Bücher anbauen und ernten – Szene38
2. Dezember 2019
Lesung

Bücher anbauen und ernten

Interview mit „Buchbauer“ Torsten Kandziora zu seinem literarischen und musikalischen Erntefest im Kufa Haus Braunschweig

Drei Buchbauer auf der Bühne: Till Burgwächter, Alex Schlagowski und Torsten „Toddn“ Kandziora. Foto: Buchbauer

Im Braunschweiger Land besteht eine facettenreiche Literaturszene mit vielen wortgewandten Charakterköpfen. Einige davon versammelt der umtriebige Buchbauer Verlag aus Evessen. Dahinter steckt der ehemalige Konzertveranstalter Torsten „Toddn“ Kandziora. Szene38 unterhielt sich mit ihm über seinen Verlag, empfehlenswerte Bücher und das Erntefest.

Torsten, wer ist der Buchbauer und was hat dieser bislang alles ausgesät?

Als ersten Buchbauer, der die kulturelle Scholle beackerte darf ich mich rühmen. Ich wohne nun mehr als zehn Jahre in einem kleinen Dorf zwischen Elm und Asse und fand diese Bezeichnung recht treffend als ich begann einen ersten, kleinen Kurzgeschichtenband für eine Lesung im Jugendzentrum B58 in einer kleinen Auflage selbst zu kopieren, zu schneiden, zu kleben und zusammen zu tackern. Halt mein erstes Buch selbst zu „bauen“ . So kam ich zu dem Namen „Buchbauer“. Heute werden unsere literarischen Erzeugnisse in Druck gegeben und ich muss das kulturelle Feld in der Region Braunschweig-Wolfenbüttel-Wolfsburg nicht mehr allein beackern, sondern habe tatkräftige Hilfe von mehreren Buchbauerinnen. Zu allererst von Alex Schlagowski, welche inzwischen auch „Schlüsselgewalt“ vom Kulturhof Buchbauer hat.

Satirisch, kritisch, kämpferisch: Torsten „Toddn“ Kandziora verlegt regionale Autoren, schreibt und liest aber auch selbst. Foto: Buchbauer

Was präsentiert der Buchbauer beim Erntefest am Samstag 7. Dezember 2020?

Viele, viele Buchbauerinnen, die gemeinsam auf der großen, schönen neuen Bühne vom neuen Haus in der Braunschweiger Weststadt aus ihren Werken vortragen und wirken. Es sind so viele, dass ich inzwischen selbst den Überblick fast verloren habe. Gottseidank gibt es für den Ablauf am Abend die gute Alex die sie auf und von der Bühne scheuchen wird. Es werden mehr als zwölf Autorinnen an der Zahl sein, die ab 18:30 Uhr im Fünfzehn- Minuten-Takt auf der Bühne lesen und musizieren werden. Das gab es, in dieser Form wohl in Braunschweig bisher noch nicht.

Nach welchen Kriterien wurden die teilnehmenden Autoren ausgewählt?

Nach der Höhe der Bestechungsgelder für die Möglichkeit an diesem Abend mit dabei sein zu dürfen. Nein. Natürlich nicht. Braunschweig hat eine wirklich vielfältige, schreibende, kulturschaffende Szene. Ich dachte, es wäre eine feine Sache, einen Teil dieser, an einem Abend gemeinsam über eine Bühne zu scheuchen, lesen zu lassen. Alex und ich haben auf Lesungen in diesem Jahr den ein oder die andere angefragt, auch mal angerufen und angeschrieben und erstaunlicherweise haben tatsächlich viele zugesagt an diesem Abend mit dabei zu sein.

Was macht diese Autoren so besonders?

Sie sind lieb und können super-sexy vorlesen. Sie sind schön, reich und erfolgreich, wählen die richtigen Parteien und sind für Weltfrieden und Klimaschutz.

Wie beurteilst du das neue Kulturzentrum Westand?

Erst einmal ist es doch wirklich erstaunlich, dass die Stadt Braunschweig es in so kurzer Zeit, nach der erfolgreichen und doch eher unsinnigen Schließung des FBZ geschafft hat ein neues Kulturzentrum entstehen zu lassen. Mal ehrlich, nicht mal siebzehn Jahre hat es gedauert und schwupps, da stand es schon. Wahnsinn oder? Na ja. In diesen siebzehn Jahren ist eine neue Generation Erdenbürger*innen auf die Welt gekommen und die Auflagen für Neubauten sind derartig, äh… ich sag mal, „sicher“ geworden, dass das neue Kulturzentrum doch recht Farblos ist. Denn Farbe könnte sich ja „entflammen“. Und das geht 2019 nun mal gar nicht. Wie auch immer. Das neue soziokulturelle Zentrum besteht ja aus dem KufA-Haus mit einem Saal für 300 Besucher und dem Westand mit einem Saal bis zu 800 Besucher. Ich hatte bisher nur mit dem KufA Haus zusammen gearbeitet und das beurteile ich mit einem gut mit Sternchen.

Welche Bücher hast du zuletzt gelesen?

Oh je. Zuviel deprimierende Bücher über den Zustand der Erdbevölkerung und unserer Welt, die wir von Tag zu Tag mehr zu ihrem Nachteil verändern. Wer auf schlaflose Nächte, Bluthochdruck und trübe Gedanken steht, dem empfehle ich Bücher von Naomi Klein, Noam Chomsky, Jean Ziegler oder Joachim Maaz. Für Menschen die gerne mehrmals im Jahr in den Urlaub fliegen, Kreuzfahrten lieben, ihre Kinder mit dem SUV zur Schule fahren und zugreifen, wenn es im Supermarkt das Kilo Schweinefleisch für unter fünf Euro gibt, für die empfehle ich die GEZ finanzierten Unterhaltungssender der öffentlich-rechtlichen und bloß kein Buch der von mir genannten Schriftstellerinnen in die Hand zu nehmen. Das könnte lieb gewonnene Lebensgewohnheiten ändern und schlimmstenfalls vielleicht sogar das verantwortliche „System“ in Gefahr bringen.

Frank Schäfer ist einer der besten, fleißigsten und erfolgreichsten regionalen Autoren. Am 7. Dezember moderiert er das Buchbauer Erntefest im Kufa Haus in Braunschweig. Foto: Verlag Andreas Reiffer

Welche kannst du empfehlen?

Aus „regionalen Anbau“ empfehle ich den „Zonenrandwaver“ von u.em.dee, „Die Stadt ist eine Erbse“ von Matthias Bosenick, oder „Frühstücksgespräche mit Teddy“ von Elwood P. Harvey. Alles drei Buchbauer-Gewächse und den Kracher; „Hühnergötter“ von Frank Schäfer. Für mich „Das“ Buch der letzten Jahre eines Braunschweiger Schriftstellers. Und die Autoren dieser Bücher lesen auf dem Buchbauer Erntefest. Yeah.

Warum sollte man lieber ein gutes (regionales) Buch lesen, anstatt ein Serie auf Netflix zu gucken?

Weil Netflix derzeit schon recht abflaut, jedoch regionale Autorinnen absolut im kommen sind. Sich die kognitiven Fähigkeiten durch den Kontakt, nicht nur mit regionalen Büchern, dem tasten und fühlen von organischen Papier deutlich verbessern und Alterskrankheiten wie z.B.  Demenz durch Lesen ab- bzw. aufgehalten werden können. Übrigens. Früher und zu intensiver Umgang mit neuen, technischen Kommunikationsgeräten gefährdet die menschliche Entwicklung von Kindern. Das ist belegt. Also liebe Eltern. Schenkt euren kleinen lieber ein buntes Buch zu Weihnachten. Das ist auch günstiger. In Braunschweig gibt es zudem sehr gute Kinderbuchautorinnen und Bucherzeugnisse für die kleinen Garanten unserer noch möglichen Zukunft.

Was wünscht du dir in diesem Jahr zu Weihnachten?

Eine zweite Erde wäre ganz schön. Eine, auf der es von Beginn an keine Apfelbäume gäbe.

Was hast du dir mit der Buchbauer Mediengruppe für 2020 vorgenommen?

Neue Bücher anbauen und ernten. Wenn möglich. Noch die ein- oder andere Leseveranstaltung auf die Beine stellen. Den Weltfrieden retten. Mal schauen wie das Wetter so wird.

 

 

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