9. April 2021
Mode

„Wir sind Braunschweigs nachhaltigstes Modelabel“

Tobias Bosse und Felix Przybilla, Gründer der neuen Bekleidungsmarke Lokalarroganz, im großen Interview.

Ganz entspannt: Felix Przybilla und Tobias Bosse sind Braunschweiger Jung mit Leidenschaft und Herzblut für nachhaltige Mode. Foto: Lokalarroganz

Braunschweig ist um ein Modelabel reicher: Lokalarroganz lautet der einprägsame Name der neuen Bekleidungsmarke. Die  legen sehr großen Wert auf Nachhaltigkeit und Qualität. Zum einen, weil es ihrer persönlichen Überzeugung entspricht und zum anderen, weil sie genau in diesem Bereich eine Marktlücke erkannt haben wollen. Im Interview mit Szene38 sprechen die Modeschöpfer über die Idee hinter Lokalarroganz, was die Marke so besonders macht und wo sie in Zukunft mit dem Label hin wollen.

Hallo Tobias und Felix, wie seid ihr auf die Idee gekommen, das Modelabel Lokalarroganz zu gründen?

Tobias: Wir sind beide modeinterressiert. Felix ist sogar seit Jahren beruflich in diesem Umfeld tätig und kennt sich in der Branche hervorragend aus. Jetzt bin ich selbst gebürtiger Braunschweiger. Und mir ist schon seit langem sauer aufgestoßen, dass das Angebot für Braunschweiger Jungs & Mädels, die ihre wunderschöne Heimatstadt representen wollen, sehr überschaubar ist. In den meisten Fällen sind diese Artikel vollgestopft mit großen Prints oder sitzen wie ein Kartoffelsack. Zudem wurde dabei auch selten Wert auf eine nachhaltige Produktion oder hohe Qualität gelegt. Das wollte ich ändern und bin mit dem Gedanken auf Felix zugegangen. Er betreibt eine eigene Agentur, arbeitet seit Jahren erfolgreich mit verschiedensten Anbietern rund um den Globus zusammen und vertreibt Textilien sowie Werbeartikel in diesem Bereich, daher war er der ideale Partner. So können wir sein Know-How sowie Lieferantennetzwerk nutzen. Gemeinsam haben wir dann die Idee hinter Lokalarroganz entwickelt.

Und die lautet wie?

Tobias: Braunschweiger lieben ihre Heimatstadt. Für uns gibt es keine schönere Stadt, wir sind stolz auf die reiche Geschichte und machen keinen Hehl aus dieser starken Zuneigung. Vor allem nicht gegenüber den Nachbarn aus der Autostadt und Peine-West. Es ist wohl nicht übertrieben, von einer Arroganz gegenüber Menschen zu sprechen, die weniger Glück hatten und nicht in Braunschweig geboren sind oder hier leben. Das ist Lokalarroganz; ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit deiner Heimatstadt.

Felix: Genau aber wir wollen nicht nur, dass Braunschweiger*innen diesem Gefühl Ausdruck verleihen können, sondern auch ein gesellschaftliches Statement damit setzen. Denn wir verwenden feinste Bio-Baumwolle, die nach strengsten Kriterien ausgewählt wird, fair-gehandelt und GOTS-zertifiziert ist sowie vollständig recycltes Polyester. Sogar die Tierrechtsorganisation PETA hat unserer Ware ihren Stempel verliehen. Hier hört die Nachhaltigkeit und der verantwortungsvolle Umgang mit der Umwelt aber nicht auf. Wir produzieren unsere Ware ausschließlich auf Bestellung und lassen diese in Deutschland veredeln. Das heißt, dass nur auf eine Bestellung hin die Ressourcen verbraucht werden, die auch tatsächlich für die Produktion benötigt werden. Selbst bei der Verpackung achten wir darauf, dass kein Plastik verwendet wird, wenn das möglich ist. Das gelingt uns auch nahezu immer.

Das klingt ziemlich ambitioniert und auch nicht ganz günstig. Mit welchen Preisen müssen eure Kunden denn rechnen?

Tobias: Das stimmt, Nachhaltigkeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt haben immer ihren Preis. Allerdings war diese Philosophie alternativlos für uns. Die Modebranche ist durchzogen von Ausbeutung, miserablen Arbeitsbedingungen und umweltschädigender Produktion. Das gesellschaftliche Bewusstsein für diese untragbaren Verhältnisse wird glücklicher Weise aber auch immer größer. Deshalb sind wir überzeugt davon, dass es genügend Braunschweiger Jungs & Mädels gibt, die unsere Überzeugung teilen und dafür gerne ein paar Euro mehr ausgeben. Zumal unsere Ware aufgrund der hohen Qualität und der zeitlosen Designs deutlich länger tragbar ist als die niedrigpreisige Fast-Fashion. Mit Preisen ab 50€ für einen Pullover verlangen wir aber auch keine Mondpreise.

Kannst du diese Schilderungen über die Modebranche bestätigen, Felix? Schließlich arbeitest du seit Jahren in diesem Bereich?

Felix: Absolut. In den verschiedenen beruflichen Stationen wurde das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger für mich. Durch unzählige Reisen zu verschiedenen Produktionsstätten von Bangladesch über Indien bis China und Thailand, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass  Produktionen in Europa nicht zwangsläufig nachhaltig sind.  Auch hier gibt es etliche schwarze Schafe wie die Pratoregion in Italien. Eine generelle Verteufelung von asiatischen Ländern halte ich daher für grundlegend falsch. Natürlich ist es immer ein zweischneidiges Schwert. Die Menschen sind abhängig von der Wirtschaftsleistung, dürfen aber auch nicht nur für einen Hungerlohn zehn Stunden am Tag an sechs Tagen in der Woche arbeiten. Hier sind Zertifizierungen, die nach strengen Auflagen und Kontrollen wie von GOTS der Schlüsselfaktor. Diese helfen dem Kunden schnell zu erkennen, ob ein Teil nachhaltig produziert wurde und faire Arbeitsbedingungen herrschen. So wie bei uns.

Wie habt Ihr beiden euch denn überhaupt kennengelernt?

Tobias: Ich komme wie gesagt aus Braunschweig. Felix ist vor einigen Jahren beruflich bedingt in die Löwenstadt gezogen und hat sich direkt in die Stadt sowie die Menschen verliebt. Wir haben uns über gemeinsame Freunde kennengelernt und konnten uns erst nicht wirklich leiden, aber das hat sich dann mit der Zeit geändert – zumindest ein bisschen. (Lacht)

Felix: Das kann ich so unterschreiben. (Lacht auch)

Und gemeinsam wollt Ihr jetzt den Braunschweiger Modemarkt übernehmen?

Felix: Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Wir wollen im ersten Schritt lediglich das Angebot erweitern. Aber wir sind beide sehr ehrgeizig und stecken uns große Ziele. Wir wissen auch, dass wir nicht perfekt sind, wollen es aber werden und daran arbeiten wir jeden Tag hart. Sagen wir es so: Wir sind Braunschweigs nachhaltigstes Modelabel und wollen bei den großen mitspielen oder sie zumindest ein bisschen ärgern. Wenn wir bei Wettbewerben ein Umdenken – hin zu nachhaltiger Produktion – anstoßen könnten, würden wir das auch als Teilerfolg werten.

Habt ihr denn ausschließlich Pullover für Erwachsene im Angebot?

Tobias: Nein. Wir bieten Shirts, Pullover, Jacken, Caps und viele weitere Artikel in unserem Online-Shop an. Das Sortiment wird stetig erweitert. Dabei sind wir auch immer offen für Vorschläge. Wir wissen, dass die Braunschweiger*innen kreativ sind und wissen, was sie wollen. Kürzlich haben wir zudem unsere Kids Kollektion gelaunched. Damit die kleinen Braunschweiger Jungs & Mädels den großen in nichts nachstehen müssen.

Dementsprechend betreibt ihr ausschließlich Online-Handel oder ist auch ein physisches Einzelhandelsgeschäft geplant?

Felix: Tatsächlich gibt es aktuell keine Planungen, über den Webshop hinaus einen Laden zu eröffnen. Das hat viele Gründe, aber die Pandemie hat uns in diesem Vorhaben erstmal bestätigt. Was allerdings absolut denkbar ist, sind Pop-Up-Stores. Also zeitlich begrenzte Ladenflächen, auf denen wir unsere lokalarrogante Mode in der City anbieten. Wir sind aber auf jeden Fall offen für Angebote, sollte es interessierte Unternehmen in Braunschweig geben, die sich eine Partnerschaft mit uns vorstellen können. Wir wollen definitiv nichts ausschließen.

Und wie läuft das E-Commerce-Geschäft an in den ersten Wochen?

Tobias: Wir sind auf jeden Fall sehr zufrieden mit der Resonanz und haben in den ersten drei Wochen bereits mehr als 250 Artikel verkauft. Vor allem auf die positive und fast schon euphorische Rückmeldung unserer Kunden sind wir sehr stolz. Denn darum geht es am Ende – Kundenzufriedenheit. Der Erfolg kommt dann von ganz allein. Braunschweig ist ein Dorf, da sprechen sich gute Sachen schnell rum.

Wenn ihr sagt, dass ihr große Ziele habt, was genau meint ihr damit?

Felix: Klar, wir lieben Braunschweig. Aber diese Liebe teilt nun mal bei weitem nicht jeder. Wir gönnen jedem Menschen seine Heimatliebe und den Drang, dieser tiefen Verbundenheit Ausdruck über seine Klamotten zu verleihen. Deshalb wollen wir anderen Städten, die wie Braunschweig einen Modemangel haben, Lokalarroganz zugänglich machen.

Tobias: Die zuvor erwähnte Autostadt und Peine-West wird dieses Angebot allerdings nie zu Teil werden. Irgendwo hört auch unser Verständnis für Heimatliebe auf (Lacht).

 

 

 

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