Riptide Recordings in Braunschweig. Da steckt Christian Rank hinter. Das Label gehört zum Riptide Café, das mittlerweile im Braunschweiger Magniviertel ist.

Tanja: Aber die ganz großen Plattenfirmen?

Siggi The Kid: Nee, das noch nicht. Aber es gibt eben viele spannende Sachen, die anstehen, über die ich leider noch nicht viel sagen kann. Aber bei Riptide Recordings sind ja beispielsweise schon Frittenbude unter Vertrag gewesen, mittlerweile sind sie bei Audiolith in Hamburg und haben eine krasse Karriere hingelegt. Da fühle ich mich natürlich auch geehrt, dass ich bei Riptide bin.

Tanja: Mit Blick auf die Corona-Lockerungen: Was steht bei dir in diesem Jahr an? Gibst du Konzerte?

Siggi The Kid: Jetzt geht das glücklicherweise langsam wieder, dass man Konzerte spielen kann. Das Für Hilde Festival in in Wohnste hat mich gebucht. Ansonsten gibt es viele Anfragen, auch regional, aber es ist noch nichts bestätigt.

Tanja: Wann kommt neue Musik?

Siggi The Kid: Releasetechnisch lasse ich mir alle Zeit der Welt, ich will mich da von der Schnelllebigkeit der Algorithmen in den Streamingdiensten und sozialen Medien nicht unter Druck setzen lassen. Es muss am Ende stimmig und cool sein.

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