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Lena Wendt: „Mich reizte schon immer das höher, schneller, weiter…“

Die Abenteuerin und Filmemacherin aus Osterode, im Interview zu ihrer Westafrika-Doku „Reiss aus“

Lena Wendt und Ulrich Stirnat fuhren knapp zwei Jahre lang mit einem alten Land Rover Terés 46.000 Kilometer durch Westafrika. Das ist mehr als einmal um die Welt. Fotos: Wendt/Stirnat

Ein halbes Jahr Auszeit führte die Osteroderin Lena Wendt und ihren Freund Ulrich Stirnat von Hamburg nach Südafrika. Doch dort kamen die beiden nie an. Stattdessen rollten sie in ihrem alten Land Rover Terés und einem 40 Jahre alten Dachzelt knapp zwei Jahre durch Westafrika. Auf 46.000 Kilometern, mehr als einmal um die Welt, erlebten die zwei täglich neue Abenteuer – manche waren nur schwer zu verdauen. Ihr Film „Reiss aus“ erzählt von begeisternden Menschen und prägenden Begegnungen. Von beeindruckenden Landschaften, Schwierigkeiten und Enttäuschungen. Ein Film, der neue Perspektiven auf Länder, Sitten und Einwohner wirft. Ihren Besuch in Braunschweig kündigten wir bereits an, nun sprachen wir mit Lena Wendt.

Lena Wendt hat im fernen Westafrika auch sich selbst gefunden. Persönliche Entwicklung ist für Sie ein Prozess der niemals aufhört. Foto: Wendt / Stirnat.

Frau Wendt, Reisedokumentation liegen im Trend. Warum sollte man sich Ihre ansehen?

Weil es keine typische Reisedoku ist. Es ist mehr als das. Es ist ein Film zweier die die gleiche Reise nicht unterschiedlicher hätten erleben können. In einem Teil der Welt, der sonst eher durch Schlagzeilen bei uns in den Medien mal auftaucht. Unser Film ist unglaublich ehrlich, echt und ungeschönt. Er ist voller Ecken und Kanten und mit jedem der ihn sieht stellt er etwas an.

Reiss aus“ lautet der Filmtitel. Vor was wollten Sie fliehen?

Ich bin mein Leben lang vor mir selbst geflohen. Habe das Glück immer im Außen gesucht. Dieses Mal wollte ich „ausreißen“ um mir selbst zu begegnen.

Wie strapaziös war die Reise?

Reisen, wenn das unterwegs sein dein zu Hause, dein Alltag wird, ist sehr anstrengend. Eben weil ich nie weiß was passiert, was der Tag so bringt. Weil ich mich immer wieder neu auf alles einstellen muss. Menschen, Kultur, Klima, ich suche an neuen Orten nach Essen, Wegen, einem Schlafplatz, Wasser …. Mir passieren Dinge mit denen ich nie im Leben gerechnet habe. Und mich immer wieder neu darauf einlassen und wenn es mal schwierig wird loslassen, ist ein unglaubliches Abenteuer, was mich viel Energie kostet und regelmäßig Zeit braucht verarbeitet zu werden. Und genau dafür mache ich es umgekehrt auch wieder. Weil ich genau das möchte. Über mich hinauswachsen. Meine Grenzen sind nur in meinem Kopf, das weiß ich allerdings erst, wenn ich mal wieder eine gedachte überwunden habe und die Erfahrung mache, dass immer alles gut wird.

Wie stark wurde das technische Equipment beansprucht?

Terés unser Auto hat würde ich sagen jedoch am meisten gelitten. Gefolgt von meinem Kameraequipment, das ebenso wie sie erst Hochwasser, dann Wüstensand, dann Tropen ausgesetzt war und am Ende einfach nur noch weggeschimmelt ist.

Was waren die schönsten und was die schlimmsten Erlebnisse auf Ihrem Trip?

Die vielen tollen Begegnungen mit den Menschen, das Teilen, das Berühren, uns gegenseitig Zeit schenken, tanzen, lachen, die unfassbar schönen Landschaften, das Freiheitsgefühl,… das war das Schönste. Das Schlimmste war wie wir häufig miteinander umgegangen sind. Das sich gegenseitig aushalten auf 2m2 24/7 und nicht weglaufen zu können. Uns den Spiegel permanent vorzuhalten. Das ist ja nicht immer schön, was ich darin sehe. Und doch war genau das so wichtig um zu wachsen.

Welche Schwierigkeiten und Enttäuschungen mussten Sie verkraften?

Wir dachten, wenn wir wegfahren, dann wird alles gut. Und haben dann schmerzlich festgestellt, wir nehmen uns selbst immer mit. Ich habe gedacht Ulli verliebt sich genauso in diesen Teil der Welt wie ich. Stattdessen war er völlig überfordert, oft chronisch schlecht drauf und seine Depression kam immer wieder durch. Das hat mir teilweise echt Angst gemacht ihn nicht halten zu können. Er hat gedacht er fährt mit seiner Freundin in ein romantisches Abenteuer zu zweit und ich habe mich immer mehr von ihm distanziert und mein eigenes Ding gemacht. Wir haben das was wir mit allen anderen so hochgehalten haben, Augenhöhe, miteinander irgendwann komplett verloren und das nicht einmal bemerkt.

Wie haben Sie Afrika, den zweitgrößten Kontinent der Erde, erlebt?

Ich habe den Osten und Süden mit dem Rucksack immer wieder bereist und in Südafrika sowie Marokko mal eine Weile gelebt. Den Westen haben wir mit dem Auto durchquert. Das ist schon eine Menge Zeit die ich auf diesem Teil der Welt verbracht habe und es sind viele verschiedenen Eindrücke die ich mitgenommen habe. Und dennoch würde ich mir niemals anmaßen das irgendwie zusammen zu fassen. Ich glaube ich könnte 70 Jahre irgendwo in Afrika leben und würde das Leben in dem jeweiligen Land doch nicht verstehen. Denn es lässt sich mit rationalen Denken nicht begreifen. Es passt in keine Schublade.
Ich kann lediglich für mich sagen, dass egal in welche der vielen Länder Afrikas ich komme, dort eine Energie ist die mir das Gefühl gibt nach Hause zu kommen. Ich fühle mich sofort viel freier, viel geerdeter, lebendiger, mein Herz geht auf. Aber das ist eben mein persönliches Erleben.

Was können wir Deutschen von den Afrikanern lernen?

Jeder von jedem Menschen etwas Anderes. Für mich: Einander wieder zu berühren, wieder mehr im Gefühl zu sein, in dem was gerade ist. Mich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen und von Herzen zu Teilen, egal wie wenig ich habe.

Wie verliefen die Begegnungen mit den Menschen?

Jede anders.

Man sagt Reisen bildet. Was waren die wichtigsten Dinge, die Sie auf Ihrer Reise gelernt haben?

Es wird immer alles gut

Inwieweit haben Sie sich dadurch persönlich verändert?

Jedes über den Tellerrand gucken und aus der eigenen Komfortzone treten verändert unweigerlich. Es war für mich jedoch auch wichtig wieder nach Hause zu kommen, die Veränderung erstmal bewusst im wieder zu Recht finden in Deutschland wahrzunehmen. Und festzustellen, ich bin wieder viel mehr ich. Persönliche Entwicklung ist für mich jedoch ein Prozess der nie aufhört und an dem ich Spaß habe, deswegen versuche ich jeden Tag bewusst die beste Version von mir selbst zu sein.

Faszinierende Landschaften, prägenden Begegnungen mit Menschen, aber auch viele Schwierigkeiten und Enttäuschungen kennzeichnen die strapaziöse Reise von Lena Wendt. Foto: Wendt / Stirnat.

Ihr Tipp für Reisende, die etwas Besonderes erfahren möchten?

Reise nach Innen. Dir selber begegnen ist das spannendste Abenteuer, das das Leben bietet.

Was ist die Botschaft Ihres Films?

Jeder von uns hat einen Traum, was auch immer das ist, Lauf los. Alle Menschen weltweit haben die gleichen Bedürfnisse und am Ende geht es nur darum geliebt zu werden.

Was sind Ihre nächsten Reisepläne?

Wir machen keine Pläne mehr. Ich komme gerade aus Marokko, davor war ich in der Elfenbeinküste. Aktuell sind wir mit dem Film unterwegs durch Deutschland. Reisen wieder in einem Land Rover, hocken wieder 247/ aufeinander. Ja und sobald mal irgendwie eine Lücke ist geht’s für mich halt wieder nach Westafrika.

Sie stammen aus Osterode am Harz – auch hier kann man Urlaub machen und Abenteuer erleben. Wann und warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?

Mich reizte schon immer das höher, schneller, weiter… Ich bin gerne draußen, barfuß in der Natur, habe als Kind schon immer die meiste Zeit im Wald verbracht, mein Papa ist Förster. Im Winter ist es mir einfach zu kalt und zu dunkel im Harz. Ich liebe die Sonne… Meine Mama hatte als Kind immer den Traum irgendwann nach Afrika zu Reisen, sicher habe ich diesen Traum ein Stück weit gemeinsam mit ihrem Stoffschimpansen geerbt.
Ich bin mit 14 Jahren irgendwann sehr krank geworden, habe mich selbst komplett verloren und bin auf der Suche nach mir nie wieder zurück in die Heimat gegangen. Dafür eben in die Welt und vor allem nach Afrika. Meine Mama sagt immer „irgendwann ist es Zeit irgendwo anzukommen.“ Das ist jedoch ihre Wahrheit. Für mich fühlt es sich anders an. Es hat schon immer Menschen gegeben die es gereizt hat weiter zu ziehen, sonst wären wir heute nicht hier, sondern alle in Afrika. Ankommen heißt für mich zu mir finden. Und das Schöne ist, ich hab mich selbst ja immer dabei.

Was lieben Sie am Harz und was weniger?

Ich liebe: den Wald, die Geräusche im Wald, die frische Luft, das Wasser, die Farben, die Berge. Weniger: es gibt kein Meer, Wellen und African Vibes.

Die Reisedoku „Reiss aus“ läuft am Sonntag, 10. März, um 12 Uhr in Anwesenheit von Lena Wendt und Ulrich Stirnat im C1 Cinema.

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